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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Nur der Mensch


Drei Gedichte von
Boris Schapiro


Medusa

Mußte man wirklich Meduse umbringen,
damit das geflügelte Pferd
sich freudig strampelnden Hufs
in den poetischen Himmel schwänge?
Hat nicht eine der Schlangen
deines hinabspringenden Kopfs
den Schimmel gebissen, als er
aus deinem Blut herauskochte,
Meduse Hormona?

Wozu überhaupt fliegt das Pferd?
Um Wirkliches erträglich zu machen?
Mitnichten. Das Pferd hat
Freude daran.
Was ist denn mit der Geschichte
seiner Geburt?
"Schreibe mir", sagte die Muse,
küßte mich flüchtig und ging,
"schreibe mir."


28.10.93



Gell?

Zur Lyrik gehört es gewiß,
das Unsagbare
zu sagen.

Des Unsagbaren
gibt es viel mehr
als des Gesagten Gewähr.

Das Leben des Dichters gelingt,
nur wenn das Sagen
des Unsagbaren

notwendig und unabwendbar
geschieht,
verlassene Nüchternheit, gell?


14.06.2007



Die Reinheit

Dem Fenster in die Zukunft,
meinem Grab,
bringet nur Heiteres dar.

Juble du Seele, freu dich mein Herz,
tanzet ihr Füße, klatschet ihr Hände,
du aber schweige, mein Mund,
dass du mir die Freud nicht verdirbst.

Denn du hast gelogen so oft,
der falschen Hoffnung gehuldigt
und schönem Laut gefrönt,
nur für die Schönheit gelebt.

Gerade wegen der Schönheit
haltet reinlich mein Grab,
frei von Kippen und leeren Gefäßen,
Bierflaschen, Cognac-Karaffen,
Parisern, Plastikpokalen.

Die Reinheit,
es kommt nur drauf an,
wie man putzt.


12.06.2004





© Boris Schapiro

Die vorliegenden Gedichte sind den kürzlich erschienen
Gedichtbänden Nur der Mensch und Wie ein Fink ent-
nommen, die in einer Doppelausgabe im Rolf Liebe Verlag
erschienen sind.

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