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Der lange Schatten der DDR

Ein Radio-Essay von Freya Klier


1. Ahnunglose Studenten

Anfang der 70–er Jahre — ich war an der Leipziger Theaterhochschule für das Fach Schauspiel immatrikuliert — kamen wir Studenten mit den Regiemethoden des berühmten russischen Theaterleiters Wsewolod Meyerhold in Kontakt. Eine Menge lernten wir über dessen Avantgardismus, seine Biomechanik, das ungewöhnliche Trainingsprogramm für Schauspieler.

Damals ahnten wir nicht, dass der Name Meyerhold überhaupt erst seit der sowjetischen Tauwetter–Periode 1956 wieder genannt werden durfte. Und niemand erwähnte, was diesem hochbegabten Theatermann widerfahren war… was ihm die „ultraroten Kapitalisten”, wie Majakowski die neue sowjetische Bonzenschicht nannte, angetan hatten: Meyerhold starb 1940 unter der sozialistischen Folter.

Waren die beiden nicht anfangs selbst noch glühende Verfechter einer besseren… einer kommunistischen Welt gewesen?

Für ein paar Jahre durchaus. Doch dann folgte der rasante Sturz in die Realität:

1929 fiel Meyerhold erstmals in Ungnade — er hatte ein sowjetkritisches Stück Majakowskis in Szene gesetzt, eine grimmige Abrechnung mit Stalins Funktionärsbürokratie. Ein Jahr später erschoss sich sein Freund Majakowski.

Meyerhold aber musste die große Verhaftungs– und Mordorgie der 30–er Jahre miterleben. Sie traf – unter dem Vorwurf, sich von den Normen des ‘sozialistischen Realismus‘ entfernt zu haben — Schriftsteller, Journalisten, Theaterleute, Komponisten und Dirigenten.

Fast 2.000 Mitglieder des russischen Schriftstellerverbandes wurden als Volksfeinde in Konzentrationslager deportiert. Oder man richtete sie hin – so, wie Boris Pilnjak, Juri Olescha und Isaak Babel, der vor seiner Erschießung noch schwer gefoltert wurde.

1940 traf ein solches Schicksal auch Wsewolod Meyerhold. Der Publizist Vladimir Just erinnerte daran im Januar 2000 in einer tschechischen Literaturzeitung:

„…Kaum war Meyerhold aus dem kosmopolitischen Prag nach Moskau zurückgekehrt, zog man zuerst sein Theater, dann ihn selbst aus dem Verkehr, und zuletzt wurde er – wie es in der Dokumentartetralogie von Galim Kajumow wörtlich heißt – von seinem Vernehmer gezwungen, dessen Urin zu trinken. Nach anderen glaubwürdigen Zeugnissen wurde ihm auf der Brust ein Käfig mit einer ausgehungerten Ratte befestigt, die sich zu seinem Herzen durchbeißen sollte…”
(Auszug aus „Überlegungen nach einem Fernsehfilm” von Wladimir Just, in „Literarni noviny”,Prag, 19.Januar 2000)

Wir Schauspiel–Eleven der 70–er Jahre ahnten nicht, auf welchem Leichenberg der Sozialismus bereits stand, als er uns als humanistischste aller Gesellschaftsordnungen eingebleut wurde, als positive Gegenwelt zum kapitalistischen Westen. Und woher sollten wir wissen, dass Meyerholds Schicksal nur den winzigen Ausschnitt eines sozialistischen Massenmordens darstellte, das – während wir fleißig studierten – gerade halb Asien in Angst und Schrecken versetzte ?

Nach dem massenhaften Verschwinden russischer Künstler und Schriftsteller mahnte der anfangs selbst noch sozialismusgläubige amerikanische Schriftsteller Max Eastman 1950 in einer West–Berliner Kulturzeitschrift:

„Wenn Sie ganz erfassen wollen, was dieses spurlose Verschwinden von Schriftstellern mit Weltgeltung heißt, dann stellen Sie sich vor, Beamte des Federal Board of Investigation begäben sich auf die Halbinsel Florida, griffen in den Straßen von Key West Ernest Hemingway auf, legten ihm Handschellen an, transportierten ihn nach Atlanta ins Zuchthaus, machten seinem Leben durch Genickschuss ein Ende und hätten für diesen Vorgang nur ein einziges Wort der Erklärung: Volksfeind!”

