P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Bericht über den internationalen PEN–Kongreß in Dakar
Wir — Hans–Christian Oeser und ich — vertraten vom 4. bis 11. Juli 2007 unser Zentrum als offizielle Delegierte beim 73. Internationalen PEN–Kongress in Dakar, Senegal. Eindrücke, Begebenheiten und Veranstaltungen außerhalb der eigentlichen Geschäftsordnung bzw. am Rande des Kongresses habe ich bereits an anderer Stelle aus meiner subjektiven Sicht beschrieben; in diesem Bericht geht es vielmehr um die Vorgänge (Diskussionen, Anträge, Arbeits– und Wahlergebnisse) in den sechs Tagen der Vollversammlungen, Rundtische und Komiteesitzungen.
An den ersten beiden Tagen beteiligten wir uns vor allem an den Treffen des Writers–in–Prison–Komitees, der größten und wohl auch auf internationaler Ebene wichtigsten Initiative des PEN. (Daneben gibt es noch Komitees der “Schriftsteller für den Frieden”, für “Übersetzungs– und linguistische Rechte”, das “Women Writers Committee” und das “Netzwerk der Exilschriftsteller”.) Wir gedachten unserer wegen ihrer journalistischen Tätigkeit ermordeten Kollegen, vor allem Anna Politkowskaja (Rußland) und Hrant Dink (Türkei), und waren schockiert zu erfahren, daß im letzten Jahr die meisten Morde an Journalisten und Schriftstellern in Mexiko begangen wurden (mit dem Irak an zweiter Stelle). Wir hörten Berichte über in vielen Ländern wegen ihrer den Autoritäten ungenehmen Meinungsäußerung oder Berichterstattung eingesperrte Schriftsteller und Journalisten und suchten nach Wegen, ihnen zu helfen — Wege, die je nach Land manchmal unterschiedliche Methoden erfordern. Trotz der bedrückend zahlreichen neuen Fälle, mit denen sich der PEN laufend konfrontiert sieht, gab es auch eine Reihe an Erfolgen zu vermelden, wo unser institutioneller und individueller Druck half — von der Erleichterung bei Haftbedingungen bis zu Freilassungen. Zwar unterlagen in der Diskussion einige Fälle strikter Vertraulichkeit (vor allem dort, wo institutionelle Repressalien gegen bestimmte Schriftsteller vorliegen und die Gefahr einer Verhaftung besteht), andererseits wurde allgemein empfohlen, die Kommunikation des WiP mit den individuellen Mitgliedern der PEN–Zentren, und nicht nur deren Vorständen, zu verbessern. Allgemeine Beachtung fand auch der Vorschlag, in den einzelnen Zentren Initiativen zu organisieren, durch die inhaftierten Kollegen “harmlose”, doch aufmunternde Postkarten ins Gefängnis geschickt würden. Der malawische Schriftsteller Jack Mapanje betonte, wie sehr ihm während seiner jahrelangen Inhaftierung ein gelegentlicher kurzer Gruß geholfen hätte, und daß auch in Fällen, in denen solche Korrespondenz nicht zu den Gefangenen selbst durchgelassen wird, solche Aufmerksamkeit von außen zumindest den Autoritäten zeigt, daß der Gefangene nicht vergessen ist und nicht ohne weiteres eliminiert werden kann.
Angesichts der im nächsten Jahr in China stattfindenen Olympischen Spiele wurde beschlossen, sich trotz der dort weitverbreiteten institutionellen Unterdrückung der Pressefreiheit nicht an einem Boykottaufruf zu beteiligen, sondern vielmehr mitzuhelfen, internationale Aufmerksamkeit darauf zu lenken und anhand von Exempeln mehr Freiheit zu verlangen. Alle Zentren wurden aufgefordert, hier im Vorfeld der Olympiade Kräfte zu mobilisieren. Allgemein befürwortet wurde das Projekt einer “internationalen PEN–Gedichtstaffel”, das Kristin Schnider vom schweizerdeutschen Zentrum einbrachte. Parallel zur olympischen Flamme soll ein Gedicht eines inhaftierten chinesischen Dichters in Übersetzung auf Übersetzung um die Welt gehen, bis es zur Eröffnung der Olympiade medienwirksam Peking erreicht. Wir werden darüber noch gesondert berichten und unsere Mitglieder bezüglich dieses Projekts auf dem laufenden halten.
