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Im dritten Roman der Trilogie Ein Morgen, das gestern war vertieft Heinz J. Schiffer die Idee eines suggestiv inspirierten Weltbewusstseins.
Ein Phänomen, das in Syndikat der Engel Gestalt annimmt:
Angesichts einer Reihe unerklärbarer Mordfälle, vermutet Kriminologin Bellana, dass die Handlungsweisen der Menschen durch entsprechende Gedankenprozessoren und Computerprogramme beeinflusst und gesteuert werden
Weitere Recherchen lassen ahnen, dass das Internet für eine globale Ausbreitung der telepathischen Kontrolle durch eine dunkle Macht verantwortlich ist und womöglich zum Protektor eines neuartigen Terrorsystems avanciert.
In diesem Netz gefangen, verwischen die Konturen zwischen Realität und virtueller Wirklichkeit, zwischen Jäger und Gejagten, zwischen Opfer und Täter.
Derweil die zitternden Lichter der Altarkerzen um ihren göttlich inspirierten Lebensmut bangen, die weihrauchtiefen Lüfte im kalten Marmor der Wände zu ertrinken drohen, materialisiert sich über der Brüstung der jenseits verschnörkelten Kanzel die barocke Figur Pater Lukas’. Und als hätte ihn die Vorsehung aus der mystischen Eiskammer des Schattens geblasen, schwebt er gleich einem Paradeengel dem andachtsseligen Gewölbe jener himmelsstürmenden Kathedrale entgegen. Aber so bemerkenswert auch seine Erscheinung und so flackernd das bisschen Gestaltsein, das er aus den Rockschößen schüttelt, seine Stimme ist kantig genug, um sie mit der Worte Drohung ins Benehmen zu rücken.
»Es ist schon eine klägliche Welt«, nimmt er die unbesetzten Bänke ins Gebet, »die dem Hinhören taub und der eigenen Sprache überdrüssig geworden ist, die das Gewicht der Seele mit einer Hand voll Fischkorn auszuwiegen trachtet, um sie dann einer gackernden Hühnerschar zum Sonntagsgeschenk zu machen. Dies ist nicht der Quell des Denkens, den man an den Bach bringt, es sind die Schaufeln vor der Stirn, die fatale Neigung, das geistige Mühlrad immer noch mit einem Esel in Bewegung zu halten. Nun begreifen wir«, erhöht er die Intervalle seines Unmuts, »dass den Menschen das Weihwasser schrecken muss, wenn es der Haut nach der Segnung des Feuers dürstet, wenn Apathie und Ignoranz die Töne dämpfen, die seinen wahren Charakter verraten könnten.«
»Im krassen Gegensatz zu dir«, bekreuzigt sich Bruder Franziskus, »du überforderst deine Stimmbänder, nicht zuletzt dir die Stille auf der Zunge brennt und die Backentaschen anschwellen lässt. Dabei solltest du der heiligen Jungfrau Maria danken, dass du der Vorsehung entsprechen darfst, den Sinn des Lebens auf der Seite der besser Gestellten in Erfahrung zu bringen. Es gilt also nicht, das Böse zu beklagen, sondern die Verzweifelten aus ihrer wenig beneidenswerten Situation zu befreien. So gesehen solltest du dein streitbares Organ schonen und statt dessen die Fantasie spielen lassen. Der wahre Klang einer Kirchenglocke liegt in der Veredlung der Andacht und nicht in der Ausdünstung persönlicher Aggressionen.«
»Und du müsstest es längst zu deinem Verständnis gemacht haben«, bemüht sich Lukas um eine Antwort, »wer anderen auf die Finger schaut, hat selbst das Schwarze unter den Nägeln. Wärst du als Weib geboren«, schlägt er die Bibel ineinander, »müsstest du jetzt Socken stopfen und dir nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie du es mit den Mäulern anderer anstellen könntest.«
»Du singst deinem eigenen Gewissen hinterher«, entgegnet Franziskus, »verwechselst den Amboss mit der Schmiede der Intelligenz. Insofern solltest du damit beginnen, die erfrorenen Knoten deiner Hände zur Einsicht zu falten und dem kalten Glitzern deiner Seele etwas mehr Wärme zukommen lassen.«
»Im Tun«, so Lukas, »liegt mehr Weisheit als im Denken, wie wäre es also, wenn du deiner Herzensgüte folgtest und die Blu-men einsammeln würdest, die zwischen dir und der Gerechtigkeit des Glaubens ihre Köpfe hängen lassen. Nur weil du eine andere Meinung hast, bist du der Wahrheit keineswegs näher gekommen.«
Während nun der eine sich der Verlegenheit hingibt, seiner Seele zu einem besseren Wohnsitz zu verhelfen, der andere die Nester seiner widerspenstigen Hände dazu benutzt, sie mit welken Blüten zu bestäuben, wird es mit einem Male unwirklich still. Und als wäre aller Lärm besser als Schweigen, sucht Pater Lukas kurz entschlossen die Register der Orgel auf, womit ihm dank seiner verklebten Ohren, sichtlich erleichtert, die Lösungen aller Probleme in den Schoß fallen, zumindest für den Moment, solange ihn nicht die Idee plagt, dies alles mit seiner viereckigen Sangesstimme abzurunden.
»Es ist in der Tat nicht die Grünfläche einer Wiese, die du mit deinen Fingern bespielst«, tönt es in ihm, »es ist die dürre Pracht einer Dornenhecke, vielleicht noch ein Gewitter, das direkt über dir steht.«
»Und wie war das mit deinen Jüngern«, schaut er in der Kuppel der gottesfürchtigen Kathedrale, »waren ihre Hände nicht schon wund vor Ehrerbietung, als du ihnen den Auftrag erteiltest, Menschen zu fischen? Insofern ist es nicht die Begabung, die uns zu dem macht, was wir sind, sondern der Wille, es dennoch zu versuchen.«
»Wo hast du nur deine Gedanken«, befleißigt sich Franziskus, seine Anhänglichkeit erneut unter Beweis zu stellen, »du musst deinen Kopf nicht nach oben hin verrenken, wenn dir der Allmächtige etwas zu sagen hat. Findest du ihn nicht in deiner Brust, ist es ganz einfach das Gewissen, das in dir redet, dein höchstpersönliches Ego und die Tatsache, dass du im Sinne der Buße ein wenig schwerhörig geworden bist. Um es dir näher zu bringen, die Kirche hat sich zwischenzeitlich gefüllt, und wenn ich vermuten sollte, nicht dank deines Spiels, sondern, da Gott dir die heutige Andacht beschieden hat.«
Indessen nun Lukas seine Sandalen von den schwellenden Pedalen der Orgel nimmt und sein Herz sich all jener gescheiten Worte besinnt, die er seiner Gemeinde zuweilen schuldig geblieben ist, bemüht sich Franziskus mit einer Hand voll Kerzen um die Ansehnlichkeit des Altars.
