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Alexander steht unter der Garagentür, während ich in meinen Schränken nach dem Artikel suche. Ich erinnere mich
an die zusammengehefteten Seiten mit den meerblauen Illustrationen. Es kann nicht mehr als ein paar Wochen her sein, seit ich
sie in den Händen hatte. Ich blättere durch meine Ordner: da sind die Karten der phönizischen Handelswege, die
Miniaturen der Karawanen auf der Seidenstrasse, die Zeichnungen der Schiffe, mit denen der Sohn Erichs des Roten nach Vinland
gesegelt sein soll, die Ausgrabungsfunde von L´Anse aux Meadows. Ich finde die neue Übersetzung des Berichts des Heiligen
Brendan, der zur Insel der Seeligen reiste, die arabischen Beschreibungen der Eroberung Granadas, der Artikel über die
chinesische Expedition des Eunuchen Zheng He, der hundert Jahre vor Columbus den amerikanischen Kontinent entdeckte, die
Biographie von John Cabot, der Ende des 15. Jahrhunderts auf der Suche nach der Westpassage verschwand ....
«Wenn du den Artikel nicht hat mehr hast –», in Alexanders Stimme schwingt Nachsicht.
«Ich bin sicher, dass ich ihn habe!»
Ein Foto fällt aus dem Schrank: meine Grossmutter zwischen ihrer Schwester und ihrem Bruder. Ich stecke das Bild zwischen
die Ordner zurück. Vielleicht liegt der Artikel noch auf meinem Schreibtisch. Ich greife nach dem vordersten Stapel: Die
neusten Interpretationen der Vorfälle im Bermuda-Dreieck, Kopien aus dem Malay Archipelago von Alfred Wallace, H.W.
Longfellows Gedicht über die Vertreibung der Akadier. Da – einen Moment glaube ich, die Reportage gefunden zu haben, bis
ich merke, dass es die Abhandlung über den Verbleib von Fletcher Christian, dem Anführer der Bounty-Meuterer, ist,
die ich aus der gleichen Zeitschrift herausgerissen habe. Ich schiebe die Seiten unter das Libretto des Fliegenden Holländers.
Alexander beobachtet mich.
«Ich bring ihn dir rüber, sobald ich ihn gefunden habe.»
Als Alexander gegangen ist, starre ich auf die Stapel. Ich habe keine Ahnung, wo ich noch suchen soll. Das Ticken der Uhr weckt
mich aus meiner Betäubung. Ich muss packen. Auf dem Weg durch den dämmrigen Garten versuche ich mich zu erinnern, wann
mein Flug am nächsten Morgen geht: um 7 Uhr über Luton oder um 8 Uhr 30 über Stansted? Seit es Billigflieger gibt,
steige ich meist in London um anstatt einen der teuren Direktflüge zu nehmen. Es lohnt sich, wenn man so viel unterwegs ist
wie ich, und es macht mir nichts aus, auf Flughäfen zu warten. Unter den Bäumen ist es schon dunkel. Oft erscheint mir
das Warten auf den Flughäfen der beste Teil meiner Reise – nicht hier, nicht dort. Mit einem Café Latte in einem Pappbecher
setze ich mich in eine der Wartereihen in der Abflughalle, lese, arbeite, beobachte die Reisenden. Vor den Scheiben starten die
Flugzeuge. Manchmal stelle ich mir vor, ich würde im letzten Moment zum Transfer-Schalter gehen, meinen Boarding Pass
zurückgeben und einen anderen Flug buchen. Eine herabhängende Brombeerranke kratzt über mein Gesicht. Niemand
wüsste, wohin ich reisen würde ... Ich betaste meine Wange; die Brombeerranke sollte abgeschnitten werden.
Alexander ist am Telefon, als ich ins Haus komme. Entschuldigend halte ich ihm meine leeren Hände hin, und er zuckt mit
den Schultern, ohne seinen Satz zu unterbrechen. Der Koffer steht im Schlafzimmer. Es hat keinen Sinn, ihn wegzuräumen,
für die paar Tage, die ich hier bin. Waschzeug, Wäsche, Nachthemd – nicht nötig, es wird wärmer sein dort
als hier. Ich weiss nicht, warum Alexander die Reportage wollte. Schuhe und Strümpfe. Sie berichtet von einem australischen
Meeresbiologen, der seit Jahrzehnten nach Riesenkraken sucht. Hosen und Jacken hängen in der linken Hälfte des Schranks.
Ich habe Kleider, die ich nur auf Reisen trage: die Jeans, die ich in Zürich kaufe, die Schuhe aus Dresden, der
pelzgefütterte Mantel aus Cleveland, die Kaschmirtücher von Bombay. Der Verfasser des Artikels hat an einer der
nächtlichen Expeditionen des Biologen teilgenommen. Sie waren allein auf dem Boot. Es gab kein Geld für die Suche nach
Riesenkraken, und der Forscher verwendete seine eigenen Mittel dafür. Nach ein paar Minuten ist der Koffer gepackt. Auch
den Schmuck, den ich mitnehme, bewahre ich in einer getrennten Kassette auf. Die goldenen Ketten und Armreife, die Alexander mir
über die Jahre geschenkt hat, lasse ich zu Hause. Als ich den Koffer zuklappe, klemme ich einen Zipfel meines Ärmels ein.
