Ralph Giordano
Deutscher Journalist, Schriftsteller und Filmregisseur, geb. als Sohn eines Pianisten und einer Klavierlehrerin am 20. März 1923 in Hamburg-Barmbek. Sein Großvater väterlicherseits war als junger Mann von Sizilien nach Deutschland gekommen. 1940, noch vor Abschluß seiner Abiturzeit, mußte der Siebzehnjährige aufgrund der Nürnberger Gesetze das renommierte humanistische Gymnasium “Johanneum” verlassen. Zusammen mit seiner Familie war er zahlreichen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt. Dreimal verhörte die Gestapo den jugendlichen Giordano, mißhandelte ihn und sperrte ihn ein. Giordano selbst, seine beiden Brüder und die Eltern konnten bis zur Befreiung durch die Briten am 4. Mai 1945 in einem Keller in Hamburg-Alsterdorf überleben, in dem sie sich über mehrere Monate verstecken mußten, als die Deportation der Mutter drohte. In seiner Autobiographie schreibt er: “Die Befreiung von der Angst vor dem jederzeit möglichen Gewalttod, weil ich eine jüdische Mutter hatte, war, ist und wird das Schlüsselerlebnis meines Daseins bleiben.” In einem Kapitel des Buchs Neger, Neger, Schornsteinfeger! von Hans-Jürgen Massaquoi wird die enge Freundschaft beschrieben, die zwischen Giordano, seiner Familie und Massaquoi bestand. Giordano und sein Bruder Egon kannten Massaquoi aus dem Hamburger Swing-Café König. Als Giordano während seiner Untergrundzeit Massaquoi zufällig auf der Straße traf, wußte er, daß er dem dunkelhäutigen Afrodeutschen trauen und ihn in sein Versteck mitnehmen konnte, wo er ihn seiner Familie vorstellte, die dort in einem Kellerverlies lebte. Diese Begebenheit wird mit veränderten Namen auch in Giordanos Buch Die Bertinis beschrieben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Giordano seine journalistische Tätigkeit bei der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung. Er absolvierte eine journalistische Ausbildung am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Von 1946 bis 1957 war er Mitglied der seit 1956 illegalen KPD. Unter dem Pseudonym Jan Rolfs ließ er beim Verlag Neues Leben 1953 ein Westdeutsches Tagebuch erscheinen, das von Aktionen der KPD in Hamburg berichtet und von Verehrung für die Weisheit Stalins durchdrungen ist. 1955 siedelte Giordano in die DDR über, wo er zwei Jahre lang blieb, um ernüchtert wieder nach Hamburg zu ziehen. Ab 1958 beobachtete er im Auftrag des Zentralrats der Juden in Deutschland die beginnenden NS-Prozesse. Seine Abrechnung mit dem Stalinismus veröffentlichte er 1961 in seinem Buch Die Partei hat immer recht, in dem er selbst einen Hinweis auf sein Westdeutsches Tagebuch gibt, um einer Enthüllung seiner ehemaligen Genossen zuvorzukommen. 1961 bis 1988 arbeitete er als Fernsehjournalist und produzierte seitdem über hundert Dokumentationen für verschiedene Sender (vor allem NDR und WDR). Oft behandelte er historische Themen wie den deutschen Kolonialismus oder den Völkermord an den Armeniern.
1982 veröffentlichte er Die Bertinis, die Lebensgeschichte einer Familie, ein teilweise autobiographisches Werk, an dem er fast vierzig Jahre gearbeitet hatte. 1988 wurde die Geschichte um eine jüdische Familie in der Zeit des Nationalsozialismus von Egon Monk für das ZDF verfilmt. 1987 erschien sein Buch Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein, in dem Giordano sich mit dem Fortleben des Nationalsozialismus in der BRD auseinandersetzt. Als zweite Schuld bezeichnet er den Unwillen breiter Teile der deutschen Öffentlichkeit zu einer Aufarbeitung der Verbrechen und Entschädigung der Opfer sowie die politischen Entscheidungen, die es Mittätern ermöglichten, auch in der Demokratie wieder in Amt und Würden zu gelangen. Mit dieser Schrift zog er in besonderem Maße den Haß von Neonazis auf sich. Über die zunehmende Bedrohung schrieb er Bücher wie Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte (1989) und eine Übersicht über Leserbriefe zur “zweiten Schuld” (Wie kann diese Generation eigentlich noch atmen?, 1990). Die Erfahrungen mit dem offenen, militanten Rechtsextremismus, insbesondere die Brandanschläge von Hoyerswerda und Mölln, bewogen Giordano 1992 dazu, einen Offenen Brief an Bundeskanzler Kohl zu schreiben. Darin schrieb er, daß er bereit sei, “bis in den bewaffneten Selbstschutz hinein” gegen den militanten Rechtsextremismus vorzugehen, da die Regierung offensichtlich nicht bereit sei, Minderheiten den notwendigen Schutz zu gewähren. Dieser Brief führte zu einer heftigen öffentlichen Diskussion. 2000 veröffentlichte er Die Traditionslüge, worin er sich mit den undemokratischen Wurzeln der Bundeswehr auseinandersetzte. In der durch Jürgen Möllemann ausgelösten Antisemitismus-Debatte bekannte er im Juni 2002, sein Fluchtgefühl sei seit der Befreiung vom Nationalsozialismus nicht mehr so stark gewesen. 2003 kritisierte er die Positionen der Friedensbewegung gegen den Irak-Krieg, der er unter anderem Antiamerikanismus vorwarf.
