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Das Schiff der Konvertiten


Ein Auszug aus dem Romanmanuskript
Elvira Acosta und ihre Gespenster

von
Roberto Schopflocher


An einem trüben Herbstmorgen anno 1619 durchschnitt ein Zweimaster die lehmbraunen Wellen des Río de la Plata. Mit gestrichenen Segeln steuerte das Schiff auf den Hafen von Buenos Ayres zu, der südlichsten Einfallspforte des spanischen Weltreichs in welchem - stolzem Königswort gemäss - die Sonne nicht unterging. An Bord reiste ein Häuflein brasilianischer Portugiesen: Neuchristen, denen das Odium der Konvertiten anhaftete, wenngleich schon ihre jüdischen Großeltern zur Taufe gezwungen worden waren. Sie befanden sich auf der Flucht vor den Häschern der Inquisition Lissabons. Die waren vor kurzem in La Bahía de Todos los Santos gelandet, um sämtliche Rückfallverdächtigen zu ergreifen. Der Schreck steckte den Reisenden noch immer in den Gliedern.

Sprühregen unter wolkenverhangenem Himmel. Tief im Schiffsinnern ertönten dumpf die Litaneien der angeketteten schwarzen Sklaven, die den Tod eines der Ihren beklagten. Ein junges Mädchen stand fröstelnd am Bug des Schiffes und versuchte mit zusammengekniffenen Augen, durch den Regenschleier die Silhouette des Städtchens zu erkennen: Vereinzelte Gebäude, zwischen denen sich ein paar ärmliche Kirchtürme abzeichnen. Santa María de los Buenos Ayres de la Santísima Trinidad. Was für ein langer Namen für eine so winzige Stadt, von der sich nun die Erwachsenen Sicherheit vor der Verfolgung versprachen!

Ein junges Mädchen: Elvira Gómes de Acosta y Enriquez. Elvirilla, die kleine Elvira, "mein kluges Töchterlein", für den Vater, den toleranten Rodrigo. Die "Vergiss-nie-wer-du bist", für Felipa, die herbe Mutter.

Standhaft verharrte die Kleine auf ihrem Posten, obwohl die Nässe durch ihr dünnes Kleidchen drang. Dabei klapperte sie mit den Zähnen und fröstelte am ganzen Körper. Was sie allerdings kaum wahrnahm, denn der Fahrwind, der ihr die Haarsträhnen ins Gesicht wehte, vermittelte ihr ein kitzelndes Gefühl der Freiheit und verhalf ihr zu ihrem inneren Gleichgewicht. Das war weniger von Kälte und Nässe gefährdet, als von der Unruhe, mit der sie die Erwachsenen verunsichert hatten. Deren flüsternden Geheimnisse ängstigten sie, denn sie zwar alt genug war, um die sie umgebenden Schrecken zu erahnen, zu jung aber, um sie in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen. Das Gewisper der Mitreisenden mit der häufig wiederholte Frage, ob man sie in Buenos Ayres wohl unbehelligt an Land gehen lassen werde und wie sie dort ihr Leben würden fristen könnten, praktisch mittellos wie sie alle waren. Gegen diese Sorgen half auch die insistente Versicherung der Optimisten nichts, derzufolge man in Buenos Ayres alle Inmigranten mit Kusshand aufnehme. Die Behörden seien am Bevölkerungszuwachs der Ortschaft interessiert, schon alleine, um sich besser vor den Angriffen der wilden Indianerstämme verteidigen zu können, die dort ihr Unwesen trieben. Selbst wenn sie sich heutzutage weniger bemerkbar machten als in der ersten Jahren nach der Stadtgründung, bildeten sie noch immer eine gewisse Gefahr.

Aber wo lauerten keine Gefahren auf der Welt? Sehnsucht nach ihrer Heimat überkam sie, die sie so Hals über Kopf hatte verlassen müssen - Sehnsucht nach dem fröhlichen, bunten Brasilien. Nach ihrem Hündchen Pequi mit dem verständigen Blick. Nach ihrer vielköpfigen Familie auf der Zuckerrohrplantage mit den sich unter tiefblauem Himmel wiegenden Königspalmen. Den Andeutungen der Erwachsenen hatte sie entnommen, dass die meisten der Onkel und Tanten, Kusinen und Vettern in sämtliche Himmelsrichtungen zerstoben waren. Der vorwurfsvolle Abschiedsblick ihres Hündchens verfolgte sie seitdem in ihren Träumen. Stundenlang war ihnen Pequi gefolgt, als sie der Reisewagen zum Hafen brachte, wo das Schiff schon auf sie wartete. Als er endlich ermattet am Weg zurückblieb, blickte er dem Gefährt mit unendlich traurigen Hundeaugen nach, so als wüsse er um den entgültigen Abschied seiner Herrschaft. Auch dieser Blick gehörte nun zu ihrer Heimat, deren Erinnerung sie sich im Herzen bewahren sollte.

© by Roberto Schopflocher