Einen Augenblick glaube ich, ich müsse Alexander zu Hilfe rufen, doch dann kann ich mich alleine befreien. Der Artikel hatte
einen Nachsatz gehabt, den die Redaktion kurz vor der Drucklegung eingefügt haben musste: der Meeresbiologe wurde seit seiner
letzten Expedition vermisst.
Während ich den chinesischen Kohl rüste und das Curry aufwärme, versuche ich mir einen Riesenkraken vorzustellen,
den Kopf mit den vorstehenden Augen, die mit Hunderten von Saugnäpfen besetzten Arme. In dem Artikel hiess es, es gebe nichts,
was er damit nicht halten könnte. Alexander verbrennt sich die Finger an der Currypfanne, als er in die Küche kommt.
Ich tupfe Salbe auf die weissen Flecken. Er besteht darauf, den Wein selbst zu entkorken und mir einzuschenken. Beim Essen streift
mich der erste Hauch der Beklemmung. Ich kenne sie. Ich versuche an die kommenden Tage zu denken, die erleuchteten Säle, die
Hotels, die lächelnden Veranstalter, mit denen ich seit Monaten korrespondiere. Morgen, wenn ich den Koffer aufgegeben, die
Sicherheitskontrolle passiert habe, wird mich Leichtigkeit erfassen, wie jedes Mal, vielleicht schon wenn ich durch den Duty-Free
gehe, ohne etwas zu kaufen, sicher aber wenn ich mit meinem Kaffee vor dem Gate sitze. Ich werde mich frei fühlen,
übermütig wie eine Entkommene. Alexander erzählt von den notwendigen Reparaturen im Garten, dem Zaun, den der Bach
in der letzten Überschwemmung niedergerissen hat, dem Tor, das aus den Angeln ist. Das schale Gefühl breitet sich in mir
aus.
Ich gehe früher ins Bett als sonst. Koffer und Tasche sind gepackt, mein Schreibtisch in der Garage aufgeräumt, die
Stapel ordentlich ausgerichtet. Die jüdischen Reisebeschreibungen aus dem Mittelalter, die ich momentan vor dem Einschlafen
lese, habe ich bereits in die Tasche gesteckt. In der Dunkelheit erinnere ich mich, wie ich als Kind in den Nächten auf die
vorbeifahrenden Züge gewartet habe. Das Haus meiner Eltern stand am Bahndamm, jede halbe Stunde fuhr ein Zug vorbei. Wenn
einer ausfiel, erwachte ich. Später bin ich selbst in den Zügen gesessen. Mein Vater brachte mich auf den Bahnhof. Er
mochte Bahnhöfe. Er war auf einem aufgewachsen, in einer Wohnung über den Bahnsteigen, die durch einen Bombenangriff
gegen Ende des Krieges zerstört worden war. Er las die Schilder an den bereitstehenden Wagen, während wir auf meinen
Zug warteten. Ich wusste, dass er mich beneidete. Sobald der Schaffner die Türen schloss, hob mein Vater die Hand. Dann
ging er davon, ohne sich umzusehen. Seine Mutter war kurz nach dem Bombenangriff gestorben. Ich kenne sie nur von dem Foto mit
ihren Geschwistern, das ich nach dem Tod meines Vaters in seinen Ordnern fand.
Als ich zum ersten Mal in der Nacht erwache, ist das beklemmende Gefühl überwältigend. Ich denke an die Fremdheit,
die ich in den erleuchteten Sälen empfinden werde, die Einsamkeit in den weissen Hotelbetten, und wie die Veranstalter,
nachdem sie sich von mir verabschiedet haben, in ihre vertrauten Stuben zurückkehren werden. Ich sehe die Gefahren, die
mir drohen: das Flugzeug wird abstürzen, das Auto wird sich auf dem Weg zum Flughafen überschlagen, ich werde mir
schlaftrunken, noch bevor ich das Haus verlassen habe, in der Dusche den Hals brechen. Mit jeder Faser meines Körpers
spüre ich das bevorstehende Unglück. Es wäre fahrlässig, meine Ahnung nicht zu beachten. Ich habe schon
andere Ereignisse vorausgesehen, Unfälle, Todesfälle, und einmal habe ich im Traum einen verlorenen Siegelring
wieder gefunden.
Alexander dreht sich im Bett neben mir. Ich bin sicher, dass ich den Artikel, den er sucht, noch irgendwo habe. Am Tag,
schrieb der Verfasser, bleiben die Kraken gewöhnlich in ihren Höhlen, deren Eingänge sie mit Steinen
verschliessen. Nur die leeren Krabbenschalen davor deuten auf ihre Existenz.
Verzweiflung reisst mich aus dem Schlaf. Ich habe geträumt, ich fahre durch ein Parkhaus und könne den Ausgang
nicht finden. Vor dem Fenster ist es dunkel, nur die Zweige des Eukalyptus heben sich gegen den sternenlosen Himmel ab.
