Was gibt es Neues?
Nadine Englhart
3. Dezember 2012: Kleiner Nachklapp zum Tag des inhaftierten Schrifstellers
Am 15. November, dem Tag des inhaftierten Schriftstellers, fand abends auf dem Münchner Max-Joseph-Platz eine kleine Kundgebung statt. Dort wurde “Die Gedanken sind frei” gesungen und Gedichte von Moris Farhi, Heinrich Heine, Getrud Seehaus, Alina Wituchnowskaja, Shi Tao, Faraj Bayrakdar und Amer Mattar vorgetragen, mit freundlicher Genehmigung der Autoren und Übersetzer. Veranstaltet wurde das Ganze vom Piraten-Kreisverband München, dessen stellvertretende Vorsitzende ich seit Ende Juli bin. Den Bericht auf der Kreisverbandswebsite (garniert mit einigen Bildern) gibt es hier: http://muenchen.piratenpartei.de/tag-des-inhaftierten-schriftstellers-in-munchen/
(PS: Daß die Piratenpartei das Urheberrecht gänzlich abschaffen will, ist übrigens ein hartnäckiges, jegliche Grundlage entbehrendes Gerücht.)
Statt weiterer Worte noch eine von mir übersetzte Fallbeschreibung eines der vom International PEN herausgegebenen "focus cases":
Shiva Nazar Ahari, Iran, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Bloggerin
Wenn dein Herz um die Freiheit eines anderen Menschen zittert, ist das der Moment des Abgleitens; dann beginnen die Verhöre. Wenn Dein Herz wegen eines anderen Gefangenen zittert, wegen einer Frau, wegen eines Kindes, das zu schwerer Arbeit gezwungen wurde, dann wirst du angeklagt. Wenn du an Menschen glaubst, an die Menschlichkeit und an nichts sonst, dann begehst Du Dein erstes Verbrechen. (Aus einem Brief Shiva Nazar Aharis an eine Mitgefangene)
Shiva Nazar Ahari, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Bloggerin, ist aufgrund ihrer Berichte zur Menschenrechtslage und ihrer friedlichen Protestaktionen zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Der Internationale PEN vertritt die Auassung, daß sie ausschließlich aufgrund der friedlichen Ausübung ihrer Meinungsfreiheit gemäß dem Artikel 19 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, der 1975 vom Iran ratiziert wurde, inhaftiert und verurteilt worden ist, und ruft zur sofortigen und bedingungslosen Freilassung von Shiva Nazar Ahari auf.
Shiva Nazar Ahari, 28 Jahre, ist eine preisgekrönte Menschenrechtsaktivistin und ein Gründungsmitglied des Committee of Human Rights Reporters (CHRR). Sie wurde am 8. September 2012 vorgeladen, um die vierjährige Haftstrafe im Evin-Gefängnis anzutreten, zu der sie aufgrund ihrer angeblichen Teilnahme an politischen Versammlungen im Jahr 2009 verurteilt wurde. Die Vorwürfe bei ihrer Festnahme am 14. Juni 2009 auf einer Protestkundgebung gegen die umstrittene Präsidentenwahl lauteten “Kriegführung gegen Gott”, “Propaganda gegen die Regierung”, “Vergehen gegen die nationale Sicherheit” und “Störung der öffentlichen Ordnung”.
Shiva Nazar Ahari wurde am 13. Oktober 2009 gegen Kaution freigelassen, am 20. Dezember 2009 erneut verhaftet und bis zum 12. September 2010 in jenem Trakt 209 des Evin-Gefängnis festgehalten, der dem iranischen Geheimdienstministerium untersteht. Am 4. September 2010 wurde sie von einem Bezirksgericht zu 74 Peitschenhieben und sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde in einer Berufungsverhandlung auf 4 Jahre vermindert und Shiva Nazar Ahari in das Rajaee Shahr-Gefängnis verlegt. Shiva Nazar Ahari wurde aufgrund ihres friedlichen Widerstand und ihrer Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Iran seit 2002, seit ihrem 18. Lebensjahr, mehrmals zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Das Committee of Human Rights Reporters (CHRR) wurde 2005 gegründet. Seine Kampagnen prangern vielfältige Menschenrechtsverletzungen im Iran an; gegen Frauen, Kinder, Gefängnisinsassen, ethnische Minderheiten und Arbeiter. Seit der Proteste gegen die Präsidentenwahl im Juni 2009 ist die Organisation in den Fokus des iranischen Staates geraten. Jegliche Zusammenarbeit mit dem CHRR wird als Straftat betrachtet. Einige Mitglieder des Komitees haben aus Angst um ihre Sicherheit das Land verlassen, mindestens acht seiner Mitglieder benden sich seit November 2009 in Haft.
