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Lassen Sie mich, meine sehr verehrten Damen und Herren, mit einer Frage beginnen:
Was haben Rudi Dutschke und Ignaz Bubis, Hans-Dietrich Genscher und Armin Müller-Stahl gemeinsam?
Gewiß, sie alle sind, beziehungsweise waren, denkende Köpfe, durchaus in verschiedene Richtung geneigt.
Sie haben das Ansehen Deutschlands gemehrt, haben kulturelle und politische Brücken in die Welt geschlagen,
das geistige Leben unseres Landes bereichert. Unseres Landes...oder nur einer Hälfte davon?
Die vier verbindet ja noch etwas anderes – ihre gemeinsame Herkunft und ein Landeswechsel in die jeweils
gleiche Richtung! Dutschke, Bubis, Genscher und Müller-Stahl sind ein winziger Ausschnitt jenes Millionen-Heeres,
das ich die Dritten Deutschen nenne - Menschen, die ursprünglich in Ostdeutschland zuhause waren und die dann
irgendwann in die Bundesrepublik flüchteten - unter politischem Druck, im Laufe von vierzig Jahren.
Viele waren es, zu viele, darunter ein unersetzbarer Teil der ostdeutschen Elite. Ich könnte Reiner Kunze nennen
oder Alexander Kluge, das „Ekel Alfred“, Sarah Kirsch, Klaus Staeck, Tausende von Professoren, Wissenschaftlern,
Lehrern... selbst unter den Nobelpreisträgern Amerikas findet sich ein ehemaliger DDR-Bürger.
Schöpferisch und engagiert haben sie sich nach ihrer Emigration in ihre neue Heimat eingebracht, haben diese nach
Kräften öffentlichkeitswirksam mitgeprägt. Im Osten dagegen fehlten bald ihre Begabungen. Im Osten wurden sie
totgeschwiegen, samt ihrer Herkunft.
Wäre ihre Rückkehr für die Entwicklung der östlichen Bundesländer nach dem Mauerfall von Bedeutung gewesen?
Ich meine Ja. Im Bund mit den Klugen und Kreativen, die im Osten geblieben sind und jenen Westlern, die nicht
Geldgier sondern Pioniergeist in den Osten trieb, hätte nach dem Mauerfall ein geistiges und moralisches Potential
zur Verfügung gestanden, mit dem der Aufschwung Ost ganz anders in die Startlöcher gekommen wäre als geschehen.
Es geht hier nicht um zwanzig, dreißig Namen. Es geht – rechnet man den Verlust von Eliten im 3.Reich hinzu - um
die Dimension eines halben Jahrhunderts, um ihre Folgen für heute.
Lassen Sie uns das bisher unterbelichtete Phänomen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, um die Dimension des
Aderlasses zu erfassen.
Bevor die SED im August 1961 die Bürger der DDR in Geiselhaft nimmt, hat sie etwa 3 Millionen Menschen in die
Flucht geschlagen. Darunter eine immense Zahl von Wissenschaftlern. Die 50-er Jahre werden zum Spiegel einer
Massenflucht von Intellektuellen: Allein in den drei Jahren vor dem Mauerbau setzen sich fast 1700 von ihnen
in den Westen ab, darunter 126 Universitätsprofessoren, 135 Dozenten und 234 Lehrbeauftragte. Die stärksten
Verluste, hier vor allem im medizinischen Bereich, hat die Ostberliner Humboldtuniversität zu verkraften, die
291 ihrer Wissenschaftler einbüßt. Von der Leipziger Universität verschwinden zwischen 1958 und 1961 noch 206,
aus Halle und Jena 260, Rostock und Greifswald verlieren 163 Lehrkräfte und Assistenten, die TU Dresden 93...
Das, wie gesagt, ist ein dreijähriger Ausschnitt aus der Ballade „Flucht und Vertreibung aus der DDR“ -
ihm sind bereits zwölf Jahre Verhaftung und Massenflucht vorausgegangen.
Bekanntermaßen ist das erste DDR-Jahrzehnt das der rigidesten Unterdrückung von allem, was nach geistiger
Unabhängigkeit riecht, nach Religiosität und Bürgerlichkeit. Die Kirche gilt der SED als beinharter Klassenfeind,
das Bürgerliche als Rudiment des absterbenden Kapitalismus, das von der Arbeiterklasse zu überwinden ist – wenn
nötig, mit Gewalt. Geistige Unabhängigkeit wird ausgemerzt, von Jahr zu Jahr drastischer.
