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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Exil als geistige Dimension

Das P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland

Ein Essay von
Chaim Noll

(click here for English version)

Bei seiner Gründung im Jahre 1921 war der Internationale PEN, ein weltweiter Zusammenschluss von Literaten, seiner Zeit voraus. Die Idee überstaatlicher Strukturen war damals neu, und Schriftsteller gehörten zu den ersten, die sie zu realisieren versuchten. Die Gründung des PEN geschah aus künstlerischem Impetus ebenso wie aus Gesinnung, aus verneinenden ebenso wie bejahenden Motiven. Abgelehnt wurden Krieg, Völkermord, Nationalismus und Rassenhass - die Intellektuellen Europas standen unter dem Schock des Ersten Weltkriegs. Das positive Bekenntnis galt der Freiheit des Wortes, der Toleranz und anderen Grundwerten der Demokratie.

Entsprechend die Satzungen: Aufnahme in das jeweilige nationale PEN-Zentrum erfolgt durch Zuwahl, ausschlaggebend für Mitgliedschaft im PEN sollen literarische Kriterien sein, nicht politisches Bekenntnis, Stand, rassische Herkunft oder was immer andere Vereine als selektives Mass ansetzen. Sein Name ist ein Akrostychon, ein Spiel mit Worten: P für poets, E für essayists, N für novelists, was in dieser Anordnung zugleich das englische Wort pen ergibt, die Schreibfeder. Man glaubt im PEN an ihr siegreiches Überdauern: The pen is mightier than the sword.

Wozu ein solcher Zusammenschluss von Schriftstellern? Erhofft wurde positiver Einfluss der Literatur auf die Politik, auf den moralischen Zustand der Gesellschaft. Die Schriftsteller dieser Tage waren überzeugt von der humanisierenden Wirkung des geschriebenen Wortes. Man lese die politischen Essays von PEN-Grössen dieser Tage, im Deutschen etwa von Thomas Mann: wieviel Glaube an die Bedeutung der Literatur, ihre menschliche Botschaft, ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Der PEN war Ausdruck grosser Hoffnungen auf einen aufklärerischen volonté generale, eine Erreichbarkeit des Vernünftigen im Menschen durch das freie Wort.

Dieser Glaube wurde zunehmend erschüttert, nicht zuletzt durch immer neuen "Missbrauch des Wortes" im Dienst irrationaler Ideologien und totalitärer Systeme, die sich der Literatur zur ihrer Apologie und Verherrlichung bedienten. Die erste Blüte des PEN lag noch vor diesem Phänomen. Aus dem Abscheu über den Ersten Weltkrieg heraus proklamierte man "Freiheit", "Menschlichkeit" und ähnliche Ideale als Forderungen der Literatur, ohne von ihrer möglichen Instrumentierung im Dienste des genauen Gegenteils zu ahnen. Orwells "Ministerium für Liebe" war noch unbekannt. Kaum jemand hatte die Phantasie, sich die Mittäterschaft der Literatur in totalitären Staaten - in Russland seit den Zwanzigern, in Deutschland seit 1933, andernorts seit 1945 - auch nur vorzustellen.

Auch Schriftsteller des Westens zeigten sich anfällig für das Faszinosum gewalttätiger und literaturfeindlicher Herrschaft. Die kulturzerstörende Herrschaft der Bolschewiki wurde von vielen Literaten Europas hingenommen, sogar bewundert. Wer es mit dem "freien Wort" ernstnahm, konnte der Solidarität seiner westlichen Kollegen keineswegs sicher sein. Ähnliche Erfahrungen machten die von den Nationalsozialisten ausgebürgerten deutschen Schriftsteller in den dreissiger Jahren. Heinrich Mann fasste ihre Misere in der Formel zusammen: "Der Emigrant aus Überzeugung verliert an Glaubwürdigkeit in dem Masse, in dem sich herausstellt, dass er mit einer befestigten Macht überworfen ist."

Der Internationale PEN, an seine Charta gebunden, erwies sich als relativ verlässliche Grösse. Zwar nahm der deutsche PEN nach Hitlers Machtübernahme die Gleichschaltung hin und agierte im Sinne nationalsozialistischer Kulturpolitik, doch kam es darüber auf der Vollversammlung des Internationalen PEN in Ragusa im Mai 1933 zum Konflikt mit dem Internationalen Präsidium. Hitlers pyromanische Literaturpolitik war mit der PEN-Charta unvereinbar, man erwartete von der deutschen Delegation eine Erklärung gegen die Bücherverbrennungen. Die Erklärung blieb aus, statt dessen verliess die deutsche Delegation unter Protest den PEN-Kongress.

