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Schlußszene aus dem Schauspiel „Heydrich“


Ein Stück von
Cornelius Schnauber


Arbeitszimmer des Führers wie in der 3. Szene. HITLER am großen Schreibtisch, sitzend. Etwas entfernt sitzt HIMMLER.

HITLER: Heydrichs Tod gleicht einer verlorenen Schlacht. Ich brauchte diesen Judenbengel.

HIMMLER: Sein Ehrgeiz hätte gefährlich werden können.

HITLER: Für wen? Für wen?! Vielleicht für Sie; doch begreifen Sie denn nicht, Himmler, daß ich auch über Sie die schützende Hand halte. Außerdem wissen wir nicht, ob Heydrich wirklich jüdisches Blut in sich hatte. Er hat es nur geglaubt. Und wir wollten, daß er es glaubte. Aber vielleicht war der Vater doch ein Findelkind oder war auch die Großmutter, diese angebliche Sarah, eine volle Arierin.

HIMMLER: Ich sehe Heydrichs Abstammung anders, mein Führer. Und schließlich heiratete Heydrichs Großmutter nach dem Tode ihres ersten Mannes Robert Süß, das ist erwiesen. Und wo sind die Ahnenlisten von Heydrichs Mutter?

HITLER: Schwamm drüber. Sagen Sie, wie geht es weiter?

HIMMLER: Zuerst haben wir jetzt freie Hand gegen Admiral Canaris. Heydrich schützte ihn. Ich aber weiß, mein Führer, daß Canaris als Chef der Abwehr zentrale Positionen mit Gegnern unseres Systems besetzen läßt und wir dadurch ständig Falschmeldungen erhalten oder wichtige Offensiven der Feinde verschwiegen werden.

HITLER: Sie wissen? Haben Sie Beweise?!

HIMMLER: Noch nicht, aber ich werde Sie sammeln.

HITLER: Dann lassen Sie mich in Ruhe mit Ihren Vermutungen. Ich habe keine Verräter um mich und will auch keine haben. Alle gehorchen mir, auch Canaris. Nur untereinander seid ihr Feinde. Doch das soll mir recht sein. Heydrich war der Treuste.

HIMMLER: Seine Aktionen in Böhmen ...

HITLER: Waren ein Fehler, aber keine Untreue. Ich habe ihm diese Aktionen auch verboten. Und doch, Himmler, waren Heydrichs neue Methoden richtig, sogar vorbildlich; und das habe ich auch schon Goebbels gesagt. Der Beweis ist Heydrichs Ermordung. Etwas mehr Milde, und schon lassen sich diese Slawen einwickeln. Und das hat diesen Intellektuellen und Scharfmachern des sogenannten Widerstandes anscheinend nicht gepaßt. Die Produktionsziffern stiegen. So wurde mir es jedenfalls berichtet.

HIMMLER: Diese Berichte waren übertrieben.

HITLER: Ich denke eher, sie paßten Ihnen, dem Reichsführer der SS, nicht. Aber Sie haben recht, Himmler, Heydrich wurde der SS und Ihnen zu gefährlich und mir zu eigenmächtig. Und Eigenmächtigkeit dulde ich nicht; am wenigsten von einem Juden oder Halbjuden oder wer auch immer. Gehorsam ist das einzige, was jeder in dieser Welt versteht. Und deshalb akzeptiere ich ja auch, daß meine Ärzte .... meinen Willen .... unter allen Umständen .... (Pause); aber lassen wir das. Das geht auch Sie nichts an. Das wird ein Geheimnis der Geschichte bleiben. Und ich weiß es selbst nicht, ob Heydrich bei besserer Pflege überlebt hätte.

HIMMLER: Heydrich suchte eine Hausmacht. Gegen Sie, gegen mich, gegen das Reich.

HITLER: (winkt ab) Wann kommt die Zeugin, die Heydrich warnen wollte und von Ihren Leuten verhört wurde? Ich will sie aber nicht blutüberströmt sehen, ich kann Blut nicht sehen. Aber ich will sie persönlich sprechen, auch wenn sie Jüdin ist. Schließlich ist sie nicht das erste Judenblut, das mir in meinem Arbeitszimmer zu Gesicht gekommen ist.

HIMMLER: Sie wurde für Sie, mein Führer, kosmetisch hergerichtet. Auch gaben wir ihr Stärkungsmittel. Sie wartet draußen. Wie Sie es wollten.