Erfreulich ist die verstärkte Zusammenarbeit des PEN mit dem von Salman Rushdie initiierten Verbund ICORN (International Cities of Refugee Network), bei dem sich Städte in demokratischen Ländern verfolgter Autoren aus Gefahrenzonen annehmen und ihnen Asyl und Unterstützung gewähren.
Neben dem Schicksal verfolgter Kollegen kamen vor allem zur Sprache der türkische Paragraph 201, der “Beleidigung des Türkentums” unter Strafe stellt und immer noch Dutzende türkischer Autoren bedroht, die Unterdrückung der Schreibfreiheit in Staaten wie China, Kuba, Eritrea, Iran und Irak, aber auch die Gesetze (“criminal insult laws”), die in elf Ländern der EU (darunter Deutschland, Frankreich und Polen) den Ausdruck gewisser bloßer Meinungen kriminalisieren.
Die meisten Initiativen im Writers–in–Prison–Komitee erfuhren weitgehende — oft einstimmige Zustimmung. Auch wurde die Vorsitzende des Komitees, Karin Clark (Mitglied des innerdeutschen PEN und Witwe unseres früheren langjährigen Zentrums–Sekretärs Arno Reinfrank), durch Akklamation — also einstimmig — wiedergewählt. Kontrovers wurde es vor allem erst, als der Antrag unseres Zentrums zur Sprache kam.
Unser Antrag wurde von Hans–Christian Oeser ausführlich und eloquent begründet und sowohl von den beiden Delegierten des innerdeutschen PEN als auch vom Delegierten des österreichischen PEN emphatisch unterstützt. Dabei kam vor allem der Fall des berüchtigten Naziapologeten David Irving zur Sprache, über dessen Aufnahme in die WiP–Liste unterdrückter Schriftsteller wir und die beiden anderen deutschsprachigen Zentren unsere Empörung zum Ausdruck brachten. Die Vertreter der US–amerikanischen, britischen und skandinavischen Zentren konterten mit einer rigorosen, man könnte sagen grenzenlosen Auslegung der Ausdrucksfreiheit (“freedom of expression”), die auch unser Argument nicht gelten ließ, daß es sich hier weniger darum handele, Ausdrucksfreiheit zu verteidigen, als darum, die limitierten Ressourcen des PEN nicht auf Holocaustleugner zu verschwenden. Schnell wurde klar, daß unser Antrag bei einer Abstimmung (noch) keine Mehrheit erhalten würde, zumindest nicht im Komitee. Notgedrungen, sozusagen als kleineres Übel im Vergleich zu einer direkten Ablehnung, stimmten wir einer Verweisung zur weiteren Diskussion beim nächsten internationalen WiP–Kongress im Frühjahr 2008 in Glasgow zu.
Trotz dieses Kompromisses wurde zu unserer Überraschung unser Antrag einige Tage später bei der Plenarversammlung des PEN erneut erörtert — und es erfolgte, diesmal in wesentlich größerem Rahmen, eine ähnlich kontroverse Diskussion mit dem gleichen Ergebnis: keine Endabstimmung (die wir klar verloren hätten), sondern — mit unserer Zustimmung, die dafür erforderlich war, es nicht zur Abstimmung kommen zu lassen — Verweis nach Glasgow mit der Möglichkeit, den Antrag beim nächsten internationalen Kongreß zu wiederholen.
Auch bei der Vollversammlung war unser Antrag der kontroverseste, bei dem sich die Geister weit voneinander schieden — vor allem, weil die Gegner unseres Antrags einen sehr puristischen Standpunkt einnahmen, aus dessen Perspektive Ausdrucksfreiheit absolut gesehen wird, d.h. demgemäß müßte die Strafverfolgung eines Holocaustleugners in einem demokratischen Staat genauso abgelehnt werden wie die Strafverfolgung eines Demokratieverfechters in einem totalitären System.
