P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Franz Werfel und ‘Die vierzig Tage des Musa Dagh’
Vortrag in der Wiener Nationalbibliothek im Herbst 2006
Eure Exzellenz, sehr verehrte Frau Rachinger, liebe Alma Zsolnay,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
Vor bald zwanzig Jahren, im Frühling 1987, habe ich ein Buch abgeschlossen, an dem ich vier Jahre lang ohne
Unterlaß gearbeitet hatte: ‘Franz Werfel, Eine Lebensgeschichte’. Ich habe diese Zeit der
Auseinandersetzung mit einem der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts als eine besonders
fruchtbare in Erinnerung, auch wenn es Wochen geben mochte, in denen ich befürchtete, unter der Last
meiner Recherche–Ergebnisse erlahmen zu müssen. Die Begegnungen mit rund dreißig Zeitgenossen
Franz Werfels, die übrigens heute beinahe ausnahmslos nicht mehr unter uns weilen, zählte zu einem der
spannendsten Elemente meiner rastlosen Suche nach einer ungemein facettenreichen Biographie, die zuvor nie in
präziser, chronologischer Form aufgeschrieben worden war. Das Werk Franz Werfels hat die Zeit nicht
unbeschadet überdauert: Sein einstiger Weltruhm ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Will man außerhalb
des deutschen Sprachraums Interesse für Werfel wecken, sei es in Frankreich, Italien, England, den Vereinigten
Staaten, dann reagieren Gesprächspartner nur dann auf den Namen des bedeutenden pragerdeutschen Dichters wenn
man hinzufügt: Er war einer der Ehemänner von Alma Schindel–Mahler–Gropius–Werfel…
“Ah!“ lauten dann die Reaktionen. Und dabei bleibt es dann aber auch.
Während meiner jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Werfel’schen Kosmos gab es jene Werke, die mich
begeisterten und jene, die ich als eher veralteten Kitsch abtun mußte, so leid es mir auch tat. Zwei seiner
Romane aber hielt ich für Werke, die viele Generationen überdauern würden, von denen man womöglich
auch noch in drei–, in vierhundert Jahren eine gewisse Ahnung haben werde: Den letzten, 1945 posthum erschienenen
Science–Fiction–Roman ungewöhnlichster Art, ‘Stern der Ungeborenen’, und sein im Jahr der
nationalsozialistischen Machtübernahme publiziertes, 870 Seiten umfassendes Magnus Opus ‘Die vierzig Tage
des Musa Dagh’.
Es gibt wohl kaum ein Buch des zwanzigsten Jahrhunderts, das eine größere Aktualität besitzt als
‘Die vierzig Tage des Musa Dagh’ – leider besitzt es diese Aktualität bis in unsere unmittelbare
Gegenwart hinein, und, wie zu befürchten steht, weit über unsere Gegenwart hinaus. Werfel hat durch die
Nachzeichnung des wohl ersten systematischen Völkermords in der Geschichte der Menschheit nicht nur den
ungeheuerlichen Vernichtungsfeldzug des nationalsozialistischen Systems gegen die jüdische Bevölkerung
ganz Europas vorausgefühlt, sondern zugleich jene Völkermord–Wiederholungen metaphorisch
überhöht, die unseren Planeten nach 1945 erschüttern sollten: Ich nenne nur Kambodscha und die
Roten Khmer, ich nenne Uganda und Ruanda, die ethnischen Säuberungen in Ex–Jugoslawien, derer sich
sowohl Kroaten, als auch Bosnier, als auch Serben, als auch Kosovo–Albaner schuldig gemacht haben, ich nenne
Tchetschenien und ich nenne – nicht zuletzt! – Darfur, wo in den letzten Jahren 200 bis 400 Tausend
Menschen auf bestialische Weise ermordet wurden. Die Liste ließe sich um Dutzende Beispiele verlängern.