Eastman appellierte an die Phantasie seiner Mitmenschen. Doch reichten solche Einzelstimmen, um eine mörderische Ideologie nachhaltig zu ächten, samt ihrer mörderischen Praxis?

Offenbar nicht. Dazu hätte es einer internationalen Anklage bedurft, wie es das Nürnberger Tribunal für die nationalsozialistischen Massenmörder bereit hielt. Ein solches Tribunal aber hat es nie gegeben, aus bekannten historischen Gründen. Und so setzte sich nach 1945 der Sozialismusglaube fort, schlachteten nun chinesische, kambodschanische, albanische und äthiopische, nordkoreanische und peruanische Vollstrecker noch einmal Abermillionen ihrer Mitmenschen ab — im Namen des Sozialismus und Kommunismus.

Die russischen Machthaber wiederum spannten Osteuropa ins sozialistische Joch, für fast ein halbes Jahrhundert. Dann endlich konnte das verheerende System abgeschüttelt werden, hatte der marxistisch–leninistische Wahnsinn ein Ende.


2. Das Fortwirken des Stasi–Geheimdienstes

Hatte er das wirklich? Oder hat er sich nur eine Übergangszeit lang verpuppt? Inwieweit sind Geist und Strukturen des DDR–Geheimdienstes ins vereinigte Deutschland eingesickert?

Sichtbar war: Aufklärer und DDR–Widerständler kamen 1990 nur schwer aus dem Startloch. Die Mauer blockierte ihnen den Kopf, es ging zu schnell mit der Einheit, die meisten wollten erstmal eine erneuerte DDR. Demokratisch sollte sie sein.

Genau das aber wollten die Geheimdienstakteure nicht: Eine erneuerte DDR — ja. Aber mit ihnen selbst an der Spitze… einer erneuerten Staatssicherheit!

Rasch war eine breite Vertuscherfront präsent, rasch an allen Flanken die naive Bürgerrechtsschar umzingelt. Man schob einander nach oben und in die Ritzen der westlichen Demokratie; MfS–Vize Markus Wolf schob sich in die Aura eines Kochbuch–Autors.

1990, noch vor dem Ausklingen der DDR–Hymne, beschnitten der damalige Innenminister Diestel (wer hatte diesen Sohn eines NVA–Offiziers eigentlich eingesetzt?) und Ministerpräsident Lothar de Maiziθre (kam der nicht aus Gysis Anwaltskammer?) — beschnitten diese beiden Herren also den aufklärungswilligen Bürgerrechtlern rigoros den Zugang zum Herrschaftswissen des Ministeriums für Staatssicherheit: Bestraft werden sollte jeder, der Mitarbeiter des MfS beim Namen nannte.

Mit Herzblut verteidigte der greise Erich Mielke 1992 Manfred Stolpe, als dieser als „IM Sekretär” in die Schlagzeilen geriet…

Alles schon vergessen? Vergessen die riesigen, unauffällig gehaltenen Transaktionen des DDR–Vermögens? Oder etwa gar nicht erst bemerkt?

Eine Ermittlungsstelle für Regierungs– und Vereinigungskriminalität wurde jetzt eingerichtet, um dem verschwundenen DDR–Volkseigentum auf die Spur zu kommen. Ein winziges Häuflein trat gegen einen riesigen mafiotischen Geheimdienst an. Die Mitarbeiter unter dem unvergessenen Kriminaldirektor Manfred Kittlaus wussten nicht, wo anfangen:

Überall in Ost– und Westeuropa gab es Fingerzeige auf Tarnfirmen von SED und Staatssicherheit. Führungsoffiziere machten plötzlich in Immobilien und fast flächendeckend verschwand DDR — Volksvermögen in eilig gegründeten GmbHs. Auf dem Flughafen in Oslo wurde ein Genosse verhaftet, der einen Koffer mit 5 Millionen DDR–Mark mit sich schleppte und auf dem Umweg nach Moskau war.

LPGs gingen für 1 DM in Genossenhand über, das neue Privateigentum wurde mit Euro–Geldern aufgepeppt… Es war gespenstisch. Innerhalb kürzester Zeit gingen beim Kriminalisten Kittlaus zwölftausend konkrete Hinweise ein, die meisten kamen aus der erbosten Ex–DDR–Bevölkerung.

