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Besuch bei Hans, einer der Verdächtigten


Gekürzte Episode aus dem Kriminalroman "Der Mord bei der Kartause"
von
Cornelius Schnauber


Natalie, eine emanzipierte Frau, die vor Jahren abenteuerlich mit ihrer Schwester Therese aus der DDR geflüchtet war, hatte für zwei Jahre jeweils für zwei Monate einen Probefreund, die alle von unterschiedlichen Berufen und Charakter waren. Auf diese Weise wollte sie eines Tages den Partner fürs Leben finden. Als sie sich schließlich für Michael entschieden hat, lädt sie alle früheren Freunde, soweit diese noch daran interessiert waren (vier waren es noch) zu einem Essen in das Restaurant der Spessart Kartause bei Grünau ein, um ihre Entscheidung bekannt zu geben. Am nächsten Tag wird sie im Wald, nicht weit von der Kartause, ermordet aufgefunden. Der Verdacht fällt für die Polizei zunächst auf die drei, die von Natalie beim Essen eine höfliche und freundschaftliche Absage erhalten hatten, doch hatten alle drei ein Alibi. Diese Alibis genügen aber Therese und Michael nicht; denn sie waren ihnen zu undurchsichtig, und so besucht Therese die drei Verdächtigten selbst noch einmal; darunter auch Hans, den Poeten. Vorher und anschließend bespricht sie jeden Besuch ausführlich mit Michael. Dabei geht es beiden vor allem um ein eventuelles Motiv, das der Mörder hätte haben können. Das Ende des Romans mit viel Ambiente und seinem ausführlichen historischen und kulturhistorischen Hintergrund ist dann eine ungewöhnliche Überraschung.

"Auch über Hans hatte Natalie nicht schlecht gesprochen“, sagte Michael zu Therese. „Er ist ein verträumter, aber liebenswürdiger Schriftsteller. So jedenfalls charakterisierte ihn Natalie. Er liebt die literarischen Experimente, hat aber damit wenig Erfolg. Nur wenig ist bisher von ihm gedruckt worden. Ehrlich gesagt, ich habe noch nichts von ihm gelesen außer jenes Gedicht, das er mit 14 Jahren geschrieben hatte und das mir Natalie in einem älteren Magazin zeigte und das irgendwie in eine romantische Rheinstimmung, vielleicht sogar nachts hier zu diesem Felsen, paßt

Wundervolle, stille Nacht
Zauberschön im Mondesglanz;
Deine unerforschte Pracht,
Nimmt mir meine Seele ganz.

Und wie ich ringe, wie ich such
Wird die Welt mir endlich nah;
Sie erschließet mir ihr Buch,
Und die Endlichkeit ist da.

Zeigt nicht dieses Gedicht die frühe Sensibilität von Hans? Dennoch muß er sich sein Geld als Schullehrer verdienen, wogegen Natalie aber nichts hatte. Was sie nur immer wieder ärgerte, war, daß sich Hans so viel von den Schulkindern gefallen ließ. Heranwachsende Buben und Mädchen können sehr grausam sein. Das weiß ich ja selbst. Und wenn dann ein Lehrer Schwächen zeigt, werden sie ausgenutzt.“ –

Den anderen Tag traf Therese Hans. Er war im gleichen Alter wie Michael, also 27. Er wohnte in einem eher bescheidenen Apartment in Oberbessenbach. Überall Bücher und eine große Stereoanlage. Er spielte gerade von Schubert das Klaviertrio in Es-Dur, op. 100 D. 929; schaltete es aber ab, als er Therese bat, sich zu setzen. Er bot ihr eine Tasse Kaffee an, war aber während des ganzen Gespräches ernst und schien sogar irgendwie abwesend zu sein, was er aber nicht war. Doch blickten seine Augen fast ständig zum Fenster, als suchten sie etwas da draußen, in den grünen Nadelbäumen, die durch ihre Größe das Zimmer etwas verdunkelten. Und auch er versicherte Therese, daß er Natalie noch immer liebe. Und auch er war der Meinung, daß sie sehr gut, vielleicht sogar am besten, zu ihm gepaßt hätte. "Natalie war eine Frau mit einem inneren Reichtum. Wenn sie auch das Hotelfach gelernt hatte und vielleicht als Geschäftsfrau zu Albert gepaßt hätte; so besaß sie eine Sensibilität für Kunst, Musik und Literatur, die uns nach der Tagesarbeit sehr verbunden hätte. Sie las mit Anteilnahme meine Gedichte und Prosa und verstand sie oft besser als ich. Sie mochte auch meine sprachlichen Experimente." Und nach einer kurzen Pause, in der seine Augen wieder schwermütig und verträumt ins Grüne schauten, sagte er: "Warum gerade Michael, begreife ich nicht. Aber es war ihre Entscheidung und ich respektiere sie. Ich respektiere ja auch die Fehler meiner Schulkinder."