Erst letzte Woche berichtete die Londoner ‘Times’, der Iran verfolge seine arabische Minderheit zu,
rund 250.000 Ahwazis seien bereits aus ihren Dörfern vertrieben worden, bis zu 400.000 sollen bis zur
Erschaffung einer neuen militärisch–industriellen Schutzzone nahe der Grenze zum Irak obdachlos
gemacht werden.
‘Die vierzig Tage des Musa Dagh’ haben allen zukünftigen Verfolgungen von ethnischen Minoritäten
und allen zukünftigen Völkermorden ein Denkmal gesetzt. Wie schade, daß der Roman nicht zur
Pflichtlektüre an jeder Schule, in jeder Nation erkoren wurde. Aber welchem Schüler, welcher Schülerin
kann man 870 Seiten Lese–Arbeit zumuten? Und welchem Erwachsenen erklären, daß die doch etwas verstaubte
Sprache, derer Franz Werfel sich vor über siebzig Jahren bediente, nur eine dünne Staubschicht sei, die man mit
einem einzigen kräftigen Ausatem–Zug wegblasen könne – kaum hat man zwanzig, dreißig Seiten dieses
epochalen Romans gelesen, ist man bereits von ihm eingefangen, umfangen, bestrickt, begeistert sogar…
Ich gehe davon aus, daß viele von Ihnen den Inhalt der ‘Vierzig Tage des Musa Dagh’ gut kennen, möchte
die dramatische Geschichte, welche Werfel hier entfaltet nur knapp andeuten: Sein fiktiver Protagonist, Gabriel Bagradian,
kehrt nach mehr als zwanzig Jahren, die er in ”völliger Assimilation“ in Paris verlebt hat, in seine Heimat am
Fuße des Musa Dagh zurück. Er ist mit Juliette, einer Französin, verheiratet, sein Sohn Stephan wurde
französisch erzogen; der Besuch in Yoghonoluk, von Familienangelegenheiten diktiert, soll nur kurze Zeit in Anspruch
nehmen – doch während sich Bagradian mit Frau und Kind in Armenien aufhält, bricht der Erste Weltkrieg aus.
Die Familie sitzt fest. Gabriel wird in die vom ottomanischen Imperium verhängte Verschickung der armenischen Minderheit
verwickelt, die in den verschiedenen Provinzen des Reichs leben. Er wird zum Helden wider Willen, zum Anführer einer
kleinen Gruppe verwegener Männer, Frauen und Kinder, die sich nicht in den Tod treiben lassen, sondern bewaffnet auf
den Berg Musa zurückziehen, wo sie wochenlang den Angriffen der türkischen Übermacht trotzen und dem Feind
empfindliche Verluste beibringen. Als aber all ihre Munition und ihr gesamter Nahrungsmittelvorrat aufverbraucht sind,
werden sie, wie durch ein Wunder, von französischen Kriegsschiffen gesichtet und von Marinesoldaten gerettet.
Gabriel Bagradian kommt im Kampf um, während vor seinen Augen die Errettung seiner Volkgenossen vonstatten geht.
