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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


"You have only seven minutes to smoke a cigarette..."

13 USA-Gedichte und ein Afrika-Gedicht
von Utz Rachowski



REHOBOTH BEACH
SANDPIPERS

ES WÄREN
GANZ
ANDERE WELLEN
IN AMERIKA
HAB ICH
ZU LANGE
GEGLAUBT
GING NICHT
ZUR SEE
AUF MEINEN WEG
AUF EINMAL
LIEFEN
GANZ SCHNELL
UNBEKANNTE
KLEINE VÖGEL
SIE BEKAMEN NIE
NASSE FÜSSE
WIE ICH
UND PFIFFEN MIR EINS. FÜR LAUREL

16.11.2008



ABSCHIED BALTIMORE

„Stay behind the door!“ “You have only seven minutes
to smoke a cigarette
or
You have a cup of coffee!”


Nicht Meer
mehr
im Aquarium

ich Fisch einer
in Angst
an der Angel

beileibe
nur Mitleid
mit den Bleibenden

Die Stiege hinauf
zu Poes verfaultem Bett
im Tanten-Haus 6qm eigenes Reich

large – wie Verzweiflung
unüberwindliche Brücke
der Phantasie Highway

ich fuhr mit dem Greyhound
ein eisiger Morgen ohne
weitere Möglichkeiten

von Flucht

in Harrisburg
Schwarze Betrunkene Weiße Betrunkene
und ein wenig Schnee

16.11.2008



GREYHOUND
Steh hinter der Tür
only 7 minutes!

To have a cup of coffee
or one cigarette!

Schneeflocken über
Harrisburg

Ein bißchen Angst
mit kalter Billigung

Der local bus fuhr ab
mit geplünderten

Seelen

16.11.2008



ICH WOLLTE DEN ZOO SUCHEN GEHEN

Lang streckt Washington sich

wie Leipzig

mit Onkel Rudi

dem Indianer meiner Kindheit

Wie damals verstand ich nicht

Warum ist das Weiße Haus so klein

Hasen schliefen Löwen liefen

hinter Gittern so groß

Wird Freiheit im Käfig gemacht

16.11.2008



PARKEN SONNTAGS FREI

Wohin von Washington
möchte man hinfahren
wenn es einen Bahnhof gibt!
Und im Bahnhof Sauerkraut
mit Reuben Beef
Manche fahren trotzdem
manche sehen das Weiße Haus
und keiner sucht Freiheit
wo alle sie haben

Ewig weiter denken die weite Stadt
Potomac Büffel Tote Indianer
Wohin wo nun Van Goghs
Selbstbildnis hängt kein Eintritt
am Sonntag Parken frei das Ohr
skalpiert tote Indianer rot wohin

Washington Lincoln Jefferson
Monumente die Stadt hat viel Platz

16.11.2008



MERGE INTO FREEDOM

Routes and Highways

Es müsste
ein langes Gedicht

werden

über ein weites Land

wie die Straßen
sich anschmiegen

dem Land

16.11.2008



LAUREL TRÄUMT

Jeden Tag
fährst du

den fließend leicht gewölbten Teppich

der Straße
von Carlisle nach Gettysburg

um Deutsch zu geben

und wirklich

am College
deine Studenten sprechen

fliegendes Deutsch

16.11.2008



GHOST TOUR

(„like seen in TV“)

Meine Füße
unendlich
schwer
von so viel Tod
in Gettysburg
alle hatten
mich gern
aber die Toten
saugten
so sehr
zur Erde hin

kein öffentliches Verkehrsmittel
nirgendwo hin

ich sollte bleiben
du musst bleiben

guter Geist der Studenten

16.11.2008



DICKINSON COLLEGE

Fast Eddys Saloon
geschlossen?
Gestern Abend soll was
passiert sein

Lieben Sie dieses
Land? I’m not.
You can get anything
what You want here.

Hinter den Fenstern
die Idylle der roten
Holzstühle unter
dem Herbst des Campus

Der Schwarze mit den
Krücken begann
gefährlich zu werden
bekifft wie manchmal

„Der lacht noch,
sagte er, „der ist nicht zu retten.“

16.11.2008



RAINER SIMON AM DICKINSON COLLEGE

Sam Adams
Octoberfest beer
in Fast Eddys Saloon
(im Vertrauen darauf, daß
es ein friedlicher Abend wird)
am Dienstag ein Filmemacher
am College ein Landsmann aus Sachsen
aus Hainichen dem Ort Fürchtegott Gellerts
sehr nah trennt die Mauer des Herzens die nie fiel
als wäre die wirkliche nicht gefallen oder ganz umsonst
im Angesicht der alten Helden die sich in Furcht verzehrten

16.11.2008



PHILADELPHIA PH–WERT

Wie ein Fernsehbild
unbegreiflich
im Fenster

Türme
bunten Lichts
deines restrooms Handtuchberge

Häuserhaufen Spitzen
rot und blau
ärmlich irrt der arme Mond

das 11. Stockwerk
im zu teuren Haus
irgendwo mußte

die Freiheit
verankert sein
bevor die Glocke sprang

das Unbegreifliche
nie begriffen
zum Greifen nah


16.11.2008



PHILADELPHIA PH–WERT (2)

Das Rot und das Blau
der Lackmus-Test
im Hotelfenster:
wieviel Base Freiheit
wieviel Säure der Armut

der schwarze Hüne
am Morgen
auf dem Weg
zur Liberty-Hall
lag regungslos
hingestreckt
über dem Heizungsschacht

und schlief nicht

26.11.2008



PHILADELPHIA – LA GOREÉ

„Der letzte Blick“
heißt auf Französisch
auf der Sklaveninsel
LA GOREÈ
der leicht
abfallende Gang im Haus
hin zur Tür
dahinter nur noch Meer
und Amerika

30 Minuten Seeweg
vor Dakar im Senegal

hinter der Tür wartet das Schiff

26.11.2008



Und ein Afrika-Gedicht…

SELBSTVERSTÄNDLICH SENGHOR

Dakar mit dem schwarzen Fahrer
Monsieur Tiata
aujourd’hui non travail!
also vom richtigen Stamm
der Diola damit man mir nicht
die Ohren abschnitt
im Süden in der Casamance
und der Gewissheit im Januar
sterben zu müssen
Freunde zahlreich
und das Bier hieß „La Gazelle“
belgisch und mit deinen Beinen
gerührt später am Pool Palmen
vom kleinen Neger
der die Auflagen brachte
für die Sonnenliegen das Chaos
schneidende Grenze vorm Hotel
drei Millionen Menschen
strömten am Morgen in die Stadt
drei Millionen wieder hinaus
für mich sahen alle gleich aus
juste pour le plaisir des yeux
die Wirklichkeit meines Herzens
völlig ohne Bedeutung
sterben zu müssen hier
war ich gewiß zu leben denn
selbstverständlich ist alle Poesie
Musik Gesang Tanz
sagt Léopold Sédar Senghor.

6.12.2008