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Berliner Betrachtungen

notiert von Nadine Englhart

Freitag, 14. November 2008

13:00 Uhr am Flughafen Berlin-Schönefeld. Es beginnt kühl und mit Nieselregen, mein drittes Mal in Berlin. Zielstrebig renne ich den langen Gang hinüber zum Bahnhof, studiere kurz den Netzplan und löse mir eine Fahrkarte, offenbar zu zielstrebig, so daß ich von anderen Reisenden darüber ausgefragt werde, wann und wohin die S-Bahnen fahren, woraufhin ich die Netzpläne der öffentlichen Verkehrsmittel erneut zu studieren gezwungen bin, und versuche, so gut es geht, Auskünfte zu erteilen.

Mein Zögern und mein genervter Gesichtsausdruck kratzen wohl an meinem Nimbus, denn schon bald läßt man mich in Ruhe. Meine Sicherheit verläßt mich endgültig, als ich am Zoologischen Garten stehe und beim besten Willen nicht weiß, wohin. Ich kaufe einen Stadtplan, verlaufe mich prompt und erst einige Zeit später sitze ich im Café des Literaturhauses, bestelle ein Bitter Lemon nach dem anderen und warte darauf, daß unter all den Fremden ein halbwegs vertrautes Gesicht auftaucht.

Das Café scheint recht beliebt zu sein, überall sitzen gutgekleidete Menschen, in laute Gespräche vertieft; ich bedecke verschämt meine Jeans, die ich mir am Morgen mit Schuhfarbe ruiniert habe, und halte mich an meinem Glas fest, als Peter Finkelgruen erschöpft in den mir gegenüberliegenden Stuhl fällt. Er lächelt, bestellt sich einen Kaffee und meint so nebenbei, daß wir gleich noch bei einem Kopierladen vorbeigehen sollten, er hätte dummerweise die Ausdrucke der Gedichte, welche er am folgenden Abend vorlesen soll, vergessen, außerdem sei sein Handyladekabel für's Auto kaputt.

Der Teil Berlins, in dem wir unterwegs sind, besteht augenscheinlich aus Sportgeschäften, Eros-Centern, Klamottenläden, Souvenirshops, Schuhgeschäften, Freßbuden, Fachgeschäften für Telekommunikation, tückischen Kaufhauslabyrinthen mit allerlei Lifestyle-Artikeln für die Jugend und dem KaDeWe, das uns hämisch entgegenblinkt, als wir nach eineinhalb Stunden bereits etwas fußlahm und zum zweiten Mal daran vorbeischleichen, wieder in Richtung Literaturhaus.

Schon kurz nach unserer Wiederkunft beginnt jener fliegende Wechsel, welchen man den Rauchern neuerdings auferlegt hat. Raus vor die Tür und wieder rein, dazwischen wird etwas gefroren. Said, den wir ausdrücklich dabei stören, sich angemessen auf seinen Leseabend mit Asher Reich vorzubereiten, bedient sich aus meiner Schachtel und wir stehen in kleinen Grüppchen, mal zu zweit, mal zu dritt vor der Tür, unterhalten uns und sehen unseren Raucherbeinen beim Wachsen zu.

Said ist ein Emilant, eine wütende Promenadenmischung aus Emigrant (er will nicht zurück) und Exilant (er würde vermutlich gerade mal bis zum Flughafen kommen und zornig auf den Ticketschalter hauen), gut dreitausend Kilometer und viele Jahrzehnte seines Lebens von seinem Heimatland Iran entfernt, in dem ein entfesselter religiöser Mob Hass und Drohungen gen Westen speit, insbesondere gegen den Lieblingsfeind Israel.

Said ist entschlossen, diesem Hass wenigstens hierzulande etwas entgegenzusetzen, indem er mit Asher Reich, einem Dichter, der in Tel Aviv lebt, zusammen Gedichte vorträgt. Auf dem Beirut-Festival im Berlin des vergangenen Sommers wollte man derlei Versöhnungsgesten nicht haben, die libanesische Botschaft schaltete sich ein und verhinderte die Lesung.

Asher Reich ist als junger Mann aus Mea Sharim abgehauen, wo die Männer in Erwartung des Meschiach, welcher der Welt den Frieden bringen soll, alles mit Steinen bewerfen, was ihre religiösen Vorstellungen stört. Er ist ein Poet geworden, jemand, der so manchen Irrsinn in kurzen, präzisen Worten aufzuspießen versteht, ebenso wie Said, aber auch Schönheit einzufangen vermag. Ihre Worte umarmen einander.