Der halbe Verfassungsschutz hätte nun seine gemütlichen Sessel in Köln räumen müssen, um dem tapferen Häuflein um Manfred Kittlaus zu Hilfe zu eilen.

Das Gegenteil passierte: ‘Schluss–Strich!‘ hieß schon bald die Devise — naive Politiker West sangen sie im Chor mit Stasi–Offizieren. Die verhinderten, dass Mielkes Spitzel–und Zersetzungstruppe als Kriminelle Vereinigung eingestuft wurde – mit der Folge, dass sie sich nun unter Hohngelächter in Karlsruhe dicke Renten einklagen konnten.

Und die systemtreuen Lehrer? Der Westen verbeamtete sie, so gut es ging – als Belohnung für ihre Erziehung junger Menschen zu Lüge und Demokratiefeindlichkeit. Das Lügen setzen sie seitdem fort, etwas geschickter und finanziell gut abgepolstert; denn auch im vereinten Deutschland kann man Schülern die DDR als solidarische Menschengemeinschaft schildern, die BRD dagegen als eiskalt…

Und immer wieder dieser Ruf nach Verjährung und Schluss–Strich, der durch die Lande schallte. Ein wahres Gnadenfieber hatte die westliche Öffentlichkeit erfasst. Takt und Ton gaben dabei die Stolpes und de Maizieres, die Gysis und Diestels vor; im Westen halfen Genossen wie Egon Bahr kräftig nach. Schon 1995, nach nur dreijährigem Bestehen, konnten wir die Schließung der Gauck–Behörde nur noch unter Anspannung aller Kräfte verhindern.

Ich mahnte, der Westen gehe an den Osten heran wie ein Halmaspieler an ein Schachspiel. Das Bild fanden viele witzig, doch verstanden haben sie es nicht. ‘Verschwörungstheorie!‘ riefen sie, wenn ich das Weiterwirken des Stasi–Netzwerkes beschrieb, und meinten auch noch, sie hätten einen intelligenten Beitrag zum Thema geleistet. Ich träumte davon, sie auf die Schulbank zu setzen und die Spielregeln osteuropäischer Diktaturen büffeln zu lassen, mindestens eine Woche lang.

Nein, es war nicht einfach, die Contenance zu wahren.


3. Geschichtsvergessenheit

Nachdem die Gauck–Behörde gerettet war, blieb doch ein anhaltendes Unbehagen. Einer hatte sich da hinein gewagt, in außerordentlicher Tapferkeit: Der Schriftsteller, Psychologe und DDR–Dissident Jürgen Fuchs. Er ließ sich eine Zeitlang als Mitarbeiter einstellen, um das Archiv von innen zu beurteilen. Im April 1992 war Dienstbeginn, ein Jahr wollte Jürgen Fuchs durchhalten.

Es wurde ein quälender Ort: Recherche, Papierberge und Notizen, Tappen zwischen Nichtigkeiten und Verbrechen – ein Ort, der den hochsensiblen Schriftsteller fast erdrückte: „ Schon der gestrige Tag hat vielleicht gar nicht existiert” notierte er und erinnerte daran, was vor den Dokumenten–Bergen war, in den Wegschließorten der Staatssicherheit: Die Zellen, die Verhöre, die leisen Methoden der Quälerei von Gefangenen, das Widerstehen, die Augenblicke des Zusammenbruchs…

Jürgen Fuchs, Ende der 70–er Jahre selbst Häftling in Hohenschönhausen, beschreibt damit schon den ganzen Wende–Vorgang: „Erinnerung ist Krankheit, Empfindsamkeit, Pathologie. Wichtig sind jetzt Organisation, Ordnung, Effizienz, Abwicklung, Aufbau, Umbau, Aufarbeitung, Dienstführung, Auswertung… SIE haben schon alles aufgeschrieben, sieh nur ihre Archive, Fabrikhallen voller Vorgänge…”

Der Literat tat sich diese Tortur an, um Häftlingen, die man misshandelt hatte und die nichts beweisen konnten, zur Seite zu stehen. Um herauszufinden, warum es in seinem persönlichen Umfeld so merkwürdige Todesfälle gab.

