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Mit den Augen des Westens
Asiens Despoten und Europas Trägheit

Ein Text von Marko Martin

Ein lauschiger Sommerabend in Berlin–Charlottenburg, einige der Gäste standen, Weingläser in den Händen, versonnen auf dem Balkon, andere schritten im Innern der Wohnung auf abgezogenen Dielen die Bücherwände ab, bewunderten Bilder und exotisch scheinende Skulpturen, und der pensionierte Soziologe, der gerade noch von seinem neuen Landhäuschen in der brandenburgischen Uckermark geschwärmt hatte, sagte in nachdenklichem Ton: „Oh, Birma... Gewiss, die regierenden Militärs — wahrlich keine Unschuldsengel, aber das sind die Amerikaner übrigens auch nicht. Als meine Frau und ich dort waren, hat uns jedenfalls die Ruhe und stille Abgeschiedenheit des Landes sofort gebannt. Die Pagoden, das wuchernde Grün! Natürlich, wir haben auch Zwangsarbeiter gesehen, Leute, die man für den Straßenbau nördlich von Mandalay abkommandiert hatte. Schlimm, sehr schlimm. Aber das eine möchte ich Ihnen doch sagen: Trotz allem bewahrt das Land seine Kultur und ist noch kein Hurenhaus wie Thailand, Gott sei’s gedankt.”

Szenenwechsel. Das Traders Hotel im Zentrum von Rangun in den Tagen der Niederschlagung der Mönchsproteste. Draußen in der nächtlichen Dunkelheit aufmarschiertes Militär, das Schutz suchende Demonstranten abschrecken soll, fahlweiße Plastikschilde und Schlagstöcke, innen im halbleeren Speisesaal jedoch zwei redselige Geschäftsleute mit stark rheinländischem Akzent, in Tennissocken und Sandalen, die Polohemden unter den schwergliedrigen Goldkettchen geöffnet. „Natürlich ist hier gerade nicht alles in Butter, aber wo wäre das schon? Ganz sicher aber kommt dieses ganze Demokratiegedöhns von außen, während die Einheimischen wahrscheinlich schon zufrieden wären, ihren Reistopf voll zu haben.”

Freilich ließe sich all dies auch diskreter formulieren, so etwa von Roman Herzog in seiner Zeit als Bundespräsident: „Für hungrige Menschen hat ein Recht wie die Meinungsäußerung zwangsläufig geringere Bedeutung als für satte.”

Wie jedoch sollten die gern zitierten Armen ihr Recht auf Brot oder Reis einklagen – oder auch nur auf den Mangel daran hinweisen – wenn ihnen zuvor das Recht genommen wurde, sich angstfrei äußern zu können? Meinungsfreiheit als Basis für prosperierende und dem Fairnessgebot verpflichtete Gemeinwesen oder allein ein in Krisenzeiten anscheinend verzichtbares Luxus–Tüpfelchen von Wohlstandsgesellschaften?

Die westliche Müdigkeit jedenfalls ist frappierend, eine Defensiv–Rhetorik, die ein wenig zu selbstgefällig für sich in Anspruch nimmt, nach langen kolonialen Irrfahrten nun endlich Komplexität und Diversität zu huldigen und nie mehr in die Falle universalistisch kaschierten Dominanzgebarens zu geraten. (Und doch, wie praktisch, gleichzeitig weiterhin ungestört Geschäfte mit Diktaturen machen zu können.) So warnt Altbundeskanzler Helmut Schmidt im Falle Chinas vor „Überheblichkeit und herablassenden moralischen Belehrungen” und gibt in der TV–Talksshow „Maischberger” zu Protokoll, chinesische Menschenrechtsverletzungen seien „nicht sein Bier”.

Wie überheblich und herablassend diese Statements auf die Hunderttausende von Straflager–Insassen, auf zu langjähriger Haft verurteilte Bürgerrechtler und Umweltaktivisten wirken müssen, ist Helmut Schmidt dabei wahrscheinlich ebenso gleichgültig wie Gerhard Schröder, der Menschenrechtspolitik als „ritualisierte, symbolhafte und nur für die deutsche Öffentlichkeit gedachte Aktivitäten” buchstabiert – „sie mögen für Nichtregierungsorganisationen angemessen sein, für staatliches Handeln sind sie es nicht.” Befragt nach den Massenmorden unter lateinamerikanischen Folterregimes, hatte und hat ein Mann wie Henry Kissinger stets ähnliche Antworten parat.