HITLER: Und haben Sie nach dem Attentat bereits Verhaftungen vorgenommen?

HIMMLER: Sofort. Verhaftungen und standesgerichtliche Todesurteile, die wir jetzt, nachdem Heydrich an den Folgen der Schüsse gestorben ist, verschärft fortsetzen werden.

HITLER: Verschärft, nicht nur lasch! Ich möchte, daß eine ganze Stadt ausgerottet wird: alle Männer über 16 erschossen, die Frauen ins Konzentrationslager und die Kinder in nationalsozialistische Sonderschulen. Der Ort selbst wird dem Boden gleichgemacht. Suchen Sie eine Stadt aus in der Nähe von Prag.

HIMMLER: Zu Befehl mein Führer.

HITLER: Doch keine schriftlichen Aufzeichnungen, daß der Befehl von mir kam. Ich hasse diese Bürokratie. Nichts in meinem Namen. Ich befehle die Ereignisse; aber stehe außerhalb der Geschichte. Stehe darüber. Das ist notwendig für die Zukunft. Bringen Sie die Jüdin.

HIMMLER: (geht; Anna wird hereingeführt. Himmler kommt mit ihr zurück. Man merkt ihr die physischen Foltern an, auch wenn ihr Gesicht stark geschminkt ist. Im ganzen strahlt sie trotz Schmerzen, die man ihr anmerkt, Größe und Würde aus.)

HITLER: (im Moment sich erheben wollend, setzt sich aber sofort wieder) Was haben Sie zu sagen?!

ANNA: Ich bin Jüdin.

HITLER: Ihre Person interessiert mich nicht, das ist Sache der Gestapo. Warum wollten Sie den Obergruppenführer warnen?

ANNA: Ich bat ihn um Menschlichkeit in den Konzentrationslagern. Keine Transporte mehr, keine Tötungen und bessere Behandlung.

HITLER: Jüdische Verschwörung!

ANNA: Es war Bitte um Menschlichkeit.

HITLER: Widersprechen Sie mir nicht!

ANNA: Ich bat um Menschlichkeit. Das war alles, das ist alles, was wir Juden wollen.

HITLER: Genug! Genug! Und woher wußten Sie von diesem Attentat?

ANNA: Ich bat um Menschlichkeit.

HITLER: Woher, woher?!

HIMMLER: Von einem Freund. Er ist ins Ausland geflüchtet.

HITLER: Und wo war das Attentat geplant worden?

ANNA: Ich bat um Menschlichkeit. Und jetzt fordere ich sie. Fordere sie mit den Stimmen aller Gequälten.

HITLER: Wo, wo?! Wo war das Attentat geplant?!

HIMMLER: In England, unter Exiltschechen.

HITLER: Schweine. Und wohl, weil sie fürchteten, daß Heydrich wieder härter durchgreifen würde?! Oder war es anders? Reden Sie! (Pause) Reden Sie!!

ANNA: Ja, es war anders. Die Exiltschechen fürchteten, daß durch menschlichere Behandlung der Widerstand erlahmen würde: bei den Arbeitern, bei der Bevölkerung.

HITLER: Also doch. Sehen Sie, Himmler, ich hatte also recht, und Sie waren der Dummkopf. Heydrichs Methoden waren richtig, auch wenn ich sie ihm verbieten mußte.

ANNA: Der Stellvertretente Reichsprotektor gab den Bauern und Arbeitern größere Rechte und wollte sie dadurch stumm machen. Sie sollten seine Verbündeten werden. Der Widerstand ließ auch tatsächlich nach. Die Taktik des Reichsprotektors begann zu wirken, wir wußten das; doch die Exiltschechen in England wollten diese Entwicklung beenden.

HITLER: Und deshalb kamen Sie, als Jüdin, um Heydrich zu warnen.

ANNA: Ich hoffte, er würde auch uns Juden besser behandeln.

HITLER: Durch seine Taktik?

ANNA: Taktik, die Menschenleben rettet und die uns Zeit gewinnen läßt, ist immer noch besser als der Tod.

HITLER: Gaunereien.

ANNA: Wir Juden haben schon oft von dieser Taktik leben müssen. Durch die Jahrhunderte.

HITLER: Und wo bleibt dabei die Ehre? Die Ehrlichkeit?!