Wie Moses, der am Tag, bevor Israel das Gelobte Land betritt, auf dem Berg Nebo sterben muß…
Ich erinnere mich an eine Begegnung in Jerusalem, im Frühjahr 1979, es war mein erster Aufenthalt in der heiligen Stadt,
und ich besuchte den armenischen Sektor, einen Ort der Ruhe und des Friedens. Ich kam dort mit Kevork Hintlian ins Gespräch,
einem Historiker, der gleichzeitig als Pressesprecher und ”Außenminister“ des armenischen Viertels fungierte. Als
er erfuhr, daß ich Schriftsteller sei, aus Los Angeles gebürtig, in Wien aufgewachsen, daß meine Vorfahren
väterlicherseits aus Prag stammten, da meinte er sofort: ”Dann kennen und lieben Sie mit Sicherheit Franz Werfels Roman
‘Die Vierzig Tage des Musa Dagh’?!“ Wie enttäuscht hat Kevork Hintlian reagiert als er erfahren
mußte, daß mir der Name Franz Werfel zwar nicht ganz unbekannt war, als Mitglied des Prager Kreises, ein
Freund Franz Kafkas, Max Brods, Egon Erwin Kischs, daß ich aber keines seiner Werke je gelesen hatte. Und er hielt
daraufhin eine glühende Rede auf Werfel, den das armenische Volk als einen ihr ganz Großen betrachte, als ihren
Volkshelden gar: ”Sein Werk garantiert – und das wird Ihnen jeder Armenier auf der Welt, ob in Los Angeles, in Paris, ob in
Beirut oder Venedig bestätigen – es garantiert, daß niemals vergessen wird, was unserem Volk geschehen ist!“
Es war nicht zuletzt diese Begegnung in Jerusalem, die mich auf Werfels Fährte brachte, es war dies mit Sicherheit eines
der auslösenden Momente, die mich bewogen haben, mich mit seiner Biographie und seinem Werk so ausführlich
auseinanderzusetzen.
Wenige Jahre nach meiner schicksalshaften Begegnung in Jerusalem wußte ich mehr, sehr viel mehr: Zu Beginn des Jahres
1930 unternahm das Ehepaar Werfel ihre zweite Nahostreise; sie besuchten zunächst Ägypten, fuhren dann nach
Palästina weiter. Und von Jerusalem nach Syrien und in den Libanon. Ein schwerbewaffneter Fremdenführer, der sie
auf dieser Reise begleitete, führte die beiden durch das zerfallene, traurigschmutzige Damaskus, zeigte ihnen, unter
anderem, auch eine große Teppichweberei. Um die vielen Webstühle herum kauerten verkrüppelte, ausgemergelte
Jugendliche, Sechzehn–, Siebzehnjährige, die tatenlos vor sich hinzudämmern schienen. Auf Werfels Frage, wer
denn diese Erbarmungswürdigen seien, entgegnete der Fabrikherr, er habe sie einst aufgenommen, um sie vor dem Hungertod
zu retten – es seien Waisen, Kinder armenischer Christen. In den Jahren 1915 bis 1917 seien über eine Million Menschen
einem Massaker unvorstellbaren Ausmaßes zum Opfer gefallen – auf Befehl des damaligen jungtürkischen Regimes,
eines Verbündeten Deutschlands während des ersten Weltkriegs. Werfel erinnerte sich, in den großen
europäischen Zeitungen von dem Völkermord an den Armeniern gelesen zu haben – er gab sich sogar damals schon das
Versprechen, eines Tages einen geschichtlichen Roman über dieses Thema zu verfassen. Aber erst die persönliche
Konfrontation mit den armenischen Jugendlichen ließ die abstrakte Zahl der Toten zur erschütternden Realität
werden. Das Erlebnis ließ ihn nicht mehr los: überall versuchte er nun, mehr über das Schicksal der Armenier
zu erfahren, machte Überlebende ausfindig, die ihm von den Greueltaten Genaueres berichten konnten. Und so erfuhr er,
zum Beispiel, von jener rund fünftausendköpfigen Gemeinde, die sich auf den sogenannten Moses–Berg, den
Musa Dagh zurückgezogen und mit Waffengewalt gegen die Türken gekämpft habe.
Nach Wien zurückgekehrt, nahm Werfel sogleich Kontakt zu dem mit ihm befreundeten französischen Konsul, Conte
Clauzel auf und bat ihn, ihm offizielle Unterlagen zu dem Völkermord an den Armeniern zu überlassen. Clauzel
verschaffte Werfel französische Untersuchungsprotokolle zu den Verbrechen der jungtürkischen Regierung, sowie
sehr zahlreiche Zeugenaussagen von Überlebenden der Massaker – auch Dokumente, die den heldenhaften Freiheitskampf
einer Gruppe Aufständischer auf dem Musa Dagh belegten.
