P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland
LYRIK ALS ZWISCHENSCHAFT
Zwei neue Bände vorgestellt auf der Buchmesse Leipzig, März 2006
Ja, ich bin in Transsylvanien geboren, flüchtete nach Deutschland, bin aus Deutschland geflüchtet, wohne in Italien, komme hierher nach Leipzig, mit Büchern, Gedichten, in denen ich allein zu Hause bin. Lebe aber trotzdem wirklich, also in der Nähe von Lucca, Carrara, Viareggio, Florenz eigentlich schön, doch eingesperrt in der eigenen Haut und nirgends zu Hause, außer im Wort, dem deutschen freilich, das Gottseidank noch nicht vergangen ist, doch eine Vergangenheit hat, die ich nicht vergessen kann.
Hier mein neues Buch, ein Lyrikband, deutsch und italienisch: Sette volte sete. Siebzigmal Durst. Grenzenlos. Hrsg. Von Stefano Busellato, ETS (der Univerlag Pisa), März 2006.
Ein deutsches Gedicht über meine italienische Landschaft, nein, über einen italienischen Malerferfeund, der sie malte, denn Wirklichkeit gibt es ja keine mehr, wirklich nicht! Das Bild gibt es, mein Gedicht auch, deutsch und italienisch, das italienisch so anfängt:
Versilia, estate nel quadro,
quel che davvero è:
davvero è. ALSO: Wirklich ist:
Versilia, Sommer im Bild,
was wirklich ist, so
leg den gelben Sand, die
Düne wandert an den Nervenrand, so
leg die Blüte, die Idee im Baum,
die Augenweiße, Schnee und milchigblau, die
Irisblitze, Roter Apfel Mund, der Raum
ist feenweißer als ein Traum.
Die Paste Schwarz, sie ist wie
trocknes Blut, das aus den Dingen fließt,
so leg es aufs Papier, und tast die Spur,
was wirklich ist,
ist nicht mehr gut.
So riech die Sommererde hier, ein
Flimmern, heiß, die Augenuhr, das
Meer, das Land sind
dunkel, nur der Blick ist da, die Zunge,
der Geruch: vor dir das Farbenfeld: der
Bleiche Sand und Alles rinnt und
blutet grün schwarz violett
die Nacht ist rot,
er wurde wie verschont – ist dieser Mann,
lebt noch und baut im Nichts ein Herz
der Farbe: Immernie
und wohnt lang nach dem Tod
ein Leben durch die Augenwand.
Hier ist so lang
du noch verschwinden kannst
sein Land
Da ich im Wort und ganz schön als Zwischenschaftler, also zwischen drei Ländern: Rumänien, Italien, Deutschland lebe, habe ich das Glück gehabt, dass meine Gedichte in die Sprachen meiner drei Länder übersetzt worden sind; das also der Vorteil nur in Worten zu wohnen und zu Haus zu sein. Immer freilich zuerst in Deutschland veröffentlicht, dann ins Rumänische und Italienische übersetzt wurden, jetzt vor allem dieser neue Band, Settanta volte Sete, 70mal Durst, und Grenzen Los. Oltre limite, über den ich mich sehr freue, weil er so spät mein erster Gedicht- Werkquerschnitt ist, also doppelt zu Hause ist, nichtwahr. In je mehr Sprachen wir „erscheinen“ und leben, umso mehr Leben haben wir, wirklich!
Dieses sonstige Nirgendwo also, ein Leben als Phantom, die Wirklichkeit längst passé, wir aber sind immer noch DA?
Mir war klar, warum ich weder im ehemaligen Land meiner Herkunft Transsylvania/Rumänien, noch in Deutschland, dem Land meiner Sprache leben konnte, es waren die Länder der beiden Diktaturen, braun und rot, die mein Leben zerrissen hatten. Italien blieb mein provisorischer, virtueller, schönerer und leichterer Fluchtort, so lang ich lebe, und dann … na ja, man weiss ja nie, ob es vielleicht doch irgendwo noch eine „andere“ Wirklichkeit gibt, wenn wir mal körperfrei sind?:
Aus dem neuen deutsch-italienischen Band also der Originaltext über Deutschland:
Wie Im Wahnsinn Stimmen
Mnemosynen / Musen sind nur Pseudonyme
Unter den Silben flüstern Halluzinationen.
Nah am Rand der deutschen Sprache tut es weh.
Dieser Raum wie blaugeschlagen
Spiegelt in uns selbst Diktate
Von den vielen Toten.
Halt den Spiegel rein.
Blink aus / Die Wut
Mit der du angefüllt.
Sie trübt.
