IN ERINNERUNG AN WILHELM UNGER

Zum 20. Todestag des früheren Sekretärs des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland
Zwei Texte von Fred Viebahn
Am 20. Dezember 1985 klingelte bei mir in Tempe, Arizona das Telefon. Es war Meret Meyer, Marc Chagalls Enkelin und in den vergangenen zehn Jahren die engste Vertraute unseres gemeinsamen Freundes Wilhelm Unger; im Jahr zuvor hatte sie zu seinem achtzigsten Geburtstag bei DuMont den schönen Auswahlband aus Ungers Werken, “Wofür ist das ein Zeichen?”, herausgegeben. “Wilhelm ist tot”, sagte sie schlicht. Wenige Monate zuvor hatten wir ihn noch wie bei jeder unserer Deutschlandreisen besucht. Aussehen und Verhalten des einst so lebenslustigen Schriftstellers und Journalisten waren besorgniserregend, auch wenn unsere zweijährige Tochter ihn beim Spiel mit seinen geliebten Katzen ein bißchen aufmunterte; “es geht steil bergab mit mir”, sagte er betrübt auf seinem einundachtzigsten Geburtstag am 6. Juni 1985.
Zur Zeit der Machtergreifung der Nazis hatte der 1904 als Sohn des
jüdischen Arztes Samuel Unger und seiner russisch-jüdischen
Frau Flora in Bad Hohensalza geborene Wilhelm Unger gerade begonnen,
sich einen Namen im deutschen Kulturbetrieb zu machen; nach dem
Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie an den
Universitäten Köln und Bonn schrieb er für die Kölnische
Zeitung und den Westdeutschen Rundfunk, und 1929 erschien sein erstes
Buch, “Beethovens Vermächtnis”, verfaßt zum hundertsten
Todestag des großen Komponisten.
Das Werk landete auf dem
nationalsozialistischen Scheiterhaufen, und nur unter Pseudonym konnte
Unger noch eine Zeitlang privat veröffentlichen. Er versuchte
auszuharren, doch am 15. März 1939, am Tag des Einmarsches der deutschen
Truppen in Prag, verließ ihn die letzte Hoffnung, und er floh nach
London. Er folgte damit seinem zwei Jahre älteren Bruder, dem Dramatiker
und früheren UFA-Chefdramaturgen Alfred H. Unger, der sich bereits 1937
fürs englische Exil entschieden hatte; die Brüder entgingen so dem
Schicksal ihrer beiden Schwestern Ella und Grete, die in
Konzentrationslagern ermordet wurden, während die Eltern Theresienstadt
überlebten. (Nach dem Krieg wurde Alfred vor allem als Übersetzer
englischer Bühnenautoren wie Terrence Rattigan und Peter Ustinov
bekannt; viele Jahre saß er im Vorstand des PEN-Zentrums
deutschsprachiger Autoren im Ausland, dem er auch einige Zeit als
Vorsitzender diente. Er starb 1989 ebenfalls in Köln, der Stadt, die den
Ungers seit 1907 Heimat gewesen war.)
Nach anderthalbjähriger Zwangsdeportierung, auf die ich weiter unten
eingehe, arbeitete Wilhelm Unger während des Krieges in der
Kulturabteilung der BBC, wurde Mitgründer des berühmten
deutschsprachigen “Club 1943” und fungierte bis zu seiner Rückkehr nach
Deutschland Ende 1956 als Sekretär des Clubs; von 1955 bis 1957
bekleidete er zudem das Amt des Sekretärs des PEN-Zentrums
deutschsprachiger Autoren im Ausland.
1947 reiste der Unermüdliche im Auftrag der britischen Control
Commission erstmals ins Trümmerdeutschland, wo er am ersten deutschen
Schriftstellerkongreß in Berlin teilnahm. Der International PEN bat ihn,
bei der Gelegenheit zwanzig politisch unbelastete deutsche
Schriftsteller von Rang ausfindig zu machen, um die Neuzulassung eines
innerdeutschen PEN-Zentrums in Erwägung zu ziehen.
Wilhelm Unger
beschloß, selber zunächst nicht zurück nach Deutschland zu ziehen,
sondern weiter aus dem englischen Exil heraus am Neubeginn mitzuwirken;
so war er 1949 zusammen mit Adolf Grimme und Oskar Jancke maßgeblich an
der Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in
Darmstadt beteiligt und bewirkte unter anderem bereits vorher, daß sein
früherer Arbeitgeber an der Kölnischen Zeitung, der DuMont-Verlag, von
den britischen Militärbehörden die Genehmigung für eine neue
Tageszeitung, den Kölner Stadt-Anzeiger, erhielt.
