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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Einführung Anthologie, Berlin 18. Juni 2009

von Gabrielle Alioth

Es steigen Worte
in mir auf
und runden sich
aus halbgereimten Versen
zu kantigen und werden
halbbewusst zu dichten —
schiefen Gedichten.

So Manfred Winkler, der heute Abend nicht bei uns sein kann, denn — so schreibt unser 87jähriges Ehremitglied — ”der hebräische Schriftstellerverband feiert mich im Festsaal zu Jerusalem als hebräischen Dichter”. Und damit wird ganz anschaulich illustriert, was unser Zentrum von anderen Vereinigungen und Vereinen von Schreibenden unterscheidet und was auch das Besondere dieser Anthologie ausmacht.

Seit 75 Jahren sind unsere Mitglieder über die ganze Welt zerstreut, jeder in seine eigene Welt eingebunden, jede mit einer eigene Flucht–, Vertreibungs– oder Auswanderungsgeschichte, im realen oder übertragenen Sinn, Geschichten, die unser Leben und Schreiben prägen. Was uns geographisch, historisch und literarisch trennt, ist aus diesem Band leicht ersichtlich, und unser wohl etwas durchsichtiger herausgeberischer Versuch das, was es nach 75 Jahren Nachzutragen gibt, in Abzutragendes, Ertragenes, Mitgetragenes, Beigetragenes, Ein–, Vor– und Zugetragenes zu ordnen, kann darüber nicht hinwegtäuschen.

Erlauben Sie mir deshalb hier auf das hinzuweisen, was uns trotz allem verbindet und diesen Band mit seinen 34 Beiträgen zu einem Dokument unserer Verbundenheit miteinander und mit unserer Geschichte macht.

Wie schon der Name unseres Zentrums sagt, geht es zuerst einmal um Sprache, um Sprachheimat und Heimatsprache, so der Titel von Robert Schopflochers Betrachtungen. Sie verbindet uns über jede Grenzen hinweg, bindet uns zusammen, als — so Schopflocher — „untrennbarer Bestandteil unserer Persönlichkeitsstruktur, verankert in deren tiefsten Seelenschichten”.

In dieser Sprache, der deutschen eben, schreiben wir auch, trotz unserer nicht immer deutschen oder allzu deutschen Lebenswege. Wir graben mit Buchstaben und Worten, so Irina Brenner, schreiben — wie Dieter Schlesak meint. „Dass wir immer noch da sind!?” Texte, ”die zwischen Traum und Wirklichkeit oszillieren“, so Irène Bourquin.

Denn Exilautoren kommen, laut Uwe Friesel, von bestimmten Albträumen kaum los, und nicht immer sind es Träume vom Leben im Erdbeerparadies wie bei den beiden Schiffbrüchigen in Peter Paul Zahls Geschichte. „Träumen wir das Leben oder träumt das Leben uns?”, fragen wir uns mit Heinz J. Schiffer.

Wie der kleine Held in Peter Finkelgruens Geschichte, sehen wir die Welt wohl oft durch einen Schleier, der uns von andern trennt und manchmal auch schützt. Denn wir sind alle auch — und das lässt sich ebenfalls aus unserem Namen schließen — in einem „Ausland”, sind aus dem uns einst Gegebenen vertrieben, ihm entflohen oder entkommen. »Die Fahrt ins Exil” — erzwungen oder freiwillig — bleibt Carl Zuckmayers ›journey of no return‹. Wer sie antritt, mag wiederkehren, aber er kehrt niemals heim«, so zitiert von Thomas B. Schumann.

Nach 75 Jahren sind pauschale Verurteilungen ganzer Nationen, nach Egon Schwarz, nicht mehr tragbar, und die wenigsten unserer Mitglieder betrachten sich wohl noch als so entwurzelt und auf ewiger Wanderschaft, wie Hanns Alberti in Katharina Borns Bericht. Allein schon die Ablösung der Generationen verhindert, dass durch unser Schreiben „das Erlebnis von Holocaust und Exil pulsiert”, das Guy Stern in Arno Reinfranks Werken nachweist.

Aber wir lassen uns auch nicht täuschen, verweigern uns — recht erfolgreich, so denke ich — Christine Koschels „endlosen Barbaren–Festen”, wollen uns, wie Lutz Rathenows Bertram, unsere „Wahrnehmungen nicht immer von anderen vorschreiben lassen.”

Er sei erst er selbst
am neuen Ort geworden
heißt es
so sagen ja alle
die bleiben wollen
immer schon wohnten sie hier

Der Hohn ist in diesem Gedicht von Margot Scharpenberg nicht zu überlesen. Wir blieben — in Roland Erbs Worten — stets anders als jene, die uns umgeben, die hier zu Hause sind, und dies nicht nur weil wir unter den prüfenden Blicken eines fremden Gegenübers Coca–Cola anstatt Worcestersauce über den Schinkenkäsetoast gießen — nachzulesen in Salli Salmanns höchst unterhaltsamen „Ausländerproblem.”

