<h1>Exil–P.E.N.</h1><h2>P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland</h1>
Nadine Englhart

1. Juni 2011: Hans Keilson ist gestorben

Unser ehemaliger Präsident Hans Keilson ist am gestrigen Montag, den 31. Mai, in einem Krankenhaus in Hilversumse im Alter von 101 Jahren gestorben. Ein Nachruf folgt in Kürze. Ich durfte ihn vor zwei Jahren noch kennenlernen, in Amsterdam, als wir ihn zu einer Veranstaltung zu unserer letzten Anthologie eingeladen hatten:

Wie ist Göring eigentlich ums Leben gekommen? Diese Frage müßte mich erstaunen, angesichts des Mannes, der sie gestellt hat. Doch Dr. Hans Keilson, der mir im Hotelfoyer gegenübersitzt, wird mir als der Mann mit den vollen Rucksäcken in Erinnerung bleiben; mit diesem Bild erklärt er seine gelegentlichen Gedächtnislücken.

Dr. Dr. Hans Keilson wurde 1909 in Freienwalde geboren. Er ist Arzt, Psychologe, ehemaliger Turn-, Sport- und Schwimmlehrer, Dichter und Schriftsteller. Dr. Keilson wurde, nachdem er das medizinischen Staatsexamen in Berlin bestanden hatte, vom weiteren Studium ausgeschlossen, emigrierte 1936 in die Niederlande und überlebte unter einem Decknamen die deutsche Besatzung der Niederlande, wobei er, trotz der Gefahr, von den Deutschen gefaßt und ermordet zu werden, versteckten jüdischen Kindern mit psychologischer Betreuung beistand.

Nach dem Krieg studierte er erneut Medizin, später Psychologie. Seine Doktorarbeit, die er im Alter von siebzig Jahren fertigstellte „Sequentielle Traumatisierung bei Kindern“, speiste sich aus den Erfahrungen während der deutschen Besatzung. Bis zum Alter von 97 Jahren praktizierte Dr. Keilson als Psychoanalytiker.

Wir holten Dr. Keilson eine gute Stunde zuvor in seinem Haus in Bussum ab, Peter Finkelgruen lenkte seinen Wagen wieder auf die Autobahn, und die beiden Herren unterhielten sich, während ich die vorüberziehende Landschaft betrachtete. Als wir in Amsterdam angekommen vor dem Hotel aussteigen, riecht es nach Salzwasser und Fisch, und der böige Wind läßt einen ahnen, wie nah man dem Meer ist.

Ich erkläre Dr. Keilson, daß Göring sich in seiner Zelle das Leben genommen hätte, und er nickt. Im weiteren Gespräch stellen wir fest, daß „Mein Kampf“ eine recht langweilige Lektüre ist, die wir beide frühzeitig abgebrochen haben. Dr. Keilson bedauert dies, und ich versuche, ihn mit der Bemerkung zu trösten, daß vermutlich nur Leute, die ohnehin von Hitlers Ideen begeistert gewesen wären, imstande gewesen sein dürften, das Buch auch wirklich durchzulesen — da kommt auch schon das Taxi.

[...]

Am nächsten Tag reicht es leider nur noch für einen kurzen Besuch des Rijksmuseum und einen Spaziergang entlang dem Spui sowie für ein kleines Mittagessen in einem Café, das Bagels in allen Variationen anbietet, ehe wir, um dem Pendlerverkehr ein wenig voraus zu sein, gegen 14:00 Uhr aus Amsterdam abreisen, im Gepäck Tee und etwas Hoffnung, daß die Menschen in hundert Jahren sich eher an Persönlichkeiten wie Dr. Hans Keilson, die Queridos und Walter Landauer erinnern werden als daran, wie Göring zu Tode gekommen ist, was nun wirklich nicht zu den Dingen zählt, an die man sich erinnern müßte.

(aus: 21 Stunden Amsterdam - auf exilpen.de, NE, 2009)