ANNA: Ehre? Meinen Sie sogar deutsche Ehre? Wenn die andern keine Ehre haben und uns wie Ausgestoßene oder Tiere behandeln, dann können auch wir nicht mehr von Ehre leben, schon gar nicht von deutscher Ehre, die auch Sie mit Füßen treten, das hat schon mein Vater vor seiner Ermordung gesagt; dann geht es uns nur noch um Menschlichkeit: Menschlichkeit und überleben.

HITLER: Sklavenmoral.

ANNA: Die Moral des Guten, die sich eines Tages wieder durchsetzen wird. Auch in Deutschland.

HITLER: Nein, nein, nein! Dieser Krieg, den ich hier und heute führe, wird das alles beenden, für immer beenden. Und dann herrschen andere Gesetze, die Gesetze der Kraft, der Stärke und des Willens. Heydrichs Milde war Taktik, ich weiß, und im Innersten meiner Seele hatte ich sie gebilligt. Doch da auch ihr Juden sie ausnutzen wolltet, ist es vorbei damit. Deshalb werden wir ab jetzt noch brutaler als bisher durchgreifen und auch in Böhmen und Mähren wieder hart sein. (Erhebt sich) Hier sind meine Befehle: Noch mehr Hinrichtungen in Böhmen und Mähren, beschleunigte Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern und endgültige Durchführung der Humanversuche mit Sulfonamiden im Konzentrationslager Ravensbrück. Das Gesuch liegt auf dem Tisch. Die Aktion soll den Namen Heydrich tragen und ich will baldige Ergebnisse. (Setzt sich wieder)

ANNA: Ich bitte noch einmal um Menschlichkeit.

HITLER: Das Leben ist Kampf. Der Stärkere besiegt den Schwächeren. Lange genug wart ihr Juden obenauf, jetzt sind wir es.

ANNA: Obenauf? Wir? Wir in den Gettos und mit jahrhundertelangen Berufsverboten? (Wächst in Kraft und Aussage) Die Zeiten der Emanzipation waren kurz. Und auch jetzt sind sie schon wieder vorbei.

HIMMLER: Gott sei’s gedankt, daß Gott hierzu unserem Führer Größe und Kraft gab.

ANNA: Stark waren wir als Unterdrückte nur im Glauben und weil wir zusammengehörten. Doch auch das hatte sich bald geändert.

HIMMLER: Und wie, wenn ich fragen darf?

ANNA: Ost- und Westjuden waren verfeindet, Reformjuden standen gegen Orthodoxe, Assimilierte gegen Zionisten. Die kraftvolle Hand Moses war uns schon lange verloren gegangen. Aber Sie, Führer der Deutschen, werden uns vielleicht wieder einigen, die Überlebenden.

HITLER: Die wird es nicht geben.

ANNA: In Amerika.

HITLER: Auch Amerika wird fallen.

ANNA: So wird unser Messias nicht mehr weit sein.

HITLER: Weit, weit, weit. Und sollte ich doch unterliegen; denn Amerika und Rußland sind eine große Macht und ihr Juden habt das Kapital, so werde ich doch die Welt verändert haben und euch Juden wie einen drohenden Schatten begleiten bis ans Ende der Welt. Ich bin euer ewige Jude. Doch werde ich nicht verlieren. Von Stalingrad bis Moskau werden wir Rußland als breite Front erobern und dann Amerika von Osten und Westen überrennen. Und bei jedem Kilometer werden wir euch Juden finden und vernichten, so wie wir es bereits in Deutschland, Österreich und den besetzten Gebieten getan haben. Dabei war Deutschland am wenigsten antisemitisch. Ein deutscher Dichter hat sogar Nathan der Weise geschrieben, was für eine Toleranzduselei. Shakespeare gestaltete wenigstens den Shylock. Überhaupt sind die Engländer und Amerikaner viel antisemitischer.

HIMMLER: Sehr richtig, mein Führer. Selbst die deutschen Parteigenossen können sehr weichlich sein. Wie ich schon einmal vor meinen SS Leuten sagte: Jeder Deutsche hat so seinen anständigen Juden, selbst Parteigenossen sind darunter. Die anderen Juden sind zwar Schweine, aber dieser eine Jude ist gut. Und das bei 80 Millionen Deutschen. Alle Juden müßten dann anständig sein.

ANNA: Und weshalb hassen Sie dann uns Juden?

HITLER: Haß?! Haß?! Wer sollte euch nicht hassen? Ihr habt das Geld?