Das Rechts–Links–Schema mag ausgedient haben — vorbei jedenfalls die Zeiten, als ein Rudi Dutschke die Pol–Pot–Kritik des jungen CDU–Politikers Friedbert Pflüger unter studentischem Applaus mit dem Ausruf konterte, „was versteht ein Rechter schon vom demokratischen Kampuchea” — die Komplizenschaft und innere Nähe zu diversen Machthabern aber scheint geblieben. Ironischerweise entspricht dabei jener sich so modest und subtil gebende Kulturrelativismus, der von Politikern, Wirtschaftsleuten, Wissenschaftlern und mitunter auch Journalisten gepflegt wird, exakt dem, was die Generäle in Rangun, die Parteifunktionäre in Peking oder die Mullahs in Teheran nicht müde werden, ihrem entmündigtem Volk lautstark zu dekretieren:

Unsere Tradition von Respekt und Gehorsam, unser authentischer Lebensstil – unsere Sprache der Gewalt. Die Verachtung für konkretes zivilgesellschaftliches Alltags–Engagement (von freiem Internet bis hin zu nicht–vergiftetem Trinkwasser), die aus Gerhard Schröders Worten über Nichtregierungsorganisationen spricht, fällt bei diesen Potentaten dann vermutlich auf ebenso fruchtbaren Boden wie Alice Schwarzers Eloge auf das zwar autoritär regierte, aber immerhin einem angeblich westlichen Imperialismus noch nicht unterworfene Birma alias Myanmar. („Ich habe hier nie Hunger oder wirkliches Elend gesehen. Erst in den letzten Jahren tauchten bettelnde Kinder auf: angefixt von Kugelschreiber verteilenden Touristen.”)

Seltsam nur, dass die Feministin kurz zuvor in ihrer Rede zum Ludwig–Börne–Preis genau jene Werte von Emanzipation und frei ausgelebter Individualität gefeiert hatte, die dann im Blick auf Südostasien als okzidentaler Hokuspokus denunziert werden. Und auch Helmut Schmidts Rede bei einem Bundeswehrgelöbnis vor dem Berliner Reichstag pries genau jene Tugenden eines demokratischen Rechtsstaats, die er zuvor im Fall des kleinen Taiwans noch als vernachlässigenswert angesehen hatte — „ohne politische Obstruktionen des Westens” müsse eine Annäherung und Wiedervereinigung mit der Volksrepublik China zugelassen werden. Also doch: Freiheit und Menschenwürde allein für Weiße und „dem Asiaten” allerhöchstens die gefüllte Reisschüssel?

Aber was wäre, wenn sich hinter der westlichen Demuts–Pose nicht zuletzt eine immense Faszination verbergen würde, das Konstrukt einer normierten Region nämlich, die ohne alles störende liberale oder gewerkschaftliche Prozedere den großen Sprung zur Wirtschaftsmacht wagt – eine rücksichtslos über Einzelschicksale dahinstampfende Macher–Vision für Altlinke und Neorechte gleichermaßen, für Ausnahmezustands–Fans und Dezisionisten jeglicher Coleur? Mit den Augen des Westens...

Vielleicht wäre es ja an der Zeit, einmal jenen sogenannten „Einheimischen” zuzuhören, die keine Repräsentanten der Macht sind – und übrigens auch nicht unbedingt jene hierzulande so oft freundlich bemitleideten „verwestlichten, isolierten Intellektuellen”. Ich höre das kraftvolle, ein wenig sarkastische Lachen der Hongkong–chinesischen Bürgerrechtlerin Emily Lau und der thailändischen Senatorin Rosana Tositrakul („Asiatische Werte? Schmieriger autoritärer Paternalismus, das ist alles. Auch der Westen war Jahrhunderte lang davon geprägt – Fürsten, Bischöfe und so weiter, von den unzähligen rechten und linken Diktaturen ganz zu schweigen. Sollen wir etwa, nachdem man sich dort davon befreit hat, hier diese Last weitertragen als etwas angeblich ‘Authentisches’?”)

Ich sehe die schmerzliche Ironie in den Augen des birmanischen Exil–Publizisten Kyaw Zwa Moe (acht Jahre Haft und Folter vor seiner rettenden Flucht ins „Hurenhaus” Thailand.) Und ich höre die leisen, eindringlichen Worte des Studenten im iranischen Persepolis: „Siehst du diese hochgestellten Flügel da auf der Statue von König Darius dem Großen? Ein Symbol für die Freiheit, die auch anderen Freiheit gibt. Und hier, die niedergeschlagenen Flügel, schmal wie ein Strich? Symbol für die Freiheit weniger, die andere nur unterdrückt. Und weißt du, was? All diese Gedanken sind nicht verschwunden, sie sind inzwischen nur weiter gewandert zu den Menschen in Europa und in die Vereinigten Staaten von Amerika. Aber vergiss nicht, dass auch wir frei geboren sind und diese Träume haben. Auch wir.”

Marko Martin lebt als Publizist und Schriftsteller in Berlin. Obenstehender Text ist das Vorwort zu seinem im September erscheinenden Buch „Sonderzone. Nahaufnahmen zwischen Teheran und Saigon” (Zu Klampen Verlag, 140 S., Euro 14,–)

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