Ist das also ein Exil? Früher mal, jetzt bin ich ja ein Emigrant in Pension.
Das paradiesische Exil ist freilich geblieben.
Wo ich wohne in:
Agliano, alieno
…alieno, der Fremde
Das Meer liegt vor mir
die Ferne wird zu Nichts
täglich / wie schön der Blick
eine Briefmarke / blau
zum Verschicken
Sichtbar ist alles
im Exil / oft schmerzlos
und unterwegs
Da unten das Meer / nichts
als mein Blick
rund wie die Zeit
eine große Träne
Und jede Klage zeitlicher Verschickung
ist kläglich / hast du sie nicht
als winziges Abbild erkannt.
Von Nachgeborenen
war schon oft die Rede –
Uns zählen nun
die Toten um.
Der Himmel zog davon
mit Rauch und Wolken
und wo Gestirne standen
ist ein Loch im Raum.
Ein Riss
ein Fallen
wie im Traum.
Ein Warten.
So hell umnachtet und entwöhnt
die Sinne eingebrochen und der Sinn.
Und ein Erschrecken beim Erwachen –
Wir träumten
dass wir Deutsche sind.
Und dann auch noch Deutschland Ost , alles was damit zusammenhängt: und alles Ehemalige!
Deutschlandfahrt Ost
Für Volker Braun
1
Die Grenze kommt hinzu und sperrt,
ein Sandstreif singt das schöne Nirgendwo.
Ein Baum hat Recht.
Willst du so feder leicht
entkommen? im Satz
über alle Berge?
Wer aber löchert hier die Mauer
mit Worten und mit Kugeln?
Geteilt im Kopf, am Fenster,
und schon vorbei. Wars also Landschaft,
Augenschein und blass?
Ein Jubel also dachte, einmal das
Märchen von der Freiheit,
die Teilung die verkannte er.
Für Augenblicke nur das Glück.
Macht dumm. Macht Wechsel.
2
Und fällt den leeren Platz.
Die Leere. In mir. In dir.
Das alte Land. Es lebe die hässliche Tote.
Aus dieser höchsten Eisenbahn. Vorbei
die Felder. Und diese Grenze ist schon länger alt.
3
Und wie gesungen grün und felderweit: die Saaten –
die Staaten in den Ohren, Hymne der Mund
Das Und. Es geht so alles weiter. Und nichts
wäre geschehen? Die neue Schuld verdeckt die alte.
Gereimt ist nur ein Himmel. Sagt ein Vater da oben
im großen Massengrab. Und zählt die Gefallenen,
jeder dritte Tag – ein Mahnmal.
Dice un padre là sopra
nella grande fossa comune. E conta i caduti.
Ogni tre giorni, un monumento.
Die Gedichte sind synoptisch angeordnet, linke Seite das deutsche Original, rechte Seite vers- und zeilenweise der italienische Text. Wer will, kann auf schönste Weise italienisch lernen. Oder einer italienischen Geliebten imponieren.
Denn die Übersetzungen dieses Werkquerschnittes sind in langer arbeit mit 13 Übersetzern entstanden. Ein Glücksfall, 13, vor allem junge Übersetzer, oft selbst Lyrik schreibende, die meisten von der Uni Pisa und Florenz, Heidelberg und Jena, hatten sich Gottseidank in diese Gedichte verliebt, und ganz ohne äußern, nur inneren Auftrag und Eigeninitiative, vor allem des jungen Pisaner Literaturfreundes und Herausgeber dieses Bandes Settanta Volte Sete Siebzig mal Durst, Stefano Busellato, den ich im Hause seines Pisaner Philosphieprofessors Tomaso Cavallo, selbst Lyriker und bedeutender Übersetzer aus dem Deutschen, kennen gelernt hatte. Stefano promoviert über Nietzsche und den italienischen Nietzscheherausgeber Giorgio Colli. Ebenso Donatella Morea, und dazu: Antonio Staude, der Neffe Collis, sein Vater der Astrophysiker Jacopo Staudi und eine Reihe anderer Begeisterter, die sich eigenes in diesen Gedichten angesprochen und berührt fühlten. So kam es durch diese Übersetzungen bei der Zusammenarbeit zwischen Übersetzern und Autor zu wunderbaren Freundschaftsabenden, wo gemeinsame sprachinspiratorische deutschitalienische Gedichträume in unserem Haus in Camaiore, den toskanischen Hügeln, entstanden, eben bei der Deutungs- und Übertragungsarbeit lyrischer Varianten und Schwierigkeiten gültige Entsprechungen und Äquivalenzen in der vom Deutschen so sprach- und gedicht- melodisch und rhythmisch und historisch unterschiedenen Italienisch zu finden. Wobei Bacchus und Eros, wie Stefano sagt, oft lockernd zu Gaste waren. Das Resultat ist dieser schöne Band im Uni-Verlag ETS von Pisa, eben erschienen, noch druckfrischwarm also.
