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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Paris — d'ailleurs

von Gabrielle Alioth

Wenn je eine Veranstaltung von langer Hand geplant wurde, dann diese. Monate vor Erscheinen der Anthologie schlug Katharina Born bereits vor, den Band und unser Zentrum am Goethe Institut in Paris zu präsentieren und machte sich auch gleich mit mitreißendem Enthusiasmus ans Organisieren. Einmal geschlüpft fraß sich das Programm zur vielfüßigen Raupe, die — wie auch die Stimmung — ihre eigenen Wege ging, um sich in den letzten Septembertagen im undurchsichtigen Kokon der Zuständigkeiten zu verpuppen.

An einem neblig–sonnigen Herbstmorgen fahre ich Richtung Paris, der TGV einmal mehr eine Enttäuschung, enger als ein Charterflug, älter als ein irischer Schulbus, und voll vorzeitig verschwitzten Geschäftsherren. Die beiden mir gegenüber bereiten sich darauf vor, ihren französischen Bankpartnern die Leviten zu lesen. Das Ferienhaus des Direktors als Garantie? Unmöglich. Und hast du die transitorischen Passiven gesehen? Vor den Zugsfenstern die Weite Frankreichs. Mais je te préviens ...die Jacques Brél–Melodie im Kopf ... d'ailleurs j'ai horreur de tous les flonflons, de la valse musette et de l'accordéon ...

In Paris allerdings erwarten mich weder Walzer noch Akkordeon, sondern eine durch neutestamentarische Lektüre geläuterte Nadine Englhart und ein verschlafener Dieter Schlesak, der die Nacht durchgereist ist, um an diesen Veranstaltungen teilzunehmen, beide im Foyer Le Pont, in dem uns das Goethe Institut untergebracht hat und das mit seinen Plastiknasszellen und dem Terrassenblick über die Dächer die Solidität eines Hochseedampfers in Großstadtwogen verbreitet.

Uns in unseren anthropologischen Interessen bestärkend finden Nadine und ich am späten Mittwochnachmittag durch drei Metrostationen den Weg von der linken auf die rechte Seine–Seite zur Place d'Iéna und von dort — einmal kehrt — zum Goethe Institut. Unangenehm pünktlich (die Schweizer Gene), das „Déjà!“ aus dem Telefon ist nicht zu überhören, als der Herr an der Rezeption uns anmeldet.

Warum es uns trotz unseres vorzeitigen Eintreffens nicht gelingt, einen Büchertisch für den Abend zu organisieren, die von Hans–Christian Oeser liebevoll besprochene CD mit den Namen unseren verstorbenen Mitglieder als Trailer ins hauseigene Tonsystem einzuspeisen oder auch nur zu klären, ob und wann es an diesem Abend etwas zu essen gibt, bleibt ein Rätsel wie vieles andere in den folgenden 48 Stunden. Dennoch beginnen wir den Abend mit einem überzeugenden Auftakt: Katharina Borns Einführung und die von ihr ausgewählten Texte unserer verstorbenen Mitglieder sind eine exzellente Einstimmung, und Cornelia Geisers gekonnter Umgang mit beiden Sprachen versichert uns, dass eine deutsch–französische Verständigung nicht nur möglich sondern auch wünschenswert ist.

Dass nicht nur aus unseren Reihen im Programm angekündigte Autoren fehlen, sondern auch der türkische Kollege mit unentschuldigter Abwesenheit glänzt, beruhigt zwar das zentrumsinterne schlechte Gewissen, trägt aber weder zur Stimmung der Veranstalterinnen, der Mitwirkenden noch des Publikums bei. Der erste Leseblock bleibt gezwungenermaßen dünn, und nach einer ungeplant langen Pause diskutieren George Arthur Goldschmidt und Barbara Honigmann allein mit einer ebenfalls gezwungenermaßen falsch vorbereiteten Christine Lecerf über ihre Befindlichkeit als Deutschschreibende — oder auch Deutschschreibende, wie G. A. Goldschmidt mehrfach betont — im französischen Ausland. Dass unser Zentrum dabei zur Vereinsmeierei verkommt, ärgert, und die Erleichterung ist groß, als ein Mitglied des französischen PENs sich für uns in die Bresche schlägt. Das anschließende Essen übrigens spendiert das Goethe Institut und nicht zu knapp, so dass wir uns zu vorgerückter Stunde beschwingt in ein Taxi pferchen und durch das nächtlich beleuchtete Paris zu unserem Dampfer zurückfahren lassen.

Am Donnerstagnachmittag finden wir vor der Bibliothèque natinonale de France, Site François–Mitterrand (Entrée Est!) wieder zusammen. Dank der Vermittlung des Goethe Instituts führt uns die Leiterin der deutschen Abteilung durch den monumentalen Bau, in dem die Buchbestände in Türmen, die Leser in Kellern verwahrt werden, und dessen Sicherheitsschleusen jeden Flughafen in den Schatten stellen. In den Regalen der deutschen Handbibliothek suchen manche gezielt, andere gezielt nicht nach ihren eigenen Werken. Alle betrachten wir fasziniert den künstlich geschaffenen Urwald im Innern des Baus, den ein (eingeflogenes?) Kaninchen so erfolgreich für seine eigenen Recherchen nutze, dass 28 seiner Nachkommen entfernt werden mussten.

Der Abend setzt sich im kleineren aber ansprechenderen Rahmen der Bibliothek des Goethe Instituts fort. Inzwischen ist auch der Büchertisch tadellos aufgebaut. Die Mitwirkenden sind diesmal vollzählig, das Publikum leider noch weniger zahlreich erschienen. Aber der Qualität der Lesungen tut dies keinen Abbruch, und die anschließende, von Nicole Bary moderierte Diskussionsrunde “Départ et rupture — Conserver sa langue? Conserver l’origine?” mit Katharina Born, Martin R. Dean, Vénus Khoury–Ghata und Jean Portante ist zweifellos der Höhepunkt unserer Zeit in Paris. Hier wird verhandelt, was uns betrifft, was wir — in der Sprachfremde schreibend — gewinnen und verlieren können, was wir fürchten und worauf wir hoffen.

Fast etwas widerwillig lassen wir uns vom Gesandten der deutschen Botschaft aus der anregenden und natürlich endlosen Diskussion zu einem weiteren Essen in dem bereits bewährten Restaurant um drei Ecken geleiten. Noch einmal fährt uns danach ein Taxi durch das nächtliche Paris, diesmal bleiben wir in den Nebenstrassen abseits lichtüberfluteter Plätze. Aber vielleicht macht sich gerade darum die Zuversicht breit, dass aus dem Planungskokon unseres Pariser Programms, wenn kein prachtvoller Schmetterling so doch ein ganz ansehnlicher Falter schlüpfte, der sich auch unter nicht in jeder Hinsicht idealen Bedingungen zu behaupten vermochte — so wie unser Zentrum in den letzten 75 Jahren.


© 2009 by Gabrielle Alioth

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