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Masurische Glasperlenspiele


Eine Erzählung von Ekkehard Zerbst


Winterlicher Ausblick Bei ganz erheblichem Wind am Abend des fünfundzwanzigsten Januar war es ziemlich kalt, als das Licht aus den zur Straße gelegenen drei Fenstern und den zwei zur Remise gerichteten auf neuen Schnee fiel. Und zwar auf jenen, den der Südostwind um den Gasthof "Deutsches Haus" geblasen hatte. Drei Meter hoch lag diese, sogar die Schlittenpferdchen anstrengende Witterungserscheinung an vielen Stellen der Ortschaft Stürlack, die am Deyguhn-See in Masuren liegt.

Wie immer war es ganz schön warm in der Gaststube, auch bei den zwanzig Grad Frost draußen. Und an dem weitab von der Küchentür und der Tür zum Abort gelegenen für die Herren Ortsakademiker immer freigehaltenen Ecktisch, saßen über ihre jeweilig unterschiedlich gefüllten Groggläser gebeugt, der Herr Apotheker Tribukait, der Herr Veterinär Baltruschat und der Herr Rektor Karschies. Der Baltruschat trank, wie immer, am meisten.

Seit mindestens einer Viertelstunde hatten die Herren, weil alle örtlichen Begebenheiten schon recht kritisch betrachtet worden waren, kein Wort mehr miteinander gewechselt. Sieht man von dem kurzen Streite ab, der sich bei der Nachbestellung des Grogs ergab, weil der Baltruschat sehr eigenwillig und mit braschiger Stimme darauf bestanden hatte, die gesamte Zeche zu bezahlen. Auch jene, die noch anfallen würde für die von den drei Herren erwarteten auswärtigen Gäste, welche man nicht dem Kutscher Konopka allein überlassen wollte auf der Fahrt vom Bahnhof zum Anwesen des Baltruschat Das war der Grund, warum man sich schon zeitig im Deutschen Hause niedergelassen hatte.

"Um neun Uhr zwei meine ich" sagte der Herr Doktor Baltruschat," werden unsere Gäste mit dem Eilzuge Allenstein-Lötzen im hiesigen Bahnhofe eingelangen". Auf diese Anmerkung, deren Inhalt allen Beteiligten wohlbekannt und dazu gedacht war, ein neues Gespräch aufkommen zu lassen, gab es keinen Einwand. Darum wurde das Schweigen in der Wärme in der Gaststube nachdenklich fortgesetzt.

Erna, die Wirtsfrau Endrikat, die im Ort auch als die "große Erna" bekannt war, um eine Verwechslung mit der "kleinen Erna", der Wirtschafterin beim Kaplan Dolega auszuschließen, stand hinter dem Tresen und trocknete jenes Glas ab, welches sie nach dem Aufbruche des Landwirtes Knitter vom Tische unter dem Bilde des Fürsten Bismarck genommen hatte. Sie ließ ihre Mundwinkel, deren Falten ganz eigentümlich einen hellblonden Damenbart abgrenzten, hängen und sagte mit einer, gewissermaßen auch bedenklichen Miene, die so gar nicht zu ihrer resoluten Statur passt, zu den drei Herren gewandt: "Wenn er man nicht allwieder Verspätung hat, der Eilzug, wo er doch schon gestern drei Minuten über die Zeit war!"

Ein Gespräch, das nun über die Schneeräumung durch hiesige Instleute und Arbeitslose aus Lötzen im örtlichen Bereich der Reichsbahngeleise hätte zustande kommen können, wurde verhindert dadurch , dass der hohe Dreiklang einer lang gezogenen und, wie der Fremde vielleicht nicht weiß, in dieser Landschaft immer besonders wehleidig klingenden Signalgebung der Lokomotivendampfpfeife mit einer verhältnismäßig spärlichen Schneewolke, denkt man an den noch immer ganz ordentlichen Wind draußen, in die Gaststube zog, weil die Tür zur Strasse, mit dem Ledervorhang davor, weit aufgerissen wurde und einige Menschen stiefelstampfend und laut hustend eintraten, in Kutschermäntel gekleidet und mit geröteten Augen über den vereisten Bärten .

