<h1>Exil–P.E.N.</h1><h2>P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland</h1>

IN ERINNERUNG AN WILHELM UNGER

Zum 20. Todestag des früheren Sekretärs des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland

Zwei Texte von Fred Viebahn

Am 20. Dezember 1985 klingelte bei mir in Tempe, Arizona das Telefon. Es war Meret Meyer, Marc Chagalls Enkelin und in den vergangenen zehn Jahren die engste Vertraute unseres gemeinsamen Freundes Wilhelm Unger; im Jahr zuvor hatte sie zu seinem achtzigsten Geburtstag bei DuMont den schönen Auswahlband aus Ungers Werken, “Wofür ist das ein Zeichen?”, herausgegeben. “Wilhelm ist tot”, sagte sie schlicht. Wenige Monate zuvor hatten wir ihn noch wie bei jeder unserer Deutschlandreisen besucht. Aussehen und Verhalten des einst so lebenslustigen Schriftstellers und Journalisten waren besorgniserregend, auch wenn unsere zweijährige Tochter ihn beim Spiel mit seinen geliebten Katzen ein bißchen aufmunterte; “es geht steil bergab mit mir”, sagte er betrübt auf seinem einundachtzigsten Geburtstag am 6. Juni 1985.

Zur Zeit der Machtergreifung der Nazis hatte der 1904 als Sohn des jüdischen Arztes Samuel Unger und seiner russisch-jüdischen Frau Flora in Bad Hohensalza geborene Wilhelm Unger gerade begonnen, sich einen Namen im deutschen Kulturbetrieb zu machen; nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie an den Universitäten Köln und Bonn schrieb er für die Kölnische Zeitung und den Westdeutschen Rundfunk, und 1929 erschien sein erstes Buch, “Beethovens Vermächtnis”, verfaßt zum hundertsten Todestag des großen Komponisten.
Das Werk landete auf dem nationalsozialistischen Scheiterhaufen, und nur unter Pseudonym konnte Unger noch eine Zeitlang privat veröffentlichen. Er versuchte auszuharren, doch am 15. März 1939, am Tag des Einmarsches der deutschen Truppen in Prag, verließ ihn die letzte Hoffnung, und er floh nach London. Er folgte damit seinem zwei Jahre älteren Bruder, dem Dramatiker und früheren UFA-Chefdramaturgen Alfred H. Unger, der sich bereits 1937 fürs englische Exil entschieden hatte; die Brüder entgingen so dem Schicksal ihrer beiden Schwestern Ella und Grete, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, während die Eltern Theresienstadt überlebten. (Nach dem Krieg wurde Alfred vor allem als Übersetzer englischer Bühnenautoren wie Terrence Rattigan und Peter Ustinov bekannt; viele Jahre saß er im Vorstand des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, dem er auch einige Zeit als Vorsitzender diente. Er starb 1989 ebenfalls in Köln, der Stadt, die den Ungers seit 1907 Heimat gewesen war.)

Nach anderthalbjähriger Zwangsdeportierung, auf die ich weiter unten eingehe, arbeitete Wilhelm Unger während des Krieges in der Kulturabteilung der BBC, wurde Mitgründer des berühmten deutschsprachigen “Club 1943” und fungierte bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland Ende 1956 als Sekretär des Clubs; von 1955 bis 1957 bekleidete er zudem das Amt des Sekretärs des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

1947 reiste der Unermüdliche im Auftrag der britischen Control Commission erstmals ins Trümmerdeutschland, wo er am ersten deutschen Schriftstellerkongreß in Berlin teilnahm. Der International PEN bat ihn, bei der Gelegenheit zwanzig politisch unbelastete deutsche Schriftsteller von Rang ausfindig zu machen, um die Neuzulassung eines innerdeutschen PEN-Zentrums in Erwägung zu ziehen.
Wilhelm Unger beschloß, selber zunächst nicht zurück nach Deutschland zu ziehen, sondern weiter aus dem englischen Exil heraus am Neubeginn mitzuwirken; so war er 1949 zusammen mit Adolf Grimme und Oskar Jancke maßgeblich an der Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt beteiligt und bewirkte unter anderem bereits vorher, daß sein früherer Arbeitgeber an der Kölnischen Zeitung, der DuMont-Verlag, von den britischen Militärbehörden die Genehmigung für eine neue Tageszeitung, den Kölner Stadt-Anzeiger, erhielt.