Sie überliess die Verteidigung der deutschen Literatur einem jüdischen Emigranten, Ernst Toller, der auf dem Kongress seine berühmte, die Nazis anklagende Rede hielt. Der deutsche PEN war nicht bereit, in Deutschland für die Freiheit des Wortes und andere Grundsätze des PEN einzustehen. Im November 1933 erklärte das deutsche Zentrum endgültig seinen Austritt aus dem Internationalen PEN und versank alsbald in Nichtigkeit. Der Verlust für den PEN war gering: ohnehin lebten fast alle deutschen Schriftsteller von Rang inzwischen im Exil. Auf dem folgenden Internationalen PEN-Kongress, 1934 in Edinburgh, wurde die deutsche Literatur durch Emigranten vertreten.

Was hätte in dieser Situation näher gelegen, als im Ausland ein neues deutsches PEN-Zentrum zu gründen? Lion Feuchtwanger, Max Herrmann-Neisse und Ernst Toller stellten den Antrag im Namen zahlreicher aus Deutschland ausgebürgerter oder geflüchteter Schriftsteller. Der damalige Präsident des Internationalen PEN, der englische Nobelpreisträger H.G.Wells, versuchte dem Problem zunächst auszuweichen, doch Generalsekretär Hermon Ould favorisierte die Idee. Es war schliesslich eine Frau, die holländische Delegierte Jo van Ammers-Kuller, die mit leidenschaftlichen Worten zur Entscheidung drängte. So kam es auf diesem Kongress zu einer bedeutenden Neuerung in der Geschichte des PEN: mit dem deutschen "Exil-PEN" entstand das erste Zentrum, das nicht mehr an einen Staat, sondern ausschliesslich an eine Sprache, eine Literatur gebunden war.

Nach anfänglichem Zögern mochte sich dem politischen Utopisten H.G.Wells, Autor damals aufsehenerregender Bücher wie A Modern Utopia oder The Shade of Things to Come, dieses erste PEN-Zentrum mit staatenlosem Status in das eigene literarische Weltbild fügen. Wells träumte von einem Weltstaat, basierend auf einem die Ländergrenzen übergreifenden Willen zur Verwirklichung humanistischer Ideale. In ihren Weiterungen bedeutete die Entscheidung des Edinburgher Kongresses einen Schritt auf dem Weg in zunehmende Internationalisierung oder, wie man heute sagen würde, Globalisierung. Erstmals entstand ein von staatlicher Bindung freies PEN-Zentrum. Im Sinne dieses Präzedenzfalles konnten sich PEN-Zentren fortan von ihren Herkunftsländern lösen, wenn deren Politik mit den Satzungen des PEN unvereinbar war, und unter Wahrung ihrer Sprache im Exil weiterbestehen.

Als Marginalie sei mitgeteilt, dass es heute über ein Dutzend Exil-Zentren innerhalb der rund 120 PEN-Zentren gibt, somit etwa ein Zehntel aller massgeblichen Literaten der Welt im Exil oder ähnlicher Situierung zu ihren Herkunftsländern bestehen, ein Beweis einerseits für die Gefahren, denen Schriftsteller immer wieder in ihrer Heimat ausgesetzt sind, andererseits für die zunehmende Beliebigkeit des Wohnorts in einer frei kommunizierenden Welt.

Es gibt ein Somali-Speaking Writers PEN-Centre in London, gegründet von Autoren, die sich in ihrem fundamentalistisch-islamischen Land nicht äussern können, oder ein Chinese Writers Abroad PEN Centre in New York, gegründet von chinesischen Oppositionellen. Andererseits ist das Suisse Romande PEN-Centre wohl eher aus sprachlichen, denn politischen Gründen in Paris ansässig, oder das Writers in Exile PEN-Center in Orange, USA, dem Literaten verschiedener Herkunftsländer angehören. Fern der Heimat lebende PEN-Mitglieder müssen nicht notwendigerweise aus politischen Gründen emigriert sein, noch müssen die Angehörigen eines Zentrums dem selben Land entstammen.

