Ralph Giordano
4. April 2012: Israel – der Weltfeind Nr. 1?
Eine Antwort auf Günter Grass' Poem
Selten
hat mich etwas so erschüttert, wie Günter Grass' einseitige Anklage
gegen Israel “Was gesagt werden muß” – eine hanebüchene
Schwerpunktverlagerung der Verantwortung für Krieg und Frieden in
der Nahostregion. Israel – der Weltfeind Nr. 1?
Diese
Umkehrung der Tatsachen, wer hier wen tödlich bedroht, trifft mich
persönlich besonders tief, weil sie aus dem Munde von Günter Grass
kommt. Als die Welt über ihn herfiel, weil er als Achtzehnjähriger
bei der Waffen-SS war (und das lange verschwiegen hat), habe ich ihn
verteidigt: “In diesem führerbesoffenen Deutschland von damals
konnte ein junger Mensch nur Nazi werden. Es käme darauf an, was
Grass in den 50 Jahren nach dem Untergang des Dritten Reiches getan
habe. Und da gäbe es vieles, was ich unterschreiben könnte.” Doch
nun brandmarkt er Israel als den eigentlichen Friedensstörer und
ruft die deutsche Regierung auf, fordert die Verteidigungsfähigkeit
des Judenstaates zu boykottieren.
Ich
setze dieser Ungeheuerlichkeit mein Credo entgegen:
Mit
diesem hochgefährdeten Land fühle ich mich unlösbar verbunden.
Eine Ankettung, die unabhängig ist von den Maßnahmen abwählbarer
Regierungen. Die Liebe zu ihm ist die Hülle meiner Kritik an ihm.
Ihm gehört all meine Bewunderung und so manches noch, was mir im
Halse stecken bleibt, wenn ich es sagen möchte und nicht kann, weil
es mir die Sprache verschlägt. Ich bin überzeugt von der Kraft
dieses Landes, ich baue auf seine Phantasie, seine Kreativität,
seine gewaltige Vitalität und seine Überlebensfähigkeit. Nie aber
waren Unruhe und Sorge berechtiger als heute, und nie Juden
gefährdeter als dort, wo sie sich am sichersten glaubten.
Günter
Grass' Poem ist ein Anschlag auf Israels Existenz.
Ralph
Giordano (Link zur Mitgliedsseite auf exilpen.net)