Jene Menschen gehörten gewissermaßen zum Kern jener wenig verschämten und manchmal auch direkt aufsässigen Arbeitslosen im Landkreise, einer stramm auftretenden Gruppe nämlich, die schon seit etwa dreieinhalb Jahren Gesprächsstoff war und bei deren Erwähnung viele Stürlacker einen recht eigentümlichen Gesichtszug annahmen. Wobei es immer besonders deutlich wurde, wie breit Wangenknochen und Jochbeine sein können, wenn sich die Gesichtshaut anspannt und die Augen zu kleinen Schlitzen verschiebt, die von der Nasenwurzel nach oben und außen streben, obzwar die weißblond gelockten Haare darüber eigentlich etwas kaschubisches an sich haben.

Diese Miene zeigte sich jetzt deutlich auf zumindest zweien der Akademikergesichter, denen des Herrn Doktors Baltruschat und des Herrn Apothekers Tribukait. Sie zeigte sich, als der Anführer der Aufsässigen, nachdem er mit dem rechten Arm aus dem Kutschermantel gelangt war, den linken hatte er noch im Ärmel, den ersteren mit flacher Hand gegen die Deckenbalken hob und ein heiseres Grußwort ausstieß, das wie "Pfeil-Gewitter" klang, aber eben sehr undeutlich, zumal er seine kalte Pfeife zwischen den Zähnen hielt, die er dann alsbald grinsend über dem Blechschiff mit der Aufschrift "Hilfe für die Rettung Schiffbrüchiger" abklopfte.

Die anderen, in seiner Begleitung befindlichen und , was bei der Befreiung von ihren Mantelpelzen deutlich wurde, noch recht jungen Leute, hängten ihre Aussenkleider respektlos auf die Rehbockgehörne, die sich als mickrige Vierender am Gesindetisch neben der Straßentüre an der Wand befanden. Dieses Verhalten war von dem Wirte Endrikat nie gerne gesehen worden und hätte vielleicht noch früher zu der allgemeinen Schlägerei geführt, über die später zu berichten ist, wäre Endrikat nicht an diesem Abend wegen des Kaufes einer neuen Sau, die alte war beim letzten Ferkeln eingegangen, außerhalb und in Rastenburg gewesen,
Die soeben kurz beschriebenen und neu hinzugekommenen Menschen bestellten lauthals Eiergrog, wischten sich mit dem Ärmel das Nasensekret von den auftauenden Bärten und begannen mit heiseren Stimmen und lautem Lachen ein gewissermaßen subversives Gespräch, das durch die Ankunft der erwarteten Gäste unterbrochen wurde.

Recht schnell trat ein großer und etwa einen Meter und neunzig hoher Mensch in die Gaststube , bewegte sich mit drei oder auch, mag sein, vier elastischen Schritten zum Tresen und blieb dann, mit beiden Händen seinen schwarzen Lodenmantel fledermausflügelartig öffnend, stehen.

"Na da sind sie ja! und seien sie man schön gegrüßt!" rief der Doktor Baltruschat. Er rückte mit beiden Armen gastfreundlich winkend, seinen Stuhl so kräftig beim Aufstehen zurück, dass dieser umgefallen wäre, hätte nicht der kleine John-Ulysses, den wir erst jetzt kennen lernen, da er bislang unbemerkt unter dem breiten Tisch gesessen und mit seinen Glasmurmelchen gespielt hatte, ein Stuhlbein im letzten Moment geschickt und unbemerkt festgehalten hätte.
Bei der ersten Begrüßung fand der Begleiter des neuen Gastes, ein kleiner und schmächtiger, aber drahtig gewachsener Mensch in einem gefärbten Offiziersmantel und in Wickelgamaschen, kaum Aufmerksamkeit, als er mit sehr präzisen Bewegungen die Türe zur Straße hinter sich mit einer fast unabänderlichen und endgültigen Geste schloss.

Der größere der beiden Herren wurde vorgestellt als ein gewisser Doktor Joseph Knecht aus Kastalien, der kleinere verbeugte sich als Redakteur Hesse. Mit den beiden hatte, wie er seinen Freunden zwei- oder, mag sein auch dreimal erzählt hatte, der Doktor Baltruschat auf einer seiner Reisen in den Süden Bekanntschaft gemacht. Diese Reise war aus mehreren Gründen bemerkenswert gewesen.