Letzteres entfiel seit 1939 auch für den deutschen Exil-PEN. Nach dem "Anschluss" Österreichs und der Besetzung der Tschechoslowakei durch die deutsche Wehrmacht trafen weitere Emigranten in West-Europa ein, in deutscher Sprache schreibend, aber nicht deutsch. Erster Präsident des Zentrums war der deutsche Schriftsteller Heinrich Mann, aber der Wiener Stefan Zweig zählte ebenso zu den Mitgliedern oder die in Chrzanow, Galizien, geborene Dichterin Mascha Kaléko. Das Attribut deutsch wurde in deutschsprachig geändert und besteht so bis heute. Das Zentrum ist zu einem internationalen Club geworden, dessen Mitglieder verschiedenen Ländern entstammen, geeint durch das Schreiben und Veröffentlichen in deutscher Sprache.

Folglich unterschied sich der deutschsprachige Exil-PEN auch nach 1945 von den neugegründeten deutschen PEN-Zentren in Ost und West. Sein Sitz blieb weiterhin in London, er konnte somit nicht unter den ideologischen oder politischen Einfluss eines der deutschen Nachkriegsstaaten geraten. Mitglieder wie Thomas Mann, Richard Friedenthal, Nelly Sachs, Arthur Koestler, Alfred Döblin, H.G.Adler oder Paul Celan standen für eine literarische Dimension, die beide Staaten gern für sich reklamiert hätten, zugleich für eine geistige Unabhängigkeit, die manchen in Ost- und Westdeutschland beunruhigte.

Versuche, das Auslands-Zentrum durch Einflussnahme im Internationalen PEN für obsolet zu erklären und aufzulösen, gab es mehrere. Schon den Anlass seiner Entstehung würden Geschichtsverdränger gern vergessen machen: das Versagen des deutschen PEN im Jahre 1933. Deutsche Nachschlagewerke oder Literaturgeschichten tun sich bis heute schwer, das Zentrum der deutschsprachigen Autoren im Ausland zu erwähnen. Und wenn sie es tun, dann oft in verfälschenden Formulierungen, als handle es sich um ein nicht mehr bestehendes Phänomen. Meyers Lexikon - als beliebig herausgegriffenes Beispiel - spricht vom Exil-PEN in konsequenter Vergangenheitsform: "Ab 1934 bestand in London ein durch deutsche Emigranten gebildeter 'PEN-Club deutscher Autoren'".

Dabei nahm die Mitgliederzahl nach 1945 sogar noch zu. Man weiss, wie wenig die Emigranten in den deutschen Nachkriegsstaaten willkommen waren, es sei denn als Alibifiguren politischer Interessen - dies vor allem im Osten -, eine Rolle, die sich nur wenige Exil-PEN-Mitglieder zumuteten, etwa Johannes R.Becher oder Anna Seghers. Thomas Mann blieb in Zürich, Feuchtwanger in den USA, Nelly Sachs in Stockholm, Alfred Döblin, der eine Rückkehr ins westliche Deutschland versucht hatte, re-emigrierte nach Paris. Dennoch wurde das Zentrum 1948 umbenannt, vermutlich, um das Reizwort "Exil" zu tilgen, und erhielt den Namen, den es bis heute trägt, PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Beide deutsche Nachkriegsstaaten verstanden sich als literaturfreundliche Milieus, hielten sich repräsentative Schriftsteller, verliehen Preise und investierten grosse Summen in den Aufbau einer jeweiligen deutschen Literatur, so dass - nach Logik der respektiven Kulturverwalter - kein Grund mehr bestand, das Land zu verlassen. Deutscher Einfluss wirkte dahin, dem Internationalen PEN den in London weiterbestehenden Auslands-PEN als überflüssig darzustellen.

"Warum sollte es 1957 einem Deutschen gestattet sein, sich als Exilant auszugeben?", rekapituliert die englische Schriftstellerin Storm Jameson, selbstlose Helferin der deutschen Emigranten in den schweren Kriegsjahren, aus dem Rückblick die immer wieder ins Feld geführte Frage. Zum Glück für die deutschen Exil-Schriftsteller wählte der Internationale PEN im selben Jahr Storm Jameson zur Vorsitzenden seines Exekutiv-Komitees, was die Rettung des gefährdeten Zentrums bedeutete.

