P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
Undercover in Birma
Selbstprüfung eines «Sonderkorrespondenten»
Von MARKO MARTIN
Es ist aufregend urban, es ist global und verschafft Dir einen Bedeutsamkeitskitzel, in welchem für die Ethik wie für anmaßende
Eitelkeit gleichermaßen Platz zu sein scheint: Am späten Nachmittag des 2. Oktobers 2007 in der Buchhandlung «Land Mark´s»
auf Bangkoks Silom Road «DIE WELT» vom Vortag kaufen und auf Seite 1 (Seite 1, mein Freund!) die eigene, unter Pseudonym geschriebene
Reportage über die Proteste in Birma lesen. Von unserem Sonderkorrespondenten in Rangun.
Und Du, vor anderthalb Wochen siebenunddreißig geworden und noch immer in besserer Verfassung als andere in diesem Alter, erinnerst Dich jetzt,
wo Du mit der Zeitung in ein nahegelegenes Trottoir–Café gehst und beim Lesen nicht ohne eine gewisse verächtliche Behaglichkeit auf den
sich ankündigenden Nachttrubel schaust, auf das Gewühl von Travellern und Sextouristen, schwalbengleich anfliegenden Mopedfahrern und
T–Shirt– oder DVD–Händlern, von Huren und moneyboys, Du erinnerst Dich an Deinen kurz zuvor in Nizza verbrachten Geburtstag,
eine Idylle zu zweit, wie seit nunmehr dreizehn Jahren an wechselnden Orten dieser Welt, nippst an Deinem Singha–Bier, schlägst dann
Seite 6 auf, wo Deine Wahnsinns–Reportage spaltenlang weitergeht (daneben ein Kommentar Vaclav Havels zur westlichen Laschheit angesichts Birmas)
und denkst: Rausgekommen — na bitte.
Euch Gesindel wieder mal entschlüpft und von der Schippe gesprungen; im Mai 1989 die Ausreise aus der DDR, und nun, Oktober 2007, dieser Thai
Airways–Flug aus dem militärdurchkämmten Rangun, nachdem alle Texte geschrieben und schweißtreibend genug aus dem Land geschmuggelt
worden waren, der allerletzte, eine Art Resümee, der Ressortsekretärin im fernen Berlin dann schon wieder per Handy diktiert, das
wundersamerweise seit der Landung in Bangkok funktionierte, auch wenn die Touristenschlange vor dem Einreiseschalter etwas unwillig war, Deinen
mäandernden Schriftsteller–Reportersätzen mit penibel angegebenem Komma, Doppelpunkt und Semikolon folgen zu müssen, dem Buchstabieren
der wichtigsten Namen. Aung San Suu Kyi. Juntachef Shwe. Shwedagon–Pagode.
Toller Hecht, Herr Sonderkorrespondent! Deine Knie schon längst nicht mehr zitternd, nur noch ermattet, dazu diese lächerlich unangemessene,
eskapistische Große–Jungen–Bangkok–Vorfreude, und bei all dem jene Endlosspur eines Empfindens, für das Du ganz gewiss nicht das Prädikat
genormt akzeptieren würdest: Wieder mal entkommen. Entkommen jenen brüllenden Stasi–Leuten einst im Kreisratsgebäude im sächsischen
Rochlitz ebenso wie den Geheimdienstlern, die gestern Zimmer 1809, Dein Zimmer im Traders Hotel in Rangun, durchsucht hatten, gar nicht zu reden von den
mordlüsternen Gesellen in grüner Tarnuniform mit rotem Halstuch, die Dich zwischen Sule Pagode und Rathaus herrisch herangewinkt hatten,
während die Passanten ringsum die Beinkleider ihrer longyis rafften und in langsamer, aber beunruhigend konzentrierter Bewegung das Weite suchten,
Dich, Gewehrläufe in Höhe Deiner Schienenbeine gerichtet, heranzitierten, während Du ihnen in der nach verfaulenden Früchten
riechenden Mittagshitze mit strahlendstem Lächeln entgegengingst, Deinen Lonely Planet–Reiseführer auf den Doppelseite mit den Pagodenfotos
aufgeschlagen, und treuherzig den Chef der nervösen Truppe nach den Öffnungszeiten fragtest, bis Du, unnatürlich ruhig in diesem Moment
möglicher Gefährdung, in seinem Blick das erhoffte Verachtungslächeln sahst: Westlicher Traveller–Idiot, geh nach Hause, hier nämlich
wird geschossen.