Erst im Dezember 1956, nach dem Ende seiner Ehe mit der englischen
Germanistin Leonora Doris Leigh, kehrte Unger ganz zurück nach Köln und
begann eine Karriere im Feuilleton des Kölner Stadt-Anzeiger, während er
gleichzeitig für den WDR, die Deutsche Welle und die Allgemeine
Wochenzeitung der Juden in Deutschland schrieb. 1958, nicht lange nach
seiner Rückkehr, holte der inzwischen einflußreiche Theaterkritiker
einen englischen Provinzregisseur deutsch-jüdischer Abstammung nach
Köln; indem er im Theater am Dom seinem Freund Peter Zadek die erste
deutsche Inszenierung besorgte, gab er der deutschen Bühne einen ihrer
gewaltigsten und folgenreichsten Anstöße der Nachkriegszeit.
Wilhelm Unger hatte Gespür für Talent, und seine große Liebe gehörte
neben klassischer Musik dem Theater. Gewann er einmal Gefallen an einem
jungen Theatermenschen, dann ließ er so leicht nicht wieder los, wurde
zum kritischen Begleiter mit Lob und, wenn es sein mußte, Tadel. In
Jürgen Flimm fand er bald einen weiteren Schützling, den er von seinen
ersten theatralischen Sprüngen in der Kölner Theaterwelt an begeistert
begleitete, bis Flimm in die höchsten Höhen deutscher Theaterluft
aufgestiegen war. Unentwegt unterstützte er auch das weder vorm Schocken
noch vorm Scheitern zurückscheuende multimediale Experimentiertheater
der später tragisch ums Leben gekommenen Kölner Dichterin Signe Piehler.
Es fiel Wilhelm Unger zeitlebens leicht, mit seinem umgänglichen Wesen
und scharfen Intellekt überall gute Freunde zu finden, so auch unter den
jungen Schriftstellerkollegen in seiner alt-neuen Heimatstadt. 1958, im
selben Jahr, als er Zadek nach Köln holte, gründete er gemeinsam mit
Heinrich Böll und Paul Schallück die Germania Judaica (Kölner Bibliothek
zur Geschichte des deutschen Judentums) und die Kölnische Gesellschaft
für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.
Wie schon in seinen Londoner
Jahren fand er neben seinen unermüdlichen Schreibmühen als Journalist
die Zeit zu ehrenamtlichen Tätigkeiten in den Vorständen zahlreicher
Organisationen; z.B. saß er in den siebziger Jahren, während er die
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit leitete,
gleichzeitig im Präsidium des PEN-Zentrums der Bundesrepublik
Deutschland.
1983 ehrte die Kölner Stadtbücherei Wilhelm Unger in ihrer
Zeitschriftenserie “Literatur in Köln”; ich schrieb dafür den folgenden
Essay, der inzwischen längst nicht mehr im Druck ist und dessen
Wiederveröffentlichung hier, auf der Webseite des ihm geschichtlich eng
verbundenen PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, anläßlich
von Ungers zwanzigstem Todestag und fast zwei Jahre nach seinem
hundertsten Geburtstag dazu beitragen mag, diesen wesentlichen Vertreter
deutscher Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts vor dem Vergessen zu
bewahren.
BEWEGTE BILDER
(Erstveröffentlichung in “LIK -- Literatur in Köln”, Nr. 15, 1983)

Sommer 1940. Die See ist relativ ruhig in diesen Juli- und Augusttagen,
als der englische Militärkonvoi südwärts seine Bahn durch den Atlantik
kielt und ums Kap der guten Hoffnung biegt. Und in gute Hoffnung
versuchen sich die dreitausend nichtenglischen Passagiere ständig zu
schaukeln, sofern sie nicht allzu seekrank sind. Vor allem hoffen sie
darauf, jenen früheren Landsleuten ausweichen zu können, die sich mit
dem Gröfaz eingelassen haben und kaum zögern würden, mit Minen und
Torpedos ihre dreitausend ehemaligen Mitbürger kurzerhand zu ersäufen.