Aber wie so oft ist der Glaube, die Dinge würden sich zum Besseren hin wenden, genau der Moment, da man sich getäuscht sieht. So geschieht es, dass die Herrschaften, die sich eben noch so erwartungsvoll in die Sitzreihen bequemten, wie vom Teufel geritten urplötzlich wieder nach draußen stürzen.
»Wie du bemerkst«, beeilt sich Lukas, seiner Verblüffung hinterher zu kommen, »mit meinen musikalischen Eingebungen hätte ich sie möglicherweise noch eine Weile fesseln können.« Widmet sich dem Lächeln der blendweißen Tastatur und verkündet den Tag, da es ihm gelingen wird, die Pfeifen der Orgel an den Gesang der Engel weiterzureichen.
»Vermutlich solltest du dir tatsächlich diese Illusion erhalten«, bekreuzigt sich Franziskus, »jedenfalls wäre es blasphemisch behaupten zu wollen, du besäßest die Fähigkeit, die Ohren unserer Seelengemeinde zu läutern, weder mit sorgloser Disharmonie noch mit geübten Fingern. Und was den Einzug dieser finsteren Gestalten von eben anbetrifft, werden wir wohl noch eine Weile unseren Verstand vergeblich bemühen müssen. Sie schlichen ein, wie eine Kolonie von Teichhühnern, als hätte irgendwer sie von der Straße verscheucht.«
»Es gibt viele Wege, um der Verantwortung zu entkommen«, entgegnet Lukas, »einer davon ist die Flucht vor sich selbst, vielleicht sogar in noch schrecklichere Dummheiten.«
Doch bevor nun beide ihren Überlegungen gerecht werden können, sucht ein anderer, sichtlich außer Atem, die Szene auf, verflucht den Stau der Innenstadt, steckt seine Hände in die Manteltaschen und schimpft über seine Nachlässigkeit, wieder einmal zu spät gekommen zu sein. Und als hätte er das Drehbuch zu diesem Auftritt unter dem Arm, schlägt die eiserne Tür des Portals höchst gottesfürchtig ins Schloss.
»Zur Andacht«, befindet Pater Lukas, »kommt man immer zur rechten Zeit, insofern ist nichts passiert, wofür Sie sich entschuldigen müssten.«
»Das vermitteln Sie mal dieser Leiche«, so die Antwort des geheimnisvollen Fremden, »für sie bin ich zu spät gekommen, oder auch umsonst, wie Sie es sehen wollen.«
»Aber das haben Sie sich nur ausgedacht«, will Lukas wissen, »Sie wollen schockieren und dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Dieses Bethaus ist ein Hort Gottes und kein Szenarium für Horrorgeschichten.«
»Gott spricht von Licht, wenn er die Kirche meint«, so der Unbekannte, »und hier ist es dunkel wie in einer Grabkammer. Für zwiespältige Gestalten so gerade recht, um ungesehen ihrem Handwerk nachzukommen. Außerdem findet sich das Böse überall auf dieser Welt ein, auch an einem so genannten heiligen Ort.« Deutet auf ein Bündel Mensch hinter dem Taufbecken, ergreift die Rose, die das Opfer schmückt und resümiert, während er ihren Duft einatmet, dass Gewalt und Offenbarung zwei Dinge ein und desselben Vorgangs seien. Im Übrigen müsse diese stilvolle Beigabe soeben dem Wasser entnommen sein, vielleicht von einem Stand neben der Kathedrale.
»Sie sind also Kriminalist«, weckt Franziskus seine Intuition, »Sie denken mit der Unliebsamkeit dieser Welt und haben für alles die passende Erklärung.«
»Würde ich mich dieser Verharmlosung hingeben«, widerspricht er, »müsste ich um meinen Kopf bangen.« Klappt das Visier seines Handys auf, gibt seiner Dienststelle, ohne das Gespräch mit den Patres zu verlassen, die entsprechenden Instruktionen und beteuert, dass er seine Neurosen bisweilen erfolgreich aus der Alltäglichkeit der Sklaverei heraushalten konnte. Würde er seinen Job erst einmal der Treuherzigkeit seiner Seele anvertrauen, müsste er sich doppelt versichern, eventuell sogar den Pakt mit dem Teufel ins Auge fassen.
»Sehen Sie, das Böse ist ein morphisches Prinzip, es ist das, was Sie als Hölle bezeichnen, überall gegenwärtig und jederzeit gewillt, seine Existenz unter Beweis zu stellen. Aber wie gesagt, je weiter man von dem Ideal eines Berufes entfernt ist, umso befreiter kann man sich ihm zuwenden.« Jedenfalls habe er sich bisher seine Abhängigkeiten noch selbst aussuchen können. »Die Moral«, zeigt er sich überzeugt, »verteilt sich auf die Dinge, die man selbst zu handhaben trachtet und nicht auf diese, die man anderen überlässt. Dem Geistlichen obliegt es, sich mit einer Bibel zu bewaffnen und dem Kriminalkommissar mit hinterhältigen Gedanken, vielleicht noch einer Schussweste, einer Pistole oder Taschenlampe.«
Empfiehlt in diesem Zusammenhang den beiden Patres, sich in den Lichtkegel ihres Gewissens zu begeben und dem Toten die Erleuchtung Gottes zukommen zu lassen.
Während nun Pater Franziskus dem Opfer seinen Segen erteilt und der Kommissar dessen Antlitz auf eine besondere Reaktion hin abtastet, ist es Lukas, der immer noch auf ein Lebenszeichen hofft und das Ohr auf seine Brust legt.