ANNA: Geld? Einige haben es. In der Geschichte wurden wir gezwungen, uns auf das Geld zu konzentrieren. Viele Jahrhunderte hindurch durften wir keine Handwerker sein, keine Bauern, keine Gewerbetreibenden, keine Politiker; da blieben uns nur noch Geld-und Pfandleih übrig. Und viele von uns wurden dabei hart und einige sogar reich, sehr reich. Beuteten auch andere Juden und Nichtjuden aus. Doch die meisten von uns Juden, die im Osten, die durch Sie gemordet werden, sind arm. Was sie haben, ist der Glaube.

HITLER: Und Schmutz und Dreck und Tradition. Ich hasse diese Tradition! Da ist Kraft drin, die wir Arier erst wieder gewinnen müssen. Und deshalb muß ich euch vernichten. Ich könnte euch in die Arktis verpflanzen, doch ihr würdet selbst dort mächtige Kommunen errichten. Denn ihr habt die Tradition und den festen Willen. Während ihr uns, den Ariern, den Europäern, den Germanen, die Philosophie der Weichheit, der Schwäche und der Duldsamkeit beigebracht habt ...

ANNA: Sie wiederholen die Worte des Stellvertretenden Reichsprotektors ...

HITLER: ... Erobert ihr die Welt. Während wir eure Sklavenmoral annahmen und unterwürfig wurden, wurdet ihr zu Ausbeutern und Schmarotzern. Denn beides sind Merkmale eurer Rasse: Sklavenmoral und Schmarotzertum, Schmarotzertum und Sklavenmoral.

ANNA: Wir mußten uns durchsetzen, aber wir waren keine Schmarotzer.

HITLER: Schmarotzer, überall nur Schmarotzer. Doch werdet ihr aufhören zu existieren. Gott und die Vorsehung sind mit mir.

ANNA: Als Sarah und Abraham viele Jahre vergebens auf Nachkommen warteten, hat Gott ihnen am Ende doch Isaak geschenkt. Es war sein Wille, daß wir Juden existieren.

HITLER: Und Judith tötete Holofernes. Kommen Sie mir nicht mit der Bibel. Ich kenne eure Greuel.

ANNA: Wir mußten uns wehren.

HITLER: Und damit eure Gebote brechen. "Wer die Ehe bricht mit jemandes Weibe, der soll des Todes sterben ..." Und was haben eure Judenbengel in Wien getan, als ich dort lebte: Ehefrauen verführt, Jungfrauen verführt, Mägde geschwängert. Jawohl, Mägde geschwängert und deren Söhne und Enkel müssen dieses Judenblut mit sich herumtragen.

ANNA: In Wien wurden viele Juden wie die anderen: Lebe- und Juden Weltmänner. Doch diese waren die Ungläubigen.

HITLER: Und dafür bestrafe ich jetzt die Gläubigen, die Gettojuden des Ostens, die Schmutzjuden. Viele dieser weltgewandten Judenbengel aus Wien, die ich bis aufs Blut haßte, konnten zwar fliehen, leider; doch auch diese werde ich greifen. Der Krieg ist noch nicht zu Ende.

ANNA: Wir sind keine Schmutzjuden. Ich lasse mich nicht beleidigen. Sie können uns quälen, aber ich lasse mich ... ich lasse uns Juden nicht beleidigen!

HITLER: (springt auf) Widersprechen Sie mir nicht! Sie sind Schmutzjuden! (Winkt ab, setzt sich wieder)

ANNA: Wir kennen unsere Gebote.

HITLER: (zynisch) Ja, ja, ich kenne sie auch, Moses 3, Kapitel 15. Und dann kam David und verführte die Frau des Uria, Basheba, und tötete Uria und Gott vergab ihm, weil Uria kein Jude, sondern nur ein Hethiter war und die Verführung tugendhafter Ehefrauen anderer Völker und Rassen bei euch keine Sünde ist. Zur Sünde tötete euer Gott deshalb auch nur den erstgeborenen, unschuldigen Sohn dieser beiden Ehebrecher, aber nur weil David Anlaß gab, daß die Feinde Jahwes gegen euren Gott lästern könnten und machte zum Ausgleich Davids und Bashebas jüngeren Sohn, Salomon, zum König der Weisen. Und vorher plünderte und mordete David, euer ewiger König, seine Feinde, das Volk Ammons, und verbrannte sie in Ziegelöfen. Was haben Sie dazu zu sagen?