Werfel suchte in der Folge das armenische Kloster der Mechitaristen auf (das es heute noch gibt – an der selben
Adresse, in der Mechitaristen–Gasse, im 7. Bezirk, und wo man sich auch mir gegenüber während meiner
Recherchearbeit als ungemein hilfreich erwies) und traf hier mit Erzbischof Mesrop Habozian zusammen, der seinen Gast
nachdrücklich ermutigte. Er stellte ihm die große Bibliothek des Klosters zur Verfügung, wo Werfel im
Juni 1930 zu recherchieren begann: Er studierte hier die Augenzeugenberichte eines prominenten Priesters namens Dikran
Andreasian sowie Landschaftsbeschreibungen der Gegend um den Mosesberg am Golf von Alexandrette; er las über die
Flora und Fauna der Region, notierte sich Namen armenischer Persönlichkeiten, skizzierte bereits erste Entwürfe
eines möglichen Handlungsablaufs für das geplante Buch.
Erst zwei Jahre später, im Frühjahr 1932, begann Franz Werfel mit der Niederschrift des Romans. Er zog sich in
sein Arbeitshaus in Breitenstein am Semmering zurück. Das intensive Quellenstudium, dem er sich in den vergangenen
zwei Jahren unterzogen hatte, kam nun bis in kleinste Details zur Geltung und sorgte, nicht zuletzt, für höchste
Authentizität. Der mit ihm befreundete Journalist Milan Dubrovis berichtete mir, Werfel habe ihn sogar beauftragt,
hier nebenan, in der Wiener Nationalbibliothek in geographischen Folianten nachzuschlagen, um zu eruieren, welches Klima
im Sommer 1915 in Anatolien vorgeherrscht habe, welche Winde dort wehten, wieviel Niederschlag gemessen worden war. Vor
allem aber achtete er auf historische Genauigkeit, erzählte in überaus gewissenhafter Weise die Hintergründe
nach, die zu den erschütternden Ereignissen rund um den Völkermord geführt hatten: Die islamische,
jungtürkische Regierung mißtraute, insbesondere nach Kriegsausbruch, ihren armenisch–christlichen
Mitbürgern, bezichtigte sie, Aufstände anzuzetteln, mit dem feindlichen Ausland, mit Rußland vor allem,
paktieren zu wollen. Verdächtigungen, die den türkischen Machthabern Enver Pascha, Talaat Pascha und Mustafa
Kemal genügten, über rund zwei Millionen Menschen das Todesurteil zu verhängen. In einem von Talaat Pascha
unterzeichneten Erlaß kommt der Satz vor: ”Das Verschickungsziel ist das Nichts.“ Mehr als eine Million
Männer, Frauen und Kinder fielen diesem ersten staatlich angeordneten Völkermord der Geschichte zum Opfer.
Die Türken führten die aus Westanatolien, Kilikien und Nordsyrien Vertriebenen in sogenannte
Konzentrationslager. Viele starben bereits auf den langen Märschen durch die Wüste an Erschöpfung, andere
wurden erschlagen, erschossen, verbrannt, ertränkt – oder man ließ sie verhungern.
Dem Verschickungsbefehl widersetzte sich allein die Einwohnerschaft einiger kleiner Gemeinden am Fuße des Musa Dagh:
Der bereits erwähnte Augenzeuge Dikran Andreasian, dessen Berichte Werfel zu einer der Grundlagen seines Werks
machte, sprach von vierundzwanzig Tagen Aufenthalt auf dem Hochplateau des Mosesbergs, in anderen Dokumenten war
verschiedentlich von sechsunddreißig Tagen die Rede – Franz Werfels vierzig Tage rufen biblische Assoziationen wach:
vierzig Tage und Nächte währte die Sintflut, vierzig Tage und Nächte blieb Moses auf dem Berg Sinai,
vierzig Jahre zog das Volk Israel durch die Wüste.