»Man kann es nicht glauben«, schimpft er in das Vater Unser seines Kollegen hinein, »diese Brut, die hier tätig war, scheint die Ausgeburt des Frevels zu sein, ein Sakrileg der Verdammnis.«
»Sie sind auf dem besten Weg zu begreifen«, so der Kommissar, »bei ihnen handelt es sich nicht um normale Kriminelle, nicht um schwarze Schafe oder gar Abtrünnige. Sie sind dem Tageslicht entwachsen, kommen als Schatten und verschwinden gleich einer Geisterpatrouille wieder ins Nichts. Vor allem aber sind sie alle gleich, wie die dunkelsten Waben unseres Hirns, sie teilen die Gedanken untereinander, und ihre Haltung scheint dem Geflecht gleicher Muskulaturen zu entstammen, der eine ist der lebendige Abguss des anderen, eine besondere Art menschlicher Spezies. Wenn Sie so wollen, ein perfekter Albtraum, möglicherweise sogar die Inkarnation der Finsternis.«
»Wenn der Grundstoff ihrer Botschaft«, so Franziskus, »die Farbe des Blutes transportiert, sind sie ganz einfach Vampire. Dorthin gezüchtet, geklont oder Ähnliches, und wer weiß, vielleicht um die Erde zum Chaos hin zu reformieren. Anarchisten sind Leute, die nicht wissen, wo sie hingehören, aber immer die Ersten, die genau zu bestimmen vermögen, wo es langgeht.«
»Nun musst du ja nicht gleich das Schlimmste befürchten«, ereifert sich Pater Lukas, »nur weil die Beichtstühle leer bleiben, oder dir die Erklärungen für das Geschehene fehlen, befinden wir uns immer noch in der Republik soliden Denkens. Was dir zu Kopf steigt, ist dein persönlicher Unmut, das Spiel deiner Augen, die mehr sehen wollen, als die Dinge hergeben. Dabei sollte dich das Leben gelehrt haben, dass Spekulationen überhöhtes zum Vergrößerungsglas der Angst werden.«
»Ich wusste nicht, dass die Himmelsdiener so unterschiedlicher Auffassung sein können«, zeigt sich der Kommissar irritiert. »Wenn die Macht des Geistes sich dem Wort Gottes empfiehlt, müsste das Verständnis untereinander besser florieren.«
»Aber Sie sind nicht enttäuscht«, erwidert Lukas, »wer anders denkt, muss nicht anders handeln. Individualismus ist ein instabiles Parfüm und kein moralisches Gebot.«
Und als wollte Gott nun das Gespräch persönlich in die Hand nehmen, befiehlt er mit heftigem Glockengeläut die beiden Seelsorger ins Gebet. Derweil der Dritte im Bunde seinen Kragen gegen den Wind der Veränderung hochkrempelt, sich vor das Portal der Kirche begibt und sichtlich beeindruckt einen Schwarm aufgeregter Vokabeln unverarbeitet in die Kapillargefäße seiner Lungen zurück verschickt. Watet durch die Pfützen, die der Regen für ihn aufgespart hat, vermutet Schlimmeres, wenn er sich darin spiegeln würde und beschließt, seine Fähigkeiten mit einfacheren Wahrheiten unter Beweis zu stellen, vornehmlich, um einen Fall zu klären und nicht, um mit größeren Moralismen in Konflikt zu geraten.
»Es ist schon ein bedrückendes Gefühl, wie schnell und stillos sich ein Mensch wegtragen lässt, wenn er dem Dasein nichts mehr entgegenzusetzen hat«, zeigt sich Franziskus bemüht, seine Fassungslosigkeit unterzubringen.
»Das klingt, als zweifeltest du an den Worten Gottes«, entgegnet Lukas, »dieses Leben ist keine Plage, die sich einfach so verscheuchen lässt. Du müsstest es wissen, der Bach ertrinkt nicht in seinem Wasser und die Seele nicht am Tod des Körpers. Dein Herz meutert ganz einfach, zumindest für den Moment, und solange dir deine Emotionen mitspielen.«
»Und wie steht es mit dir«, will Franziskus wissen, »was du zurzeit überbringst, ist nicht der engelhafte Klang göttlich inspirierter Töne, es ist die Enttäuschung darüber, wieso sich ein derart abscheuliches Verbrechen in einem Haus Gottes abspielen konnte.«
»Vielleicht hast du Recht«, erwidert Lukas, »am Ende müssen wir uns fragen, inwiefern wir uns nicht selbst schuldig gemacht haben. Da mag die ein oder andere gute Tat zwar für ein paar Augenblicke die Welt respektabler machen, im Grunde jedoch weiß niemand, ob sie dann auch so verstanden wird und inwieweit wir nicht einer Selbsttäuschung unterliegen, nicht zuletzt es doch überwiegend alles unserer eigenen Befriedigung dient.«
»Siehst du«, bekreuzigt sich Franziskus, »nun bist du es, der den Glauben gegen Erklärungen eintauscht, der in einem Eimer nasser Windeln sitzt und nicht weiß, wie man ihn von seinem Hintern bekommen kann. Außerdem steht es in deinem Gesicht geschrieben, dass du am liebsten die Schmiede aufheizen würdest, um der frevlerischen Brut das Brandeisen aufzudrücken, möglichst mit Ewigkeitswert und bis zum Jüngsten Gericht.«
»Mein Gott«, besinnt sich Lukas, »unsere Zungen ähneln dem Stachel eines Drachenfisches. Was wir nicht nach vorne bringen, spucken wir aus. Dabei müsste uns das Licht brennen, dass Gottes Gnade nicht umsonst so hoch gebaut ist, und dass zwischen der Allmacht des Herrn und den Menschen zwar eine Menge Kosmos untergebracht ist, nicht aber so ungestüm, als dass es unseren Blick so trügerisch einengen sollte.«
»Für die meisten Menschen«, erklärt der Leiter des Morddezernats, »ist das Leben die Suche nach etwas, das es nicht gibt und für unsere Dienststelle die besondere Erkenntnis, dass man trotzdem dazu aufgerufen ist, genau das herauszufinden.«
