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„Was auch immer geschieht, du musst flexibel sein“
Wie zwei Brüder mit ihrer Zeitschrift
Birmas Militärregime das Fürchten lehren


Von MARKO MARTIN


Chiang Mai. Es waren einmal zwei Jungen, die tauchten immer wieder in der Bogyoke Aung San Road von Birmas Hauptstadt Rangun auf. Die Verkäufer all der unzähligen, eselsohrigen second hand–Bücher, die hier unter Arkaden und in pittoresk verfallenen Ladenzeilen auf Kunden warteten, kannten die beiden bald sogar mit Namen: Aung Zaw und Kyaw Zwa Moe, der drei Jahre Jüngere. “Es war Mitte der achtziger Jahre, und noch herrschte der sozialistische General Ne Win, der sich 1962 an die Macht geputscht hatte. Und weil es eine strikte Zensur gab und all die Bücher, von denen wir abends in den Sendungen der BBC gehört hatten, in Birma verboten waren, mussten wir uns mit Antiquarischem zufrieden geben. Von Orwell aber statt ‘1984’ nur das kolonialismuskritische ‘Tage in Burma’, dafür jedoch alles von Karl Marx. Den lasen wir dann, da es ja nicht anderes gab, sozusagen gegen den Strich, was dennoch mühsam blieb.”

Heute ist Aung Zaw 39 Jahre alt und Herausgeber von Birmas berühmtester Exilzeitschrift “The Irrawaddy”, benannt nach dem mächtigen Strom, der bei Rangun in den Indischen Ozean mündet. Sein Bruder Kyaw Zwa Moe, Chefredakteur des im nordthailändischen Chiang Mai ansässigen Magazins mit insgesamt dreißig festangestellten Mitarbeitern, lächelt freundlich, während er den Erinnerungen des Älteren zuhört. Sympathisch gelassen an ihren Schreibtischen des mit halbhohen Wänden abgeteilten Redaktionsraums sitzend, wirken sie für ihr Alter beträchtlich jünger und könnten auch soeben graduierte Studenten einer südostasiatischen oder amerikanischen Universität sein. Eine Aufsteigergeschichte also?

Bis Aung Zaw sagt: “Ich hatte Glück. Sie haben mich nur eine Woche lang gefoltert. Während der Studentenproteste von 1988 haben sie mich als sogenannten ‘Aufrührer’ vom Campus weg verhaftet und für sieben Tage ins Insein–Gefängnis gebracht, in dem Anfang des 20. Jahrhunderts Orwell Dienst getan hatte, der damals übrigens noch Eric Blair hieß. Ist das nicht seltsam? Ich kam jedenfalls bald wieder frei und nahm dann an den folgenden Protesten teil, in deren Verlauf das Regime über dreitausend Menschen niederschoss oder erschlug. Doch wieder hatte ich Glück und konnte noch im September ’88 aus Rangun nach Thailand fliehen. Für Kyaw aber war es schlimmer.”

Spielen sich die beiden Brüder mit dem gleichen seidenschwarzen Haar, dem gleichen schütteren Oberlippenbart womöglich die Bälle zu? Nichts weniger als das. Ihr freundliches Understatement ist nicht forciert, die kollegiale Atmosphäre in der Reaktion kein aufgeführtes Spiel für den auswärtigen Besucher – und Kyaw Zwa Moes Zögern, sofort über Privates zu sprechen, kein rhetorischer Kunstgriff. “Gewiss, aber… Zuerst einmal die Neuigkeiten von heute: Diese Woche wurde unsere tägliche Internet–Ausgabe weltweit 12 Millionen Mal angeklickt. Während der Tage Ende September, als das Regime die Proteste der Mönche und Zivilisten niederschlug, waren es sogar 33 Millionen gewesen.

Die Militärjunta musste ziemlich wütend gewesen sein, denn ihre Computer–Hacker legten uns schließlich lahm. Allerdings auch nur für zwei Tage, während derer uns weiter die Menschen aus Birma heimlich anriefen und uns mit Informationen aus erster Hand versorgten.”

In der Tat wüsste die Weltöffentlichkeit kaum etwas über die Vorgänge im Inneren der abgeschotteten Diktatur, gäbe es “The Irrawaddy” nicht, das vor anderthalb Jahrzehnten als hektographiertes, vierseitiges Bulletin begann, geschrieben in einem fensterlosen Raum in Bangkok an einem schadhaften Computer – der ersten Spende, die Aung Zaw von einem befreundeten westlichen Journalisten erhalten hatte.

Heute können sich die monatlichen Cover des vierzig Seiten starken Magazins in ihrer Professionalität nicht nur mit “Newsweek” oder “Time” messen lassen — eine gerahmte Bildergalerie über den Köpfen der Brüder zeugt von immensem medienästhetischen Gespür — auch die in angelsächsischer Rercherche–Tradition geschriebenen Uncover–Reportagen, die Fotostrecken und Insider–Analysen zählen längst zur Pflichtlektüre für Birma–Kenner. “Obwohl wir nur eine gedruckte Auflage von 3000 Exemplaren pro Monat haben, lesen uns die sogenannten ‘Multiplikatoren’: Politiker, UN–Gesandte, Diplomaten, NGO– und Menschenrechtsvertreter, dazu Top–Leute aus der Wirtschaft, die wissen wollen, wie die Junta von Gas über Öl bis zu Teakholz und Heroin alles verhökert, was ihr Geld und damit Macht sichert.”