Weibliche Journalistinnen und Aktivistinnen stehen an der Spitze des Kampfes um Menschenrechte im Iran. Viele von ihnen wurden gezwungen, ins Exil zu gehen, wie die Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die Gründerin des Zentrums zur Verteidigung der Menschenrechte und die Herausgeberin Parvin Ardalan, welche die Kampagne “Eine Million Unterschriften” mitbegründet hat. Zahlreiche weitere Frauen sind im Iran als Straftäterinnen verurteilt oder inhaftiert worden, wie etwa die Anwältin und Journalistin Nasrin Soutadeh, die Journalistin Jila Baniya’ghoub und die Menschenrechtsaktivistin und Journalistin Nargess Mohammadi.
Bitte schreiben Sie einen Brief:
- Protestieren Sie darin gegen die widerrechtliche Inhaftierung der Menschenrechtsaktivistin Shiva Nazar Ahari, welche ausschließlich aufgrund ihres friedlichen Engagements für die Meinungsfreiheit erfolgte.
- Verlangen Sie ihre unverzügliche und bedingungslose Freilassung in Übereinstimmung mit dem Artikel 19 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, den der Iran am 24. Juni 1975 ratiziert hat
- Verlangen Sie die Zusicherung, daß Shiva Nazar Ahari jederzeit von ihrer Familie besucht werden kann und vollumfänglichen Zugang zu medizinischer Versorgung erhält.
Bitte richten Sie Ihr Schreiben an:
Den obersten Führer der Islamischen Republik
Seine Exzellenz Ayatollah Sayed Ali Khamenei,
Büro des Obersten Führers
Shoahada Street,
Qom, Islamische Republik Iran
Den Leiter der Justiz
Ayatollah Sadeqh Larijani
Howzeh Riyasat-e Qoveh Qazaiyeh (Büro des Leiters der Justiz)
Pasteur St., Vali Asr Ave., south of Serah-e Jomhouri
Teheran 1316814737, Islamische Republik Iran
Bitte richten Sie Kopien an:
Seine Exzellenz Mahmoud Ahmadinejad
Präsident des Iran
Palestine Avenue
Azerbaijan Intersection
Teheran, Islamische Republik Iran
Bitte schicken Sie eine Kopie Ihres Schreibens an den jeweiligen Vertreter Irans in Ihrem Land.
Weitere Informationen und Fälle finden Sie auf der Website des Internationalen PEN: http://www.pen-international.org/day-of-the-imprisoned-writer-2012/
Günter Kunert
13. November 2012: ZU MARGA SPIEGEL
Hundert Jahre alt zu werden und das dazu unter Bewahrung der geistigen Kräfte, ist allemal bewundernswert. Und erst recht bewundernswert ist es, dabei als Überlebende des Holocaust ein Leben durchgestanden zu haben, dessen Bedrohtsein von den Nachgeborenen wohl kaum nachempfunden werden kann. Marga Spiegel hat den Verlust vieler ihr Nahestehender zu ertragen gehabt, ohne jedoch zu resignieren. Wahrscheinlich ist, daß Menschen mit einem ähnlichen Schicksal wie dem Marga Spiegels, ihre innere Stärke einem besonderen Umstand verdanken, nämlich dem Willen, Zeugnis abzulegen über Geschehnnisse, wie sie niemand vor Beginn der Hitlerschen Barbarei sich hätte ausdenken können. Indem die Überlebenden sich der Aufgabe des Erinnerns und Mahnens nicht entziehens, bewahren sie die Toten, ihre Toten, die ja auch die unseren sind, vor dem drohenden Vergessen. Sie, die Geretteten, wie Primo Levi jene Entkommenen nannte, sprechen für die gewaltsam zum Verstummen Gebrachten - wie es eben auch unsere Jubilarin getan hat. In einer Welt wie der heutigen, in der es immer noch und immer wieder blutig und brutal zugeht, zählt jede Stimme gegen das Unheil, das Menschen anderen Menschen zufügten und zufügen. Die Humanität ist stets in Gefahr, der Gewalt zum Opfer zu fallen. Daß es sie zu bewahren gilt, um damit der Vergangenheit keine Zukunftsschance zu geben, dafür hat Marga Spiegel stets sehr viel getan und dafür sei ihr großer Dank geschuldet.