»Sie meinen«, deutet der Kommissar an, »wir müssten alles in Betracht ziehen, und es bestünde die Möglichkeit, dass es sich bei dieser hinterhältigen Jagdgesellschaft um stinknormale Staatsbürger handelt.«
»Denken Sie an die Eskapaden jenes Bankdirektors«, so die Antwort, »der sich über das Wochenende in einen Buschkrieger verwandelte, sich in die unwegsamen Regionen Neuguineas einfliegen ließ, um dort mit aufgemalter Anonymität und buntem Federschmuck kriegerischen Eingeborenen bei der Stammesfehde behilflich zu sein; einfach so aus purem Vergnügen, Abenteuerlust und der sonderlichen Eingebung, nur zu vollziehen, was andere längst beschlossen haben, derweil ihm montags wieder die Arbeit an die Hand geht und niemand in Rechnung stellt, dass ihm das Blut noch an den Fingern klebt.«
»Mit anderen Worten«, so der Kommissar, »wir stehen im Nebel und hören dem Ziegengeläut hinterher, das irgendwo und nirgends auszumachen ist. Gewiss scheint nur, dass wir gefragt sind und auf das Ungewöhnlichste gefasst sein müssen.«
»Immerhin haben Sie eine Theorie«, erhellt eine Frauenstimme den trüben Gesang des Männerchores, »die Verbrecher früherer Zeiten mordeten aus sehr persönlichen Motiven, heute schon deshalb, weil es anderen gefällt, vielleicht sogar, weil sie es nicht besser wissen oder gar unwillentlich dazu aufgefordert sind.«
»Sie halten das Messbuch offen in der Hand«, zeigt sich der Kommissar fasziniert, wobei ihm nicht unbedingt anzusehen ist, welche Qualitäten er dabei zu Rate zieht. Neben ihrem offenherzigen Temperament expandiert ihre Figur mit unzähligen Übertreibungen und Wundersamkeiten. Und als vermischte er Gesagtes mit Gesehenem, bescheinigt er den Kollegen, die eigentlichen Himmelszeichen bisher übersehen zu haben. Er jedenfalls gehe davon aus, dass die wahre Intuition weiblicher Natur sei und die Dienststelle sich künftig mit gescheiteren Ergebnissen schmücken könnte.
»Ich wusste schon immer, dass Sie ein gutes Augenmaß für Besonderheiten haben«, steht ihm ein Mitarbeiter zur Seite, »zumindest dürfte sich bestätigen, dass wir von nun an mit schärferen Waffen unterwegs sind, wenn nicht gar mit der Glückseligschätzung, einen Schutzengel an unserer Seite zu wissen.«
»Offensichtlich ist es Ihnen ein Bedürfnis, unserer neuen Kollegin mit steiftrockenen Phrasen an die Wäsche zu gehen«, spottet der Amtsleiter, »dabei wäre doch etwas mehr Zurückhaltung angebracht, zumal keiner so ausschaut, als hätte er den Durchblick erfunden, weder mit dem Merkmal der Attraktivität, noch mit vorliegenden Fakten.«
Und als hätte er damit den Eimer an den Brunnen gebracht, entflammt in ihnen mit einem Male die Neugier für das, was der weibliche Ankömmling noch alles zu Tage fördern wird. Das, was sie verkörpert, ist Sprengstoff pur, wenn nicht gar der helle Wahnsinn. So gibt es dann auch niemanden, der sich ihren Lippen nicht blind anvertrauen möchte. Selbst mit der Worte Drohung, die Verbrechen könnten einen telepathischen und suggestiven Hintergrund aufweisen, transportiert sie ebenso sinnlich wie überzeugend einen Schwall von Aspekten und Perspektiven in ihre vernachlässigten Hirnwaben.
»In einer Zeit computergesteuerter Realitäten«, stellt sie sich auf die Länge ihrer Beine, »ist es nicht auszuschließen, dass ein Gedankenprozessor nachgeholfen haben könnte. Bereits in der frühen Antike stand die Frage an, wer spricht und wer antwortet, wenn wir das Gespräch mit uns selbst suchen. Wer ist dieser geheimnisvolle Verhandlungspartner, das Gewissen, ein zweites Ich, Gott oder Teufel? Und da dies niemand hinlänglich enträtseln konnte, ersann irgendwer den so genannten Beantworter, jene Himmelsmaschine, die mit höchst bizarren Impulsen das Licht dieser Welt an die Schaltkreise menschlichen Denkens weiter verschickte.«
»Was immer Sie darunter verstehen«, verliert ein Kollege nun doch noch die Nerven, »Mord bleibt Mord, aus der Steckdose oder per Telepathie. Wollten wir darüber reden, wie sie zu Stande kommen oder gesteuert sind? Zum Heil unserer Nachforschungen wird es nicht gereichen. Im Augenblick beschäftigen wir uns mit nahezu dreißig ungelösten Fällen, das ist die Tatsache, und sie ist höchst konsequent in ihrem Erscheinungsbild.«
»Dennoch haben wir selten so trockene Fische an Land gezogen«, schimpft der Kommissar, »hier geschieht etwas, das unser Vorstellungsvermögen übersteigt, leger vermerkt, das Verbrechen der besonderen Art. Nichts, was sich mit unseren bisherigen Erfahrungen erklären ließe.«
»Doch wie die Chemie des Bösen auch aussehen mag«, bemüht sich der Amtsleiter, »es wird unsere Mitschuld fordern, wenn wir nichts entsprechendes entgegenzusetzen haben. Außerdem werden wir nicht dafür bezahlt, das Unheil zu interpretieren, sondern es zu verhindern.«
»Warum nicht gleich so«, bestärkt ihn der Kollege der soliden Vernunft, »klare Worte reinigen den Verstand. Machen wir uns also an die Arbeit. Das Motiv heißt nun einmal Mord, ganz gleich, wer oder was sich dahinter verbirgt.« Steckt seinen Colt unter die Achselhöhle, schießt gleich einem giftigen Schimmelpilz aus dem Boden, und als hätte er das Oberlicht zum First der Erleuchtung hin aufgestoßen, ermahnt er seine Kollegen, Gleiches zu tun, wollten sie nicht den Überblick an den Wald verschenken.