"Oh", unterbrach ihn sofort Therese, "Sie betrachteten Natalie als ein Kind, das einen Fehler gemacht hat?"

"Nein, nein, nein! Im Gegenteil. Aber ich drücke mich manchmal verblödet aus. Das ist meine Schwäche; auch in der Schule. Nur in meinen Gedichten und in meiner Prosa kann ich klar sein. Jedenfalls glaube ich das." Und jetzt richtete er seine Augen direkt auf Therese: "Verstehen Sie mich, ich liebte, ich verehrte Natalie, sie war für mich eine Art.... Göttin. Ja, ich weiß, wenn ich so rede, klingt das vielleicht lächerlich. Aber es war so. Und ich kam von ihr nicht los, komme noch immer nicht von ihr los." Und wieder blickte er hinaus zum Fenster.

Therese dachte unwillkürlich an Michaels Worte von den "Göttinnen" Venus, Maria, Natalie. Doch wollte sie ihm noch nicht die Frage wegen eines eventuellen Motivs stellen, die er ja sowieso kaum beantworten würde. Statt dessen hörte sie ihm weiter zu.

"Wissen Sie, Frau Therese", er nannte sie "Frau Therese", eine unter jungen Menschen heute ganz unübliche Form, wo man doch sehr schnell und ohne Erklärung "du" sagt, wie es Michael bei Therese getan hat, auch wenn er sie darum höflicherweise noch gebeten hatte. "Wissen Sie", und wieder wandte Hans seine Blicke direkt zu ihr, "Natalie hat meine Arbeit verstanden. Während die Redakteure der Verlagshäuser alles von mir ablehnen, weil sie meine Experimente mit romantischen Inhalten nie begreifen, obwohl doch viele Redakteure zu den Grünen gehören, die die Natur lieben, aber eben alles ideologisch sehen, hatte nur Natalie mich ständig ermuntert." Seine Augen wanderten wieder zum Fenster. "Ich wollte sie nicht verlieren."

Für Therese wäre das der richtige Moment gewesen, ihn zu fragen, was er mit dem "Ich wollte sie nicht verlieren" meinte. Dennoch fragte sie erst einmal als recherchierende Journalistin: "Können Sie sich bei irgendeinem von Natalies Bekannten ein Motiv vorstellen, weshalb er sie ermordet hat?"

"Motiv?" Er machte eine Pause. "Motiv? Ach bitte nehmen Sie sich doch erst eine zweite Tasse Kaffee." Hans blickte dabei wieder zu Therese, während sie sich nachschenkte. Er selbst hatte seinen eigenen Kaffee nicht berührt. "Wir alle hatten ein Motiv. Auch ich, auch Sie."

"Auch ich?", Therese war verwundert, "Was wäre mein Motiv?"

"Natalie war Ihnen vielleicht überlegen. Überlegen an innerem Reichtum und an Menschlichkeit. Sie sind eine sehr intelligente, scharf denkende Journalistin, davon hat mir Natalie berichtet, aber Natalie war eine, wie es bei Goethe heißt 'schöne Seele'. Sie kennen doch 'Wilhelm Meisters Lehrjahre'? Ich bin vielleicht altmodisch oder bereits schon post-modern. Aber ich mag Goethes großen Entwicklungsroman mit seinen Verstrickungen und Verwandtschaften, Sozialkritik, Welten des Theaters, Psychologie, Mignon und Harfner. Und ich mag auch Goethes Wahlverwandtschaften."

Therese kannte Goethes epochales Werk. Waren doch ihr und Natalies Namen aus diesem einflußreichsten Bildungs- und Entwicklungsroman der deutschen Literatur entnommen; aber nicht nur die Namen. Der Zufall hatte es gewollt, daß auch gewisse, wenn auch nur gewisse, charakterliche Verwandtschaften zwischen ihr und der Goetheschen Therese sowie zwischen ihrer Schwester und der Goetheschen Natalie existierten. Und Hans hatte das richtig erkannt.

Doch auch Michael hatte das Gleiche bemerkt, als er durch Natalie angeregt worden war, Goethes Roman zu lesen, den er dann gleich zwei Mal durcharbeitete, da er ihn wegen der Universalität der menschlichen und -- so zeitbezogen sie auch waren -- gesellschaftlichen Probleme bewunderte.