Erst im Dezember 1956, nach dem Ende seiner Ehe mit der englischen Germanistin Leonora Doris Leigh, kehrte Unger ganz zurück nach Köln und begann eine Karriere im Feuilleton des Kölner Stadt-Anzeiger, während er gleichzeitig für den WDR, die Deutsche Welle und die Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland schrieb. 1958, nicht lange nach seiner Rückkehr, holte der inzwischen einflußreiche Theaterkritiker einen englischen Provinzregisseur deutsch-jüdischer Abstammung nach Köln; indem er im Theater am Dom seinem Freund Peter Zadek die erste deutsche Inszenierung besorgte, gab er der deutschen Bühne einen ihrer gewaltigsten und folgenreichsten Anstöße der Nachkriegszeit.

Wilhelm Unger hatte Gespür für Talent, und seine große Liebe gehörte neben klassischer Musik dem Theater. Gewann er einmal Gefallen an einem jungen Theatermenschen, dann ließ er so leicht nicht wieder los, wurde zum kritischen Begleiter mit Lob und, wenn es sein mußte, Tadel. In Jürgen Flimm fand er bald einen weiteren Schützling, den er von seinen ersten theatralischen Sprüngen in der Kölner Theaterwelt an begeistert begleitete, bis Flimm in die höchsten Höhen deutscher Theaterluft aufgestiegen war. Unentwegt unterstützte er auch das weder vorm Schocken noch vorm Scheitern zurückscheuende multimediale Experimentiertheater der später tragisch ums Leben gekommenen Kölner Dichterin Signe Piehler.

Es fiel Wilhelm Unger zeitlebens leicht, mit seinem umgänglichen Wesen und scharfen Intellekt überall gute Freunde zu finden, so auch unter den jungen Schriftstellerkollegen in seiner alt-neuen Heimatstadt. 1958, im selben Jahr, als er Zadek nach Köln holte, gründete er gemeinsam mit Heinrich Böll und Paul Schallück die Germania Judaica (Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums) und die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.
Wie schon in seinen Londoner Jahren fand er neben seinen unermüdlichen Schreibmühen als Journalist die Zeit zu ehrenamtlichen Tätigkeiten in den Vorständen zahlreicher Organisationen; z.B. saß er in den siebziger Jahren, während er die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit leitete, gleichzeitig im Präsidium des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland.

1983 ehrte die Kölner Stadtbücherei Wilhelm Unger in ihrer Zeitschriftenserie “Literatur in Köln”; ich schrieb dafür den folgenden Essay, der inzwischen längst nicht mehr im Druck ist und dessen Wiederveröffentlichung hier, auf der Webseite des ihm geschichtlich eng verbundenen PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, anläßlich von Ungers zwanzigstem Todestag und fast zwei Jahre nach seinem hundertsten Geburtstag dazu beitragen mag, diesen wesentlichen Vertreter deutscher Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts vor dem Vergessen zu bewahren.

 

BEWEGTE BILDER

(Erstveröffentlichung in “LIK -- Literatur in Köln”, Nr. 15, 1983)


Sommer 1940. Die See ist relativ ruhig in diesen Juli- und Augusttagen, als der englische Militärkonvoi südwärts seine Bahn durch den Atlantik kielt und ums Kap der guten Hoffnung biegt. Und in gute Hoffnung versuchen sich die dreitausend nichtenglischen Passagiere ständig zu schaukeln, sofern sie nicht allzu seekrank sind. Vor allem hoffen sie darauf, jenen früheren Landsleuten ausweichen zu können, die sich mit dem Gröfaz eingelassen haben und kaum zögern würden, mit Minen und Torpedos ihre dreitausend ehemaligen Mitbürger kurzerhand zu ersäufen.

Warum aber begeben sich diese Menschen in eine solche Gefahr? Nun, sie befinden sich beileibe nicht freiwillig an Bord des Dampfers, dem der Union Jack am Mast flattert, sondern sie sind dazu gezwungen worden: dreitausend deutsche Emigranten, überwiegend Juden, und damit aufgrund ihrer deutschen Herkunft, so hat die britische Regierung mit regierungsüblicher Logik geschlossen, eine Brutstätte feindlicher Spione, seit zwischen den Briten und dem Heimatland der dreitausend, dem diese doch entflohen sind, Krieg herrscht. Und die Spionageverdächtigen, darunter Nobelpreisträger, Wissenschaftler, Ärzte, Künstler, Musiker, Schriftsteller, Theaterleute -- Männer wie Frauen wie Kinder -- sollen nun so weit weg wie möglich interniert werden.