Wenn Kyaw Zwa Moe spricht, dann ohne Eifern, ja nicht einmal mit Zorn in der Stimme. Ist das also der Mann, den es ungleich schlimmer getroffen hatte als seinen Bruder, den die Militärs acht Jahre seines Lebens genommen hatten, 1991 im Alter von 19 Jahren nach einer Demonstration zu Ehren der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi verhaftet, gefoltert und — wie zuvor bereits seinen älteren Bruder – ins berüchtigte Insein–Gefängnis geworfen? “Wer in der Zelle mit einem Zettel oder einer Bleistiftmiene gefunden wurde, dem drohten Schläge, Nahrungs– und Schlafentzug. Sie wussten, dass ich dem Regime kompromisslos gegenüber stand, deshalb wurde ich nach dem berüchtigten Paragraphen 5 J verurteilt. Die Dauer der Haft sollte mein Gehirn derart leer machen, dass ich mit 27 Jahren dann eine Art Zombi geworden wäre.” (Wie sich die Geschichten gleichen: Der Schriftsteller Jürgen Fuchs notierte in seinen “Vernehmungsprotokollen”, was ihm sein Stasi–Verhörer 1976 in Ostberlin prophezeit hatte: “Und das gebe ich Ihnen schriftlich, Freundchen. Sollten Sie hier je wieder rauskommen, werden Sie vor Hass nur so sprühen und daran ersticken. Uns soll’s nur recht sein.”)

Als Kyaw Zwa Moe schließlich 1999 in Chiang Mai im thailändischen Exil ankommt, rät ihm nicht nur sein Bruder zu mehrmonatiger Ruhe. “Ich sagte ja, tat aber dann doch das Gegenteil. Mitgefangene hatten mir in der Zelle englisch beigebracht, manche von ihnen, die früher entlassen worden waren, traf ich nun hier in Chiang Mai, dem Zentrum der Exil–Birmesen, wieder. Deshalb wollte auch ich etwas tun und begann zu schreiben, als Kolumnist für ‘The Nation’ in Bangkok ebenso wie für ‘The Irrawaddy’ meines Bruders, der inzwischen weltweit Institutionen gefunden hatte, die unsere Non–Profit–Arbeit finanziell unterstützen.”

Man müsste wohl lange in der oft eher aus historischen Fußnoten bestehenden Geschichte der Exilpublizistik suchen, um ein ähnlich erfolgreiches Projekt zu finden. Trotz aller Pressionen mitunter auch von Seiten der Thai–Regierung hat “The Irrawaddy” es nämlich geschafft, nicht nur zur Stimme der Unterdrückten, sondern auch zum Stichwortgeber und seriöser Quelle nahezu aller Berichte zu werden, die in der Weltpresse über Birma erscheinen. Ist es vielleicht der bei allem Engagement sachliche Ton, die wohltuende Abwesenheit grossprecherischer Kommuniques, mit der Exilgruppen allzu oft ihre mangelnden Einflussmöglichkeiten kaschieren und einem sektiererischen Autismus verfallen?

Kyaw Zwa Moe lacht. “Natürlich ist es das! Übrigens hat es uns eine Menge Kritik eingetragen, als wir uns als Redakteure selbstverpflichteten, keiner politischen Exilgruppe angehören zu dürfen. Das hat uns gleichzeitig aber internen Zwist erspart und dazu unzählige Menschen aus Birma ermutigt, mit ihren Informationen zu uns zu kommen. Inzwischen berichten uns selbst Familienangehörige hoher Militärs auf verschlungenen Wegen aus dem Inneren dieses dunklen Zirkels. Sie würden das wahrscheinlich nicht tun, wenn sie nicht unserer Professionalität auch im Quellenschutz absolut vertrauen könnten.”

Die Fenster des Redaktionsraums in der zweiten Etage des weißgestrichenen Gebäudes am Rande von Chiang Mais Altsstadt sind weit offen, von der Strasse dringt das ewige Knattern der Tuk–Tuk–Taxis und Motorräder nach oben. Fürchten die beiden Brüder nicht eine weitere Attacke des Regimes, Diebstahl von Dokumenten oder gar physische Angriffe? Ihre Miene erhellt sich synchron. “Das trauen sie sich nicht. Dafür ist es jetzt zu spät. Denn alles, was sie eventuell tun könnten, würde schon in den nächsten Stunden im Internet weltweit publik werden. Das ist eben die Globalisierung. Und Spione einzuschleusen ist schwierig bei Menschen, die Haft und Folter gelehrt haben, dem Anderen in die Augen zu schauen.”

Und all die gestohlene Lebenszeit? Kyaw Zwa Moe atmet tief durch. “Ja. Sicher. Aber die Herausforderung besteht darin, weder zu hart noch zu weich zu sein und jene Flexibilität zu bewahren, die sie uns hatten nehmen wollen. Niemand sagt, dass es leicht ist, aber was ist schon leicht im Leben?”

Und auch das erinnert an eine andere Geschichte, an ein deutsches Lied – Biermanns Überlebens–Lied. Du, lass Dich nicht verhärten/ in dieser harten Zeit… Wer sagt, dass derlei längst passé sei?

(Erstveröffentlichung in DIE WELT; Dezember 2007)

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