Warum aber begeben sich diese Menschen in eine solche Gefahr? Nun, sie
befinden sich beileibe nicht freiwillig an Bord des Dampfers, dem der
Union Jack am Mast flattert, sondern sie sind dazu gezwungen worden:
dreitausend deutsche Emigranten, überwiegend Juden, und damit aufgrund
ihrer deutschen Herkunft, so hat die britische Regierung mit
regierungsüblicher Logik geschlossen, eine Brutstätte feindlicher
Spione, seit zwischen den Briten und dem Heimatland der dreitausend, dem
diese doch entflohen sind, Krieg herrscht. Und die
Spionageverdächtigen, darunter Nobelpreisträger, Wissenschaftler, Ärzte,
Künstler, Musiker, Schriftsteller, Theaterleute -- Männer wie Frauen
wie Kinder -- sollen nun so weit weg wie möglich interniert werden.
Die Reise nach Australien ist trist, es mangelt an so manchem, und das
Bewußtsein ständiger Todesgefahr gestaltet das Bordleben nicht gerade
heiter. Man versucht einander Mut zu machen, indem man für die Kinder
Schulunterricht organisiert, Konzerte veranstaltet, einander Geschichten
erzählt. Und dann hat jemand eine grandiose Idee: Am 28. August ist
doch Goethes Geburtstag, das muß man entsprechend feiern!
Wilhelm Unger (wer sonst?) hat natürlich das, was ihn am meisten
aufleben läßt, im Sinn -- Theater! Genauer gesagt, sein Lieblingsstück,
den “Faust”. Das Problem ist nur, er besitzt keine Bücher mehr; alles
Schriftliche, das er mit sich brachte, einschließlich selbstverfaßter
Schriften, ist von mißtrauischen britischen Wachsoldaten konfisziert und
über Bord geworfen worden. Aber es wäre doch gelacht, kalkuliert er,
wenn sich unter dreitausend Deportierten nicht genügend Bildung finden
ließe, wenigstens die Szene des faustischen Pakts mit Mephisto lückenlos
und wortgetreu zu rekonstruieren!
Er hat recht. Bald studieren zwei Schauspieler unter Ungers Regie die
Szene ein, und nach ein paar Wochen Probezeit findet Goethe, während
sich an seinem ehemaligen Spazierweg bei Weimar die Schergen von
Buchenwald in Folter- und Mordorgien ergehen, sein dankbarstes Publikum
an Bord dieses stählernen Ungetüms im Indischen Ozean. In seiner
aufmunternden Eröffnungsansprache an seine Mitgefangenen beschwört
Wilhelm Unger aus dem “Wilhelm Meister” den Obstbaum, von dem man sich
im Winter kaum vorstellen könne, daß er jemals wieder blühe, und
dennoch... Anschließend bricht er erschöpft zusammen, so daß er nach
einer Reise von zwei Monaten und einem Tag das Einlaufen in den
Melbourner Hafen vom Krankenbett aus erleben muß.
Auf den Tag vierzig Jahre nach der denkwürdigen Goethefeier südlich des
Äquators schildert er uns dieses Erlebnis, das so eindringlich seine
große Liebe charakterisiert, die Liebe zu Theater und Literatur; und
gleich darauf folgt eine weitere Geschichte, die seine merkwürdige,
ebenfalls lebenslange Leidenschaft für die Astrologie erhellt: Seine
Mitinsassen im australischen Internierungslager bedenken ihn mit dem
Spitznamen Seni, nach dem Sternendeuter des Schillerschen Wallenstein,
denn er stellt jedem, der ihn darum bittet, das Horoskop. Den Spott, mit
dem ihn einige Wissenschaftler -- Astronomen darunter -- und andere
Zweifler übergießen, schluckt er gutmütig. Endlich, nach über einem Jahr
in der staubigen Hitze des fünften Kontinents, erhält er mithilfe
einflußreicher Londoner Freunde ein Visum zur Rückkehr nach England.
Soll er es tatsächlich wahrnehmen, sobald sich die Gelegenheit ergibt,
oder sich lieber in Australien nach dauernder Bleibe außerhalb des
Lagers umsehen? Immerhin wurden die letzten drei britischen Schiffe beim
Versuch, die deutsche Blockade zu durchbrechen, versenkt. Dazu kommen
Gerüchte über einen bevorstehenden Angriff der Japaner im Pazifik. Im
Spätsommer 1941 legt ein britisches Schiff im Hafen an, das die Brockade
durchbrochen hat und dessen Kapitän fest entschlossen ist, nach einigen
Tagen wieder zurück nach Europa aufzubrechen -- man habe Platz für
fünfzig Passagiere. Der Lagerkommandant warnt alle, die inzwischen ein
Visum besitzen, davor, diese gefährliche Gelegenheit wahrzunehmen. Da
setzt sich Wilhelm Unger hin und stellt sich sein Horoskop; es
signalisiert ihm zwar einige Gefahr, versichert ihm jedoch gleichzeitig,
sein Leben stünde in den nächsten drei Monaten nicht auf dem Spiel.