Die Reise nach Australien ist trist, es mangelt an so manchem, und das Bewußtsein ständiger Todesgefahr gestaltet das Bordleben nicht gerade heiter. Man versucht einander Mut zu machen, indem man für die Kinder Schulunterricht organisiert, Konzerte veranstaltet, einander Geschichten erzählt. Und dann hat jemand eine grandiose Idee: Am 28. August ist doch Goethes Geburtstag, das muß man entsprechend feiern!

Wilhelm Unger (wer sonst?) hat natürlich das, was ihn am meisten aufleben läßt, im Sinn -- Theater! Genauer gesagt, sein Lieblingsstück, den “Faust”. Das Problem ist nur, er besitzt keine Bücher mehr; alles Schriftliche, das er mit sich brachte, einschließlich selbstverfaßter Schriften, ist von mißtrauischen britischen Wachsoldaten konfisziert und über Bord geworfen worden. Aber es wäre doch gelacht, kalkuliert er, wenn sich unter dreitausend Deportierten nicht genügend Bildung finden ließe, wenigstens die Szene des faustischen Pakts mit Mephisto lückenlos und wortgetreu zu rekonstruieren!

Er hat recht. Bald studieren zwei Schauspieler unter Ungers Regie die Szene ein, und nach ein paar Wochen Probezeit findet Goethe, während sich an seinem ehemaligen Spazierweg bei Weimar die Schergen von Buchenwald in Folter- und Mordorgien ergehen, sein dankbarstes Publikum an Bord dieses stählernen Ungetüms im Indischen Ozean. In seiner aufmunternden Eröffnungsansprache an seine Mitgefangenen beschwört Wilhelm Unger aus dem “Wilhelm Meister” den Obstbaum, von dem man sich im Winter kaum vorstellen könne, daß er jemals wieder blühe, und dennoch... Anschließend bricht er erschöpft zusammen, so daß er nach einer Reise von zwei Monaten und einem Tag das Einlaufen in den Melbourner Hafen vom Krankenbett aus erleben muß.

Auf den Tag vierzig Jahre nach der denkwürdigen Goethefeier südlich des Äquators schildert er uns dieses Erlebnis, das so eindringlich seine große Liebe charakterisiert, die Liebe zu Theater und Literatur; und gleich darauf folgt eine weitere Geschichte, die seine merkwürdige, ebenfalls lebenslange Leidenschaft für die Astrologie erhellt: Seine Mitinsassen im australischen Internierungslager bedenken ihn mit dem Spitznamen Seni, nach dem Sternendeuter des Schillerschen Wallenstein, denn er stellt jedem, der ihn darum bittet, das Horoskop. Den Spott, mit dem ihn einige Wissenschaftler -- Astronomen darunter -- und andere Zweifler übergießen, schluckt er gutmütig. Endlich, nach über einem Jahr in der staubigen Hitze des fünften Kontinents, erhält er mithilfe einflußreicher Londoner Freunde ein Visum zur Rückkehr nach England. Soll er es tatsächlich wahrnehmen, sobald sich die Gelegenheit ergibt, oder sich lieber in Australien nach dauernder Bleibe außerhalb des Lagers umsehen? Immerhin wurden die letzten drei britischen Schiffe beim Versuch, die deutsche Blockade zu durchbrechen, versenkt. Dazu kommen Gerüchte über einen bevorstehenden Angriff der Japaner im Pazifik. Im Spätsommer 1941 legt ein britisches Schiff im Hafen an, das die Brockade durchbrochen hat und dessen Kapitän fest entschlossen ist, nach einigen Tagen wieder zurück nach Europa aufzubrechen -- man habe Platz für fünfzig Passagiere. Der Lagerkommandant warnt alle, die inzwischen ein Visum besitzen, davor, diese gefährliche Gelegenheit wahrzunehmen. Da setzt sich Wilhelm Unger hin und stellt sich sein Horoskop; es signalisiert ihm zwar einige Gefahr, versichert ihm jedoch gleichzeitig, sein Leben stünde in den nächsten drei Monaten nicht auf dem Spiel. Also erklärt er, er sei zur Reise entschlossen. Die Nachricht, Seni vertraue den Sternen und sehe der Reise gelassen entgegen, verbreitet sich im Lager wie ein Lauffeuer, und bald folgen ihm einige seiner schlimmsten Spötter an Bord des einzigen britischen Schiffes, dem sozusagen im letzten Moment, vor dem Kriegsbeginn im Pazifik, via Panamakanal der Druchbruch durch die Naziblockade gelingt. Am 7. Dezember 1941 legt das Schiff unbeschadet in Southampton an; am selben Tag bombardiert die japanische Luftwaffe Pearl Harbor.

