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P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland


Im Ausland leben – deutsch schreiben:
Prekär und / oder privilegiert?


Ein Denkanstoß von
Christine Wolter


Auf die Frage des Vorstands nach Themen für die Tagesordnung für den 26.5.06 habe ich die obige Frage gestellt – als echter Neu- und Naivling nicht bedenkend, dass sie für viele Exil-Pen-Mitglieder schon längst erledigt (beantwortet oder nicht beantwortbar) sein mag. Wenn ich sie hier wiederhole, dann nur, weil sie mich, die ich seit 30 Jahren vorwiegend in Italien lebe, noch immer beunruhigt.

Welches Deutsch schreibt man? Erinnerungs- und Memoiren-Deutsch? Unbeschmutzt von neudeutschen Wohlfühlwelten und Werbeschlamm? „Holt den Bär nach Berlin!“ schrieb die BZ am Tag unserer Versammlung. BZ-Deutsch, schön, nicht? Dann also lieber rein und kristallklar - oder steril? Birgt die Entfernung vom Alltag des deutschen Lebens und Redens auch die Gefahr, dass man zum sprachlichen Dinosaurier wird? Meine Berliner Schwester lacht über manche Ausdrücke, die ich aus unserer Kindheit behalten habe und die sie längst nicht mehr gebraucht.

Ernster ist wohl die Frage, für wen man schreibt. Kennen uns die Leser dort (noch)? Schreiben wir für das Land, das wir verlassen haben, für Leute dort, oder für wen?

Vielleicht gibt es jemanden, der sich Ähnliches fragt. Ich bin gespannt.


Anmerkung des Webmasters: Zu diesem Text ist eine Diskussion erwünscht. Sie haben zwei Möglichkeiten, bei dieser Diskussion mitzumachen, entweder unter Ausschluß der Öffentlichkeit, im Mitgliederbereich des Forums, oder öffentlich, also im Textebereich der Website. Hierzu genügt eine Mail an mich, ich werde die Diskussionsbeiträge dann diesem Text anfügen.


Liebe Christine Wolter,


interessante Frage: für wen schreiben wir? Ein religiöser Autor würde antworten: für die Ewigkeit. Wer wann wo unsere Texte liest, entzieht sich weitgehend unserem Einfluss. Auch deutsche Texte gehen seltsame Wege, es gibt deutschsprachige Leser auf der ganzen Welt. Ich erhielt gestern einen Leserbrief aus Südafrika - ich hatte nicht im Traum daran gedacht, ich könnte dort Leser haben. Letztlich kommt, was wir schreiben, der deutschen Literatur zugute, auch wenn der heutige offizielle deutsche Literaturbetrieb uns gegenüber nicht sehr wohlwollend ist. Aber dieses Schicksal teilen wir zu Lebzeiten mit fast allen bedeutenden deutschsprachigen Autoren von Schiller bis Kafka, da spielt es nicht mal eine Rolle, ob man in oder außerhalb Deutschlands lebt...

Dies in aller Morgenfrühe...

Danke für die Anregung

Chaim Noll


Liebe Christine Wolter, Dank für den Denkanstoß!


"Erledigt" ist Ihre Frage wohl nie, eher "nicht beantwortbar." "Prekär UND privilegiert" ginge am ehesten. 42 Jahre nach der Auswanderung finde ich mich hier als Herausgeberin des Journals TRANS-LIT2, in dem hauptsächlich Deutschschreibende in den USA publizieren, aber auch mal andere, auch Gäste, nicht nur Mitglieder der SCALG (Society for Contemporary American Literature in German).

Schriftsteller im Ausland gehen ja durch Phasen: in der Erstsprache oder in der Gastlandsprache schreiben? Im Vorwort zum TRANS-LIT2, 2006 schrieb ich aus langjähriger Erfahrung der Zusammenarbeit mit anderen: So manche/r hat schon beschlossen, ganz ins Englische umzusteigen, nur um doch irgendwann wieder auf deutsch zu träumen und die deutschsprachige Stimme in sich zu hören und hervorzubringen.

Ihre Fragen im zweiten Abschnitt bezüglich Sprache als solcher sind nur allzu berechtigt. Alle Stile kommen vor, vom Dinosaurier über das Erinnerungsdeutsch bis zum Neudeutschen, und alle Stile müssen möglich sein, wie auch jedes Thema möglich sein muß. Standarddeutsch oder Einheitsstil fände ich, gerade für uns im Ausland Lebende, langweilig. Unsere "außerdeutsche" Erfahrung mag zu einem Deutsch führen, das manchem Ohr seltsam klingt. Sollte dieses Deutsch auf irgendeine Weise verarmen oder veralten, so wird es doch im gleich Augenblick auch kulturell bereichert und angereichert durch das Vokabular neuer, vielleicht fremder, einmaliger Situationen, spielend mit Neologismen und der schieren Faszination an Wörtern, die im "Inland" keine Verwendung hätten.

Oder einmal anders besehen: Wie sehr bereichern die in Deutschland eingewanderten Schriftsteller die deutsche Sprache, ja die ganze deutsche Literatur, die in den Jahren zu stagnieren begann, als z.B. eine Emine Sevgi Özdamar auftrat?

Am schwierigsten Ihre Frage: Für wen schreiben wir? Drei Ideen:

Erstens, für uns selbst. Weil "es" schreibt, innen, und herauswill. Für manchen ist es politische Notwendigkeit, für andere das Überleben im Kreativen.

Zweitens, für einander, für den immer größer werdenden Kreis der "woanders" Schreibenden, die einen echten Internationalismus leben. Deren Erfahrung riesig ist und den Austausch unschätzbar macht. Ohne diese Kommunikation -- in unserem Fall im Literarischen und im Briefwechsel -- kann die Erde nicht eins und nicht friedlich werden. Glücklicherweise findet solch weltweiter Austausch ja auch in vielen anderen Sprachen statt.

Drittens: für das Land und die Leute DORT - ja! - die "Zuhausegebliebenen." Wenn sie sich als Erdenbürger begreifen, koennen sie es sich nicht leisten, uns nicht zu lesen. Sie werden uns lesen, auf deutsch; sie werden sich überlegen müssen, warum man "im Ausland" lebt und schreibt. Die Wechselwirkung ist da.

All Ihre Fragen sind es sehr wert, immer wieder überlegt und diskutiert zu werden. Noch einmal Dank für den Denkanstoß! Ich bin selbst neu im PEN-Zentrum, konnte dieses Jahr leider nicht zum Kongreß reisen, hoffe aber auf Gespräche auf einem künftigen und inzwischen im Internet!

Herzlichen Gruß,
Irmgard Hunt