Der ideologische Hammer saust vor allem dort nieder, wo der akademische Nachwuchs heranzubilden ist - an den
Hochschulen und Universitäten. Mit Terror und Gesinnungsdruck wird den Lehrkräften das Arbeiten mitunter zur
Hölle gemacht.
So kann man unmittelbar nach 1945 noch in beiden Teilen Deutschlands aus Professorenfedern die gleichen
Reminiszenen an das „klassische Bildungsideal“ lesen, macht sich in reflexiven Reden, Artikeln und Traktaten
ein Diskurs breit, bei dem es vor allem um das Versagen der deutschen Universitäten im Nationalsozialismus
geht.
Schon nach kurzer Zeit aber driften die Universitäten auseinander: Während die westdeutschen Gelehrten ihre
Idenditätsdebatte autonom, öffentlich und kontrovers betreiben, müssen sich ihre ostdeutschen Kollegen zunehmend
zu den ideologischen Monopolansprüchen der herrschenden SED in Beziehung setzen. Schon Ende der 40-er Jahre kann
hier von unreglementierter Öffentlichkeit keine Rede mehr sein.
Skrupellos besetzt die SED das humanistische Bildungsideal, reklamiert sie die Erziehung des gesamten akademischen
Nachwuchses für sich - große Teile der Professorenschaft reagieren mit dem Rückzug in eine apolitische Expertenrolle.
Besonders scharf geraten die Vertreter der Geisteswissenschaften unter Druck. Und wer sich der Verkehrung von
Realität und Propaganda nach dem NS-Terror nicht ein zweites Mal beugen will, wird zwangsemeritiert, entlassen,
in den Westen abgedrängt.
Der intellektuelle Kahlschlag an den Hochschulen des Ostens hat begonnen. Zwischen 1948 und 1952 - dem Jahr, in
dem offiziell der Sozialismus verkündet wird - räumt die SED-Führung brutal auf. Professoren wechseln nach ihrem
Rausschmiß an bundesdeutsche Universitäten, und jeder Weggang hinterläßt eine klaffende Lücke.
Die DDR verliert die ersten Glanzlichter ihres humanistischen Lehrpotentials, und viele noch werden ihnen folgen.
Die plötzlich vakanten Lehrstühle aber besetzt die Partei nun zielgerichtet mit Kadern, die nur noch selten an
das Format ihrer Vorgänger heranreichen, die dafür jedoch durch politische Zuverlässigkeit glänzen. Duckmäuser-
und Denunziantentum machen sich breit.
Der Typus des Aufsteigers in Diktaturen ist stets der gleiche – es ist der Typus des Radfahrers, des Speichelleckers,
des Leisetreters, oft genug des doppelgesichtigen Denunzianten, der nicht Freunde und Verwandte von seinem Verrat
verschont. Dieser Typus breitet sich nun über Justizgebäude und Schulen, über Universitäten, Amtsstuben, Klinikflure...
und lastet auf Ostdeutschland bis zum heutigen Tag.
Selbst im eigentlichen Zentralkomitee der DDR, dem sowjetischen KGB, mag dieser Typus nicht sonderlich beliebt gewesen
sein... doch garantierte gerade er die nötige Stabilität an der Front zum westlichen Imperium. Das Interesse der Sowjets
an Intelligenz und Wahrhaftigkeit in ihrem Marionettenstaat DDR endete genau dort, wo sie Macht und Einfluß gefährdet
sahen - weshalb eben Genossen wie Honecker und Mielke Karriere machten, wie Axen, Gysi oder Hager... NS-Widerstandskämpfer
wie Robert Bialek aber, Heinz Brandt oder Robert Havemann inhaftiert, in die innere und äußere Emigration getrieben und
notfalls, wie Robert Bialek, auch „umgelegt“ wurden.
Die Spreu trennt sich vom Weizen im Laufe weniger Jahre. Und etliche derer, die später selbst zu den Inhaftierten und
Flüchtlingen zählen werden, lassen sich von den Sowjets zunächst vor deren Karren spannen.
Die SED vertreibt nicht nur die demokratischen Geister im Lehrkörper, sie vertreibt auch deren Studenten. Dabei räumt
sie fast komplett jene Generation ab, die ich in der nachbarlichen Tschechoslowakei immer die Vaclav-Havel–Generation
nannte. In Ostdeutschland ist die heute kaum noch auffindbar. Diese Generation bringt ihren kritischen Geist im Westen ein.
Noch werden viele von ihnen dort mit offenen Armen empfangen, selbst im sogenannten ´linken´ Milieu, das während der
60-er Jahre noch nicht von der geistigen Enge späterer K-Gruppen dominiert wird, sondern von der Glaubwürdigkeit eines
Heinrich Böll.
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