Als sich Giordano 2007 zum Bau von Moscheen äußerte, die er als “Kriegserklärung”, “Anschlag auf die Demokratie” und “Landnahme auf fremdem Territorium” wertete, erhielt er ebensoviel Zuspruch wie Kritik. Matthias Drobinski schrieb, daß “in seinen Äußerungen derzeit die Wut regelmäßig den Verstand besiegt”, Jörg Lau bedauerte den “intellektuellen Selbstmord” und die “unrühmliche Abdankung eines Mannes, der einmal ein Aufklärer war”, Eberhard Seidel warf ihm “undifferenziertes Freund-Feind-Denken” und “gefährliche Brandreden” vor.
Publikationen:
Morris. Geschichte einer Freundschaft. 1948.
(u. d. Pseudonym Jan Rolfs) Westdeutsches Tagebuch. 1953.
Die Partei hat immer recht. Kiepenheuer & Witsch, 1961.
Die Bertinis., Roman. S. Fischer. 1982.
Die Spur. Reportagen aus einer gefährdeten Welt. 1984.
Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein. 1987.
(mit anderen) Armenien. Kleines Volk mit großem Erbe. 1989.
Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg. 1989.
An den Brandherden der Welt. Ein Fernsehmann berichtet. 1990.
Wie kann diese Generation eigentlich noch atmen? Briefe zu dem Buch “Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein”. 1990.
Israel, um Himmels willen, Israel. 1991.
(mit anderen) Anthroposophen und Nationalsozialismus. 1991.
(Hrsg.) Deutschland und Israel. Solidarität in der Bewährung. Bilanz und Perspektive der deutsch-israelischen Beziehungen. 1993.
Wird Deutschland wieder gefährlich? Mein Brief an Kanzler Kohl, Ursachen und Folgen. 1993.
Ich bin angenagelt an dieses Land. Reden und Aufsätze über die deutsche Vergangenheit und Gegenwart. 1994.
Ostpreußen ade. Reise durch ein melancholisches Land. 1994.
(mit anderen) Hamburg 1945: Zerstört. Befreit. Hoffnungsvoll? Bürgerschaftliche Veranstaltungsreihe zum 50. Jahrestag des Kriegsendes. 1995.
(mit anderen) Dokumentation der 4. Preisverleihung am 16. November 1994 an Ralph Giordano; Schriftenreihe der Siebenpfeiffer-Stiftung. 1995.
Mein irisches Tagebuch. 1996.
Hier war ja Schluß ... Was von der deutsch-deutschen Grenze geblieben ist. 1996.
Der Wombat und andere tierische Geschichten. 1997.
Deutschlandreise. Aufzeichnungen aus einer schwierigen Heimat. 1998.
Wir sind die Stärkeren. Reden, Aufrufe, Schriften zu deutschen Themen und Menschen unserer Zeit. 1998.
(mit anderen) Hoyerswerda. Literarische Spiegelungen. 1998.
Die Traditionslüge. Vom Kriegerkult in der Bundeswehr. 2000.
Sizilien, Sizilien! Eine Heimkehr. 2002.
(mit Uwe Laugwitz) Von den Schwierigkeiten, zu leben, zu denken und zu schreiben. Gespräch aus dem Jahre 1986. 2003.
Erinnerungen eines Davongekommenen. 2007.
Auszeichnungen:
1969 Adolf-Grimme-Preis
1970 Adolf-Grimme-Preis
1990 Bundesverdienstkreuz
1994 Siebenpfeiffer-Preis
1995 Schubart-Literaturpreis
2001 Hermann-Sinsheimer-Preis
2003 Leo-Baeck-Preis
2006 Rheinischer Literaturpreis Siegburg
2007 Preis für Zivilcourage des Freundeskreises Heinrich Heine
2009 Großes Bundesverdienstkreuz