P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Im Wald
Eine Armlänge Abstand, immer eine Armlänge Abstand. Durch lauschige Wälder, grünes Murmeln. Wasser fällt in
weichem Bogen über den Hang, zieht am Steg vorbei. Sie hört es gerne. Im Winter, sagt er, ist es hier viel wilder, die Felsen
sind voll Eiszapfen. Sie kennt das, sieht eine weit höhere Felswand, mit blitzenden Stacheln gepanzert.
Die Sonne scheint nicht, es fällt kein Regen. Es fallen einige Tropfen. Es ist nicht heiss, es ist nicht kalt. Sie schlingt den
blauen Pullover um die Hüften.
Sein Atem geht schwer, den Hang, die vielen hölzernen Stufen hinauf. Ihr Atem geht leicht, gerne ginge sie schneller. Im Gehen,
im stundenlangen Gehen, spürt sie noch ihren Körper. – Er geht auf den Aussenrändern der Schuhe. Er weist darauf hin,
ohne Erklärung. Ein Jogger saust vorbei, in schwarzgelbem Dress, die Flasche auf den Rücken geschnallt.
Sie verschränkt die Arme vor der Brust, er die Hände hinter dem Rücken. Eine Armlänge Abstand. Waldromantik
von einst, der Steg, die Sitzbank, der Ausblick: zwischen Bäumen ein braunrotes Dach, ein Treppengiebel – das Schlösschen,
wo einst der Dichter wohnte, in ländlicher Stille. Er war ein Schmarotzer, sagt sie.
Der andere aber, der grüne Heinrich: Sein Wald lebt noch immer, im Heute. Sie gehen darin, die Zeit steht still. Eine
Armlänge Abstand.
© 2009 Irène Bourquin, Aus: Im Nachtwind, Siebenundfünfzig gestochen scharfe Erzählungen, Waldgut
Verlag, Reihe lektur Band 23, Frauenfeld 2009.
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