Bei der Vollversammlung wurden eine Reihe weiterer oft detaillierter Anträge behandelt und durchweg einstimmig oder mit großen Mehrheiten angenommen, darunter Resolutionen zur freien Meinungsäußerung in Afghanistan, China und Kuba, Resolutionen, die die Ermordung, Verhaftung und Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten in Eritrea und Iran verurteilen, Proteste gegen die Ermordung von Autoren in Mexiko und die Unterdrückung und Zensur von Kollegen in Tibet, Tunesien, Türkei, Uzbekistan und Vietnam, dazu eine Resolution zur Unterstützung sprachlicher Minderheiten. Eindrucksvoll war auch, daß die Delegierten einen deutlichen Protest gegen die Machenschaften der venezuelanischen Regierung unter Hugo Chavez verabschiedeten, die dem letzten unabhängigen Fernsehkanal Venezuelas, dem regierungskritischen Sender RCTV, die Funklizenz entzogen hatte.
Die Vollversammlung wählte unter großem Beifall drei neue Zentren zu den bestehenden 144 hinzu: das Afar–sprechende, das irakische und das jordanische. Die Zentren von Albanien, Costa Rica, Indonesien, Puerto Rico, Sri Lanka und das Jiddische Zentrum (in New York) wurden wegen jahrelanger Inaktivität und Nichtzahlung ihrer Beiträge für ruhend erklärt.
Wie bei jedem Kongreß fand auch in Dakar eine Teilwahl des Vorstands statt, denn die Mitglieder des internationalen Präsidiums werden in jährlicher Staffelung auf drei Jahre gewählt. Während die Amtszeit des Präsidenten Jiri Grusa noch ein weiteres Jahr andauert, kandidierte die internationale Sekretärin, Joanne Leedom–Ackerman vom New Yorker PEN American Center, nicht mehr; stattdessen besetzt der Norweger Eugene Schoulgin nun diesen wichtigen Exekutivposten. Und als neuer Schatzmeister fungiert jetzt statt der Dänin Britta Junge Pedersen Eric Lax vom PEN U.S.A. in Los Angeles. Die Kanadierin Margaret Atwood und der Däne Niels Barford wurden einstimmig zu der mehr zermoniellen Runde der Vizepräsidenten hinzugewählt, während der Arbeitsvorstand um die von uns unterstützten Kandidaten Mike Butscher aus Sierra Leone, den Japaner Takeaki Hori, die Deutschschweizerin Kristin Schnider und den Kanadier Haroon Siddiqui bereichert wurde.
In den letzten Stunden des Kongresses kam es noch zu einer Auseinandersetzung im Hinblick auf den 74. Kongreß im kommenden Jahr. Ursprünglich war dafür vor zwei Jahren bereits Oaxaca, Mexiko auserkoren worden, gedeckt vom Versprechen starker organisatorischer und finanzieller Beteiligung der dortigen Regionalregierung. Wegen der schweren Unruhen bei Antikorruptionsdemonstrationen in Oaxaca im vorigen Herbst, bei denen der Gouverneur auf unbewaffnete Demonstranten schießen ließ, befürchtete der internationale PEN–Vorstand, daß die Regierung von Oaxaca den PEN–Kongreß für einen Legitimierungsversuch mißbrauchen könnte; außerdem hatten bereits mehrere Zentren ihre Teilnahme unter den dortigen Umständen abgelehnt oder in Frage gestellt. Kurzfristig hatten sich darauf zwei Alternativen mit finanziellen und organisatorischen Plänen angeboten: das ebenfalls in Mexiko beheimatete PEN–Zentrum von San Miguel de Allende und das kolumbianische Zentrum in Bogota. Nach hitziger Debatte kam es schließlich zur Abstimmung, bei der wir uns der Empfehlung des internationalen Vorstands anschlossen und für San Miguel stimmten. Die sehr detaillierten und großzügigen Veranstaltungsvorschläge sowie die vielleicht etwas solider präsentierte Finanzierungsgrundlage der Kolumbianer gab schließlich jedoch den Ausschlag für Bogota vom 15. bis 20. April 2008. Bitte melden Sie sich bald bei unserem Vorstand, falls Sie gerne dorthin als unser Delegierter fliegen möchten — allerdings beim momentanen Stand unserer Finanzen leider auf eigene Kosten!
Fred Viebahn
(mit Hans–Christian Oeser)
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