Also erklärt er, er sei zur Reise entschlossen. Die Nachricht, Seni
vertraue den Sternen und sehe der Reise gelassen entgegen, verbreitet
sich im Lager wie ein Lauffeuer, und bald folgen ihm einige seiner
schlimmsten Spötter an Bord des einzigen britischen Schiffes, dem
sozusagen im letzten Moment, vor dem Kriegsbeginn im Pazifik, via
Panamakanal der Druchbruch durch die Naziblockade gelingt. Am 7.
Dezember 1941 legt das Schiff unbeschadet in Southampton an; am selben
Tag bombardiert die japanische Luftwaffe Pearl Harbor.
Wenn Wilhelm Unger Abenteuer zum besten gibt, umspielt seine Lippen ein
wahrhaft grielächerisches Lächeln, das über die Stirn bis in den Ansatz
des grauen, doch jugendlich wilden Haarschopfs reicht. Er blickt vor
sich hin -- oder blickt er in sich hinein? -- bis er ganz plötzlich den
Kopf hebt (nein, nicht Kopf -- das Haupt, das Haupt!) und mich
eindringlich anstarrt, als sähe er etwas in mir, von dem ich selber
nichts weiß: “Du willst also wirklich nicht mehr an unser Projekt ran?”
Wie so oft in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten sitzen wir bei
Kaffee und Kuchen in seinem Penthouse an der Vogelsanger Straße mit dem
Blick auf den Kölner Dom. “Laßt mir ein Stück Pflaumenkuchen übrig, auch
wenn der Arzt es verboten hat...” Durch die vertikalen Jalousien
schraffiert die Sonne Schatten auf die endlosen Bücherwände und den mit
Büchern, Ordnern, Zeitschriften, Zeitungen, Artikeln, Briefen und
Notizen überladenen Eßtisch. “Das bißchen Zucker”, setzt der Diabetiker
abfällig hinzu und schleckt sich die Lippen. Pucka, die schwarze seiner
beiden beseelten Katzen, balanciert überheblich auf seiner Sessellehne,
während Fürst Myškin, die taubstumme Schneewittchenschönheit, sich an
mich schmiegt und lange weiße Haare hinterläßt, wo mir die Bügelfalte
fehlt. Shakespeare und Dostojewski...
Ich half das “Projekt”, seit vielen Jahren Wilhelms Lieblingsidee,
mitentwickeln, bis es fast reif war, mein künftiges Schicksal zu
bestimmen: Eine aus Anzeigen finanzierte Theaterzeitung zunächst für den
Köln-Bonner Raum, dann für ganz Nordrhein-Westfalen, monatlich und
möglichst jedem Theaterbesucher kostenfrei in die Hand gedrückt, damit
bei den geringen Autoentfernungen mehr Kommunikation zwischen den
Theatern und ihren Besuchern entstehe, Verlockungen, sich auch mal ins
Kulturleben von Nachbarstädten einzumischen... Gut ein Jahr lang,
1974-1975, hatten wir an der Idee gebastelt, Entwürfe getippt und
zusammengeklebt, Finanzen berechnet, mit potentiellen Geldgebern und
Verlegern gesprochen. Wir hatten uns der Realisierung so weit genähert,
daß Redaktionsräume, Anfangskapital und Kooperation der Theater deutlich
ins Visier gerieten. Aber das Schicksal verbündete sich plötzlich gegen
das “Projekt” mit einem völlig überraschenden Zufall, der mich Monate
vor dem Teststart in die USA verschlug, wo sich weitere Zufälle mit
Wunsch und Wille zusammentaten, mich gegen Wilhelms Pläne zu
verschwören. Schnöde kehrte ich 1976 Deutschland den Rücken, ein
Taugenichts, der nicht nur, wenn auch zuerst, nach Rom wanderte und dann
über den Ozean flog. Hätte unser Projekt meine Aurelie werden können?