Wenn Wilhelm Unger Abenteuer zum besten gibt, umspielt seine Lippen ein wahrhaft grielächerisches Lächeln, das über die Stirn bis in den Ansatz des grauen, doch jugendlich wilden Haarschopfs reicht. Er blickt vor sich hin -- oder blickt er in sich hinein? -- bis er ganz plötzlich den Kopf hebt (nein, nicht Kopf -- das Haupt, das Haupt!) und mich eindringlich anstarrt, als sähe er etwas in mir, von dem ich selber nichts weiß: “Du willst also wirklich nicht mehr an unser Projekt ran?”

Wie so oft in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten sitzen wir bei Kaffee und Kuchen in seinem Penthouse an der Vogelsanger Straße mit dem Blick auf den Kölner Dom. “Laßt mir ein Stück Pflaumenkuchen übrig, auch wenn der Arzt es verboten hat...” Durch die vertikalen Jalousien schraffiert die Sonne Schatten auf die endlosen Bücherwände und den mit Büchern, Ordnern, Zeitschriften, Zeitungen, Artikeln, Briefen und Notizen überladenen Eßtisch. “Das bißchen Zucker”, setzt der Diabetiker abfällig hinzu und schleckt sich die Lippen. Pucka, die schwarze seiner beiden beseelten Katzen, balanciert überheblich auf seiner Sessellehne, während Fürst Myškin, die taubstumme Schneewittchenschönheit, sich an mich schmiegt und lange weiße Haare hinterläßt, wo mir die Bügelfalte fehlt. Shakespeare und Dostojewski...

Ich half das “Projekt”, seit vielen Jahren Wilhelms Lieblingsidee, mitentwickeln, bis es fast reif war, mein künftiges Schicksal zu bestimmen: Eine aus Anzeigen finanzierte Theaterzeitung zunächst für den Köln-Bonner Raum, dann für ganz Nordrhein-Westfalen, monatlich und möglichst jedem Theaterbesucher kostenfrei in die Hand gedrückt, damit bei den geringen Autoentfernungen mehr Kommunikation zwischen den Theatern und ihren Besuchern entstehe, Verlockungen, sich auch mal ins Kulturleben von Nachbarstädten einzumischen... Gut ein Jahr lang, 1974-1975, hatten wir an der Idee gebastelt, Entwürfe getippt und zusammengeklebt, Finanzen berechnet, mit potentiellen Geldgebern und Verlegern gesprochen. Wir hatten uns der Realisierung so weit genähert, daß Redaktionsräume, Anfangskapital und Kooperation der Theater deutlich ins Visier gerieten. Aber das Schicksal verbündete sich plötzlich gegen das “Projekt” mit einem völlig überraschenden Zufall, der mich Monate vor dem Teststart in die USA verschlug, wo sich weitere Zufälle mit Wunsch und Wille zusammentaten, mich gegen Wilhelms Pläne zu verschwören. Schnöde kehrte ich 1976 Deutschland den Rücken, ein Taugenichts, der nicht nur, wenn auch zuerst, nach Rom wanderte und dann über den Ozean flog. Hätte unser Projekt meine Aurelie werden können? Es gehört jedenfalls zu den wenigen unerfüllten Plänen, um die es mir leid tut und an die ich mich mit Wehmut erinnere; und wenn ich bei meinen jährlichen Kölnbesuchen aus Wilhelms “Domzimmer” über die Dächer der Stadt blicke und nostalgische Gefühle in mir aufwirbeln angesichts der Türme, über die ich mich früher gerne lustig machte, und wenn dann Wilhelms Stimme schmeichelt, während er seine längst erkaltete Pfeife schmaucht: “Was hätten wir nicht auf die Beine stellen können!” -- dann werde ich beinahe weich.