Während nun das Kommissariat den Spaten in die Hand nimmt, um das geheimnisvolle Moorbeet ihres Reviers aufzuschaufeln, sind es die Messdiener um Pater Lukas, die mit sphärischen Glöckchen und irdisch umwehtem Weihrauch den Gottesdienst einläuten, wobei ihm das liturgische Zeremoniell überaus schnell von den Lippen geht und sein Unmut nicht unbedingt dazu angetan ist, länger als nötig in Demut zu verweilen. So besteigt er schneller denn je die Kanzel der Predigt, besinnt sich der freien Rede und mahnt die Gläubigen, ihr Gewissen durch Hinhören und Aufmerksamkeit zu trainieren, indes sie selbst zu ahnen scheinen, dass ihnen die Lehne im Rücken von nun an besser tun wird, als das christlich gesegnete Kniepult davor.
»Dies sollten Sie bedenken«, erklärt Pater Lukas im Sinne göttlicher Wahrnehmung, »dass die Menschen aller Rassen und Kulturen einer gemeinsamen Ursuppe entsprangen und somit ohne Ausnahme, für ewig und alle Zeit, daran zu löffeln haben.«
Dann schlägt er mit der Faust auf die Brüstung und bescheinigt im Namen Jesu, dass es an der Zeit sei, diese Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen. »Schauen Sie«, beugt er sich über die Empore, »wir sollten unserem kleinäugigen Gesicht die Faszination zukommen lassen, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, nicht zuletzt wir aus dem selben Nest fielen und allesamt erkennen müssten, dass wir unser Dasein nur dem Miteinander zu verdanken haben und nicht der individuellen Audienz eines Nebeneinander. Unser Kopf hat dies längst voraus. Viele Beispiele ließen sich zitieren. So hat man festgestellt, dass die Menschen beim Anblick einer Savanne oder Wüste die gleichen Hirnströme zum Stimulieren bringen, sich bei jedem die gleichen Wellenmuster einstellen und die gleichen Neuronengewitter stattfinden, selbst bei diesen Leuten, die noch nie eine derartige Landschaft gesehen haben. So kennt das Baby doch bereits die Weltordnung aus dem Mutterleib«, wettert er über die ahnungslosen Häupter hinweg, »es bewegt sich nach ihrem Gesang und wird Melodien im Kindesalter nachsingen, die es als Ungeborenes gehört hat. Wir, die also mehr wissen, als uns herkömmlich bekannt ist, verfügen über Erfahrungen jenseits unseres Intellekts, denn alles Wissen, das über das Universum und die Frage nach unserer Existenz hinausgeht.«
Nach dieser Lektion bekennt er sich zu einem Kreuzzeichen und meint, dass es an der Zeit sei, genauer hinzuschauen. »Möglicherweise gibt es ja noch etwas, das unter unseren Nägeln brennt. Unser Leben hat entschieden mehr zu bieten, als das, was wir zuweilen zu erhellen trachten. Denken allein genügt nicht, wir müssten auch verstehen wollen, dann erst werden wir die Allmacht des Herrn in ihrer vollen Größe erkennen können. Sollte uns das auf Dauer nicht mehr gelingen, würden wir dem Frevel verdammt sein, Gott in unserer Brust getötet zu haben.« Schreitet mit aufgeblähter Kutte an den Altar zurück und beschließt, die restlichen Minuten des Gottesdienstes an den Gesang der Gemeinde weiterzugeben.
»Nun, da du alles gesagt hast und dir der Komet der Prophezeiung hinreichend zur Seite stand, wirst du dich fragen müssen, wie es dann um den Funken steht, den dir die gesalbten Häupter schuldig sind«, resümiert Franziskus, »außerdem dürfte dir nicht entgangen sein, dass die Menschen gegenüber den Wundern des Lebens eine gewisse Skepsis entwickelt haben. Für die meisten liegt Suchen und Finden irgendwo unter dem Eis der Arktis verborgen, tief gefroren in der Erkenntnis, dass selbst der Weiseste unermesslich viel dummes Zeug reden kann. Aber wie gesagt, die großen Dinge zahlt man in Raten und das ist das Erträgliche daran.«
»Du meinst«, entgegnet Lukas, »dass der Weg zu Gott durch eine Zehnerkarte wahrscheinlicher wird, als durch ein einmalig gelöstes Ticket.«
»Die Kommunikation«, beteuert Franziskus, »ist schwierig genug, als dass du sie noch strapazieren kannst. Die Welt, die uns bei Laune hält, vermag bereits jetzt höhere IQ-Werte aufzuweisen, als der Mensch, der darin lebt. Selbst das Stille Örtchen bleibt nicht vom Onlineverfahren verschont, es aktualisiert mit Urin- und Stuhlproben Menüvorschläge, gelegentlich belegt es sogar das Terminal in der Küche mit der Empfehlung, Alkohol nur noch an Gäste weiterzureichen. Sollte es kritischer ausfallen, gibt es Tomatensalat mit eingebauter Krebsprophylaxe, Antistressgurken mit künstlich gewachsenem Kaviar und für besonders Anfällige Potenzmarmelade mit Antifaltenenzymen.«
»Wie löblich die Moral solcher Priester«, klopft plötzlich der Engel des Kommissariats an die Tür der Sakristei, »die sich nicht der Heimlichkeit verpflichtet fühlen, über das Wetter zu reden, wenn ihnen nach ehrlichen Worten dürstet, die nicht knien, wenn ihnen nach dem aufrechten Gang zu Mute ist, wahrlich ein Zeichen ehrsamer Religiosität.«
Federt leichtfüßig durch den eng gestellten Raum, wischt mit ihrem Ärmel den Staub von der Tonsur einer kindshohen Kaplansfigur und erklärt, dass sie ja wohl den rechten Augenblick gewählt hätte, mit ihnen ein offenes Gespräch zu führen. Weist sich als Bedienstete des Bundeskriminalamtes aus, und als stünde sie bußfertig im Licht der Offenbarung, gibt sie gleichsam zu verstehen, dass sie sich gegebenenfalls natürlich dem Ethos der Schweigepflicht verbunden fühlen dürften. Ihre Ermittlung würde nichts beinhalten, womit sie sich selbst belasten müssten. Im Grunde bestünde sie lediglich in der Frage, inwieweit das Opfer ihnen bekannt wäre, oder ob es etwas gäbe, das zur Aufdeckung des Mordes beitragen könnte. Eine Kirche sei schließlich hellhörig und für so manchen der geeignete Ort, seine Klagen unterzubringen. Derweil sie nicht verschweigen möchte, dass im Moment natürlich jeder die Makrele sein könnte, welche die Staatsanwaltschaft zu räuchern gedenkt, wobei die Herren der redlichen Kutte zwar die besseren Karten hätten, sich aber dennoch auf ein paar Unannehmlichkeiten einstellen sollten.
