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Eine Hommage an Fritz Beer


Die letzten Jahre von Fritz Beers Leben waren ein Kampf gegen einen unbesiegbaren Gegner, der ihn nicht nur physisch sondern auch psychisch unterminierte. Der folgende, auf Veranlassung eines seiner Freunde geschriebene Brief war ein Versuch, Fritz Beer an das zu erinnern, wofür er stand und steht, an das, was er mir und anderen bedeutet.


Rosemount, im September 2004


Lieber Fritz Beer,


die Seele, so schreiben Sie in Kaddisch für meinen Vater, sei eine Gedankenkonstruktion; nach dem Tod gebe es nur das Nichts. Allein: „Was es gibt“, so schreiben Sie, „ist die Erinnerung der Ueberlebenden ..."

In meiner Erinnerung wird die "Geschichte mit dem Stuhl" stets diejenige sein, die ich im besten und wesentlichsten Sinn mit Ihnen verbinde. Sie erinnern sich:

Es war im Herbst 1999, und wir saßen in der Küche Ihres Hauses "auf dem Hügel". Wir hatten unser Mikrophon aufgebaut, Sie hatten Tee gekocht und zu erzählen begonnen, von Ihrer Kindheit, Ihrer Jugend, dem Krieg, dem Untergang dessen, was Ihre Welt hätte werden und unsere Welt hätte sein können. Stattdessen fanden Sie sich 1946 arbeitslos, heimat- und sprachlos im Nachkriegslondon. Auf Rat eines Freundes kauften Sie einen Stuhl – denn daran fehlte es – und trugen ihn in das Rundfunkgebäude der BBC. War es nötig, den Hausmeister zu bestechen, zu bereden oder hat er ein Auge zugedrückt? Ich weiß es nicht mehr, aber – den Prophezeiungen Ihres Freundes gehorchend – wurde der Stuhl zu einer Stelle, zu einem Beruf, einer Berufung. Es klang ganz einfach, wie Sie es so erzählten, und wir haben gelacht über die "lustige Geschichte", aber natürlich war sie – wie der Stuhl selbst – mehr als das.

Einer zehn Jahre nach Kriegsende geborenen Schweizerin steht es nicht zu, die Epoche, in der Sie Ihren lebenswegweisenden Stuhlkauf getätigt haben, zu beurteilen, und jede Epoche schafft ihre eigenen Überlebenden. Aber es liegt auf der Hand, dass Überleben zu jener Zeit – zu Ihrer Zeit – mehr als Wollen verlangte, mehr als Glück. Wem die Welt keinen Platz einräumt, wem sein Platz von der Geschichte geraubt wird, muss sich selbst darum kümmern, wo er bleibt. Angesichts dieses Zwanges sind viele verzagt, haben versagt, blieben ihr Leben lang Opfer der Umstände und wurden umständehalber zum Opfer historischer Nachsicht. Die aber, denen es gelang, sich einen Platz zu schaffen, waren versucht, das Vergangene zu verniedlichen, zu verleugnen gar oder – selbst von ihrer Leistung überwältigt – zu Zelebranten des Überstandenen, Exegeten der eigenen Größe zu werden. Sie mögen, lieber Fritz Beer, wie Sie schreiben, seit Ihrer Jugend "an der nicht einlösbaren Verpflichtung, ein Michael Kohlhaas zu sein" gelitten haben. Sicher ist, dass Sie sich einem anderen deutschen Idol folgend – und im Gegensatz zu diesem ganz ohne Aufhebens – am eigenen Schopf aus dem Morast gezogen haben. Sie haben sich in den Trümmern Ihrer zerstörten Welt auf den selbst erworbenen Stuhl gesetzt und sich auf diesem einen neuen, einen eigenen Platz erschrieben - ohne das Vergangene zu vergessen, ohne die Gegenwart zu verachten, ohne die Zukunft zu überschätzen.