Zum einen hatte Baltruschat, wie sich noch herausstellen sollte: unglücklicherweise - das überlieferte Brauchtum benachbarter Groß-Agrarier übernehmen wollen und seinen Sohn Herbertchen nach dessen Abitur in Rastenburg stehenden Fußes, so möchte man sagen, an der Schultüre in Empfang genommen, war mit ihm ins Reich nach Berlin gefahren, hatte ihm noch am selben späten Abend der Ankunft, es mag ja so gegen dreiundzwanzig Uhr gewesen sein, fünfzig Mark in die Hand gedrückt und ihn am Eingange eines ihm selbst vertrauten Gebäudes in der Joachimsthaler Straße mit der Bemerkung verabschiedet: "Nimm die Viola, ich hab schon Bescheid geben lassen, die ist sauber und immer hilfsbereit, und wenn du nachher, na ja, du weißt schon fertig bist, kommst du zurück ins Hotel, wo wir auf deinen vollständigen Zu- oder Eingang in das männliche Leben noch ein oder auch zwei Glas Rotwein trinken werden".

Herbertchen war dann aber bereits nach dreiundzwanzig Minuten und außerordentlich blass in das Hotelzimmer zurückgeschwankt um dort zusammenzubrechen, vor den Füßen des Doktor Baltruschat, seinem leiblichen Vater wie man weiß. - Nach diesem missglückten Vorstoß ins Mannesleben, der, man möchte doch meinen, nur den an soliden und mütterlichen Wirtschafterinnen oder auch warmen Mamsellen der Gutshäuser gut ausgebildeten Söhnen der Herren v.Graben-Linde, v. Zwittersbach oder v. Knobelberg gemäß sein mochte, fuhren die Herren Baltruschat zu einer Aufbaukur in südliche Bereiche.

Dort fand dann das zweite bemerkenswerte Ereignis insofern statt, als dass der Herr Baltruschat bei einem seiner mit kräftigen Armstößen und wasserprustenden Atemzügen durchgeführten und, wie er immer meinte, "stundenlangen" Schwimmausflügen im See den Herrn Magister Joseph Knecht als einen fast vollständig ertrunkenen Menschen dem Leben wiedergeben konnte. Er hatte ihn aus der Seemitte herausgeschleppt, und am Ufer dann derart kunstgerecht beatmet, wie er es mit schwachen Kälbern zu tun pflegte, wenn sie nach dem Wurf einfach nicht wollten. Nach dem Rettungsakt neu hinzutretende Menschen, es waren da spazierend meditierende Klosterfrauen, hatten von dieser Art künstlicher Beatmung, die ja letztendlich auch erst später routinemäßig in die Belebungskunst eingeführt wurde, noch nichts gehört und flüchtete, wohl einen homoerotischen Exzess vermutend, mit gemeinsamem Aufschrei.
Kurz und gut, der Herr Magister Joseph Knecht soll, wie sich später herausstellte, ein hoch stehender Bürger Kastaliens gewesen sein und eine Akademie verwaltet haben. Dort wurden Spiele mit Glasperlen zur höchsten Stufe einer ganzheitlichen und wie man so sagt, metaphorischen Sicht entwickelt, welcher der kleine John Ulysses unter dem Stubentisch, nachdem er einmal davon gehört hatte, mit ständigem Glasmurmelfleiß nachzuahmen trachtete.
Der Herr Knecht jedoch war zur Einsicht gekommen, dass diese Form der Bildungspflege "vom Ganzen des Lebens und Menschentums" abgetrennt war. Er stieg mit diesen Gedanken in das Wasser jenes tiefen Sees, in welchem dann die erste Begegnung zwischen den Herren Baltruschat und Knecht stattfinden sollte. Sein verzweiflungsvolles Tun wurde von seiner Umwelt als gelungen angesehen, da niemand etwas vom tatsächlichen Fortleben des Magisters nach Rettung, anschliessender Ausstattung mit neuer Kleidung und Personalität erfuhr.
Das war wohl auch von Vorteil für sein Andenken. Denn man soll später in eingeweihten Kreisen gerüchteweise etwas vernommen haben von seinem neuen Leben und einer zeitweilig verhängnisvollen Affäre, die sowohl mit der Vorsteherin eines renommierten Schweizer Pensionats für höhere Töchter und als auch gleichzeitig mit zweien dieser unschuldigen Jungfrauen ablief.
Selbst der kleine Jon Ulysses unter dem Tische hatte anlässlich einer bramabasierenden Sitzung der Herren Akademiker davon gehört. Diese Berichte werden seinen späteren Lebensweg entscheidend geprägt haben.