Dein immenses Befriedigtsein, vermischt mit zusätzlich erwärmender demokratischer Empörung, angesichts all dieser in den letzten Tagen
erlebten Dinge, Herr Sonderkorrespondent, jetzt an diesem Bangkoker Nachmittag…
Geht also die Flucht ins routiniertes Erinnern so schnell, in moralisierenden Autismus und ein fühlloses Fühlen, dem noch jedes unerwartete
Ereignis zum passablen Baustein des eigenen Entwicklungsromans wird, der freilich auch eine ganz banale Seifenoper sein könnte? Was aber, wenn es
gar nicht so wäre und selbst die Eitelkeit noch etwas anderes camouflieren müsste? Du denkst dir Strategien aus, Wege, mit dem Gesehenen und
Erlebten umzugehen; Sackgassen. In Wahrheit nämlich bist Du völlig fertig und noch immer Gefangener Deiner eigenen Ohmacht angesichts der
als Armeelager missbrauchten Pagoden, der Schlagstöcke und Feuerwehrschläuche, der Karabiner und Maschinenpistolen, des unentwegten Rollens
der Militärlastwagen über den Straßen von Rangun, der Gesichter der panisch zurückweichenden Demonstranten.
Was also tun? Weiter Informationen sammeln, hier im freien Bangkok? Dabei machst Du ja im Moment gar nichts anderes: Internet–Surfen, Telefonate,
E–Mails, Besuche bei birmanischen Exilanten und Oppositionellen, Reportagen und Artikel. Oder wie wäre es mit Ideologiekritik, der guten alten,
anhand des Realsozialismus so versiert geschulten? Ließe sich nicht bei bleistiftgenauer Lektüre der grauen Seiten jenes «New Light
of Myanmar» irgendeine «Idee dahinter» aufspießen, eine womöglich pervertierte Utopie, der man anschließend mit
dem Begriffsbesteck des Antitotalitarismus zu Leibe rücken könnte? Ließe sich nicht, könnte man nicht.
Was die Staatszeitung mit dem gewollt nicht–verführerischen Layout Tag für Tag den Lesern vorknallt, macht sich nicht einmal die Mühe
gewiefter Rabulistik. Stattdessen eingerahmte und unveränderte Slogans ŕ la «Der Wunsch des Volkes: Wir wollen Stabilität. Wir wollen
Frieden» oder «Watch out BBC and VOA (Voice of America; MM) saboteurs!!!». Selbstverständlich mit drei Ausrufezeichen.
Höchstens, dass jenes seit Jahren ebenfalls unveränderte «VOA und BBC airing skyful of lies» als eine Art tropenfaschistischer
Variante des Surrealismus durchginge, die wiederum selbst jener «Himmel voller Lügen» wäre.
Glasperlenspiele, Sujets für zynische Hotelbar–Konversationen, jeden Abend ab neun Uhr, wenn die Ausgangssperre alle Ausländer in ihre
Unterkünfte zurücktreibt und die berühmte Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen geradezu physisch Gestalt annimmt: Moijto und Cuba
Libre an der glasierten Holztheke im dritten Stock, während unten vor dem Hotel erneut Militär aufgezogen ist, um möglichen
Demonstranten die Konsequenzen versuchter Kontaktaufnahme vorzuführen; ein Fernsehapparat an der Decke über den ledernen Bar–Sesseln,
CNN mit Mutmaßungen aus Bangkok und verwackelten Handy–Bildern aus Rangun, während die freundlichen Kellner all dies mit offensichtlicher
Sympathie betrachten, aber dennoch nicht müde werden, Dich nach dem Grunde Deines Hierseins zu befragen, hier in dieser kleinen Runde weiterer
Gäste, die sich gegenseitig bereits halblaut als Journalisten geoutet haben, mitunter in frustriertes Lachen ausbrechend, ein Bier ordernd und
dann noch eines.