Sie sind, wie Sie schreiben, ein "ewiger Selbstzweifler", und dagegen kommt niemand an. Es liegt in der Natur der Sache, dass Sie sich von den Zweifeln an sich selbst nur selbst befreien können, und so gerne ich Ihre Zweifel – die mir mehr als Ihre Kohlhaas-Verpflichtung eine Krankheit scheinen – zerstreuen würde, so sinnlos ist doch der Versuch. Was ich aber kann und – wie ich denke – auch darf, ist zu meiner Hochachtung, meiner Bewunderung zu stehen. Diese gilt weder Kohlhaas noch Münchhausen, denn nicht eine einzelne Tat, sei sie auch noch so beeindruckend, ja nicht einmal eine Serie beeindruckender Taten kommt an das Außerordentliche - Bewundernswerte eben - Ihres Lebens heran. Die Grundlage meines Respekts für Sie – und auch meiner Verehrung – liegt vielmehr in dem ganz alltäglich Gelebten und Erstrebten, dem Maß, in welchem Sie Tag für Tag zu Ihren Werten, Ihren Überzeugungen stehen und auch zu Ihren Zweifeln. Es sind die vielen kleinen Ehrlichkeiten, die unablässige Ablehnung der auf den ersten Blick nebensächlich erscheinenden, dann aber doch weiterführenden Zugeständnisse an jene, die vergessen, verdrängen und leugnen wollen, die aus Bequemlichkeit oder Opportunismus auf eigenes Denken verzichten. Es ist der endlose und ganz gewöhnliche Kampf gegen die Korruption des eigenen Glaubens. Denn, lieber Fritz Beer, auch der Nicht-Glaube ist ein Glaube. Wir wissen nicht, ob die Seele existiert und was nach dem Tod ist. Sie wissen es genauso wenig wie ich. Was ich aber weiß, ist, dass Sie mir - wie vielen anderen auch - solange ich lebe, Vorbild sein werden für genau dieses alltägliche, unspektakuläre "Sich-Treu-bleiben", und das heißt auch: den eigenen Zweifeln treu bleiben. Das ist nicht Nichts.

Meine Erinnerungen an Sie, an unsere Begegnungen, an Ihre Texte, Ihre Reden, Ihre Erscheinung lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Integrität. Dafür bekommt man keinen Nobelpreis und kein Staatsbegräbnis, aber es ist mehr als die uns verheißenen fünfzehn Minuten Berühmtheit. Sie haben mit ihrem Leben, Ihrem unaufhörlichen Ringen um Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und das Recht auf Zweifel, einer Eigenschaft Sinn und Inhalt verliehen, auf die jedes System, jede Gesellschaft sich stützen will und muss. Sie sind für mich – für viele – die Verkörperung eines Grundwertes der menschlichen Existenz.

Und viele, lieber Fritz Beer, werden so wie ich an Begegnungen mit Ihnen – persönlichen, schriftlichen, als Zuhörer, Zuschauer – zurückdenken, und diese nicht nur als Ehre sondern auch als Lehre empfinden. Zweifeln Sie weiter an dem, was war und was sein wird, aber zweifeln Sie nicht am Wert dessen, was Ihre Zweifel uns, die wir das Privileg hatten, Ihnen zu begegnen, gelehrt haben.

Im Vorwort zu Kaddisch für meinen Vater warnen Sie Ihre Leser davor allzu viel von Ihrem Buch zu erwarten, da "nur sie selbst einen Sinn in ihrem Leben finden können." Der Sinn Ihres eigenen Lebens, lieber Fritz Beer, können ebenfalls nur Sie selbst finden. Aber auch Ihre größten Selbstzweifel können uns nicht daran hindern, in Ihrem Leben für uns und unser Leben einen Sinn zu sehen.

Ein Stuhl ist ein Stuhl, was zählt, ist der Mensch, der drauf sitzt, und was dieser aus dem ihm Möglichen macht. Sie haben sich von Ihrem selbsterworbenen Sitz nicht nur einen eigenen Platz in der Welt erschrieben, Sie haben von Ihrem Platz aus auch eine Welt erschrieben, in der wir, ich und viele andere, die sich nach uns gezwungen oder freiwillig in den Ritzen und an den Rändern der Gesellschaft einrichten, besser, ehrlicher und auch zuversichtlicher leben können.

Ihnen zu danken, scheint anmaßend, lächerlich auch - wie kann man einem Menschen für sein Leben danken? Doch es ist eine sehr große Dankbarkeit, die ich empfinde, wenn ich an Sie denke. Erlauben Sie mir deshalb, dass ich diese Zeilen mit meinem Dank beschließe, Dank für Ihre Zeit, Ihre Gedanken, Ihre Geschichten – Dank für die Erinnerungen, die ich an Sie habe.


Ihre
G.A.