Wenn wir von diesen Abschweifungen zurückkehren müssen, dann insbesondere deshalb, um noch zu erwähnen, dass der Herr Knecht, wie oben angedeutet, verschwunden war, nachdem er an den Herrn Baltruschat die verauslagten Beträge refundiert und für "irgendwann" eine Einladung zur Saujagd in Masuren angenommen hatte.
Die Herren behielten, wie das für vitale Menschen des mehr agilen Schlages ja nicht ungewöhnlich ist, zwar ständigen, wenn auch sehr seltenen Kontakt und trafen nun am fünfundzwanzigsten Januar des Jahres Neunzehnhundertdreiunddreissig im Orte Stürlack bei wirklich scheußlichem Schneetreiben zusammen, um auch Gespräche fortsetzen zu können, die insbesondere der Herr Doktor Baltruschat für außerordentlich bedeutsam und förderlich hielt. Deswegen er auch seine Freunde dazu gebeten hatte, nicht zuletzt, um zu zeigen, welche philosophischen Bereiche ihm allerdings zugänglich seien.

Um es kurz zu sagen: es ging in den nun folgenden ersten Gesprächen bei Grog und Samagonka um die "Gesinnung" und jene inneren Bereiche des gebildeten Menschen, die auf der eisernen Tafel an der Schlossmauer zu Königsberg durch das "moralische Gesetz in mir und den bestirnten Himmel über mir" festgehalten und Bestandteil des Abiturthemas von Herbertchen Baltruschat am Rastenburger Gymnasium waren.

"Die Gesinnung" meinte der Herr Magister Knecht, nachdem er ebenfalls mit Grog versehen und durch freundliche Vorgespräche mit den Persönlichkeiten der Herren Tribukait und Karschies, die wir ja bei unseren Schilderung ganz aus den Augen verloren haben, einigermaßen vertraut war, "die Gesinnung ist die sittliche Grundhaltung des Menschen, insofern sie besonders dem Handeln - und auch dem Denken Richtung und Ziele gibt, auch wenn es dem eigenen Nutzen zuwiderlaufen sollte." Diese, so auch in bekannten philosophischen Wörterbüchern nachzulesende Aussage, die zwar später und nach dem Kriege marktwirtschaftlich irrelevant wurde und durch das Motto der fünfziger Jahre: "hast Du was, dann bist Du was" abgelöst wurde, fand zu dieser Zeit, und wir kehren endlich wieder in das Jahr Neunzehnhundertunddreiunddreissig zurück, auch das Ohr anderer Menschen:

"Sehr richtig!" rief vom Gesinde-Tisch der Anführer jener Menschen, die unterdessen ihre prahlerischen Redensarten eingeschränkt und zuletzt den Worten der abfällig von ihnen so genannten "Intellektuellen" zugehört hatten. "Sehr richtig, aber viel zu hochgestochen gesagt! Wir in der Bewegung um unseren Führer geschart, sagen das kürzer, kerniger und kraftvoller: Einer für Alle und Alle für Einen! Und was Richtung und Ziel betrifft" - meinte der ungehobelte Mensch- "da singen wir in unserer Sturmabteilung immer ein Lied!" Er schrie plötzlich laut in die Stube : "drei! vier!" und alle fielen ein: "Wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!"

"Moment, Moment, lieber Freund!" - meinte der schmächtige Redakteur Hesse- "der Text lautet genau: denn heute da hört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt!"

