Hans Keilson
Mit Hans Keilson ehren wir nicht nur einen deutschsprachigen Schriftsteller und einen niederländischen Nervenarzt
und Psychoanalytiker, sondern auch einen ehemaligen Präsidenten unseres Zentrums (1985-1988).
Keilson, geboren am 12. Dezember 1909 in Bad Freienwalde an der Oder, wuchs als Sohn eines Textilhändlers auf und studierte von 1928 bis 1934 in Berlin Medizin. Nach der Verhängung des Berufsverbots für Juden schlug er sich als Sportlehrer an Privatschulen und als Musiker durch. 1936 emigrierte er in die Niederlande und ging nach der Okkupation durch deutsche Truppen im Jahre 1940 als Mitglied des Widerstands in den Untergrund. Nach der Befreiung wandte sich Hans Keilson seinem Beruf als Mediziner zu. Er behandelte schwer traumatisierte jüdische Waisenkinder und gründete mit anderen Überlebenden “Le Ezrat Ha Jeled”. Da sein deutscher Abschluß nicht anerkannt wurde, nahm er erneut das Studium der Medizin auf, das er als Facharzt für Psychiatrie abschloß. 1979 promovierte er mit Sequentielle Traumatisierung bei Kindern, einem Beitrag zur psychoanalytischen Traumaforschung. 1996 wurde er auf den Franz-Rosenzweig-Lehrstuhl in Kassel berufen. Keilson lebt und praktiziert in Bussum bei Amsterdam. Seit 1999 ist er korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Ehrendoktorwürde der Universität Bremen und Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay (2005).
Hans Keilson starb am 31. Mai 2011 in Hilversum.
“‘Ich bin mir bewußt, auf zwei Pferden zu reiten’, schreibt Hans Keilson im Jahr 1992, ‘dem der Literatur und dem der
Wissenschaft – die Rosse sind nicht sehr hoch –, und damit Gefahr zu laufen, auf keinem Ritt ernst genommen zu werden.’
Daß dieser jüdische Grandseigneur des Jahrgangs 1909, der seit 1936 in den Niederlanden lebt, wo er zunächst untertauchte,
nach dem Krieg seine medizinische Ausbildung in Richtung Psychiatrie und Psychoanalyse ergänzte und bis heute als Therapeut
praktiziert – daß dieser doppelte Reiter durchaus ernst genommen wird, zeigt die diesjährige, wenn auch späte Zuerkennung
des Johann-Heinrich-Merck-Preises für kritischen Essay an den 95-Jährigen. Fast noch anschaulicher als in der Reitermetapher
demonstriert Keilson die Bipolarität seiner Existenz im Hinweis auf die ihr jeweils entsprechenden Sitzgelegenheiten: ‘Auf
einem harten Stuhl an einem leeren Tisch’ sitze der öffentlich lesende Schriftsteller, auf einem Fauteuil oder einem Lehnstuhl
am Schreibtisch der Therapeut, im Gespräch mit seinen Patienten. ‘Aber der da sitzt, ist im Grund immer derselbe.’” (Martin
Krumbholz, Neue Zürcher Zeitung, 3. August 2005)
Publikationen:
Das Leben geht weiter. Eine Jugend in der Zwischenkriegszeit. Roman, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1933.
Komödie in Moll. Erzählung, Amsterdam: Querido, 1947.
Der Tod des Widersachers. Roman, Braunschweig: Westermann, 1959.
Probleme in der sexuellen Erziehung, Essen: Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft, 1966. (Neue pädagogische Bemühungen, 28).
Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Deskriptiv-klinische und quantifizierend-statistische follow-up Untersuchung zum Schicksal der jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden, Stuttgart: Ferdinand Enke, 1979.
Sprachwurzellos, Gießen: Ricker’sche Universitäts-Buchhandlung, 1986. (Edition Literarischer Salon).
Einer Träumenden, Gießen: Ricker’sche Universitäts-Buchhandlung, 1992. (Edition Literarischer Salon).
Wohin die Sprache nicht reicht. Vorträge und Essays aus den Jahren 1936-1996, mit einem Nachwort von Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Gießen: Ricker’sche Universitäts-Buchhandlung, 1998. (Edition Literarischer Salon).
Sieben Sterne. Reden, Gedichte und eine Geschichte, mit einem Nachwort v. Gerhard Kurz, Gießen: Ricker’sche Universitäts-Buchhandlung, 2003. (Edition Literarischer Salon).
Werke in zwei Bänden, hrsg. v. Heinrich Detering u. Gerhard Kurz, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2005.
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