Während die Niederschrift des Romans fortschritt, herrschten in Österreich Dollfuß’ faschistoide
Heimwehren, kam in Deutschland Adolf Hitler an die Macht. Nachdem die NSDAP bei den Reichstagswahlen vom 5.März
1933 44% der Wählerstimmen erhielt, schrieb Werfel an die Ränder und auf die Rückseiten seines
Musa–Dagh–Manuskripts: ”Die schrecklichen Vorgänge in Deutschland“ raubten ihm ”jede Konzentration.
Er sei ”geistig tief erschöpft“ hieß es da, ”nur mühsam“ ringe er sich Satz
für Satz ab. ”Vielleicht müßte auch handlungsmäßig alles anders sein!“
In einem Brief an seine Eltern, den er im März 1933 im italienischen Kurort Santa Margherita verfaßte,
heißt es: ”Ich bin ganz in meinem neuen Buch versunken, das seinem Ausmaß nach riesig wird, zwei Bände,
1000 Seiten? (…) Es wird vielleicht mein Hauptwerk sein. (…) Ungeheure Verantwortung hängt daran. Durch die
Ereignisse hat es symbolische Aktualität bekommen: Unterdrückung, Vernichtung von Minoritäten durch
den Nationalismus. (…) Ich will meine Kraft lieber an ein Werk verzetteln als an ein leeres Wehgeschrei. Was
geschehen wird, das wird geschehen. Wahrscheinlich wird aber gar nicht soviel geschehen.
(Ich lebe im Armenier–Schicksal und da bekommt man andre Perspektiven)…“
Er konnte sich nicht vorstellen, daß die Realität der Judenvernichtung längst beschlossene Sache war.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß Adolf Hitler einigen skeptischen Offizieren, die ihm unmittelbar vor
Kriegsbeginn zu Bedenken gaben, Deutschlands Ansehen im Ausland könnte Schaden nehmen, wenn man tatsächlich
versuche, das jüdische Volk zu vernichten, zur Antwort gab: ”Wer erinnert sich denn heute noch an die Massaker
der Türken am armenischen Volk?“
Einige Wochen nach Werfels Schreiben an seine Eltern, brannten auch seine Werke auf den Scheiterhaufen deutscher
Städte – und immer noch glaubte Werfel, der Spuk werde bald vorbei sein. Er schrieb unbeirrt weiter. Ende
Mai 1933 beendete er die erste Niederschrift der ‘Vierzig Tage’ – und begann fast umittelbar danach,
wiederum in Breitenstein am Semmering, an der zweiten Fassung zu arbeiten. Er versuchte, jede
Schwarz–Weiß–Malerei zu vermeiden, die den Armeniern nur gute, den Türken nur böse
Attribute zugeschrieben hätte. In den Randnotizen des Manuskripts ermahnte er sich jetzt selbst:
”Nicht gegen Türken polemisieren“, ”Irgendwo muß Enver Pascha im Recht sein“.
Der Roman wies nachdrücklich auf oppositionelle türkische Intellektuelle und muslimische Geistliche
hin, die das politische Geschehen im eigenen Land zutiefst bedauerten und ihre Machthaber verabscheuten.
Vor der Drucklegung des ‘Musa Dagh’ schrieb Werfel noch eine dritte und eine vierte Fassung, arbeitete
manche Passagen der drei Bücher, in die das Werk unterteilt war (”Das Nahende“, ”Die Kämpfe der
Schwachen“, und ”Untergang – Rettung – Untergang“) bis zu achtmal um, wie mir Milan Dubrovic versichert
hat. Er arbeitete täglich von zehn Uhr vormittags bis ein Uhr nachts, fühlte sich zeitweise krank und
erschöpft, belastete seinen Organismus überdies durch allzu viel Zigarren– und Zigarettenrauchen:
”das Nikotin ist ein Unheil“ hieß es in einem seiner für ihn so typischen Klagebriefe an Alma.