Doch auch da täuschte der erste Eindruck, ging es — allen Binsenweisheiten einer selbstgerechten Medienkritik zum Trotz – nicht allein um das
Thema «Ich & die Story», «Ich, Reporter in diffuser Gefahr». Statt dessen kollegial ausgetauschte Informationen, Vermutungen,
Gerüchte und Wahrscheinlichkeiten über die Menschen da draußen, in den Nächten von Rangun, und ihrem Schicksal, wenn in den
Stunden der Stromsperre wieder die Wagen der Armee und der Geheimpolizei unterwegs sein werden, um Razzien abzuhalten, Mönche aus ihren Pagoden
zu schleifen, Städter aus ihren Wohnungen. Diese Wut, dennoch nichts Konkretes darüber berichten, keinen von ihnen helfen zu können.
Also dann doch lieber, in Einsicht des Unabänderlichen und mit der Genugtuung, immerhin soviel wie möglich Zeitungssätze auf
verschlungenen Wegen aus dem Land in die «Welt» hinaus gebracht zu haben, dieses Bangkoker Tändeln mit dem eigenen Narzissmus?
Praktikabel für ein paar Nachmittagsstunden, höchstens.
Abends aber, im rhythmisierten Lichterzucken der «DJ Station», geht es wieder los: Was machst Du eigentlich unter all diesen Leuten
hier, kreischenden, tanzenden, lachenden, sich anbaggernden, trinkenden und kettenrauchenden Touristen und Einheimischen, gutgelaunten
Schwachköpfen, die… Wie gut, dass Dir just in diesem Moment Brecht einfällt: «Der Lachende/ Hat die schreckliche Nachricht/
Nur noch nicht vernommen.» Gleichzeitig aber hörst Du, durch das Dröhnen der Techno–Beats hindurch, hörst Du die peinigende
Intonation dieser apokalyptischen Besserwisser–Verse, unsterblich geworden in den krächzenden Stimme Ernst Buschs: Der La–chen–de… ver–nom–men.
Kulturkritik zum Nulltarif ist das, mein Lieber, Missbrauch Deiner Ranguner Erinnerungsbilder zum Distinktionsgewinn, pure Hoffart — und
darüber hinaus denkbar unfair: Glaubst Du wirklich, jene Junta da in Birma würde aufhören zu prügeln und zu schießen,
wenn man sich in Bangkok nicht mehr amüsieren würde?
Und dennoch. Du meidest Blickkontakte, denkst an diejenigen, die Dich vor ein paar Tagen, am letzten Septembersamstag des Jahres 2007, an der
Anawratha Street vor den vorrückenden Militärs versteckt hatten, obwohl sie doch selbst des Schutzes bedürftig waren, denkst an
sie und magst Dir ihr jetziges Schicksal gar nicht ausmalen, stierst vor Dich hin, lässt die Britney Spears– und Beyoncé–Songs an
Dir vorbeirauschen, antwortest auch nicht auf die erwartbare Bangkok–Frage «In Dein oder mein Hotel?», hockst plötzlich in
einem Kokon aus Einsamkeit, das Nicht–Vermittelbare wie ein Kloß, eine scharfkantige, unerfüllbare Forderung in Deinem Inneren, und
dann kommen auch schon die Tränen.
Wie sie Dich in Hauseingänge, kleine Läden und Teestuben gezogen haben, sobald sich eine Militäreinheit von ihrem Standortaus in
Bewegung setzte, um – Knüppel gezückt, Gehrläufe waagerecht — die Demonstranten zu jagen, die sich daraufhin panisch in Sicherheit
zu bringen suchten und auch Dich dabei nicht vergaßen! Was ist wohl aus ihnen geworden, den Menschen mit den freundlichen, besorgten
Gesichtern, den Augen, die sofort Dein kleines Notizbuch erspäht hatten, den «hilfreichen Händen» von der Montagsschlagzeile
auf Seite 1? Was, Herr Sonderkorrespondent, was? Und was, da wir ja nun schon einmal hier auf diesen Barhocker sitzen und Gewissenforschung
betreiben mit Blick auf den Dancefloor, was wäre, wenn selbst Deiner Bestürzung noch etwas Entlastendes innewohnte?