Ich wurde 1993 in das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland aufgenommen, als ich bereits im Ausland lebte, aber weiterhin in Deutschland veröffentlichte. Der Zustand der Ferne zum deutschen Kulturbetrieb war für mich neu und mit Schwierigkeiten verbunden, andererseits inspirierte er literarische Beiträge, die von Deutschland aus unmöglich gewesen wären. Der Auslands-PEN wurde zum unerlässlichen Partner.

Mein Briefwechsel mit dem damaligen Präsidenten Fritz Beer, einem 1911 in Brünn geborenen, seitdem in London lebenden Emigranten der dreissiger Jahre, widerspiegelt unsere Nähe über Generationen und Ländergrenzen hinweg. Ein Teil dieser schriftlichen Standortbestimmung wurde 1994 in dem Band "Exil ohne Ende" veröffentlicht. Darin formulierte Beer unsere Gemeinsamkeit: "Denn ich bin, so wie Sie, Jude und Exilant (...), und wir tragen beide die gleiche Last: die braune und rote Vergangenheit Deutschlands, die nicht bewältigt wurde."

In meiner Antwort nannte ich eine weitere, über alles Politische hinausführende Dimension: "Unsere zweite Gemeinsamkeit, die weit trägt, ist die Sprache, in der wir schreiben, die deutsche. Ich habe diese zwiespältige Situation - das Land verlassen, der Sprache verhaftet bleiben - zuerst als bedrückend empfunden, jetzt eher als Herausforderung (...) In diesem Gegenüber, diesem Spiel Aussen - Innen, liegt eine ungeheure Chance."

Heute hat das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland etwa 100 Mitglieder, davon ca. 40 aktive, eine, verglichen mit anderen PEN-Zentren der Welt, beachtliche Zahl. Dabei geht der Anteil der Emigranten der dreissiger und vierziger Jahre unvermeidlich zurück, die heute aktiven Mitglieder sind meist nach dem zweiten Weltkrieg geboren. Sie stammen zum grössten Teil aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, und haben diese Länder freiwillig verlassen.

Dem Zentrum liegen zahlreiche weitere Aufnahmegesuche vor. Der Kontakt der Mitglieder untereinander vollzieht sich überwiegend in schriftlicher Form - aber ist nicht das Schriftliche ohnehin der Literaten angemessene Raum? -, wobei seit Ende der neunziger Jahren die e-mail als neues Medium raschen Austauschs von Gedanken und Meinungen zwischen den weltweit Verstreuten hinzukam.

Als ich 1993 in den ehemaligen Exil-PEN eintrat, befand sich dieser in einer Phase der Verjüngung und neuen Hoffnung. Zu selben Zeit arbeitete man in Deutschland an einer Vereinigung der beiden PEN-Zentren Ost und West zu einem Mega-Zentrum mit hunderten Mitgliedern, ein aus politischen Gründen vorangetriebener Vorgang, den die deutschen PEN-Funktionäre mit dem terminus technicus "Verschmelzung" bezeichneten.

Fragwürdig war die Absicht, frühere Mitarbeiter des DDR-Kulturapparats, sogar ehemalige Spitzel der Staatssicherheit in das "verschmolzene" Zentrum aufzunehmen. Dagegen opponierten zahlreiche Mitglieder beider Zentren, etwa 90 deutsche Schriftsteller traten aus beiden Zentren aus. Auch das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland fühlte sich zu einem Protest veranlasst: "Deutschland braucht eine geeinte PEN-Organisation, in der auch ein Dissident als wichtige Stimme gilt, in der nicht die Nutzniesser einer kulturzerstörerischen Diktatur die Schalthebel der Vergangenheitsdebatte bedienen, in der die Verpflichtung, die Freiheit des Wortes gegen die Macht zu verteidigen, nicht bloss eitles Geschwätz ist. Deutschland braucht einen PEN, der nicht vor der Aufgabe kapituliert, im deutschen Geistesleben eine Renaissance der humanistischen Orientierung anzustreben."