(Bestellbar in Deutschland bei „Edition Köln“, www.peterfaecke.de,ISBN 9 788846 714558)
Sicher ein einmaliges Experiment und kreatives Novum, vielleicht auch ein Muster dafür, wie das schwierigste Geschäft, eine Lyrikübersetzung, gehandhabt werden könnte.
Die Auswahl aus meinen bisher 10 Gedichtbänden trafen die Übersetzer. Und diese waren vor allem an den zeitkritischen und Deutschlandgedichten interessiert. Und am Aufbäumen durch Sprache, eine abgründige Zeiterfahrung ein Gegensteuern wider die heutigen seelischen Zerstörungstendenzen und Verlogenheiten einer von außen gelenkten höllisch beschleunigten Existenz, die Zeitersparnis vortäuscht und doch nur Chronokratie, Zeitnot schafft, die uns das Leben raubt.
Chronokratie
Zeit, Gespenst meines Kopfes,
grausamer Herr, der mich jagt,
ich glaube an dich.
Herr der Zeitersparnis, Herr, der Hetze,
der Wahnzeit, Herr der Augenblicke, elendes Paradies.
Er aber, lässt er sich
Überlisten,
auf Matt Scheiben, er,
von dem keiner
Nichts weiß. Hinter seinem
Rücken vorbeijagen, die Ewigkeit
erreicht auf die Schnelle?
Du alter müder Herr,
wir leben nicht, leben
im Zeitkrieg.
Ausgesiedelt also
hinab zur genaueren Atomuhr,
sie ist hinüber ins farblose Jenseits,
das die Zeit stiehlt.
Hölderlins
Bordeaux? Und Patmos, die Insel?
Und dann Johannes 15?
Wer doch verkommen wie er,
in der Sprachzeit langsam nach Haus
kommen könnte. Zu Fuß
nur mit einem Zeitwort auf
staubiger Landstraße. Wir aber
tragen den Augenblick im Autofenster
und die Sekunde rollt an den Reifen. Kein
Land, Nie, Land,
dieses Anderswo. Und altes Heimweh
hinkt nach.
Chronocrazia
Tempo, fantasma della mia testa,
crudele signore, che mi dà caccia
io credo in te.
Signore del guadagnar tempo, signore della fretta,
del tempo furioso, signore degli attimi, misero paradiso.
Und?
Tod. Kein Heil hier. Aufschub und schönes Vergessen, im Bild
im Satz. Die Macht des Schicksals längst verglüht.
Zeitlupe, Trost,
die Zenons-Schnitte ist jetzt machbar, bis die Sekunde auf-hört,
ein Klang, peilt sich die Todesstunde an,
du weißt.
Was sehen wir, was Michelangelo nicht sah?
Was einst WORT Gottes war, durchdringt als Elektronen
Mikroskop das Auge.
Die Siebzig Sprachen werden wieder Eine.
Dies hat das Licht, das unser Auge sieht, sehr alt gemacht.
So wie der Satz/ verzehrt das Leben, la lingua, die Zunge
pfingstgesetzt.
Die Flamme, sing, Atom. Als Nichts sind wir entkommen.
Doch Sogar Was Wir Sehen
müssen wir glauben
glaube mir
sie hat sich wieder
geändert die Grenze
die Schranke
der Polizist die Pässe sind innen
und warten wieder auf das große
„Passiert"-Sein-Dürfen
endlich zu leben ohne zu sterben
Schlafen ja
um auszuruhn von der Strapaze des Sandes
unendlichen Sandes in die Augen
gestreut ohne mit der Wimper zu zucken
toll wie das Tag für Tag und Stunde
für Stunde und in jeder Sekunde funktioniert und
geglaubt wird.
Augentier
Du bist das Augentier, traust
deinen Augen, glaubst
was du siehst. Aber
24 Mal verfliegt die Wahrheit
in der Sekunde, im Tor der Sinne.
Das Land ist nicht mehr sichtbar,
es verflüchtigt sich
schneller als der Gedanke.
Unendlich viele Uhren ticken schon,
die Eigenzeiten kippen,
die Liebe federleicht, fliegt fort,
die Uhren haben die Genauigkeit
des Todes, sie
zeigen an
wie spät es ist.
Aber…
Angelehnt
an eine imaginäre Blume
die ich vergaß
abzugeben beim Erwachen
bleibe ich hier am Leben.
Vor allem in Liebesgedichten…
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