»Gewiss«, lächelt Franziskus, »warum sollten Sie uns aussparen, nichts keimt ausschließlich der Ehrfurcht wegen. Dieses Bewusstsein, das die besseren Träume hat, muss erst noch gezüchtet werden. Selbst jene, die ihren Lebensvorrat dem Kelch Christi zu verdanken haben, werden keine besonderen Privilegien besitzen.«
»Nun könntest du ebenso gut behaupten«, holt ihn Lukas ein, »jemand von uns hätte den Hahn dreimal krähen hören, ihm sei der Engel des Herrn erschienen und hätte der Kirche einen Verräter an die Seite gestellt. Wir wissen zwar nicht, wer gemeint ist, aber genau, worum es geht.«
»In etwa schon«, krempelt sich Franziskus seine Ärmel hoch, »es handelt sich nicht um ein gewöhnliches Verbrechen, sondern um die frevlerische Tat, Gott persönlich darin zu verwickeln.«
»Es gibt kein Bedürfnis, das sich mit den Alltäglichkeiten bescheidet«, begibt sich die Kriminologin in die Röntgenologie seines Verständnisses, »das Einzige, was sich auf Erden als vollkommen erweist, ist das Unglück, das anderen zuteil wird, am ehesten natürlich, wenn der Teufel persönlich dabei mitwirkt.«
Verleiht ihrem Antlitz den Durchblick einer frisch entfachten Glühbirne und verheißt im Lichte dieser Erkenntnis, weitere Fragen zu streichen, nicht zuletzt sie davon ausgehen könne, dass der Allmächtige die Akte der Erleuchtung fürs Erste beschlagnahmt und den Moment absegnet, da sich jemand bekennt und das Geschehen zu singen beginnt.
Es gibt keine Erfüllung, die nicht gleichsam auf irgendeine Art und Weise den Docht des Lebens kürzer brennen lässt. Um so schneller und kontroverser, wenn die Schwungräder der Begierde die Bremsen vermissen lassen, die dem Treiben noch Einhalt gebieten könnten, wenn die Leidenschaft sich der seifigen Gischt nimmer müder Schaumkronen annimmt und der sinnlichen Konfusion folgt, dass dieses Dasein ein Spiel ohne Grenzen ist. Oder, wie es Kommissar Ludwig zu belegen trachtet, ein Uhrzeiger, der die überflüssigen Sekunden auswirft, die eh niemand zählen wollte.
Und als hätten ihm die Geister verraten, dass die wahre Geborgenheit nie mehr war, als ein stickiges Etablissement, atmet er den Duft dienstbar gemachter Schenkel, unterwirft sich der schmuckvollen Bereitschaft offenherziger Dekolletees, sieht die aufgepufften Kissen fliegen, die sein Gewissen schwängern könnten und beschließt, nichts unangetastet zu lassen, was in Spitze gewebt und mit Strapsen gesegnet ist; womit der Moment anberaumt scheint, allen Wirrnissen der Lust seine höchstpersönliche Ehrerbietung zu erweisen und sei es, um sich völlig darin zu verstricken, vielleicht sogar mit der unwiederbringlichen Hingabe eines Möbius-Bandes, mit immer neuen Bereitschaften und der sichergestellten Annahme, dass nichts enden will, wovon man nicht genug bekommen kann. Glückseliger vermerkt, ihm kommen die virtuellen Gespielinnen in den Kopf, die ihn für die nächsten Stunden ins Datennetz des Cyberspace verschicken werden. Jene verzuckerte Beschaulichkeit, die nach Befreiung schreit, wenn ihr nach Abhängigkeit dürstet, die alles ermöglicht und alles zulässt, wenn nur der Wille da ist, es zu tun. Und da die Programme den Körper Marilyn Monroes bevorzugt anbieten, entschließt er sich, sie zum Geständnis seines Verlangens zu machen, indes der verbleibende Rest seiner Wirklichkeit sich von den Detektoren seines High-Speed-Anzuges umklammert sieht und entsprechend seiner technischen Einrichtung mit äußerst gewagten Stellungen und Kopulationsstufen den puren Wahnsinn in seine Glieder treibt, dann mit der bemerkenswerten Dankbarkeit, dem Idealbild weiblicher Kostbarkeit seinen ungestümsten Orgasmus nicht vorzuenthalten.
Doch wie man seine sexistische Absicht auch auswiegen möchte, für den Moment liegt Marilyn prall und ausgefüllt in seinen Händen, beseelt von quälenden Seufzern und der Schwindel erregenden Inbrunst, seiner persönlichen Wahrheit nie näher gewesen zu sein. Und also dringt er Zentimeter um Zentimeter in den vergötterten Bereich ihrer Sinnlichkeit, begibt sich in den Strudel gieriger Wollust und trifft tief, zuweilen bis an die Grenze verletzbarer Generosität, nunmehr um sich für immer ins Datennetz ihrer Seele einzuschreiben.
Während er nach einer Weile dem elektronischen Gefieder seiner zweiten Haut seine gänzliche Aufmerksamkeit widmet, seine Augen mit der gläsernen Blässe kandierter Cocktailgläser zu singen beginnen, nimmt sein Körper die Schwere eines steinernen Schiffes an. Gewalt und Offenbarung, scheint seine Zunge verraten zu wollen, das ist der Blick der Medusa, der Fels, der die Leere füllt und sich der Täuschung hingibt, schwimmen zu können. Irgendetwas Unabänderliches scheint seine Seele durcheinander zu wirbeln. Mal sieht er sich einer chromglänzenden Kunstfigur gegenüber, die alle Leuchtimpulse der Welt zu trinken gedenkt, die sein Selbst aussaugt und mit einem artfernen Gebären sein Bewusstsein neu entstehen lässt, zum anderen mit der Bereitwilligkeit totaler Auslieferung und Gefühlen, die zu berichten wissen, dass dieses Leben auch ohne Realität möglich ist.
