Dirzulande
Franz Wurm zum Gedächtnis
von Martin Dreyfus
Vor wenigen Wochen druckte die NZZ noch ein von Franz Wurm aus dem Tschechischen übersetztes Gedicht von Vladimir Holan. Auch für die Verbreitung von René Chars Lyrik, die er aus dem Französischen übertrug, setzte Franz Wurm sich unermüdlich ein. Mit seinen eigenen, über Jahrzehnte entstandenen Verse hingegen mochte er nicht „hausieren“. „Anmeldung“ hieß sein erster, im Arche Verlag von Peter Schifferli 1959 erschienener Gedichtband, „Anker und Unruh“ folgte im Abstand von Jahren 1964 im Verlag der Insel, 1990 dann „Dirzulande“. Bei Suhrkamp erschienen die Übersetzungen der Bücher seines Freundes Moshe Feldenkrais, und nach der Rückkehr aus Tel Aviv war Franz Wurm ab 1974 als Lehrer und Leiter des Zürcher Feldenkrais Institutes tätig. Paul Celan zählte er zu seinen Freunden – der Briefwechsel mit ihm erschien vor einigen Jahren – ebenso wie Hans Georg Adler, der Chronist der „verheimlichten Wahrheit“ und des Lagers Theresienstadt, und auch der Dichter Michael Hamburger gehörte in den Kosmos der Literatur und Geschichte des 20. Jahrhunderts, in dem sich Franz Wurm bewegte.
Geboren 1926 in Prag in eine jener deutschprager jüdischen Familien, denen so viele Dichter und Schriftsteller am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstammten, kam Franz Wurm mit einem Kindertransport 1939 nach England. Auf die Schule folgte das Cheltenham College und ein Studium der Romanistik und Germanistik in Oxford. Von dort führte sein Weg 1949 in die Schweiz, nach Zürich, wo er als Leiter des Kulturprogramms von Radio DRS in den Jahren 1966-1969 mit seinen Sendungen ebenso wie mit seiner unverwechselbaren, wohl tönenden, sonoren Stimme vielen Hörerinnen und Hörern zu einem Begriff wurde. Hier fand Franz Wurm in Michael und Luzzi Wolgensinger enge Freunde. Er verbrachte Zeit in Tel Aviv (1974), in Prag (1969-1971) und immer wieder in Zürich, das über viele Jahre sein Lebensmittelpunkt blieb, wenn er sich auch zeitlebens in (s)einem gewissen Sinn als Kosmopolit verstand. Vor einigen Jahren zog er sich nach Ascona zurück, auch hier in die Nähe von Freunden, John Boxer war einer von ihnen. Franz Wurms Bücher sind vergriffen, keiner seiner früheren Verlage wollte oder konnte sich in den letzten Jahren seiner Lyrik nach seinen Vorstellungen annehmen. Dabei blieb er überzeugt, dass die Zeit auch dafür wieder „reif“ würde. Am 29. September ist Franz Wurm 84-jährig in Ascona gestorben.
Ein Anlass zur Erinnerung an Franz Wurm wird am Montag, den 1. November 2010 um 19 Uhr im Theater Stok, Hirschengraben 42 in Zürich stattfinden.