Allein ”Es geht nicht nur um den Verlust, sondern auch um den Neugewinn”, schreibt der nun 100jährige Hans Keilson in seinem Grußwort, und die Distanzen, die wir gezwungen oder freiwillig in unseren Leben zurücklegen, schärfen auch unseren Blick, geben uns die Fähigkeit, „die Wölfe im Schafspelz” zu erkennen, wie in der Geschichte von Cornelius Schnauber, und jene, die sich mit Phantasie und Selbsttäuschung „hinterm Furnier, in der Gespaltenheit” eingerichtet haben, so Irmgard Elsner Hunt in ihrer Erzählung. Wir haben gelernt uns zu hüten „vor der Stunde der Kenner, nachts um halb zwei, wenn sie lallen sagen meinen und es Dir beweisen, alle Bücher gelesen, alles Entscheidende beschrieben oder eindrücklicher noch: Erlebt zu haben.” (Zitat Marko Martin Reise–Notate)

Auch der Blick zurück verändert sich durch die Entfernung.

Warum wiederholt sich die Geschichte? Weil wir schlechte Schüler sind und ihr Lektionen nicht lernen wollen, antwortet Tomi Ungerer, dem wir nicht nur dem Umschlag dieses Bandes verdanken, und in Udo Scheers Zeckenspielen, ist die Jugend, die sich für die Geschichten ihrer Väter nicht interessiert, heftig und gewaltsam daran sie zu wiederholen. Der Kampf um die Geschichte ist in der Tat „kein Interpretationsgefecht, sondern ein Ringen, bei dem es auch um die nächste Generation geht”, schreibt Freya Klier. Und das Anschreiben gegen das Vergessen und Nie–Dagewesen–sein, wie Inge von Weidenbaum in ihrer Biographie von Sidonie Nádherny verbindet uns. Auch das ist Teil unseres „Erbes”, das unser verehrter Präsident Günter Kunert in seinem Geleitwort umreisst. So steht Renate Ahrens Suche nach den Gräbern ihrer Vorfahren keineswegs zufällig sondern durchaus programmatisch am Anfang dieser Anthologie.

Das Wissen um die Geschichte und die Geschichten treiben uns zum Schreiben, sind Grund für Utz Rachowskis Poem des Zorn, und Rupprecht Mayers Bitte: „Lass die Augen geschlossen. Stahlseile wurden, meine Geliebte, kreuz und quer durch unsere Welt gespannt.” Geschichte und Geschichten — selbst wenn sie sich wie für Reinhold Grimm, der zu unserer Trauer während der Drucklegung dieses Bandes gestorben ist, als »Jolly good fight« entpuppen –verunmöglichen uns, den von Georges–Arthur Goldschmidt beklagten „Zugehörigkeitsanstecker am Revers” zu tragen, der uns „der Waghalsigkeit des Denkens” enthebt. Willentlich oder nicht sind wir gezwungen, an dem „Wort, das ehrlich gemeint” ist, festzuhalten, von diesem unseren Kurs bestimmen zu lassen”, und das bringt mich mit Heinrich Schneeweiß zu dieser Sammlung zurück.

Deutsche Literatur im Ausland — eine Behindertenliteratur?, fragt Gert Niers in seinem Beitrag, dem die Anthologie ihren Namen verdankt. „Ist die Tatsache, dass die deutsche Literatur im Ausland gegen eine nichtdeutsche Sprachumgebung anschreibt, Grund für eine mildere Beurteilung?” Die Autoren wie auch die Herausgeber dieses Bandes würden sich einer so begründeten Milde vehement verwehren. Dennoch ist dieses Buch wie jedes Buch nicht vollkommen, ja es ist — wenigstens was das Herausgerberische angeht — in vieler Hinsicht bei Nacht und Nebel entstanden, d.h. neben unserer „richtigen” Arbeit und allein schon deshalb nicht ohne Mängel. Unsere Ordnungsversuche mögen dazu führen, dass mancher Beiträger sich nun am falschen Ort fühlt, unsere Vereinheitlichungsbemühungen dazu, dass mancher zu wenig, zu viel oder das falsche in seiner Biographie liest. Für all das möchte ich mich hier in aller Namen und in aller Form entschuldigen, und zur Entschuldigung anführen, dass dieses Buch auch ein Kind der Liebe ist, aus der Liebe zur Sache entstanden, nicht für Gewinn und Nutzen, wenn wir natürlich auch hoffen, dass jeder, der es nun in die Hand nimmt, Gewinn und Nutzen daraus zieht — und sei es auch nur — wie die Bücher in Geertje Potash–Suhrs „Studium” — als Kopfstützen während sonniger Nachmittage an Flussufern.


© 2009 Gabrielle Alioth

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