Nach der Lesung drängen wir uns auf den Treppenabsatz und rauchen, dann geht es zu Tisch. Das letzte Häuflein sitzt noch gegen ein Uhr dort, bis es zur Tür hinausgekehrt wird.


Samstag, 15. November 2008

Nach dem Weckruf und einem netten Frühstück in dem Restchen, welches vom altehrwürdigen Café Kranzler übriggeblieben ist, begeben Peter Finkelgruen und ich uns zum Literaturhaus, wo sich nach und nach Freya Klier, Hans-Christian Oeser und Gabrielle Alioth einfinden. Es wird noch eine Leseprobe im Vorraum des Literaturhauses abgehalten, dann beginnt die Vorstandssitzung. Ich versuche gelegentlich, Mitglieder zu erreichen, wegen des anschließenden Treffens.

Das Café des Literaturhauses ist eine relativ enge Angelegenheit, insbesondere dann, wenn man einen Tisch besetzt, an dem die Kellner sich links und rechts vorbeiquetschen müssen. Nach einigem Drängeln und Quengeln und einer zu knapp zwei Dritteln durchprotokollierten Vorstandssitzung stellt sich der reservierte Tisch im Nebenzimmer ganz zufällig als der unsrige heraus.

Großes Hallo, doch im weiteren Verlauf auch etwas Enttäuschung darüber, daß nur wenige zum Mitgliedertreffen finden - gerade mal die ohnehin anwesenden Vorstandsmitglieder sind dabei, unser neuestes Ehrenmitglied, Inge Deutschkron, und während meines letzten Versuches, sie anzurufen, kommt Natascha Ungeheuer zur Tür herein. Immerhin.

Vielleicht verhält sich die Anzahl der reservierten Plätze umgekehrt zur Anzahl der erscheinenden Gäste. Um diese These zu überprüfen, werden wir für nächstes Jahr einen Vierertisch reservieren und anschließend nach und nach den gesamten Laden okkupieren, bis hinauf unter's Dach – einen Versuch wäre es wert.

Utz Rachowski und Roland Erb werden erst am Abend auftauchen, etwa fünf Minuten nachdem der letzte von uns das Literaturhaus verlassen haben wird, werden sie eintreffen und nach uns suchen.

Der Abend beginnt mit einer kurzen Einführung von Freya Klier, die als kleines Kind ihrer Familie weggenommen und in einem staatlichen Erziehungsheim untergebracht wurde, als junge Frau saß sie aufgrund eines gescheiterten Fluchtversuches für sechzehn Monate im Gefängnis, mußte Berufsverbote hinnehmen, sie engagierte sich in der Bürgerbewegung der DDR, bis zu Ihrer erzwungenen Ausreise im Jahr 1988.

Günter Nooke vom Auswärtigen Amt faßt anschließend die Menschenrechtslage in China aus offizieller Sicht zusammen, dann folgt die Verlesung der Gedichte Shi Taos auf Chinesisch und Deutsch. Shi Taos Gedicht „Juni“, vorgetragen von Gabrielle Alioth, flog dieses Jahr dem olympischen Fackellauf folgend im Rahmen des „PEN Poem Relay“ von März bis August um die Welt, sein Verfasser wurde 2004 zu einer zehnjärigen Haftstrafe verurteilt, weil er angeblich Staatsgeheimnisse verraten hatte.

Gefängnis ist nur der finale Punkt einer ganzen Reihe von „Maßnahmen“, mit denen man Menschen in China mundtot zu machen pflegt, auf daß sie wieder im Sinne der Regierung „funktionieren“ mögen. Drohungen und Einschüchterung von Arbeitgebern, Bekannten und der Familie gehören dazu, sowie Bespitzelung und eine, laut Dirk Pleiter von Amnesty International, in China an sich illegale Maßnahme, der Hausarrest.

Die Kommunikation zwischen China und dem Rest der Welt wird zensiert und kontrolliert, insbesondere, was das Internet angeht: jeder Versuch, die staatlichen Zensurmaßnahmen zu unterlaufen, wird mit freundlicher Unterstützung von Internetprovidern und weltweit operierenden Konzernen wie Microsoft und Yahoo verhindert, welche die Identitäten der „Übeltäter“ aufspüren und den Behörden preisgeben.

Shi Tao, zum Beispiel, konnte nur verhaftet werden, weil Yahoo, um den überaus lukrativen chinesischen Markt nicht zu verlieren, eine Selbstverpflichtungserklärung für Internetanbieter unterzeichnet hatte. In Anbetracht dessen, daß diese Firma aus den USA stammt, ein kompletter Verzicht auf all jene Grundsätze, die man im eigenen Land nicht missen wollen würde.