Es gehört jedenfalls zu den wenigen unerfüllten Plänen, um die es mir
leid tut und an die ich mich mit Wehmut erinnere; und wenn ich bei
meinen jährlichen Kölnbesuchen aus Wilhelms “Domzimmer” über die Dächer
der Stadt blicke und nostalgische Gefühle in mir aufwirbeln angesichts
der Türme, über die ich mich früher gerne lustig machte, und wenn dann
Wilhelms Stimme schmeichelt, während er seine längst erkaltete Pfeife
schmaucht: “Was hätten wir nicht auf die Beine stellen können!” -- dann
werde ich beinahe weich.
Anfang der sechziger Jahre, als Kölner Gymnasiast, dem die Sportseiten
in der Zeitung immer langweiliger wurden und der sich immer mehr für
Politik und Kultur zu interessieren begann, las ich seinen Namen
erstmals, und dann häufiger, mindestens wöchentlich, im Kölner
Stadt-Anzeiger. Immer öfter ging ich selbst ins Theater und verglich
meine Eindrücke mit denen, die da in der Zeitung abgedruckt standen.
Bald versuchte ich mich selbst mit dem Rezensieren, wenn auch nur in der
Schülerzeitung. Es beeindruckte mich, daß Wilhelm Unger nicht nur Augen
und Ohren für die großen Bühnen aufsperrte, sondern auch kleinen
Theatern in seinen Artikeln wohlwollend Raum gönnte, wie dem “Keller”,
in dem Jürgen Flimm seine ersten Regieversuche unternahm, und dem
Experimentiertheater meiner Altersgenossin Signe Piehler, die zur
gleichen Schule ging wie meine Schwester. Wilhelm Unger machte Mut.
Nicht zuletzt war es seine offensichtliche Zuneigung zum noch nicht
Etablierten, wie er sie auf den Feuilletonseiten des Kölner
Stadt-Anzeiger demonstrierte, die mir nach dem Abitur 1966 Mut machte,
einen Artikel an die Redaktion zu schicken. Als ich dann, kaum zwanzig
Jahre alt, regelmäßiger freier Mitarbeiter wurde, lernte ich ihn
persönlich kennen, wie er da in seinem fast immer blauen Anzug am
überhäuften Schreibtisch im Pressehaus auf die Schreibmaschine
eindrosch. Über ein flüchtiges “Guten Tag!” ging die Bekanntschaft
allerdings anfangs nicht hinaus.
Das änderte sich schlagartig, nachdem es zwischen Wilhelm Unger und mir
mitten im Redaktionsraum zu einer lautstarken politischen
Meinungsverschiedenheit kam, im heißen Frühjahr 1968, kurz nach dem
Attentat auf Rudi Dutschke.
Ich befürwortete eine nicht gerade
gewaltlose Studentendemonstration, für die er wenig freundliche Worte
fand. Schließlich verzog er sich schmollend, so schien es, in ein
Redaktionszimmer; hatte ich richtig gehört, hatte er mir etwa gedroht,
dafür zu sorgen, daß ich nicht mehr für “seine” Zeitung schreiben
dürfte? Wütend stürmte ich aus der Redaktion. Kurz darauf rief mich der
Feuilletonchef zuhause an: Meine heftigen Auslassungen hätten Herrn
Unger erschüttert; er lasse anfragen, ob wir das ganze nicht sachlich
diskutieren könnten. Am nächsten Tag redeten wir lange miteinander; und
obwohl wir uns in der Sache nicht einigen konnten, wurden wir bei diesem
Gespräch Freunde.
Später, in den siebziger Jahren, als ich selber eine Zeitlang als
Theaterkritiker von Premiere zu Premiere durch Nordrhein-Westfalen
sauste, fachsimpelten wir oft während der Pausen, versuchten einander
nach den Vorstellungen in Wuppertal, Krefeld, Bochum oder Dortmund
Urteile zu entlocken und die an den eigenen zu messen. Spontan zeigten
wir uns beide nach der Erstaufführung eines vornazistischen
Blut-und-Boden-Stückes von Arnolt Bronnen im Wuppertaler Schauspielhaus
entsetzt ob der Leichtfertigkeit dieser Inszenierung und stellten dann
noch entsetzter fest, daß die meisten unserer Rezensentenkollegen an dem
SA-Säbelgerassel nichts weiter auszusetzen fanden.