"Ich weiß", ergänzte Therese, "Natalie und ich gehören oder gehörten zur literarischen Vergangenheit. Und es stimmt, Natalie hatte das mitfühlendere und geduldigere Verständnis, die größere Menschlichkeit, wie Sie sagen, und den gewandteren Umgang mit Menschen und Situationen. Ich meine ehrlichen Umgang, nicht geheuchelt. Das gebe ich zu. Nur: die schärfere Logik, die genauere und klarere Lebensordnung und die konsequenteren pädagogischen Grundsätze besitze ich. Natalie schaute in diesen Dingen zu mir herauf. Sie hatte die Ideen, und ich mußte sie oft ordnen. Nur bei ihren 'Probefreunden' hatte sie nicht um meinen Rat gefragt, da hätte ich ihr von dieser Methode entschieden abgeraten. Doch gerade da benutzte sie etwas von der Systematik, nein, besser Logik, die ich besitze. Aber war es wirklich Logik, die Sache mit den Probefreunden? Und vielleicht war gerade diese Logik ihr Verhängnis gewesen. Vielleicht hat doch einer von euch sie ermordet? Ich jedenfalls hatte ein solches Motiv nicht. Mögen Sie noch so sehr spekulieren. Wir waren Schwestern, die sich liebten und verstanden. Und schließlich bestanden wir gemeinsam das Abenteuer der Flucht. Das verband uns zusätzlich. Schon allein die Logik spräche dagegen, daß ich sie ermordet haben könnte."

"Ja die Logik, die alles einengende Logik. Die muß auch ich immer als Schullehrer predigen. Aber die Logik hat viele Wurzeln und Schlüsse", grübelte Hans und ergänzte: "Man kann sie überall verwenden. Und deshalb ist sie auch so vielseitig wie die Wirklichkeit selbst. Sie kann uns schnell zur Täuschung werden oder in falsche Richtungen weisen."

"Und was könnte Ihr Motiv gewesen sein?", Therese fragte jetzt direkt, nachdem ja auch Hans sehr direkt gewesen war.

"Natalie nicht hergeben wollen." Therese war erschrocken. Hans erklärte aber sofort weiter: "Ich meine, ich wollte sie nicht an das Profane eines Michael oder eines Albert oder eines Gottfried verlieren." Und wieder machte er eine Pause. Dann fügte er hinzu: "Aber ich bin kein Mörder. Ich kann das Heilige lieben, aber nicht morden. Dazu müßte man krank sein. Und das bin ich nicht. Außerdem hatte ich ja immer noch die Hoffnung", und wieder blickte Hans zum Fenster, "daß sie eines Tages Michael wieder verlassen würde und zu mir zurückkäme. Und bis dahin wäre ich ihr ein Freund geblieben. Wie Brackenburg gegenüber Klärchen in Goethes Egmont. Nein, ich wollte sie nicht verlieren, und durch ihren Tod habe ich sie verloren."

Ihm standen jetzt Tränen in den Augen. Doch waren es Tränen, von denen Therese überzeugt war. Kurz darauf fragte er: "Warum nur hat Natalie das Hotelfach gelernt? Sie hätte doch studieren sollen, Lektorin in einem Verlag werden können. Nie hat sie mir diese Frage beantwortet."

"Weil sie sicherlich wollte, daß Sie diese Frage selbst beantworten", erwiderte Therese. "Natalie liebte den Umgang mit Menschen und dazu das Flexible eines Geschäftsunternehmens. Außerdem kann man als Hotelmanagerin Dinge ständig verbessern und entwickeln. Als Verlagslektorin hätte sie nur Umgang mit Schriftstellern gehabt und wäre von Verkaufsmanagern, die heute bestimmen, was gedruckt und was nicht gedruckt wird, beherrscht worden. Denn die Verleger hören heute mehr auf ihre Marktvertreter als auf ihre Redakteure. Selbst wenn irgendwelche Gedichte oder Prosa von den Lektoren befürwortet werden, bedeutet das noch lange nicht, daß die Verkaufsmanager und Marktforscher diese Werke für geldbringend erklären. Und ohne vorauskalkulierten Absatz keine Publikation. Mögen sich dabei die Verkaufsmanager noch so sehr in ihren Prognosen irren; auf sie wird gehört, sie diktieren. Natalie wäre als Lektorin sehr unglücklich gewesen. Als Hotelmanagerin konnte sie wenigstens durch einige Blumen in den Hotelzimmern oder in der Eingangshalle das Leben der Kunden angenehmer machen. Abgelehnte Schriftsteller erhalten aber nicht einmal Blumen."

