P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland

Wie ich die Staatsgründung erlebte
von Egon Schwarz
Aus dem Hexenkessel, in den sich Wien nach dem Anschluß verwandelte, entkam ich mit meinen Eltern – ich war gerade 16 geworden – zunächst in die Slowakei. Von dort wurden wir von dem Tiso-Regime in die neuen ungarischen Gebiete deportiert, von den Ungarn an die Grenze zurückgeschoben, und in ein Niemandslandlager zwischen den beiden Ländern gesteckt, zusammen mit etwa 500 Schicksalsgenossen jeder möglichen Herkunft. Wenige, die dort eingepfercht waren, haben nach meinem Dafürhalten überlebt, aber uns gelang eine abenteuerliche Flucht nach Prag, von wo wir vom Hilfsverein als besonders Gefährdete nach Südamerika geschickt wurden.
Nach neun Jahren Bolivien, Chile und Ekuador erreichte mich die Nachricht von der Staatsgründung in New York, wo ich mich gerade vorübergehend aufhielt, um meine Pässe, Papiere und Zeugnisse in Ordnung zu bringen. Ich stand im Begriff, die ersten zagen Schritte in Richtung auf eine akademische Karriere zu tun, von der ich nur sehr undeutliche Vorstellungen hatte. Die jüdischen Menschen, von denen ich umgeben war, verfolgten mit angehaltenem Atem die Abstimmungen in den Vereinigten Nationen und brachen bei dem Beschluß der Gründung eines jüdischen Staates in beneidenswerten Jubel aus. Und ich merkte mit Staunen, daß ich ihren Enthusiasmus nicht voll teilen konnte. Wieso nicht?
Daß wir nicht in Israel gelandet waren, sondern in dem unwirtlichen Andenland Bolivien, war reiner Zufall. Mein Vater hatte noch während der Schuschnigg-Zeit die Auswanderung nach Palästina erwogen, wissend oder ahnend, daß unserem Verbleiben in Mitteleuropa ein rüdes Ende bevorstand. Er reiste 1936 oder 1937 dorthin, um die geschäftlichen Möglichkeiten zu erkunden. Offenbar versprach er sich nicht viel von einer Zukunft in Palästina, denn die vor der Reise utopisch klingenden Äußerungen verstummten nach seiner Rückkehr. Er war eben kein begeisteter Zionist, dem die bloße Einreise in das Land seiner Väter wichtiger gewesen wäre als alle kommerziellen Überlegungen. Aber ich glaube nicht, daß sich diese Lauheit ohne meine eigenen Erlebnisse einfach auf mich übertragen hätte.
In jenen Zeiten war es in Wien kaum möglich, als heranwachsender junger Jude, den Proselytierungsversuchen zu entgehen, die ihn von der einen oder anderen zionistischen Vereinigung erreichten. Und so besuchte ich die “Heime” mancher zionistischen Splittergruppen, die sich abends in Hinterhäusern trafen. Nach meiner ganzen inneren Beschaffenheit lehnte ich den militaristischen Betar ab. Der linke Schomer Hazair hätte meinem Naturell schon eher entsprochen, aber was mich dort abstieß, war das heillose Chaos der Heimabende, in denen es so laut zuging, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Gleichzeitig geriet ich in die Gesellschaft linker Spanienkämpfer, die sich die Lösung der Judenfrage von einem die ganze Welt umfassenden Sozialismus versprachen. Dazu kamen die Berichte eines Onkels, der als junger Mensch und schwarzes Schaf der Familie nach Palästina geschickt worden war und der mich mit seinen gräulichen Anekdoten von Mißhandlungen an Arabern beeinflußte.
Ich ergriff als junger Bursche deren Partei und wurde feinhörig für die ungeheuer komplizierten demographischen Verhältnisse im biblischen Land. Ich hatte Hebbels Maria Magdalena gelesen, das bekanntlich mit dem Ausruf des Meisters Anton endet, er verstünde die Welt nicht mehr! Das konnte nun wieder ich nicht verstehen. Wieso versteht der Alte die Welt nicht, fragte ich mich, wenn ich sie doch verstehe?! Erst heute leuchtet mir sein verzweifelter Ausspruch voll ein, aber im Jahre 1948 glaubte ich voreiligerweise, die historischen Vorgänge zu verstehen. Natürlich hatte ich genug Stammeszugehörigkeit in mir, um der Staatsgründung nicht ganz abgeneigt zu sein, und außerdem verstand ich die Welt in der Tat gut genug, um zu wissen, daß sie für Tausende Überlebende und Obdachlose Hoffnung und Zuflucht bedeutete. Aber trotz meiner jugendlichen Unerfahrenehit war ich der festen Überzeugung, daß der Nationalstaat eines der großen Übel der Welt ist, in der wir leben müssen, und daß die Gründung eines neuen Nationalstaates nur neue Konflikte und neues Leid in die Welt bringen würde. Ich bin der Meinung, daß die weitere historische Entwicklung meinen damaligen Befürchtungen nicht Unrecht gegeben hat.
Wie für Arthur Schnitzler, mit dem ich mich damals stark identifizierte, und mit dessen Ansichten ich immer noch sympathisiere, waren für mich “Nationalgefühl und Religion Worte, die mich in ihrer leichtfertigen, ja tückischen Vieldeutigkeit erbitterten”. Der gleiche Schnitzler wußte aber auch, daß die “Sehnsucht nach Palästina … ein echtes, nie erloschenes und nun mit Notwendigkeit neu aufflammendes Gefühl” war, wie bei meinem Großvater, einem beigeisterten Zionisten. Ein Besuch in Israel im Jahre 1967 beendete meine Unentschiedenheit nicht. Stefan Zweig erklärte einmal, daß die Besucher der Sowjetunion dort das vorfanden, voran sie längst glaubten. Die Beführworter des Regimes sahen ihre Erwartungen ebenso bestätigt wie seine Gegner die ihren. Er sei unentschieden hingefahren und unentschieden zurückgekehrt. So erging es mir mit Israel.
Und in dieser Ambivalenz erlebte ich die Staatsgründung. Als pragmatisch gewordener Greis wünsche ich mir nur noch eines: daß Israel in seine alten, von den Vereinigten Nationen gezogenen Grenzen zurückkehrt, daß nebenan ein arabischer Staat gegründet werde, dem Israel auf die Beine hilft, und daß beide in Frieden nebeneinander leben und so gut gedeihen, wie die Umstände erlauben. Immer noch fromme Wünsche.
© 2008 Egon Schwarz
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