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Auf die Frage des Vorstands nach Themen für die Tagesordnung für den 26.5.06 habe ich die obige Frage gestellt –
als echter Neu- und Naivling nicht bedenkend, dass sie für viele Exil-Pen-Mitglieder schon längst erledigt
(beantwortet oder nicht beantwortbar) sein mag. Wenn ich sie hier wiederhole, dann nur, weil sie mich, die ich
seit 30 Jahren vorwiegend in Italien lebe, noch immer beunruhigt.
Welches Deutsch schreibt man? Erinnerungs- und Memoiren-Deutsch? Unbeschmutzt von neudeutschen Wohlfühlwelten und
Werbeschlamm? „Holt den Bär nach Berlin!“ schrieb die BZ am Tag unserer Versammlung. BZ-Deutsch, schön, nicht?
Dann also lieber rein und kristallklar - oder steril? Birgt die Entfernung vom Alltag des deutschen Lebens und Redens
auch die Gefahr, dass man zum sprachlichen Dinosaurier wird? Meine Berliner Schwester lacht über manche Ausdrücke, die
ich aus unserer Kindheit behalten habe und die sie längst nicht mehr gebraucht.
Ernster ist wohl die Frage, für wen man schreibt. Kennen uns die Leser dort (noch)? Schreiben wir für das Land, das wir
verlassen haben, für Leute dort, oder für wen?
Vielleicht gibt es jemanden, der sich Ähnliches fragt. Ich bin gespannt.
Anmerkung des Webmasters: Zu diesem Text ist eine Diskussion erwünscht. Sie haben zwei Möglichkeiten, bei dieser Diskussion
mitzumachen, entweder unter Ausschluß der Öffentlichkeit, im Mitgliederbereich des Forums, oder öffentlich, also im Textebereich
der Website. Hierzu genügt eine Mail an mich, ich werde die Diskussionsbeiträge dann diesem Text anfügen.
interessante Frage: für wen schreiben wir? Ein religiöser Autor würde antworten: für die Ewigkeit. Wer wann wo unsere Texte liest,
entzieht sich weitgehend unserem Einfluss. Auch deutsche Texte gehen seltsame Wege, es gibt deutschsprachige Leser auf der ganzen Welt.
Ich erhielt gestern einen Leserbrief aus Südafrika - ich hatte nicht im Traum daran gedacht, ich könnte dort Leser haben. Letztlich
kommt, was wir schreiben, der deutschen Literatur zugute, auch wenn der heutige offizielle deutsche Literaturbetrieb uns gegenüber
nicht sehr wohlwollend ist. Aber dieses Schicksal teilen wir zu Lebzeiten mit fast allen bedeutenden deutschsprachigen Autoren von
Schiller bis Kafka, da spielt es nicht mal eine Rolle, ob man in oder außerhalb Deutschlands lebt...
Dies in aller Morgenfrühe...
Danke für die Anregung
Chaim Noll
"Erledigt" ist Ihre Frage wohl nie, eher "nicht
beantwortbar." "Prekär UND privilegiert" ginge am ehesten.
42 Jahre nach der Auswanderung finde ich mich hier als
Herausgeberin des Journals TRANS-LIT2, in dem hauptsächlich
Deutschschreibende in den USA publizieren, aber auch mal
andere, auch Gäste, nicht nur Mitglieder der SCALG (Society
for Contemporary American Literature in German).
Schriftsteller im Ausland gehen ja durch Phasen: in der
Erstsprache oder in der Gastlandsprache schreiben? Im
Vorwort zum TRANS-LIT2, 2006 schrieb ich aus langjähriger
Erfahrung der Zusammenarbeit mit anderen: So manche/r hat
schon beschlossen, ganz ins Englische umzusteigen, nur um
doch irgendwann wieder auf deutsch zu träumen und die
deutschsprachige Stimme in sich zu hören und hervorzubringen.
Ihre Fragen im zweiten Abschnitt bezüglich Sprache als
solcher sind nur allzu berechtigt. Alle Stile kommen vor,
vom Dinosaurier über das Erinnerungsdeutsch bis zum
Neudeutschen, und alle Stile müssen möglich sein, wie auch
jedes Thema möglich sein muß. Standarddeutsch oder
Einheitsstil fände ich, gerade für uns im Ausland Lebende,
langweilig. Unsere "außerdeutsche" Erfahrung mag zu einem
Deutsch führen, das manchem Ohr seltsam klingt. Sollte
dieses Deutsch auf irgendeine Weise verarmen oder veralten,
so wird es doch im gleich Augenblick auch kulturell
bereichert und angereichert durch das Vokabular neuer,
vielleicht fremder, einmaliger Situationen, spielend mit
Neologismen und der schieren Faszination an Wörtern, die im
"Inland" keine Verwendung hätten.
Oder einmal anders besehen: Wie sehr bereichern die in
Deutschland eingewanderten Schriftsteller die deutsche
Sprache, ja die ganze deutsche Literatur, die in den Jahren
zu stagnieren begann, als z.B. eine Emine Sevgi Özdamar auftrat?
Am schwierigsten Ihre Frage: Für wen schreiben wir? Drei
Ideen:
Erstens, für uns selbst. Weil "es" schreibt, innen, und
herauswill. Für manchen ist es politische Notwendigkeit,
für andere das Überleben im Kreativen.
Zweitens, für einander, für den immer größer werdenden
Kreis der "woanders" Schreibenden, die einen echten
Internationalismus leben. Deren Erfahrung riesig ist und den
Austausch unschätzbar macht. Ohne diese Kommunikation -- in
unserem Fall im Literarischen und im Briefwechsel -- kann
die Erde nicht eins und nicht friedlich werden.
Glücklicherweise findet solch weltweiter Austausch ja auch
in vielen anderen Sprachen statt.
Drittens: für das Land und die Leute DORT - ja! - die
"Zuhausegebliebenen." Wenn sie sich als Erdenbürger
begreifen, koennen sie es sich nicht leisten, uns nicht zu
lesen. Sie werden uns lesen, auf deutsch; sie werden sich
überlegen müssen, warum man "im Ausland" lebt und schreibt.
Die Wechselwirkung ist da.
All Ihre Fragen sind es sehr wert, immer wieder überlegt
und diskutiert zu werden. Noch einmal Dank für den
Denkanstoß! Ich bin selbst neu im PEN-Zentrum, konnte dieses
Jahr leider nicht zum Kongreß reisen, hoffe aber auf
Gespräche auf einem künftigen und inzwischen im Internet!
Herzlichen Gruß,
Irmgard Hunt
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