Diese Haltung hat dem Auslands-PEN nicht nur Freundschaft ein, auch nicht seitens des deutschen PEN. Die Argumente waren die selben wie 1957 und davor. Christoph Hein, der damalige Präsident des vereinigten deutschen PEN, stellte die Existenzberechtigung des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland generell in Frage: "Ins Exil geht man nur, wenn man muss. Es gibt keinen Grund, heute aus Deutschland ins Exil zu gehen." Der intransigente Duktus seiner Erklärung verrät unterschwellige Furcht. Er verwendet das Wort Exil, verwendet es unnötigerweise, da das Zentrum seit über fünfzig Jahren einen anderen Namen führt. Sein Apodiktum klingt, als empfinde er dieses Wort nicht als Zustandsbeschreibung, sondern als Programm, Kampfansage, Gefahr.

Welche Gefahr könnte vom PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland ausgehen? Welche gefürchtete Einwirkung auf Deutschland, welche Wirkung überhaupt? Naheliegenderweise - wie unser Mitglied Günter Kunert gegenüber einer deutschen Zeitung erklärte - die einer "Gedächtnishilfe und Gedächtnisstütze".
Kunert, der zweimal unter deutschen Diktaturen zu leiden hatte, als Sohn einer jüdischen Mutter in der NS-Zeit, als kritischer Schriftsteller in der DDR, empfindet "Gedächtnishilfe" nicht als Gefahr, sondern immer neuen stimulus zum Schreiben. Hierin sind sich, trotz der geographischen Verstreuung über die Erdteile, auch die anderen Mitglieder des Zentrums einig. Erinnerung, Besinnung, Bewältigung verstehen wir als wesentliches Motiv literarischer Arbeit.

Die in Strasbourg, Frankreich, lebende Prosa-Autorin Barbara Honigmann erinnert sich in autobiographischen Texten ihrer Jugend als Jüdin in Ost-Berlin. Der in San Diego, Kalifornien, ansässige Romacier Erich Wolfgang Skwara spürt den Bedrückungen nach, die ihn aus der österreichischen Provinz in die Welt trieben. An der Universität Southampton, England, widmet sich die Germanistin Andrea Reiter der Literatur des Holocaust. Mit der "Psychologie der faschistischen Rhetorik" beschäftigte sich der aus Dresden stammende, in Los Angeles lehrende Germanist Cornelius Schnauber.
Der in Italien lebende Gottfried Wagner, Urenkel des deutschen Komponisten, geht den Verstrickungen seiner Familie in der NS-Zeit nach. Subtile Romane aus der Zeit des Mittelalters schreibt die in Irland lebende Schweizerin Gabrielle Alioth. Der Papyrologe Carsten Peter Thiede, Professor in Basel und Mitarbeiter der Israelischen Antiken-Behörde Jerusalem, fand seine Zeit im ersten Jahrhundert, in den Tagen des Neuen Testaments.

Sie alle gehören zur Nachkriegsgeneration und geben für ihr Exil nicht-politische Gründe an. Eher psychologische oder religiöse. Oder Gründe, die sich aus ihrer akademischen Arbeit erklären. Oder aus dem genius loci ferner Orte als Moment ihrer Inspiration.

"Es gibt keinen Grund", wurde behauptet, "heute aus Deutschland ins Exil zu gehen." Im Gegenteil, es gibt deren zahlreiche und immer neue. Wenn ein Mensch ein Land verlässt, muss das von den Zurückbleibenden nicht als Beleidigung verstanden werden. Viele Völker hätten dann Grund zum Gekränktsein: Emigrieren ist heute ein alltäglicher Vorgang, in vielen Fällen nicht viel mehr als ein Wechsel des Wohnorts. Überhaupt ist fraglich, ob man, um ins Exil zu gehen, den Ort wechseln muss. Exil ist eine geistige Dimension.
Jedes Mitglied unseres Zentrums hat seine Motive, einzigartig, individuell, von denen aller Vorgänger verschieden. Jeweils eine deutsche Schriftstellerbiographie, eine Facette neuer deutscher Literaturgeschichte. Keineswegs muss sich der Übergang in ein anderes Land in Form gewaltsamer Austreibung vollziehen, um legitimiert zu sein.