Jürgen Fuchs war auch der erste, der die in die Gauck–Behörde eingeschleusten Stasi – Mitarbeiter bemerkte: Sogenanntes Wachpersonal, eine Militärhistorikerin aus der DDR, eine Dame aus der Kaderabteilung der Mitropa, eine Reihe merkwürdiger Gestalten in den Archiven. Er erkannte sie an ihrer Sprache… ihren misstrauischen Blicken – denn auch sie wussten, wer er ist. Ein Jahr lang reichte man einander Richtlinien und Merkblätter zu …

„Jetzt triumphiert das Besserwissen” notierte Fuchs im kurz vor seinem Tod erschienenen Buch Magdalena.

„Unschuldsmienen sitzen in Talkrunden und ‘reden mal darüber‘, bezeichnen sich als Insider und Sachverständige, veröffentlichen Kochrezepte, wollen die letzten Beweise sehen, tragen Gesetzbücher unter dem Arm, juristische Kommentare und Grundbucheintragungen…

Was denn? Was war denn, es wurden Fehler gemacht wie überall, aber ansonsten… So viele Mitläufer, Funktionäre und verspitzelten Schreibtischtäter kommen selten zusammen auf so wenigen Quadratkilometern…”


Achtzehn Jahre sind seit dem Mauerfall ins Land gegangen, doch die Schatten der Vergangenheit verschwinden nicht, sie sitzen mit am Tisch. Noch immer ist das deutsch–deutsche Miteinander ein qualvolles Mäandern, es waren der Vereinigungsfehler einfach zu viele…

Und dann diese Geschichtsvergessenheit.

Dass in der Magdeburger Außenstelle der Birthler–Behörde erneut ein schriftlich gefasster Schießbefehl gefunden wurde, ist eine Schlagzeile, die jeder versteht. Sie ist wichtig, sie erreicht die Herzen der Menschen. Doch ist das Grenz– und Mauerthema nicht eines, das längst in seiner Dimension erfasst sein sollte? Gab es über die Jahre nicht ausreichend Informationen, Mauerschützenprozesse, Filme, Bücher, Zeitzeugenberichte?

Auch Rechtfertigungsschriften von Tätern liegen seit Jahren vor: „Wer einmal Grenzer war,der wird es immer bleiben!” hat ein Thüringer Grenzveteran vor Jahren mit Stolz gesagt. Fünf höhere NVA–Offiziere gründeten 1997 den Militärhistorischen Verein Eisenach – ein Hort der Geschichtsklitterung, der sich großer Beliebtheit bei den Ewiggestrigen erfreut…

So überschaubar das Thema Innerdeutsche Grenze durch seine brutalen, aber nachvollziehbaren Vorgänge… durch seine plastischen Bilder ist, so wenig kann man das von der deutschen Einheit behaupten. Wer versteht eigentlich noch, was da abläuft? Wie überhaupt soll man das fassen, dieses nicht endende Herumwursteln und zähe Ringen… in Jahresabläufen ohne erkennbare Höhe– und Tiefpunkte? Gibt es ein Thema, wonach sich ein Journalist heute weniger drängt? Und überhaupt: Wer will das noch sehen, hören, lesen?

Ist eine Nachricht ein paar Tage alt, interessiert sie uns nicht viel mehr als ein altbackenes Brötchen. Brauchen wir also noch das Hintergrundwissen über Meyerhold und Isaac Babel im 21. Jahrhundert?

Ich meine: Ja. Um zu verstehen, welche Hypotheken wir mit uns schleppen… welcher Kampf um die Deutungshoheit von DDR–Geschichte noch immer in Instituten und Gedenkstätten tobt, auch in Schulen. Um das zu begreifen und uns historisch einzuordnen, bleibt es notwendig, sein Haupt ab und an ins letzte Jahrhundert zu beugen.