Unser Gast, Xiao Qiao, hat zahlreiche dieser Maßnahmen am eigenen Leib erfahren müssen, weil sie es wagte, ein Diskussionsforum zu betreiben. Sie flog aus zahlreichen Jobs und sobald sie einen neuen gefunden hatte, dauerte es höchstens zwei Wochen, bis sie ausfindig gemacht worden war. Sie wurde wiederholt unter Hausarrest gestellt, ihre Familie bedroht, der Kontakt zu Freunden und Bekannten unterbunden. Als sie nach monatelangen Nachstellungen endlich nach Schweden ausreisen durfte, wurde es nur ihren engsten Familienangehörigen erlaubt, sie am Flughafen zu verabschieden.

Ihr Bericht bereitet einen dennoch kaum auf das Folgende vor, auf einen Film mit dem Titel „Prisoners in Freedom City“, kurz eingeführt von Dirk Pleiter, dem China-Experten der deutschen Amnesty International-Sektion. Der Film dauert eine gute halbe Stunde, er zeigt alle Begleitumstände dessen, was hierzulande unter dem niedlichen, irgendwie nach verflossenen Teenagerjahren klingenden Begriff „Hausarrest“ zusammengefaßt wird. Man lächelt unwillkürlich bei diesem Begriff, doch das Lächeln vergeht einem schnell.

Früher ging man vormittags zur Schule und durfte, sofern die Eltern Hausarrest verhängt hattten, für den Rest des Tages keine Freunde empfangen oder ausgehen. Maximal dauerte eine solche Strafe eine oder zwei Wochen.

Aber stellen Sie sich doch mal vor, Sie werden schon morgens daran gehindert, überhaupt das Haus zu verlassen, um beim Bäcker gegenüber ein paar Brötchen zu holen, zur Schule, Universität oder Arbeit zu gehen, weil sich vor Ihrer Haustür, auch und grade für Ihre Nachbarn gut sichtbar, vier Leute aufgepflanzt haben, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als ebendort zu sitzen, Karten zu spielen, gelegentlich einen Snack zu sich zu nehmen, ihren Müll sichtbar vor dem Haus zu verteilen, mit kleinen Kätzchen zu spielen und ansonsten dafür Sorge zu tragen, daß Sie das Haus unter gar keinen Umständen verlassen.

Jeden Morgen verläßt Ihre Frau das Haus, um zur Arbeit zu fahren, gelegentlich wird sie dezent behindert oder nachgeäfft und, sobald sie es geschafft hat, zum Auto zu gelangen und loszufahren, von zivilen Dienstwagen meist westlicher Bauart verfolgt.

Ihre Bewacher wirken nicht besonders brutal oder verroht, wie die Aushilfsbösewichte in den James-Bond-Filmen, eher banal, eher wie kleine Angestellte, gemütliche Leute, die abends die Füße hochlegen, die Frau und den Hund streicheln. Mir steht vor Augen, was Hannah Ahrendt gemeint hat.

Der Film dauert eine beklemmend lange halbe Stunde, die daraus besteht, die immergleichen Bilder von den Bewachern und den Autoverfolgungen zu betrachten und sich die geflüsterten Kommentare von Hu Jia anzuhören, der dies alles mit der Handkamera aufgenommen hat. Nur das geflüsterte Datum und jahreszeitliche Veränderungen draußen vor dem Fenster signalisieren, wieviel Zeit wirklich verstreicht, insgesamt sind es sieben Monate. Aus der Küche im Erdgeschoß zieht eine Wolke von Essensduft herauf, die ich immer dann am stärksten wahrnehme, wenn den gemütlichen Männern vor Hu Jias Tür das Mittagessen geliefert wird.

Die darauffolgende Podiumsdiskussion empfinde ich als anstrengend, weil Xiao Qiao in ihrem durchaus nachvollziehbaren Bedürfnis, den Zuhörern soviele Fälle und Vorkommnisse wie nur irgend möglich zu vermitteln, die anderen Teilnehmer wenig zu Wort kommen läßt und jeder ihrer Wortbeiträge erst verdolmetscht werden muß. Ich sehe sie an und mir kommt George Orwells Roman „1984“ in den Sinn, in dem die Existenzen von mißliebigen Personen komplett ausgelöscht werden, so, als hätte es sie niemals gegeben. Langsam macht sich Erschöpfung bei mir breit und ich behalte nicht viel von dem, was besprochen wird.