Eine Freundin hat mir den Baum vor vielen Jahren als winzigen Schössling aus Australien gebracht. Es bleiben bloss
noch ein paar Stunden bis zum meiner Abreise.
Wenn ich zu Hause bliebe, könnte ich am Morgen dem Strand entlang spazieren und die Graugänse beobachten, die
dort auf ihrem Zug zu ihren Brutplätzen im Norden Halt machen. Ich könnte ins Dort fahren und bei der
Fischhändlerin Jakobsmuscheln fürs Abendessen kaufen, im Postamt von Mary die neuesten Geschichten aus dem
Asylantenlager hören. Ich könnte die Stapel auf meinem Schreibtisch in der Garage in die Ordner abheften,
nochmals nach dem Artikel für Alexander suchen. Der Krake gehört zu den klügsten Lebewesen der Welt.
Er ist vollkommen taub, aber seine Augen sehen alles, und er kann die Farbe und Beschaffenheit seiner Haut verändern...
Das herausgefallene Foto kommt mir in den Sinn. Der Bruder meiner Grossmutter war als junger Mann auf der Wanderschaft
nach Bosnien gelangt und hatte dort in einem Trappistenkloster Arbeit gefunden. Dreissig Jahre später kehrte er,
vom Krieg vertrieben, als Mönch nach Hause zurück. Ich erinnere mich an seine Nase, an der im Winter manchmal
ein Tropfen hing, und an das leichte Stottern am Beginn seiner Sätze. Er sprach niemals von seinen Reisen.
Die Schwester meiner Grossmutter hat allein in einem Haus am Hang über der Stadt gewohnt. Es war von sonderbaren
Düften erfüllt: Myrrhe, Vanille, Zimt und Koriander. Auf dem Klo hingen Postkarten aus aller Welt, und wenn
ich artig war, durfte ich auf dem Dachstock die Truhen öffnen, in denen sie die Tücher, Teppiche und Pelze
aufbewahrte, die sie in Basaren und Oasen gekauft hatte. In der Vitrine mit ihre Muschelsammlung lag auch das purpurne
Herz mit George Washingtons goldenem Kopf darauf, das der Bruder meines Vaters, mein Onkel, bekommen hatte. Er war in
seiner Schulzeit nach Amerika durchgebrannt. Jahrzehnte später meldete er sich wieder. Er war Helikopterpilot
geworden und starb in Vietnam. Ich wusste, dass ich meine Grosstante nicht nach dem Orden fragen durfte.
Alexander beginnt zu schnarchen. Die Verbrennungen an seinen Fingern scheinen ihn nicht zu stören. In dem Artikel
stand, dass Kraken ihre Beute anlockten, indem sie die Spitzen ihrer Arme wie Würmer im Sand bewegen. Einmal
gefangen spritzen sie Gift und ein verdauendes Enzym in ihr Opfer. Wenn ein Krake einen seiner Arme verliert, wächst
an der gleichen Stelle ein anderer nach.
Als ich das nächste Mal erwache, hat sich das Leintuch um meine Beine gewickelt. Ich sehe die drei Gesichter auf
dem Foto vor mir. Es ist mir nie aufgefallen, wie sehr sie sich gleichen, das dunkle Haar, die breiten Wangenknochen,
die Schatten unter den Augen. Draussen ist immer noch Nacht. Eine Weile lang versuche ich meine Beine zu befreien,
dann bleibe ich liegen. Mein Vater hat nicht von seiner Familie gesprochen. Ich weiss, dass sie aus einem Bergtal
stammten, in dem im Jahrhundert zuvor Zigeuner angesiedelt wurden. Alexander atmet regelmässig neben mir. Ein
heller Punkt schiebt sich zwischen den Eukalyptusästen über den Himmel. Ich bin nie in Australien gewesen.
Es wird ganz einfach sein: ich werde die Veranstalter anrufen, die Hotelzimmer abbestellen, der Flug wird verfallen ...
Auch das habe ich mir schon viele Male vorgestellt. Das Gehirn eines Kraken gleicht dem des Menschen, er lernt wie
wir aus seinen Erfahrungen.
Alexander schläft noch, als ich am nächsten Morgen vom Meer zurückkomme. Nach dem Duschen betrachte
ich mein Gesicht im Spiegel, die breiten Wangenknochen, die Schatten unter den Augen. Bevor ich in die Garage gehe,
lege ich die Krabbenschale, die ich am Strand gefunden habe, auf den Küchentisch. Der Verfasser des Artikels hat
keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Berichte des Meeresbiologen nicht glaubte, der Riesenkrake war eine Erfindung.
Zwischen den Bäumen im Garten ist es so dunkel wie am Abend zuvor. Die Sehnsucht des Forschers war wirklich genug,
um ihn in den Tod zu treiben. Wie im Traum weiche ich der herabhängenden Brombeerranke aus.
© Gabrielle Alioth (erstmals erschienen in: „Unterwegs Zuhause Im Kopf“, drehpunkt 121, 2005)
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