"Wie wahr, wie wahr", erwiderte Hans, ohne dabei selbstmitleidig zu sein. Er nickte nur. Dann fragte er: "Kann ich noch etwas für Sie tun, Frau Therese? Das heißt, ich habe ja noch gar nichts für Sie getan."

"Doch, Sie haben schon sehr viel getan", erwiderte Therese. "Ich hätte nur noch eine Bitte. Dürfte ich einige Ihrer Gedichte lesen. Das eine, das früher einmal gedruckt wurde, als Sie 14 Jahre alt waren, kenne ich. Gibt es spätere?"

Hans schaute Therese verwundert an und zögerte. Dann sagte er: "Bitte, da unterm Tisch liegt eine Mappe, darin sind einige Gedichte, die ich vor 7 Jahren geschrieben habe. Gedichte eines Zwanzigjährigen. Die jüngsten behalte ich lieber für mich. Nein, das eine möchte ich Ihnen doch zeigen." Er reichte ihr ein Blatt, das auf dem Schreibtisch lag. Es war ein modernes Gedicht mit Kommentar:

"Konstellation und Ideogramm. Im Chinesischen Symbol und Form eines Schwertes, der Inhalt vertritt Mut und Kampf. Im Christlichen ist es dagegen Symbol und Form eines Kreuzes und im Inhalt das Ringen um Glauben, der mir fehlt. Außerdem zweifle ich an meinem Mut. Deshalb die Leerstelle zwischen Mut, Glaube und Zweifel."

Mut
Glaube      Zweifel
Glaube
Zweifel
Glaube
Glaube
Mut

"Es ist interessant", sagte Therese, "und es mag sehr viel über Sie selbst aussagen. Eine gewisse Zerrissenheit und vielleicht sogar Angst, die ich bei Ihnen nicht vermutet hätte. Darf ich deshalb auch die früheren Gedichte lesen?"

"Bitte, bitte", sagte Hans, ohne daß er auf Thereses Bemerkung einging. Es waren 20 Gedichte eines Zwanzigjährigen. Therese las sie alle. "Diese Gedichte gefallen mir sehr gut. Eher konventionell, noch keine Experimente. Die Experimente kamen wohl später?", fragte sie, indem sie die Mappe noch offenhielt.

Hans nickte.

"Darf ich mir zwei von diesen Gedichten abschreiben? Sie sagen mir viel."

"Bitte."

Hans stand auf und schaltete Schuberts Pianotrio wieder ein. Er besaß eine umfangreiche Schallplatten, Kassetten und Laser-Disk Sammlung. Das erste Gedicht, das sich Therese aufschrieb, lautete:

Wir sahen uns, ganz flüchtig nur,
Doch uns're Blicke kannten sich.
Dann gingst du fort, wir trennten uns,
Und keiner wußt' vom andern mehr.
Wo du auch bist, ich kann's nicht sagen.
Vereint sind wir, vereint; doch wo?
Mein Blick fand dich, wir waren eins;
Und werden eins auch immer bleiben.

Und das zweite Gedicht lautete:

Über dem Flusse, am uralten Baume,
Lehnt eine Harfe aus Urväter Zeit.
Lüfte entlockten im nächtlichen Traume
Liebliche Klänge, Verbundnen geweiht.

Längst sind verstummt die empfindlichen Saiten;
War's doch ein Mensch, der die Harfe zerbrach.
Doch aus der Ferne, durch all uns're Leiden,
Klingen die Töne der Liebe noch nach.

Hans war Therese sehr sympathisch. Vielleicht, weil er so ganz anders zu sein schien, als sie selbst. In manchem und da auch nur entfernt erinnerte er sie an Toni, obwohl Toni kein deutscher Romantiker war, sondern ganz und gar Italiener, der wußte, wie er bei Frauen nicht nur literarisches Interesse, sondern erotische und sexuelle Gefühle wecken konnte. Für Hans empfand sie plötzlich Mitleid. Irgendwie mochte sie sensible Männer, solange diese nicht wehleidig sind, was Hans nicht war. Als Ehepartner wäre er ihr aber doch zu sensibel und eigenbrötlerisch.


© 2001 by Cornelius Schnauber. Der Kriminalroman "Der Mord bei der Kartause" ist im belleville Verlag erschienen.