Derweil der verbliebene Teil seiner irdischen Gesinnung die Brüste voller Muttermilch überquellen sieht und seine Lippen den Sprachraum innerer Vereinsamung an die Larve weiterreicht, die sich der Geburt des Schmetterlings entgegensehnt, ist es die Sogkraft einer neuen Wirklichkeit, mit Äonen von Mündern, die sich ausschließlich für ihn öffnen und mit schrecklich schönen Gelüsten seinen Körper gleich einem Regenbogen aufspannen - hier, um ihn für eine Weile ins Meer des Vergessens zu schicken, jenen Ort klaren Wassers, der gleich einer Eishaut zu brennen beginnt, sein Herz aufzuspießen droht und die Höhle seiner Seele mit der Ahnung belegt, in tausende von Tropfsteinen hineinwachsen zu müssen, alles dies mit der zitternden Übereinkunft, für immer darin verloren zu gehen und mit der fatalen Empfindsamkeit, dass die knospenden Feuerzungen, die dem Lichte hin gezeugt werden, Himmel und Hölle einander näher bringen, und dass die digitale Verpuppung an den virtuellen Sex die Flügel zucken lässt, die ihn über die Grenzen geplanter Erinnerungen hinauswerfen.
Nachdem dann die tiefschweren Wolken seines Herzens den mühsamen Weg beschreiten, sich portionsweise in den Besitz ihres Selbst zurück zu begeben, versenkt die Nacht die letzten Eindrücke des heimatlos gewordenen Tages.
Augenblicklich fühlt sich Ludwig an den eigenen Adern gefesselt mit der närrischen Variante, auf der Stelle zu hüpfen, ähnlich dem Wetterfrosch in einem Einmachglas, dem die Sprossen nach oben wachsen, nicht aber ans Licht der Freiheit. Und obgleich es nicht der erste Digitalsex ist, den er an seine Fantasie verschenkte, scheint der Raum, der seinen Leib gefangen hält, von einer unsäglichen Leere umstellt zu sein, von blind fliegenden Geometrien und einer Menge nachtgrabender Wühlmäuse.
Wie immer er sich also drehen wird, die Aggregate der Lust schwingen wieder ins Nichts, und sie werden vor den ausgebeulten Kissen der Verdrängung so schnell keinen Halt machen, vielleicht in dem Moment, da ihm die Melodie des Alltags wieder mitspielt und das Netz der Leidenschaft neu geknüpft werden will.
Alsdann streicht sich der Kommissar die Schläfrigkeit ins Haar und träumt das bizarre Rot nimmermüder Kletterpflanzen, das Summen der Bienen, die den Nektar seiner Sinne saugten, und dem Intellekt die verlogene Süße zukommen ließen, er hätte sein Selbst bezwungen und sei in Gestalt und Größe über sich hinausgewachsen.
Inzwischen bereitet die digitale Küche das morgendliche Frühstück, erwacht der Robo-Sauger im Benehmen, die technoid ausgestatteten Räumlichkeiten von Keksstaub und Käsechips zu befreien. Und da die thermogelüftete Unterwäsche, die den Teppich achtlos ziert, nicht verschont bleibt, vernebelt das Getriebe des mechanischen Hausdieners die hochsensiblen Zimmer mit einem schwelenden Brandgeruch, derweil ein grässlicher Heulton dem Geschehen hinterher reist und den Schlaf der Nachbarn dahingehend strapaziert, dass einige sich der Intension verpflichtet fühlen, seine Behausung im Eiltempo zu observieren.
Und es ist nicht die einzige Konfusion, die dieser frühen Stunde die Hand reicht. Nachdem die Herrschaften der Wohngemeinschaft den aufmüpfigen Qualm unter die Nase gebracht haben, meldet sich über den Bildschirm das bleiche Mönchsgesicht Pater Franziskus’, segnet den angegrauten Morgen mit der Hintergründigkeit einer Schleiereule und bestimmt in Gottes Namen, Kommissar Ludwig möge die Beine so schnell wie möglich in die Pedale stecken, die Dinge, die sich ereignet hätten, seien heiß genug, um sie in die Spur zu bringen.
»Sie winken mit dem Paradies zur unchristlichsten Zeit«, stellt sich der Kommissar dem flimmernden Regen seines Monitors und fügt an, dass er sich die Hölle erst gar nicht vorstellen möchte, würden diese Gepflogenheiten an der Pforte des Himmels aushängen. Versöhnt seine mürrischen Gäste mit der Empfehlung, sich wieder in die Kissen zu begeben, bittet, sein Missgeschick zu entschuldigen und verspricht, im Sinne der ihm bevorstehenden priesterlichen Beichte, sich so viel Buße aufzuerlegen, dass sie ihm zur Mittagsstunde wieder in die Augen schauen könnten.
Während Ludwig damit beginnt, den Glanz der munter plätschernden Wasserhähne an die eigene Haut zu bringen, folgt Franziskus der Inspiration, das Sternentor der Erleuchtung zu passieren, bestäubt seinen überanstrengten Zuhörer mit der Idee, er hätte das Gesicht des Terrors dem Tintengeruch eines anonymen Schreibens entlocken können und gehe nunmehr davon aus, dass diese Gewalttaten wohlweislich organisiert seien, und dass exquisite Kreise damit betraut wären, die Seelen anderer aus der Zeit zu katapultieren.
»Dieser Planet«, zeigt er sich bekümmert, »erweckt den Anschein, auf das rohe Fleisch seiner Existenz hin abgeschält zu werden. Wollte man Schlimmeres vermuten, ist es dem Menschen auferlegt, das Lächeln anzuhalten, um einer seelischen Sonnenfinsternis Vorschub zu leisten, wenngleich der Tatort im Computernetz liegen könnte, im Cyberspace und Internet, als Virus oder Gedankenmodem.« Entschuldigt seine aufdringliche Eloquenz mit der flüchtig geleimten Substanz seiner Knochen und der möglichen Impertinenz, das Schicksal könnte ihm einen Verräter an die Seite gestellt haben.