"Ich hab dich nicht gefragt!" - rief der Anführer der Leute vom Tisch an der Tür, erhob sich, schob den beschwichtigenden Arm seiner Freundin Swastika, die sich unterdessen als einzige Frau zu den Männern am Tisch gesellt hatte, unwirsch zur Seite und ging mit schwerem Schritt zum Akademikertisch hinüber. "Man spricht mich nicht an, wenn ich nicht danach gefragt habe - und wenn schon, dann mit den Worten: "bitte Herrn Sturmführer etwas fragen zu dürfen". - So, das sagst du jetzt mal laut und deutlich"- rief er mit blitzenden und kleinen Augen, beugte sich vornüber und blies dem Herrn Hesse seinen Pfeifenrauch, untermischt mit Speicheltropfen in das Gesicht. Dann griff er lächelnd nach dem frisch gefüllten Glase Grog des Herrn Rektor Karschies, meinte, dass dieser wohl nach wenigen Tagen mit dem anderen Sozigesocks verschwunden sein werde und schlug ihm vor, immerhin noch zu einem am dreißigsten Januar stattfindenden spontanen Fackelzug nach Berlin zu reisen, so zum feierlichen Abschied seiner "demokratisch ergaunerten Position" meinte er hämisch.

Der kräftige und schwitzende Mensch hatte seine Anmerkungen gerade beendet, als er mit leichtem Kreisschwunge auf dem Estrich der Gaststube aufschlug. Dort lag er und starrte mit stillem Ernst zu den Deckenbalken.

"Sehen Sie, meine Herren" meinte der schmächtige Redakteur Hesse "schon oft habe ich die Gesetze der reinen Natur mehr beachtet, als die des theoretischen Geistes, und ich war immer bemüht, dort wo es mir verständig zu sein schien, auch die notwendigen Hebelgesetze anzuwenden". Dann begann er unter dem eisig erstarrten Schweigen des Gesindetischs zu erläutern, wie er aufmerksam gewartet hätte bis der "Angreifer" wie er ihn nannte, seinen rechten Ellenbogen "beim Raube des Glases" dicht an die Tischplatte gebracht, aber den Unterarm noch angewinkelt gehalten hätte. "Dann meine Herrn" meinte er "dann habe ich den günstigen Beugungswinkel des Ellenbogens von neunzig Grad und eine Reihe der mechanischen Hebelgesetze vortrefflich ausnützen können. Ich drücke in solchen Fällen das Gelenk rasch auf die Tischplatte, stelle damit den Ansatz und Drehpunkt her, stoße mit der anderen Hand, ohne eine zu große Kraftaufwendung bestreiten zu müssen, gegen die erhobene Faust des Angreifers und es wird ein ausreichend guter Hebelarm wirksam, der es hinwiederum meinen geringen Kräften ermöglicht, auch sehr kräftige Menschen zu Fall zu bringen. Oberstes Prinzip der Aufmerksamkeit ist dabei: Wehret den Anfängen!
Diese Kenntnisse verdanke ich übrigens vor allem meinem verehrten Freunde Hakamura aus Kyoto" meinte er, seinen Vortrag beendend und schaute in die agressiven Minen der nun vor ihm stehenden "Kameraden" des Angreifers.

Sie traten nacheinander an den Tisch und holten mit ihren Fäusten zum Schlage aus. Dann fielen sie, einer nach dem anderen, weiteren Anwendungen der nicht-germanischen Verteidigungsmechanik zum Opfer und gesellten sich zu ihrem immer noch am Boden liegenden Führer.
Dabei war es für den Redakteur Hesse selbst verwunderlich, wie rasch manche bereits vor den eigentlichen Hebelausnutzungen zu Boden gingen. Dies aber lag durchaus daran, und das konnte er ja noch nicht wissen, dass der kleine John Ulysses unter dem Tische einen eigenen Beitrag zum Geschehen leistete: Er ließ seine gesammelten Glasmurmelchens, es waren genau vierundsechzig Stück kleiner und zwölf Stück mittlerer Größe, ziemlich langsam auf den Estrich vor den Tisch und unter die Füße der Angreifer rollen , und zwar so ziemlich alle auf einmal. Die acht großen Murmelchen behielt er zurück, um sie im Notfalle noch in die Zwille legen zu können oder um ganz einfach damit zu schmeißen.