‘Die vierzig Tage des Musa Dagh’ erschienen Ende November 1933 – in Österreich und in der Schweiz
reagierte die Öffentlichkeit nahezu einhellig mit enthusiastischer Zustimmung auf das Buch. Um so ablehnender,
ja gehässiger hingegen lief man, von offizieller Seite, in Deutschland gegen das Armenier–Epos Sturm.
Selbst dem unsensibelsten Leser mußten die Parallelitäten zwischen jungtürkischem Nationalismus
und nationalsozialistischem Gedankengut aufgefallen sein. (Ich zitere nur eine Textstelle aus dem ersten Teil
des Romans, 1932 geschrieben, zehn Jahre vor der Wannseekonferenz, eine geradezu prophetische Sicht auf die
Ereignisse im Dritten Reich,: ”Am nächsten Tag zur anbefohlenen Stunde ging wirklich der erste gramvolle
Transport ab und eröffnete damit eine der furchtbarsten Tragödien, die je zu einer geschichtlichen
Zeit über ein irdisches Volk hereingebrochen ist. (…) Den Armeniern winkte kein Schutz, keine Hilfe,
keine Hoffnung. (…) Eingepfercht in ein schleichendes Rudel von Elenden, in das wandernde Konzentrationslager,
wo niemand ohne Erlaubnis auch nur seine Notdurft verrichten darf.“
Obwohl innerhalb des Reichs keinerlei Propaganda für den Roman verbreitet werden durfte, setzten die
deutschen Buchhändler dennoch all jene Exemplare ab, die sie vorbestellt hatten. Daß es aber
gestattet war, ein Werk des ”Verbrannten Dichters“ Werfel überhaupt zu verkaufen, muß zu
den Widersprüchen der ersten Monate nach Hitlers Machtübernahme gezählt werden.
Bestrebungen, das Buch verbieten zu lassen, ließen nicht lange auf sich warten. So bemühte sich,
zum Beispiel, ein prominenter türkischer Journalist und Schriftsteller persönlich darum, den
zuständigen Stellen im Reich ein Verdikt nahezulegen, da sich die ‘Vierzig Tage’ in
beleidigender und aggressiver Weise gegen die Türkei, einen Verbündeten Deutschlands in den
Kriegsjahren 1914 bis 1918, richte.
Anfang Februar 1934, also nur zwei Monate und ein paar Tage nach Erscheinen des ‘Musa Dagh’, wurde der
Roman gemäß § 7 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz des Deutschen Volkes beschlagnahmt
und landesweit eingezogen. Der Inhalt des Werks, so die offizielle Verlautbarung, sei geeignet, die öffentliche
Sicherheit und Ordnung zu gefährden. Eine Entscheidung, die die gleichgeschaltete deutsche Presse
stürmisch begrüßte. ”Ich stehe gewissermaßen in den sogenannten ‘besten Jahren’
nach pausenloser Arbeit auf den Ruinen meiner selbst“, schrieb nun Franz Werfel, aus Santa Margherita, an
seine Schwiegermutter Anna Moll. ”In Deutschland werde ich aus dem Buch und aus den Büchern der Lebendigen
gestrichen, und da ich doch schließlich ein deutscher Autor bin, hänge ich im leeren Weltraum.“
Wenige Tage später verwandelten die Folgen der Februarunruhen 1934 die Republik Österreich unter ihrem
Bundeskanzler Engelbert Dollfuß in eine kleriko–faschistische Diktatur. Werfel verfiel in immer tiefere
Depressionen, es gelang ihm kaum noch, konzentriert zu arbeiten. Nur eine erfreuliche Nachricht erreichte ihn in
diesen tristen Tagen: das Filmstudio MGM, in Hollywood, zahlte eine Option von $ 20.000.–, auf die Rechte
für ‘Die vierzig Tage des Musa Dagh’, damals eine beträchtliche Summe. (Zur Verfilmung sollte
es nie kommen: türkische Diplomaten und hohe Regierungsfunktionäre haben das Projekt immer wieder zum
Scheitern gebracht. Es gibt eine armenische Adaption aus dem Jahr 1982, von Sarky Mouradian, die ich nie gesehen
habe, von der man mir aber berichtet, sie sei ganz und gar mißglückt.)