Anfang der sechziger Jahre, als Kölner Gymnasiast, dem die Sportseiten in der Zeitung immer langweiliger wurden und der sich immer mehr für Politik und Kultur zu interessieren begann, las ich seinen Namen erstmals, und dann häufiger, mindestens wöchentlich, im Kölner Stadt-Anzeiger. Immer öfter ging ich selbst ins Theater und verglich meine Eindrücke mit denen, die da in der Zeitung abgedruckt standen. Bald versuchte ich mich selbst mit dem Rezensieren, wenn auch nur in der Schülerzeitung. Es beeindruckte mich, daß Wilhelm Unger nicht nur Augen und Ohren für die großen Bühnen aufsperrte, sondern auch kleinen Theatern in seinen Artikeln wohlwollend Raum gönnte, wie dem “Keller”, in dem Jürgen Flimm seine ersten Regieversuche unternahm, und dem Experimentiertheater meiner Altersgenossin Signe Piehler, die zur gleichen Schule ging wie meine Schwester. Wilhelm Unger machte Mut. Nicht zuletzt war es seine offensichtliche Zuneigung zum noch nicht Etablierten, wie er sie auf den Feuilletonseiten des Kölner Stadt-Anzeiger demonstrierte, die mir nach dem Abitur 1966 Mut machte, einen Artikel an die Redaktion zu schicken. Als ich dann, kaum zwanzig Jahre alt, regelmäßiger freier Mitarbeiter wurde, lernte ich ihn persönlich kennen, wie er da in seinem fast immer blauen Anzug am überhäuften Schreibtisch im Pressehaus auf die Schreibmaschine eindrosch. Über ein flüchtiges “Guten Tag!” ging die Bekanntschaft allerdings anfangs nicht hinaus.

Das änderte sich schlagartig, nachdem es zwischen Wilhelm Unger und mir mitten im Redaktionsraum zu einer lautstarken politischen Meinungsverschiedenheit kam, im heißen Frühjahr 1968, kurz nach dem Attentat auf Rudi Dutschke.
Ich befürwortete eine nicht gerade gewaltlose Studentendemonstration, für die er wenig freundliche Worte fand. Schließlich verzog er sich schmollend, so schien es, in ein Redaktionszimmer; hatte ich richtig gehört, hatte er mir etwa gedroht, dafür zu sorgen, daß ich nicht mehr für “seine” Zeitung schreiben dürfte? Wütend stürmte ich aus der Redaktion. Kurz darauf rief mich der Feuilletonchef zuhause an: Meine heftigen Auslassungen hätten Herrn Unger erschüttert; er lasse anfragen, ob wir das ganze nicht sachlich diskutieren könnten. Am nächsten Tag redeten wir lange miteinander; und obwohl wir uns in der Sache nicht einigen konnten, wurden wir bei diesem Gespräch Freunde.

Später, in den siebziger Jahren, als ich selber eine Zeitlang als Theaterkritiker von Premiere zu Premiere durch Nordrhein-Westfalen sauste, fachsimpelten wir oft während der Pausen, versuchten einander nach den Vorstellungen in Wuppertal, Krefeld, Bochum oder Dortmund Urteile zu entlocken und die an den eigenen zu messen. Spontan zeigten wir uns beide nach der Erstaufführung eines vornazistischen Blut-und-Boden-Stückes von Arnolt Bronnen im Wuppertaler Schauspielhaus entsetzt ob der Leichtfertigkeit dieser Inszenierung und stellten dann noch entsetzter fest, daß die meisten unserer Rezensentenkollegen an dem SA-Säbelgerassel nichts weiter auszusetzen fanden.