Was, wenn Claude Lanzmans Gebot «Du sollst nicht weinen» genau den Punkt treffen würde, Warnung vor jener emotionalen
Selbstberuhigung, welche die Tränen schenken, paralysierend verliebt in die eigene Schwäche? Du sollst nicht weinen…
Doch stattdessen? Vielleicht könntest Du es ja einmal, fern aller Posen, mit Vertrauen versuchen, Vertrauen in das, was Du gesehen und
beschrieben hast. (Denn Du hast es ja beschrieben und aus dem Land herausgebracht, also mach Dich nicht so klein — so groß bist Du nicht.)
Erinnere Dich an die Ruhe von Herrn Linn, Pressesprecher der birmanischen Exilregierung, jener im März 1990 um ihren Wahlsieg von 82 Prozent
gebrachten und nach Thailand verjagten Demokraten, die nicht mit Rhetorik wettmachen, was ihnen an Einflussmöglichkeiten fehlt. Erinnere Dich
an das klare «Wir können bestätigen, das es in Rangun gegenwärtig Internierungslager gibt, zum Beispiel auf der ehemaligen
englischen Pferderennbahn», denke an das skrupulöse «Massenmorde des Regimes an Mönchen halten wir für vorstellbar,
verfügen jedoch augenblicklich über keine gesicherten Erkenntnisse».
Bewahre das Bild dieses würdigen alten Mannes, der Dir erst auf Nachfrage von insgesamt acht Jahren Haft in Birmas Kerkern erzählte.
Oder denke an das schmerzliche Lächeln des Herrn Kwehsay, dessen Menschenrechtsorganisation gleich hier in der Nähe, auf der anderen
Seite der Silom Road, ein kleines Büro unterhält, wo man Dir vom Schicksal der ethnischen Minderheit der Karen erzählt, seit
Jahren vom Regime unterdrückt, die Männer zur Zwangsarbeit herangezogen, die Frauen vergewaltigt, die Hütten im Dschungel im
Osten Birmas angezündet, die Wege mit Landminen unpassierbar gemacht.
Erinnere Dich! Lass die Larmoyanz und die Fragerei über mögliche und unmögliche Ideologiekritik, denn Tatsache ist nun einmal,
dass Du am Tage Deines Abflugs in einem Zeitungsladen am Flughafen Tegel die PDS–nahe «Junge Welt» durchblätterst hast, wo
eine «Myanmar–Expertin» die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi des Unverständnisses der Landesmentalität
zieh und die China–nahen Raubrittergeneräle als quasi letzte Bastion gegen die kapitalistische Globalisierung darstellte. Vergiss auch
nicht jene zwei deutschen Geschäftsleute im Hotelrestaurant mit ihren Klagen über die vermeintlich «skandallüsterne
Journalistenmeute», über das «Demokratiegedöns von außen», wo doch die Leute in Birma lediglich «ein
bissel bessere Lebensqualität» wünschten und «jeden Tag einen vollen Reistopf». Merke Dir diese Worte, ihren
Kulturrelativisten–Slang, ihre brutale Gschaftlhuber–Heuchelei.
Und zum Schluss — weshalb solltest Du Angst vor irgendwelchen Missverständnissen haben? — denk an die zwei jungen, wahrscheinlich
indischstämmigen Männer, die Dich im Gewühl eines der Verstecke, hinter einem Scherengitter, während draußen auf
der Straße die Behelmten in breiter Angriffsfront vorrückten, anzufummeln begannen, in einer Mischung aus Kameraderie und
Todesfurcht. Ausgerechnet da? Ausgerechnet da.
Nenn es Kompensation oder Aufbegehren der Lust gegen das Destruktive, nimm Zuflucht zu Deinem Lieblingsbegriff von der Gleichzeitigkeit
des Ungleichzeitigen, aber verschweig es nicht aus falscher Pietät, denn vielleicht sind ja auch sie schon verhaftet, gefoltert oder
gar tot. Erinnere Dich an ihr wagemutiges Lächeln und ihre beinahe schon schelmischen Entschuldigungsgesten, als Du fassungslos den
Kopf schütteltest und stell Dir vor, dieses Lächeln sei letztlich stärker als die tumbe Mimik der Macht. Wenn schon eine
Illusion, Herr Sonderkorrespondent, dann diese.
(Erstveröffentlichung in LIBERAL/ Berlin; Dezember 2007)
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