ANNA: Ich kenne die Moral meiner Vorfahren, und die war Arbeit, Pflicht und Menschlichkeit.

HITLER: Aber was sagen Sie zu David, zur Bibel?

ANNA: Ich bin nicht berufen, die Bibel zu deuten.

HITLER: Richtig, richtig, ihr Frauen seid auch zu dumm dazu. Eure Aufgabe ist zuzuhören und Kinder zu gebären. In dieser Ordnung lobe ich mir die gläubigen Juden. Davon könnten wir Europäer noch etwas lernen. Was ist Ihr Beruf?

ANNA: Lehrerin. Ich war deutsche Volksschullehrerin in Böhmen. Hauptfach Geschichte.

HITLER: Also doch; Lehrerin. Dann antworten Sie mir nicht als gläubige Jüdin, sondern als Lehrerin, als geborene Verfälscherin der Geschichte. Hier ist der Text (nimmt die Bibel, die in einem Gestell hinter ihm steht, und liest mit einem großen Vergrößerungsglas): "Aber das Volk darinnen führete er heraus, und legte sie unter eiserne Sägen, und Zacken, und eiserne Keile, und verbrannte sie in Ziegelöfen. So tat er allen Städten der Kinder Ammons. Da kehrete David und alles Volk wider gen Israel."

ANNA: Diese Stelle zitierte auch schon der Stellvertretende Reichsprotektor.

HITLER: Das ist keine Antwort! Und später heißt es (blättert) "Die Zeit aber, da David König gewesen ist über Israel, ist vierzig Jahre." Ich verfahre mit euch Juden milder und werde auch nach 40 Jahren nicht so grausam sein. Aber euer Gott liebte David.

ANNA: David war ein Mensch und lebte in einer Zeit der Grausamkeiten. Sie aber leben in einer Zeit der Aufklärung. David tat auch Gutes und Großes. Er führte die Bundeslade nach Jerusalem, er besiegte die aggressiven Philister, er war Dichter und Musiker und förderte die Kunst.

HITLER: Ich brauche keine Aufzählungen.

ANNA: Außerdem verhöhnten und schändeten die Kinder Ammons die Juden und wollten gegen sie kämpfen.

HITLER: So wie ihr uns Arier verhöhnt und jahrhundertelang geschändet habt.

ANNA: Verhöhnt und geschändet? Wir suchten nur eine Heimat.

HITLER: (steht auf; pathetisch) Und das, weil euch euer eigener Gott nunmehr s e i t ü b e r 18 H u n d e r t J a h r e n die Heimat verweigert. Und warum tut er es, dieser Gott? (Setzt sich wieder) Weil er euch als Rasse ebenfalls zu hassen begonnen hat! Und dann glaubt ihr noch an diesen Jahwe, der euch keine Heimat gibt? Nein, ausgestoßen hat er euch und ihr verbreitet euch seitdem wie Giftpilze über die ganze Welt.

ANNA: Er will uns prüfen.

HITLER: Prüfen, wie stark ihr seid? Stark wie die Pest, ja, doch auch die Pest wird eines Tages von der noch stärkeren Natur überwunden. Das ist ewiges Gesetz und wir sind diese stärkere Natur. Wollen sie sein. Und so wenig ein Tiger dafür kann, daß er Menschen frißt, so wenig können wir jetzt dafür, daß wir die Polen, die Tschechen oder euch Juden fressen. Nur die Macht der Natur lebt. Euer Gott ist tot.

ANNA: (kraftvoll) "Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob."

HITLER: Hiob, Hiob. Der an eures Gottes Gerechtigkeit auch dann glaubte, als ihm alles genommen wurde, Haus, Hof, Kinder, und sein Körper mit Plagen gequält wurde.

ANNA: Hiob blieb dennoch stark im Glauben.

HITLER: Und warum glaubt ihr dann nicht an meine Gerechtigkeit, wenn ich euch strafe und vernichte?