Auf Sätze stoßen wir da wie ‘Sie können nicht mitreden, Sie haben hier nicht gelebt!‘ oder ‘Unsere Biographien fangen eben nicht erst 1989 an!‘

Wir stoßen auf PDS– und Stasileute, die den Wessis derartige Sätze so lange vor den Latz knallen, bis die gehorsam nicken. Auf vierhundert hauptamtliche Stasi–Funktionäre stoßen wir, die plötzlich als Rechtsanwälte die Demokratie beglücken. Auf Spitzel, die sich in Ethik–Kommissionen schieben, in Rundfunk– und Fernsehsender, in alle politischen Parteien, Bundes–und Landtage, die Bundeswehr, das Europa–Parlament…

Und wir stoßen auf Herrn Gysi, den Frontmann der SED/PDS, samt seinen schillernden Metamorphosen:

Bis 1989 ein zuverlässiges Werkzeug der sozialistischen Diktatur, offeriert er zum Mauerfall Egon Krenz als Retter der DDR. Als da keine Rettung mehr ist, bläht Gysi sich zum Bürgerrechtler auf. Nach diesem missglückten Coup wird er plötzlich Jude und wirft seinen Kritikern Antisemitismus vor. Danach beginnt der Genosse, die Linksmasche zu stricken, und die hat schon vom Wortlaut her mehr Aussicht auf Erfolg.Er bestimmt von nun an, wer mit ihm in einer Talkshow sitzen darf und wer nicht. Und nachdem der Immunitätsausschuss des Bundestages seine Stasi–Verstrickung untersucht hat, wird eben dieser Bundestag gerichtlich zum Schweigen gebracht…

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2007. Inzwischen ist der Westen von Gysi & Genossen komplett niedergeklagt, auch Fernsehsender und Printmedien.

Fast alle kuschen. Journalisten und Politiker raunen einander zu, wie man die Wahrheit über Herrn Gysi so formuliert, dass der Prozesshansl einen nicht vor Gericht zerren kann. Am liebsten lässt man ganz die Finger davon und hält sich mutig an einem Eiskunstläufer schadlos…

Ist die Demokratie ein Tanzmausverein? Schon hat die Partei des Sozialismus durch einen weiteren Namenswechsel ihre Geschichte abgestreift – der Wähler honoriert diese sehr deutsche Tradition spontan mit 10% plus…

So könnte es weitergehen. Und kräftig wird nun auch wieder für den Sozialismus getrommelt…

Was ist Sozialismus? Karl Marx malte ihn als Schreckgespenst an die Wand, die K–Gruppen haben ihn beim Rotwein genossen.

Die russische Bevölkerung aber, halb Asien und die Völker Osteuropas mussten ihn aushalten, darunter wir Ostler. Deshalb haben wir genug davon.

Denn Sozialismus ist ja nicht der positive Gegenentwurf zum Kapitalismus, er ist seine Steigerung: ‘Sozialismus‘, so haben wir leidvoll erfahren müssen, ‘ist kapitalistische Ausbeutung plus geistige Unterdrückung!‘.

Ist alles beliebig, was war — Schnee von gestern? Es sollte noch interessieren, dass die SED/PDS/Die Linke bereits ein Land in den Ruin gewirtschaftet hat! Und ausreichen, was ihre Genossen Menschen angetan haben, die sich nicht wehren konnten, um sie endlich von politischer Macht fernzuhalten.

Seit den Tagen, da an der Berliner Mauer der Klimmzug zur deutschen Hauptsportart wurde, tobt um unsere Geschichte ein Kampf. Es ist kein Interpretationsgefecht, sondern ein Ringen, bei dem es auch um die nächste Generation geht.

‘Wird im Jahr 2010 die Verklärung eines Unrechtsstaates bereits soweit fortgeschritten sein, dass er als humanistischer Silberstreif in den Köpfen unseres Nachwuchses nistet, vor Jahren überzogen vom kapitalistischen Sumpf?”

Das fragte ich 1995. Im Jahr 2007 sehen wir: Bereits vorzeitig ist der Albtraum Realität geworden. Schon jetzt bestimmt die mehrfach gewendete Partei, ob sich die SPD noch sozialdemokratisch nennen darf, die GRÜNEN noch grün… Wie lange wird es dauern, bis sie als friedlicher, sozialer und demokratischer wahrgenommen wird als die restlichen Parteien dieses Landes?