Kunert
Ulrich W. Sahm
29. Oktober 2012: Das gebrannte Kind ist gestorben
Cordelia Edvardson, Autorin des Buches “Gebranntes Kind sucht das
Feuer”, uneheliche Tochter der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer und
des Staatsrechtlers Hermann Heller (1891–1933), ist am 29. Oktober in Stockholm im
Alter von 83 Jahren verstorben.
Edvardson ist 1929 in Berlin geboren.
1943 wurde sie zur GESTAPO vorgeladen und trotz Bemühungen ihres
Stiefvaters erst nach Theresienstadt und später in das Vernichtungslager
Auschwitz geschickt. Dort erhielt sie die Nummer A3709 auf ihren
Unterarm eintätowiert.
Angeblich hatte sie als Schreibkraft sogar für
den notorischen Massenmörder Josef Mengele gearbeitet, der auf der Rampe
von Auschwitz mit einem Fingerzeig über Tod oder Leben für die in
Güterzügen angelieferten Juden entschied.
Edvardson überlebte, hatte
sich aber während ihrer Zeit im KZ mit Typhus angesteckt. Zeit ihres
Lebens litt sie unter Atembeschwerden. Nach dem Krieg lebte sie zunächst
in Schweden und zog während des Jom Kippur Kriegs 1973 nach Jerusalem,
wo sie im Stadtzentrum in einer kleinen Wohnung lebte und als
Korrespondentin für Svenska Dagbladet aus Nahost berichtete. Im Jahr
2006 kehrte sie nach Schweden zurück.
Mangels Führerschein und Auto
ließ sie sich in Israel von Kollegen zu den Brennpunkten des Geschehens
fahren ließ. Obgleich sie niemals über ihre Erlebnisse in Auschwitz
erzählte, war ihr die persönliche Vergangenheit stets präsent. Bei einer
Reportagenfahrt 1982 nach Kirjat Schmone im Norden Israels, als die
Stadt ständig von der PLO vom Libanon aus mit Katjuscha-Raketen
beschossen worden ist, sagte sie: „Hitler hat es nicht geschafft mich
umzubringen. Dieses will ich jetzt nicht Jassir Arafat gönnen.“
Ihr
Büchlein “Gebranntes Kind sucht das Feuer” gilt als eine der
einprägendsten Darstellungen der Erlebnisse in Auschwitz und
„zupackender noch als das Tagebuch der Anne Frank“, wie die Neue
Züricher Zeitung schrieb. Für ihr Buch erhielt sie den Geschwister
Scholl Preis
Edvardson war stets eine sehr kritische Journalisten und wurde für ihre Arbeit in Schweden preisgekrönt. Vor ihren ehemaligen Haus in Berlin wurde ein Stolperstein gelegt.
© für Text und Bild: Ulrich W. Sahm
Neuer Text von Matthias Buth: Motzstraße in Berlin
Sie ist 1,5 km lang und verläuft vom Ortsteil Wilmersdorf am Prager
Platz über den Viktoria-Luise-Platz bis zum Nollendorfplatz im Ortsteil
Schöneberg.
Nicht das Motzen gab den Namen sondern der ehemalige preußische
Finanzminister Friedrich v. Motz durch Kabinettsorder vom 6. Juli 1870.
Der östliche Teil zwischen Nollendorfplatz und Kurfürstenstraße wurde
dann 1934 zur Mackensenstraße; August v. Mackenensen war NS-Mann und
Förderer Hitlers.
17. September 2012: Shana Tova 5773!

(Bild: Peter Finkelgruen)
Ein süßes und wundervolles 5773, Glück, Gesundheit und alles Gute!
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