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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Der kleine Club


Ein Essay von
Günter Kunert


Im Gegensatz zum deutschen PEN-Club mit seiner fast überbordenden Menge an Mitgliedern, ist eine ihm ähnliche Organisation nahezu liliputanerhaft: Der "PEN-Club deutschsprachiger Autoren im Ausland": er hat achtzig Mitglieder, "verstreut unter die Völker der Welt", womit jedoch die Bibel diesen kleinen Club gewiß nicht gemeint hat. Gegründet wurde er nach 1933 durch deutsche Emigranten und Exilanten in England, vom Ehrenpräsidenten Thomas Mann gütigst akzeptiert. Nun hatte der kleine Club siebzigsten Geburtstag, die Frauen und Männer der ersten Stunde, soweit sie Hitler entkommen waren, sind längst in den Gefilden der möglicherweise trotz allem Seligen, wenige nur noch ragen wie ein Felsen aus dem Fluß der Zeit, der natürlich über dieses PEN-Clübchen hinweggegangen ist, ohne ihn jedoch fortzuspülen. Er existiert immer noch, obschon man hier und dort fragt: Warum eigentlich?

Ich muß gestehen, in mancherlei Hinsicht bin ein Traditionalist, meinetwegen ein Konservativer. Darum bin ich, aus diversen Gründen überzeugt, daß dieser kleine Club eine Daseinsberechtigung hat. Die großen Namen der einstmaligen deutschen Literatur stehen unter der Gründungscharta, ihr Werk ist Bestandteil unseres, wie es in der DDR hieß "klassischen Erbes". Und es war und ist nicht einzusehen, sich von dieser bisherigen Bewahrung besagter Erbschaft einfach gleichgültig abzuwenden oder zu trennen. Die geflohenen Schriftsteller und Dichter haben ein Recht darauf, daß an sie, an ihre dunklen Stunden, an ihr Überleben nicht bloß in Germanistikseminaren, sondern in der Öffentlichkeit erinnert wird. Allein dieser Umstand würde als Argument ausreichen, diesen kleinen PEN zu erhalten, als Mahnung und Warnung an die Nachgeborenen. Daß in den finsteren Zeiten auch gesungen wurde, wie es bei Brecht heißt, soll nicht vergessen sein. Das Gedächtnis der Allgemeinheit ist ohnehin schlecht genug: man muß ihm auf die Sprünge helfen.

Aber etwas anderes, vielleicht sogar Wesentlicheres kommt hinzu: es leben ja Autoren fern dem deutschen Sprachraum, in Amerika, Irland, Japan, Italien, Frankreich, Belgien, denen eine Verbindung, ja, Anbindung an eine solche Gruppe meist gleichgesinnter Skribenten viel bedeutet: psychologisch gesprochen, sie fühlen sich nicht allein, weil sie wissen, daß Menschen ihresgleichen für sie erreichbar sind, die sich, durch die Erfahrung der Fremdheit, des Fremdseins, mit ihnen solidarisch wissen. Mir scheint das ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Moment zu sein: sich in einer Gemeinschaft zu sehen, auf die sie notfalls zählen können.

Selbstverständlich sind unter den Mitgliedern auch in Deutschland Behauste, freilich solche, die sich fremd im eigenen Land empfinden, solche die nicht und nirgendwo angekommen sind. In einer soeben erschienenen Anthologie "Offenen Fragen", die fünfunddreissig Beiträge gegenwärtiger Mitglieder enthält, vermerkt der Club-Sekretär Chaim Noll, in Israel beheimatet, über die Situation des Nicht-Exils: "An Stelle einer früher erzwungenen Lebensform Exil ist es in unserem Fall eine selbstgewählte Abwesenheit, der oftmals innere Entfremdung voranging, ein Gefühl der Unverträglichkeit, eine Abwendung.(...) In einer mobilen, elektronisch vernetzten Welt wird Exil zu einer vielerorts denkbaren Lebensform." Und weiterhin, daß sich trotz aller Freiheit die Frage nach Zusammenhalt stelle, nach einem Minimum an Verbindlichkeit, ohne das keine Gruppe von Menschen - nicht mal eine von Literaten - existieren könne.

Dieser Hinweis auf die Befindlichkeit jener, mit der seltsamen Tätigkeit des Schreibens Befaßten trifft den Kern der Sache, die mit dem Begriff "Zusammenhalt" schon erschöpfend definiert ist. Weder kennen wir die Zukunft unserer schwarz-rot-goldenen Heimat, noch die anderer Staaten und Gesellschaf­ten, doch wir, die wir längst unser Weltvertrauen eingebüßt haben, sind stets auf unangenehme Ereignisse, gar auf das Schlimmste gefaßt. Für keinen Autor gibt es eine Sicherheitsgarantie für sein Dasein. Gewiß, achtzig Personen können bei wachsender Gefährdung für den oder jenen unter ihnen wenig ausrichten. Aber sie können schreiben. Und das ist - um nochmals Brecht zu zitieren - schon etwas. Diese letzte aller Möglichkeiten gehört neben den aufgezählten ebenfalls zu einer Begründung für den Erhalt des kleinen Clubs - und vielleicht ist sie, Gott behüte, nicht einmal die schlechteste.


© 06.08.06 by Günter Kunert