Wir hatten enge gemeinsame Freunde, die nicht mehr unter uns weilen: die Schallücks, Paul und Ilse, in deren Wohnung in der Müngersdorfer Belvederestraße wir so oft zusammenhockten, diskutierten, räsonierten, auch manchmal ein bißchen Einfluß zu nehmen versuchten auf den Kölner Kulturklüngel oder gar, wenn andere gute Freunde der Schallücks zu Gast waren wie Peter Scholl-Latour, darüber hinaus. Ist das nicht die Aufgabe des kritischen Bürgers? Paul Schallück und Wilhelm Unger, die gemeinsam lange die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit führten und die jährliche “Woche der Brüderlichkeit” organisierten, waren eine überzeugende Lobby des humanistischen Geistes, weit über den “christlich-jüdischen” Rahmen hinaus und wenig im Sinne der Politiker der mit “Christlichkeit” hochstapelnden Partei. Sie wirkten beharrlich als Anwälte von Versöhnung und gutem Willen, wobei sie nicht davor zurückscheuten, ihre Waffe, das Wort, kompromißlos gegen Heuchelei und Niedertracht einzusetzen -- der ehemalige Exilant, der seine Schwestern im KZ verloren hatte und zögernd nach Deutschland zurückgekehrt war, und der ehemalige Wehrmachtssoldat, der zu den frühen Größen des literarischen Kahlschlags und der Gruppe 47 zählte. (Gemeinsam war ihnen merkwürdigerweise, daß beider Mütter aus Rußland stammten -- denn Paul Schallücks Mutter war Sibirin aus Irkutsk, die sich gegen Ende des ersten Weltkriegs während der revolutionären Wirren in einen über die Steppe ostwärts fliehenden deutschen Soldaten verliebt hatte und mit ihm durch Dick und Dünn fernöstlicher Odyssee schließlich in seinem westfälischen Heimatort Warendorf gelandet war.) Zu Paul Schallücks Lebzeiten zeigte sich Wilhelm Unger häufig als der konziliantere, doch in den Jahren seit Pauls Tod am 29. Februar 1976 erfuhr ich an Wilhelm, dem Älteren, eine Radikalisierung seiner Weisheit, als habe er damit das Erbe des achtzehn Jahre jüngeren verstorbenen Freundes angetreten.

Wenn ich an Wilhelm Unger denke, dann sehe ich ihn nicht nur, wie ich ihn kenne -- in der Redaktion, im Theater, bei sich zuhause in der modern möblierten eleganten Wohnung, als Redner und Podiumsdiskutant, nach dem ihn tief erschütternden Tod seiner zweiten Frau Ruth, beim Rosenmontagszug auf der Tribüne vor dem DuMont-Pressehaus, durch den Rauch eines sommerlichen Kartoffelfeuers in Alexandersbad bei Wunsiedel im Fichtelgebirge, wohin er vom jährlichen Bayreuther Festspielspektakel regelmäßig Ausflüge machte, um die Schallücks an ihrem Sommerdomizil zu besuchen und um sich Theateraufführungen auf der Naturbühne Luisenburg anzuschauen, die dann im Kölner Stadt-Anzeiger neben seinen Wagnerrezensionen Widerhall fanden. Ich versuche mir ihn auch vorzustellen, wie ich ihn nicht persönlich kenne, als Verfolgten der Nazischergen, als deportierten Emigranten in Australien. Und in all den bewegten und bewegenden Bildern, die ich von ihm im Kopf habe, den eigenen und jenen, die ich mir von ihm mache, steht und geht, sitzt und schreibt er als ein Mann, der trotz aller Schicksalsschläge und Enttäuschungen immer wieder Mut faßte, ein Mensch, der bei aller Konzilianz im Umgang, bei all seiner freundlichen Rücksichtnahme, bei seiner fördernden Verbindlichkeit und seinem ihn selten im Stich lassenden Humor sich seine Kritikfähigkeit nicht hat abkaufen lassen, egal ob es sich ums Theater oder um die Wirklichkeit handelt, und der weder einen Hehl macht aus seinen Hoffnungen auf Besserung -- des Theaters, der Wirklichkeit -- noch aus seinen bittersten Befürchtungen -- zum Beispiel, daß die Heyme-Ära am Kölner Theater die schlimmste nicht war, und daß in der Bundesrepublik Deutschland Antisemitismus und Fremdenhaß wieder die deutsche Atmosphäre vergiften könnten und er “auf seine alten Tage” sich noch einmal gezwungen sähe, die Heimat zu verlassen.

(Fred Viebahn; Tempe, Arizona/USA, Februar 1983)