Die nervenden Ostalgie–Events mögen dazu ihren Beitrag leisten. Gerade erst ist ein Hotel eröffnet worden, in Ost–Berlin, nicht weit entfernt vom Ostbahnhof. Ein Hotel, ganz ungeniert auf DDR getrimmt: Honecker–Bilder hängen über den Betten, die Tapeten erinnern an Good bye, Lenin. Vielleicht gibt es zum Frühstück ein Tässchen Mocca–Fix, serviert in einer MITROPA–Tasse? Vermutlich trägt der Portier eine Hausmeisterjacke aus dem Palast der Republik, gibt es Handtücher aus Malimo und für die Köchinnen Kittelschürzen aus Dederon…

Ganz sicher aber existiert dort eine Stasi–Suite, mit passendem Interieur. Der besondere Kick: Hier werden Wanzen versteckt, so wie Ostereier. Wer von den Gästen eine aufspürt, bekommt ein Freigetränk…

Das Ostalgie–Hotel erfreut sich großer Beliebtheit, vor allem bei Besuchern aus dem Westen. Natürlich gibt es auch andere, die meinen, man solle die Bude schließen.

Aber warum? frage ich. Kann sich in einer Demokratie nicht jeder einquartieren, wo er will – wieso nicht in einem Hotel, das nach DDR riecht?

Doch riecht es da überhaupt nach DDR? Werden die Linoleum–Böden tatsächlich mit diesem unverwechselbaren Reinigungsmittel gewienert, das wir DDR–Bürger noch immer in der Nase haben? Riecht es nach fetter Braunkohle, wenn man die Fenster öffnet? Ist das Leitungswasser wieder so, dass man es besser nur abgekocht trinkt? Ich bezweifle das. Die Gäste werden also nicht auf ihre Kosten kommen. Das ganze riecht nach einer müden Atrappe — gesünder ist das allemal.

Leider aber fördert eine solche Behausung nicht das Vorstellungsvermögen, was DDR bedeutet. Denn dann dürften die Gäste ja nicht in den Westen – so, wie einst wir Ossis! Das hieße konkret, sie dürften das Hotel nicht verlassen, keinen Fuß auf die Straße setzen: Selbst die Gegend um den Ostbahnhof ist ja heute nichts anderes als schicker Westen, mit farbenfrohen Häuserreihen, dem Italiener um die Ecke und einem Zeitungskiosk, an dem man unzensierte Presseerzeugnisse kaufen kann.

Man stelle sich vor, das Hotel wäre tatsächlich ein Stück DDR: Solch bösartiges, machtbewusstes Personal wünschte ich noch nicht einmal dem blödesten Wessi. Man würde ihn platzieren — an einem Frühstückstisch, an dem sich die Leute schon drängen, während an zwei Dritteln der Tische gähnende Leere herrscht. Die Toiletten wären verstopft, vom Telephon im Erdgeschoss aber baumelte nur eine Schnur herab, und das schon seit zwei Tagen. O doch, Handwerker kämen irgendwann, doch nur, wenn ein Gegenwert für sie bereit liegt: Ofenkacheln zum Beispiel oder ein Autoersatzteil, frei nach dem DDR–Motto Suche Hammer, biete Kneifzange!…

Man kann nun schon mitverfolgen, wie die Urlaubslaune in den Keller rutscht. Nach wenigen Tagen wären die DDR–Fans so zermürbt, dass sie sich nach Hause sehnen.

Wenn sie dann aber aufatmend in ihren Heimatorten angelangt sind, holt sie die DDR erst richtig ein: In ihrem Unternehmen teilt man ihnen nämlich mit, sie seien mit sofortiger Wirkung entlassen! Wieso? fragen sie mit entgleisenden Gesichtszügen.

Sie hätten geschäftsschädigende Witze gerissen, hören sie nun — Witze über den Chef und das Unternehmen. Sie leugnen entsetzt. Doch in ihr Gestammel hinein, dass das überhaupt nicht sein könne, dämmert ihnen, dass sie ja genau das getan haben – Witze gerissen über ihren Chef, vielleicht auch den Betrieb. Aber wo… in Ost–Berlin? War das nicht in diesem DDR–Hotel, wo sie insgesamt ein bisschen zu aufgedreht waren? Bei welcher Gelegenheit haben sie dort Witze gerissen — etwa beim Plausch mit dem Portier, der sich so freundlich gab? Oder am Frühstückstisch, wo sie neben einem netten Ehepaar saßen?

Sie werden es nie erfahren. Doch ihre Liebe zur DDR dürfte nun ein wenig abgekühlt sein.


© 2007 by Freya Klier, Erstausstrahlung im Radio Berlin-Brandenburg am 2. September 2007

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