ANNA: Weil Sie nicht Gott sind, sondern ein Mensch und Gott den Menschen geboten hat, menschlich zu sein, so steht es in der Thora, und weil Er am Ende Hiob belohnte mit vierzehntausend Schafen, sechstausend Kamelen, tausend Joch Rindern, tausend Eseln und sieben Söhnen und drei Töchtern, die schöner waren als alle Töchter im Lande und weil Er Hiob danach noch 140 Jahre zum Leben gegeben hat; Sie aber uns das Leben nur nehmen. "Es wird ihn aber ein Geschrei erschrecken vom Morgen und Mitternacht; und er wird mit großem Grimm ausziehen, Willens, viele zu vertilgen und zu verderben. Und er wird das Gezelt seines Palastes aufschlagen zwischen zweien Meeren ... bis es mit ihm ein Ende werde; und Niemand wird ihm helfen." Wir aber werden errettet werden, nicht in Auschwitz, aber am Ende der Welt; denn Gott liebt seine Opfer. Und Sie werden nichts daran ändern können!!! Nichts, nichts!

HITLER: Genug, genug! (Schreit) Abführen, erschießen. Nein, leben lassen, sie soll Zeugin sein von Auschwitz, Treblinka und Maidanek, von Dachau, Mauthausen und Birkenau.

(Anna wird abgeführt)

HITLER: (zu Himmler) Himmler, der Kampf ist verloren. Diese Juden werden überall auferstehen (erhebt sich). Und dennoch werde ich dafür sorgen, daß ich am Ende die Welt verändert habe, ich, der kleine Kunstschüler aus dem Obdachlosenasyl in Wien, der Gefreite aus Braunau und heute, an diesem Tage, Herrscher über das größte Imperium, das bisher von einem einzigen Arier, ja von einem einzigen Menschen, regiert wurde. Heydrich war mein Gefährte. Und hören Sie, geben Sie dieser Jüdin eine Schachtel Pralinen. Noch keine Frau hat diesen Raum verlassen, ohne eine Schachtel Pralinen. Das gilt auch für eine Jüdin. Und dann schleppen Sie sie von Konzentrationslager zu Konzentrationslager, bis sie vom Anblick meiner Vernichtungsaktionen erschöpft und verzweifelt zusammenbricht. Ich bin nicht der Antichrist, den diese Jüdin zitierte, ich bin die Auferstehung. Die Auferstehung des Stärkeren über den Schwächeren, der Natur über die Dekadenz der Moral. Ich bin die Vorsehung.
(Setzt sich wieder) Das will ich glauben, das muß ich glauben!

HIMMLER: Heil, mein Führer.

HITLER: Der Kampf geht weiter; auch wenn er für die Deutschen bereits verloren ist!

HIMMLER: Nicht verloren, mein Führer, nur verlängert.

HITLER: Widersprechen Sie mir nicht! Für die Deutschen verloren. Doch ich werde leben. Und auch Heydrich lebt. Denn im Namen Heydrichs werden wir die Auffrischung der nordischen Rasse fortsetzen. Ich ordne deshalb an, daß einige Ordensschulen dazu auserwählt werden, unverheiratete oder verheiratete SS Männer mit blonden, kräftigen und blauäugigen Frauen zusammenzubringen, damit diese Kinder zeugen, die in den Ordensschulen aufgezogen werden und endlich der jüdischen Rasse überlegen sind und schon jetzt mit der Umwertung aller vom Judentum und Christentum geprägten Werte einer verweichlichten Moral beginnen können. Dafür stehe ich und bis dahin werde ich siegen, denn das ist der Wille der Vorsehung, das ist mein Triumph. Wir werden uns freimachen von allen humanen und wissenschaftlichen Vorurteilen. Dafür werde ich das Evangelium vom freien Menschen verkünden lassen: Des Menschen, der Herr ist über Tod und Leben, Menschenfurcht und Aberglauben, der sich befreit hat von jüdischer-christlicher Moral und souverän ist gegenüber den Versuchungen des Geistes und einer angeblich freien Wissenschaft. Amen.

(Man hört Kampfflieger, Bombenexplosionen, Menschengeschrei. Die Bühne zittert. Hitler steht auf und ballt die Faust, Himmler fällt auf die Knie und betet nach oben. Beide werden durch einstürzende Balken oder Mauern verschüttet. Über die Trümmer tritt Anna.)

ANNA: Du sollst nicht töten.
         Du sollst nicht stehlen.
         Du sollst nicht ehebrechen.
         Du sollst nicht begehren deines Nächsten
         Weib, Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochsen, Esel,
         noch alles, was sein ist.

Und Gott wollte, daß die Menschen menschlich werden; die Israelis wie alle anderen Stämme, Völker und Individuen. Amen. Doch die Widersacher werden mächtig sein!

E N D E

© Cornelius Schnauber, erschienen im Thomas Sessler Verlag, Wien