Im Ausland lebende deutsche Autoren bereichern die deutsche Literatur und verhelfen ihr zu der Weltläufigkeit, derer sie immer wieder verlustig zu gehen droht. Sie erleben ihre Muttersprache im Umfeld der Fremde, entwickeln ein anderes Verhältnis zu ihr, finden sublimere Zugänge, bewahren unbelastet von dem in der Heimat beklagten Niedergang der Alltags-Sprache - traditionelle Strukturen. Zugleich erfahren sie die deutsche Sprache in ihrem Kontext - unter den anderen, erleben ihre Vorzüge und Schwächen authentischer, beschäftigen sich mit komparativen Untersuchungen, ergründen neue Möglichkeiten ihres Ausdrucks. Sie widmen sich nicht selten Übersetzungen deutscher Literatur in andere Sprachen, ein heutzutage - angesichts des dramatischen Rückgangs von aus dem Deutschen übersetzten Büchern - besonders verdienstvolles Anliegen.

Auch die älteren Mitglieder unseres Zentrums, die Deutschland zumeist als Flüchtlinge verlassen mussten, haben ihre Zugehörigkeit zur deutschen Literatur niemals preisgegeben. Der an der Universität Detroit lehrende Literarturwissenschaftler Guy Stern, seit 1935 in den USA, beschäftigt sich dort seit Jahrzehnten mit deutscher Sprache und Literatur; seine Bücher erscheinen, wie die vieler Mitglieder unseres Zentrums, in verschiedenen Sprachen. Mariana Frank-Westheim unterrichtete deutsche Literatur an der Universität Mexico. Der im Exil in Shanghai geborene Peter Finkelgruen lebt, nach Aufenthalt in mehren Ländern, wieder in Deutschland. Sogar in Deutschland verstorben ist, nach langen Jahren des Exils in Amerika, unser Mitglied Hans Sahl. Nach wie vor gibt Alice Schwarz-Gardos in Israel die einzige deutschsprachige Zeitung heraus. Sie alle haben ihr Exil dazu genutzt, das geschriebene deutsche Wort zu verbreiten, mit nicht weniger Anteilnahme, als hätten sie in Deutschland gelebt.

Die im Ausland lebenden deutschen Autoren und ihr PEN-Zentrum könnten dem deutschen Literaturbetrieb kulturelle Mittler, Berater, Gedächtnishelfer sein. Der deutsche PEN ist aufgerufen, diese Möglichkeit zu nutzen. Ein konstruktives Verhältnis zwischen den beiden Zentren würde dem deutschsprachigen literarischen Leben eine Dimension internationaler Verbindungen hinzufügen. Vor einigen Jahren sah es stattdessen so aus, als läge dem deutschen PEN wenig an der Existenz der Auslandsgruppe. Deren Präsident, der 92jährige Fritz Beer in London, hielt im Frühjahr 2002 dem Druck nicht mehr stand und schlug von sich aus die Auflösung vor. Rasch verkündeten deutsche Zeitungen das "Ende des Exil-PEN". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" wusste, wortführend für andere deutsche Medien, die Gründe zu nennen, warum das Zentrum angesichts des heutigen "modernen Deutschland" überflüssig sei.

Ausländische PEN-Zentren, der amerikanische, der russische und der israelische PEN, standen dem bedrängten deutschen Auslands-PEN bei. Auch wurden die jüngeren unter den deutschen Exil-Schriftstellern aktiv. Im Sinne seiner Charta wies der Internationale PEN im September 2002 auf seiner Vollversammlung den Versuch einer Auflösung zurück und gab den im Ausland lebenden deutschen Autoren ein Jahr Zeit, ihr Zentrum neu zu organisieren.

Der neugewählte Vorstand sieht für das demnächst 70 Jahre alte deutsche Auslands-PEN-Zentrum eine bedeutsame Zukunft. Zunächst das Zentrum auch in Deutschland lebenden Autoren die Möglichkeit der Mitgliedschaft geben. Für das PEN-Zentrum der deutschsprachigen Schriftsteller im Ausland gibt es keinen Grund, diese Schriftsteller abzuweisen. Die Erfahrung des Exils kann heute offenbar im eigenen Land gemacht werden. Für uns, die wir ausserhalb Deutschlands leben, wäre der Wohnort dieser neuen Mitglieder ohnehin kein Hinderungsgrund: aus unserer Sicht ist auch Deutschland Ausland.

© 1994 by Chaim Noll.

Der Band "Exil ohne Ende. Das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland" erschien 1994 im Bleicher Verlag Gerlingen.