Bevor der Kommissar jedoch dazu kommt, ihm ein paar Verhaltensmuster der Sicherheit an die Hand zu geben, bläst der Bildschirm das Gespräch endgültig in den Dschungel flirrender Schatten, zischt mit einigen undefinierbaren Geräuschen und straft die eh schon geschädigte Atmosphäre der Räumlichkeit mit dem paralysierenden Gesang einer giftverzahnten Schlangengrube.
Insgesamt betrachtet ist es genau die Zeit, da Ludwig sich aufmachen sollte, den Tag vor die Füße zu bringen.
»Mitunter bin ich der kaltschnäuzige Lauf einer Schrotflinte«, wendet er sich dem Dossier seiner abgefahrenen Biografie zu. »ich bin mit Hundeaugen und Katzenhaaren auf die Welt gekommen, mit Krätze zwischen den Fingern und Milchschorf im Gesicht. Ich bin das Produkt einer Potpourrifamilie, sonntags Frühstück beim Vater, samstags Kinobesuch bei meiner zweiten Mutter, die übrige Zeit bei Leiheltern oder Au-pair-Mädchen. Ich habe die Straße zum Pilgerpfad meiner Untugend gemacht, bin mit Rotlichtampeln und abgewürgten Motoren zu einer imposanten Weltanschauung gekommen. Verantwortung, so habe ich gelernt, ist der Sicherheitsabstand, den man zu einem vorausfahrenden Auto halten sollte.«
Aber was ihm auch noch alles dazu einfallen könnte, inzwischen hat er die Kathedrale im Blickfeld, und wollte man Unwichtiges hinzufügen, bietet sich ihm die Chance, die stummen Makel seines Retortendaseins an die Wirklichkeit der Kirche abzugeben, seliger vermerkt, an Lukas, der den Ort der Verinnerlichung von der Sakristei her betritt.
»Dies ist die erste Nadelprobe«, begrüßt er ihn mit pastoralem Lächeln, »eine Armee von Mücken, die seit Jahren den Seiteneingang besetzt hält.« Wobei er zugestehen möchte, dass sie sanft wie ein Wollknäuel seien, würde man sie ganz einfach ignorieren.
»Sie meinen«, so der Kommissar, »diese Quälgeister wären intuitiv veranlagt und spürten, wenn man etwas gegen ihre Existenz vorzubringen hat?«
»Schauen Sie«, bittet er ihn ins Gotteshaus, »Pflanzen registrieren das Feuer bereits bevor es gelegt ist. Die Vorsehung, wie man sieht, beginnt mit der Konfiguration unserer Gedanken. Das, was wir in unsere Absicht stellen, ist auf irgendeine Art und Weise bereits geschehen. Aber das sind nicht die Schaltkreise, die Sie hierher führten. Sie haben den Kopf voller Fragen, und nun möchten Sie den Weizen in der Erwartung streuen, er möge die Antworten keimen lassen, die in Ihrem Auftrag stehen, wenn möglich, natürlich mit einem profunden Kontingent von Fakten und Erklärungen.«
»Im Prinzip ja«, zeigt sich Ludwig aufgeschlossen, »bedauerlicherweise wissen wir aber auch, dass der Vorhang, der zuweilen die Wissenden von den Ahnenden trennt, sich keineswegs auf einer geölten Schiene bewegt. Insofern bin ich für jeden noch so vagen Hinweis dankbar.«
Schildert sein morgendliches Gespräch mit Pater Franziskus und die Neugier, wie die Botschaft gestrickt sein könnte.
»Sie werden es nicht glauben, er ist die Speckschwarte für Mäuse und Ratten. Es gibt nichts, was er von sich fern zu halten versteht, wobei man nicht immer genau weiß, wo der Drachen abstürzen wird, den er so elegant an der Leine führt.«
»Das geht Ihnen so leicht von den Lippen«, entgegnet der Kommissar, »als hätten Sie ihren Kollegen in den Keller gesperrt oder zur Apotheke geschickt.«
»Weder noch, er besitzt das Talent einer Schildkröte, «interpretiert Lukas, »mit totaler Reinheit nach innen und einem unnütz schweren Panzer auf dem Rücken. Seine Wege sind unergründlicher Natur, sowohl im Sinne seiner Selbstfindung, als in der Problematik, dass er nie dort anzutreffen ist, wo man ihn gegenwärtig vermutet. Folglich darf man hoffen, dass er seine geistigen Nester nahe der Kirche gebaut hat. Solange die Heilige Jungfrau ein Auge auf ihn werfen kann, solange wird ihm schon nichts passieren.«
»Das dachte ich mir auch«, gibt sich unerwartet die Kriminologin dem sich überschlagenden Hall der Kirche hin. »Augenscheinlich aber ist diese Vorsehung nicht so selbstlos geknüpft, als dass sie sich nicht doch ein paar Schlupflöcher offen hielte. Jedenfalls lassen sich die Blutspuren vor dem Altar nicht so einfach wegdenken, insofern sollten Sie mit allem rechnen, auch dass die Sichel des Teufels wieder einmal schneller gewesen sein könnte, als der Segen des Himmels.«
»Aber das haben Sie nur geträumt«, versucht Lukas seine Fassungslosigkeit unterzubringen, »er ist nicht das Papierschiffchen, das Gott zum Ertrinken freigegeben hat.«
Lässt seine Blicke durch die Kirche schweifen und schwört, das Schwert der Gerechtigkeit in beide Hände zu nehmen, würden sich ihre Worte bestätigen.
»Bedauerlicherweise«, so Bellana, »ist diese Nachricht nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Dennoch würde ich Ihnen empfehlen, Ruhe zu bewahren, die Kirche hat das Pulver nicht erfunden, und das sollte doch weiterhin so bleiben. Außerdem ist noch nichts bewiesen, und auch dann könnte alles nur vorgetäuscht sein.«
Hiernach bittet sie Kommissar Ludwig, sie auf die Dienststelle zu begleiten, um das Ergebnis des Labors in Erfahrung zu bringen. Im Augenblick bedürfe es der freien Nase und keiner angenagelten Kopfbleche. Vor allem aber müsse man sich davor hüten, laut zu denken. »Der Ahnungsvolle wird als Mitwisser gehandelt und dies könnte dazu führen, dass ihm der Himmel die Sterne schneller verwehrt, als sie ihm seinen Weg weisen könnten.«
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