Es wird häufig eine imaginäre, rote Linie erwähnt, bei Überschreitung derer die staatliche Verfolgung einsetzt. Ich versuche, mir aus den Worten ein Bild zu erschaffen und lande schnell bei einer gezackt verlaufenden, durchbrochenen Linie, beim Verlauf des Flusses Mäander.

Kaum etwas schützt in China vor staatlicher Verfolgung, am wenigsten die bestehenden Gesetze, wie eines der wenigen Beispiele, das ich behalte, belegt; Xiao Qiao erzählt von einem Mann, dessen einziges Verbrechen darin bestand, Rechtsberatung für Kleinbauern anzubieten, was die Arbeiter- und Bauernpartei grundsätzlich zu mißbilligen scheint.

Nach zweieinhalb Stunden ist die Veranstaltung zuende. Bier, Steaks und angeregte Gespräche möbeln mich im Anschluß wieder soweit auf, daß ich auch an diesem Abend bis zum unvermeidlichen Kehraus durchhalte.


Sonntag, 16. November 2008

Nach dem Frühstück brechen wir zur ehemaligen Blindenwerkstatt von Otto Weidt auf, welche die Jahrzehnte nach dem Krieg weitgehend unverändert überstanden hat und mittlerweile als Museum und Gedenkstätte genutzt wird. Wir sind nur zu fünft, was sich letztendlich als ideal erweist, weil es Inge Deutschkron, die uns durch die Räume der Werkstatt führt, die Möglichkeit gibt, die Geschichte von Otto Weidt ohne größere Unterbrechungen zu erzählen.

Gleich beim Hereinkommen fällt einem ein Gruppenbild mit etwa 30 Leuten ins Auge, das, per Beamer im Minutentakt an die Wand projiziert, Otto Weidt im Kreise seiner Arbeiter und Angestellten zeigt. Im nächsten Raum befindet sich das Bild als Druck in vielfacher Vergrößerung noch einmal, diesmal mit Erläuterungen zu den einzelnen Personen. Nur die wenigsten haben überlebt.

Weidt, ein überzeugter Pazifist, der die Nationalsozialisten haßte, schaffte es über einen längeren Zeitraum, unter persönlichem Einsatz und größten Risiken, seine jüdischen Arbeiter und Angestellten davor zu bewahren, ermordet zu werden. Als er nicht mehr in der Lage war, seine Schützlinge vor der Deportation zu bewahren, tat er alles, was ihm möglich war, um ihnen das Leben im Lager zumindest zu erleichtern.

Wieder einmal wird mir ein Detail der deutschen Demütigungs- und Mordmaschinerie bewußt gemacht: Juden durften seit Mai 1942 keine Haustiere mehr halten. Nun gut, das wußte ich. Was ich nicht wußte, war, daß die Tiere beim Tierschutzverein abgeliefert werden mußten, um dort getötet zu werden, außer, die Besitzer hatten die Tiere bereits vorher getötet oder töten lassen. Es ist, wie gesagt, nur ein Detail, und sogar vergleichsweise harmlos, wenn man an Gaskammern, Todesmärsche und medizinische Versuche denkt, dennoch wird mir der Hals eng, wenn ich an jene Menschen denke, die gezwungen wurden, das geliebte Tier in den Tod zu schicken, insbesondere die Kinder.

Behördlich verordneter Sadismus, erdacht und durchgeführt von völlig banalen Leuten, die nicht eine Minute darüber nachdachten, was sie da taten, und wenn, dann vermutlich, daß wohl ein Sinn in ihrem Tun stecken mußte, den irgendeine übergeordnete Abteilung wohl zu fassen imstande war. Die taten, was sie taten, weil sie es konnten. Weil es Gesetz war. Die Formulare unterzeichneten, Knöpfe drückten und abends ihre Frauen streichelten oder den Hund. Ganz normale Menschen.

Viel später, am Münchner Flughafen, bleibe ich aprupt auf einer Treppe stehen, als ich bemerkte, daß sich unten vor den automatischen Drehtüren, die den Ausstiegsbereich von der Gepäckausgabe trennen, eine Traube von Menschen gebildet hat. Ich warte ab, bis auch alle nach mir Kommenden die Tür durchschritten haben, wie schon beim Einstieg ins Flugzeug in Berlin, ich achte sorgfältig darauf, den Platz zwischen den beiden Plexiglasscheiben mit niemandem teilen zu müssen. Ich habe Angst.

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