Wir hatten enge gemeinsame Freunde, die nicht mehr unter uns weilen: die
Schallücks, Paul und Ilse, in deren Wohnung in der Müngersdorfer
Belvederestraße wir so oft zusammenhockten, diskutierten, räsonierten,
auch manchmal ein bißchen Einfluß zu nehmen versuchten auf den Kölner
Kulturklüngel oder gar, wenn andere gute Freunde der Schallücks zu Gast
waren wie Peter Scholl-Latour, darüber hinaus. Ist das nicht die Aufgabe
des kritischen Bürgers? Paul Schallück und Wilhelm Unger, die gemeinsam
lange die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit führten
und die jährliche “Woche der Brüderlichkeit” organisierten, waren eine
überzeugende Lobby des humanistischen Geistes, weit über den
“christlich-jüdischen” Rahmen hinaus und wenig im Sinne der Politiker
der mit “Christlichkeit” hochstapelnden Partei. Sie wirkten beharrlich
als Anwälte von Versöhnung und gutem Willen, wobei sie nicht davor
zurückscheuten, ihre Waffe, das Wort, kompromißlos gegen Heuchelei und
Niedertracht einzusetzen -- der ehemalige Exilant, der seine Schwestern
im KZ verloren hatte und zögernd nach Deutschland zurückgekehrt war, und
der ehemalige Wehrmachtssoldat, der zu den frühen Größen des
literarischen Kahlschlags und der Gruppe 47 zählte. (Gemeinsam war ihnen
merkwürdigerweise, daß beider Mütter aus Rußland stammten -- denn Paul
Schallücks Mutter war Sibirin aus Irkutsk, die sich gegen Ende des
ersten Weltkriegs während der revolutionären Wirren in einen über die
Steppe ostwärts fliehenden deutschen Soldaten verliebt hatte und mit ihm
durch Dick und Dünn fernöstlicher Odyssee schließlich in seinem
westfälischen Heimatort Warendorf gelandet war.) Zu Paul Schallücks
Lebzeiten zeigte sich Wilhelm Unger häufig als der konziliantere, doch
in den Jahren seit Pauls Tod am 29. Februar 1976 erfuhr ich an Wilhelm,
dem Älteren, eine Radikalisierung seiner Weisheit, als habe er damit das
Erbe des achtzehn Jahre jüngeren verstorbenen Freundes angetreten.
Wenn ich an Wilhelm Unger denke, dann sehe ich ihn nicht nur, wie ich
ihn kenne -- in der Redaktion, im Theater, bei sich zuhause in der
modern möblierten eleganten Wohnung, als Redner und Podiumsdiskutant,
nach dem ihn tief erschütternden Tod seiner zweiten Frau Ruth, beim
Rosenmontagszug auf der Tribüne vor dem DuMont-Pressehaus, durch den
Rauch eines sommerlichen Kartoffelfeuers in Alexandersbad bei Wunsiedel
im Fichtelgebirge, wohin er vom jährlichen Bayreuther Festspielspektakel
regelmäßig Ausflüge machte, um die Schallücks an ihrem Sommerdomizil zu
besuchen und um sich Theateraufführungen auf der Naturbühne Luisenburg
anzuschauen, die dann im Kölner Stadt-Anzeiger neben seinen
Wagnerrezensionen Widerhall fanden. Ich versuche mir ihn auch
vorzustellen, wie ich ihn nicht persönlich kenne, als Verfolgten der
Nazischergen, als deportierten Emigranten in Australien. Und in all den
bewegten und bewegenden Bildern, die ich von ihm im Kopf habe, den
eigenen und jenen, die ich mir von ihm mache, steht und geht, sitzt und
schreibt er als ein Mann, der trotz aller Schicksalsschläge und
Enttäuschungen immer wieder Mut faßte, ein Mensch, der bei aller
Konzilianz im Umgang, bei all seiner freundlichen Rücksichtnahme, bei
seiner fördernden Verbindlichkeit und seinem ihn selten im Stich
lassenden Humor sich seine Kritikfähigkeit nicht hat abkaufen lassen,
egal ob es sich ums Theater oder um die Wirklichkeit handelt, und der
weder einen Hehl macht aus seinen Hoffnungen auf Besserung -- des
Theaters, der Wirklichkeit -- noch aus seinen bittersten Befürchtungen
-- zum Beispiel, daß die Heyme-Ära am Kölner Theater die schlimmste
nicht war, und daß in der Bundesrepublik Deutschland Antisemitismus und
Fremdenhaß wieder die deutsche Atmosphäre vergiften könnten und er “auf
seine alten Tage” sich noch einmal gezwungen sähe, die Heimat zu
verlassen.
(Fred Viebahn; Tempe, Arizona/USA, Februar 1983)