Im Herbst 1934 erschienen ‘The Forty Days of Musa Dagh’ in den Vereinigten Staaten und wurden zu einem
großen Erfolg, hielten sich wochenlang auf Platz eins der amerikanischen Bestsellerliste. Als Werfel im
November 1935 erstmals in seinem Leben in die USA reiste, in Begleitung seiner Frau, Alma, bereiteten ihm in New
York lebende Exil–Armenier einen stürmischen Empfang, luden ihr Idol, den Verfasser ihres Nationalepos,
von einer Dinner–Veranstaltung zur nächsten. Man sah in ihm den ”gottgesandten Freund“ des
armenischen Volkes, wie es auf einer der Einladungskarten hieß. Ähnlich erging es ihm, als er wenige
Monate später nach Europa zurückkehrte und in Paris Station machte: An der Gare du Nord erwartete das
Ehepaar eine große, erregte Menschenmenge; Exil–Armenier, die Franz Werfel tagelang wie einen Volkshelden
feierten. ‘Les 40 jours du Musa Dagh’ waren auch in Frankreich ein enormer kritischer Erfolg, wie auch ein
bemerkenswerter Verkaufserfolg. An einem der zahlreichen Diners nahm der französische Admiral Dartige du Fournet
teil, der als Kommandant des Flaggschiffes ‘Jeanne d’Arc’ die Bergungsaktion vor der Küste des
Musa–Dagh–Massivs geleitet und viertausend Männern, Frauen und Kindern das Leben gerettet hatte.
Der Siegeszug des Romans hatte begonnen. Und er findet heute, am 17.Oktober 2006 mit der posthumen Verleihung der
Musa–Dagh–Ehrenbürgerschaft an Franz Werfel in der Wiener Nationalbibliothek einen neuen
Höhepunkt.
Erlauben Sie mir zum Abschluß noch eine persönliche Bemerkung im Zusammenhang mit der Diskussion um
die Entscheidung der französischen Nationalversammlung von letzter Woche, die Leugung des Völkermords
an den Armeniern unter Strafe zu stellen: Ein Jahr Haft, € 45.000 Bußgeld. Ich begrüße diese
Initiative der sozialistischen Partei Frankreichs, wenn ich auch bedauere, daß 448 der 577 Abgeordneten
der Abstimmung fernblieben. Ein Beitritt der Türkei zur Europäischen Gemeinschaft wäre durchaus
ein Gewinn für unseren Kontinent, aus Gründen, die näher darzulegen hier zu weit führen
würde. Aber eine Nation, die auch einundneunzig Jahre nach dem hundertfach belegten Ethnozid am
armenischen Volk, welcher rund eineinhalb Millionen Menschen das Leben gekostet hat, immer noch leugnet,
daß diese Höllentaten je stattgefunden haben, ein solcher Staat sollte nicht eingeladen werden,
Mitglied der europäischen Völkerfamilie zu werden. Wir würden uns ja auch weigern,
Shoah–Leugner wie David Irving aufzufordern, an den Tischen unserer Wohnungen Platz zu nehmen.
Rufen wir von dieser Stelle aus den türkischen Machthabern von heute erneut zu: Stellt Euch endlich der
Schuld Eurer Vorväter und wir werden Euch vergeben.
Der Vortrag wurde im Rahmen der posthumen Verleihung der armenischen Ehrenbürgerschaft an Franz Werfel gehalten.
An seiner statt wurde die Plakette der Österreichischen Nationalbibliothek überreicht.
© 2006 by Peter Stephan Jungk
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