Ein Nachruf auf Hilde Domin

Mit großer Bestürzung hat das P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren
im Ausland vom Tod der Lyrikerin und Schriftstellerin Hilde Domin
erfahren,
die am 22. Februar 2006 den Folgen eines Sturzes erlag.
Hilde Domin war das älteste und zugleich das jüngste Mitglied unseres
Zentrums. Mit 96 Jahren umspannte ihr an Erfahrungen reiches und
literarisch
produktives Leben fast ein ganzes Jahrhundert.
Und erst am 15. Februar dieses Jahres hatte sie uns durch ihre
Mitarbeiterin Marion Tauschwitz mitteilen lassen, daß sie die ihr
angebotene
“Ehrenmitgliedschaft im P.E.N.-Club des Exils” gerne annehme.
Bedauerlicherweise war das erste Schreiben mit dem Angebot der
Ehrenmitgliedschaft vom
14. November 2005 verlorengegangen, so daß Hilde Domin nur eine Woche
lang Mitglied unseres traditionsreichen Zentrums sein konnte.
In diesem Schreiben hatte es geheißen: “Auf unserer gestrigen
Vorstandssitzung wurde beschlossen, Ihnen in Anbetracht Ihres
umfassenden Lebenswerks
und Ihrer stark vom Exil geprägten Biographie die Ehrenmitgliedschaft in
unserem Zentrum anzutragen. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie diese
kleine
Geste des Dankes an eine hochbedeutende Lyrikerin, Essayistin und
Herausgeberin, die in ihrer gesamten literarischen Tätigkeit geradezu
vorbildhaft
für das Kürzel PEN steht, annehmen würden.”
Hilde Domin wurde am 27. Juli 1909 in Köln als Tochter eines jüdischen
Rechtsanwalts Siegfried Löwenstein geboren und studierte zunächst Jura,
dann
Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie in Heidelberg, unter
anderem bei Gustav Radbruch, Karl Mannheim und Karl Jaspers. An der
Universität
Heidelberg lernte sie auch ihren späteren Mann, den Archäologiestudenten
Erwin Walter Palm, kennen.
Bereits 1932 emigrierten die beiden nach Rom. 1935 promovierte Domin in
Florenz über Staatsgeschichte der Renaissance. Später ging sie nach
England,
wohin ihre Eltern geflohen waren. Von 1940 bis 1954 lebte sie in Santo
Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, wo sie zunächst
als
Universitätsdozentin, Übersetzerin und Architekturfotografin tätig war.
1951 schrieb sie dort das erste ihrer zahlreichen vom Vertrieben- wie
vom Verwurzeltsein geprägten Gedichte, die charakterisiert sind durch
sprachliche
Schlichtheit und gedankliche Schärfe, Bildhaftigkeit und Klangschönheit,
Gelassenheit und Lakonie – durch den “Widerstand gegen das Negative”.
Den
Schrecken und den Wunden des vergangenen Jahrhunderts setzten sie ein
ebenso tapferes wie wohlgemutes Beharren auf menschliche Nähe entgegen,
zählen
Gedichte doch für Hilde Domin “zu jenen magischen Gebrauchsgegenständen, die, wie der Körper der Liebenden, in der Anwendung erst gedeihen”.
Ausgelöst worden war jener unerwartete Schreibschub vom Tod ihrer Mutter: “Ich,
H. D., bin erstaunlich jung. Ich kam erst 1951 auf die Welt. Weinend,
wie jeder in diese Welt kommt. Meine Eltern waren tot, als ich auf die
Welt kam. Meine Mutter war wenige Wochen zuvor gestorben.”
So, als Neugeburt, schilderte Hilde Domin in einem autobiographischen
Text den Beginn ihres Schriftstellerinnendaseins, das ihr zugleich einen
neuen
Namen bescherte: Voller Dankbarkeit für die Karibikinsel, die ihr
freundliches Exil gewährt hatte, legte Hilde Palm sich den Künstlernamen
Domin zu.
Nach zweiundzwanzigjährigem Exil kehrte sie 1954 gemeinsam mit ihrem
Mann nach Deutschland zurück. 1961 ließ sie sich an ihrem ehemaligen
Studienort
nieder und wurde innerhalb weniger Jahre zu einer der bedeutendsten
deutschen Autorinnen, deren Gedicht- und Essaybände in immer neuen
Auflagen immer
neue Leser fanden. Das Exil hatte sie zur unverwechselbaren Dichterin
gemacht; die Heimat fand sie nicht in deutschen Landen, sondern “im deutschen
Wort”. Die Werke der vielfach geehrten Preisträgerin wurden in mehr
als zwanzig Sprachen übersetzt.
Unser Vorstandsmitglied Hans-Christian Oeser plant zur Zeit zusammen mit
dem irischen Lyriker Gabriel Rosenstock eine umfassende Gedichtauswahl
auf
deutsch, englisch und irisch.
Wir nehmen Abschied von der bis zuletzt rührigen und produktiven Dichterin Hilde Domin, mit ihren eigenen Versen:
“Fürchte dich nicht / es blüht / hinter uns her”