In dieser allgemeinen Ravage kam der unterdessen aus Rastenburg mit einer neuen Sau, die sich noch auf dem Schlitten befand, zurückgekehrte Wirt Endrikat gar nicht richtig zu Wort und vorerst auch nicht zu der freundlichen Begrüßung der auswärtigen Gäste. Jedenfalls nicht so, wie er es sich in Verbindung mit der kommenden Wildsaujagd vorgestellt hatte. War er doch Pächter der hiesigen Waldstücke und glaubte sich deshalb auch durch zusätzliche und in gewandter Formulierung angebrachte Freundlichkeiten den Herren empfehlen zu können. Statt dessen blieben ihm nur die lauthals wiederholten Rufe : "Hört doch mal auf! - Hört doch mal auf! - es ist doch noch nicht Sonnabend und die Keilerei frei gegeben! außerdem hat die Erna noch nicht dem Tresen abgeräumt! - und gezahlt habt ihr ja man wohl auch noch nicht!" -

Als die Angreifergruppe vollständig und schwer atmend am Boden lag und keiner auch mehr die Anstrengungen unternahm, sich von dem eigenartigen Kugel-Lager zu rollen, bestehend aus den Murmelchen des Jan Ulysses, die besonders schmerzhaft auf die Schulterblätter drückten, begann der Wirt Endrikat damit, die "Gefallenen" und John Ulysses, seine Murmeln einzusammeln. Die Kameraden wurden nebeneinander auf die Strohschütte des Schlittens draußen vor der Stalltüre gelegt, nachdem Endrikat mit der Hilfe seiner Frau Hertha zuvor noch die neue Sau in ihren Kober verfrachtet hatte. -
Ringsum gingen bei dem Rumoren die Lichter an und die Nachbarn wiesen mürrisch darauf hin, dass heute doch nicht Sonnabend sei und dass man sich doch gefälligst mit der Freigabe zur Keilerei. an die Regeln halten sollte. - Einige von ihnen kamen heraus, unter ihnen der Feuerwehrhauptmann mit dem Schlüssel zum Spritzenhaus. Dorthin wurden die nun auch ihren Zustand starker Angetrunkenheit deutlicher als zuvor zeigenden Kameraden verfrachtet. Sie fanden ein ausreichend warmes Quartier, weil doch das Spritzenhaus mit der einen, sehr dünnen Wand an den mit Kälbern überfüllten Stall des Bauern Kanowski grenzte.
Nur John Ulysses, der Sohn der ledigen Schneiderin Marthchen Kantor blieb für einige Zeit recht unzufrieden. Er hatte trotz wirklich aufmerksamen Suchens nicht alle vierundsechzig kleinen Murmelchen wieder einsammeln können. Aber immerhin fanden sich die drei Fehlenden am nächsten Morgen wieder ein. Sie hatten die Nacht über in der Backentasche des Anführers der Sturmkameraden verbracht und ihm einen besonders energischen Gesichtsausdruck verliehen.

Abschließend muss leider gesagt werden, dass letzterer mit seiner Voraussagen recht behalten sollte:

Bereits acht Tage später wurde der Herr Rektor Karschies mit seinen anderen Genossen am Orte mit einem bei der weiterhin kühlen Witterungslage auch sonst unbehaglichen, offenen Lastwagen zur "Ortsgruppe" nach Lötzen abgeholt und seine Position an der Schule mit dem Sturm-Anführer der Kameraden, dem ehemals arbeitslosen Herrn Junglehrer Potrimpus neu besetzt worden. Neuer Bürgermeister wurde übrigens ein Herr Perkunos aus Lötzen, den deshalb auch keiner kannte. Den Bahnhofsvorstand übernahm, immerhin nach einigen Streitereien, der frühere Schrankenwärter, ein Herr Pikollis.

Und wie lief denn nun eigentlich noch die Saujagd? Sie ist am nächsten Tage noch unter allseitiger Duldung der teilnehmenden Sozialdemokraten und Nationalsozialisten ganz "normal verlaufen". Das heißt, es wurden diesmal nur zwei Treiber angeschossen, und das bei sechsunddreißig Schützen!

Den kleinen John-Ulysses hat ein nochmals durchreisender Herr, man sagt, er kam aus Irland, mit seiner Mutter Marthchen irgendwo ins Ausländische genommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Herren Hesse und Knecht sind nie mehr in Masuren gesehen worden. Es heißt, sie seien in die Berge oder in die Schweiz ausgewandert oder auch nur umgezogen, was weiß ich...!

© für Text und Bild: Ekkehard Zerbst