Martin Dreyfus
"Komödie in Moll" - ein Nachruf
Im Frühjahr 1933 erschien im Verlag S. Fischer der erste Roman des gerade 24 Jahre alten Autors Hans Keilson in welchem er unter dem Titel „Das Leben geht weiter" (s)eine Jugend in der Weimarer Republik, die wirtschaftliche und die Bedrohung durch zunehmenden Antisemitismus in einer kleinen Stadt im Deutschland der Zwischenkriegszeit festhält. Die Fortsetzung „Der Tod des Widersachers" - in der Emigration in den Niederlanden entstanden - konnte erst Jahrzehnte später 1959 erscheinen. Dazwischen lagen ebenso entbehrungs- und spannungsreiche Jahre des Exils und des Lebens in der „Illegalität". Voraus ging zunächst ein 1928 begonnenes 1934 zwar noch mit dem Staatsexamen abgeschlossenes Studium der Medizin - das er sich u.a. als Musiker finanzierte - dem 1934 unmittelbar die Einschränkung der beruflichen und publizistischen Möglichkeiten folgte. Zunächst noch als Sportlehrer an den jüdischen Gemeinden in Berlin tätig emigrierte Hans Keilson 1936 nach den Niederlanden, wo er einerseits seine beruflichen wie literarischen Tätigkeiten fortführte, später mit falschen Papieren in der Illegalität, ab 1943 als Arzt für die niederländische Untergrundbewegung tätig war. Daneben entstandenzunächst noch Zeitschriften in den Niederlanden („De Gemenschaap",„Castrum Peregrini") unter Pseudonym erscheinende Gedichte und die „Komödie in Moll", 1947 bei Querido in Amsterdam erstmals erschienen und in welcher Keilson mit psychologischem Scharfsinn die Zeit der deutschen Besetzung der Niederlande zum Thema macht. Nach dem Krieg gehört Hans Keilson zu den Mitbegründern von „Ezrat Hajeled" einer Organisation zur Betreuung jüdischer Kriegswaisen in den Niederlanden. Nach einem niederländischen Studienabschluss beginnt Hans Keilson 1951 eine über fünfzigjährige Tätigkeit als Psychiater und Psychoanalytiker in Bussum. Es folgen unzählige in Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit stehende wissenschaftliche Publikationen, darunter sein 1979 veröffentlichtes (Haupt-) Werk über „sequentielle Traumatisierung" (bei verfolgten Jugendlichen), seinem eigentlichen „Lebensthema". Daneben entsteht ein literarisches Werk, welches „sein" Verlag S.Fischer 2005 in zwei Bänden mit den Gedichten und „sämtlichen Romanen und Erzählungen" herausgibt.
Neben seiner medizinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit galt Hans Keilsons Interesse und Sorge immer und vornehmlich der Sprache seines Geburtslandes in welcher er sowohl alle seine wissenschaftlichen wie literarischen Werke schrieb. Noch in einer seiner letzten Publikationen zu einer Anthologie des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland (Exil-Pen), dem Keilson über vierzig Jahre - zeitweise Mitte der 80er Jahre als dessen Präsident - angehörte, beschäftigt ihn einerseits dieses Verhältnis zur Sprache des Herkunftslandes ebenso, wie er seines ersten Lektors und „Entdeckers"beim Verlag S. Fischer, des Lyrikers Oskar Loerke gedenkt. „Da steht mein Haus" hat Hans Keilson seine vor kurzem erschienenen Lebenserinnerungen gennannt, in welchen er sich u.a. noch einmal seiner Kindheit und Jugend im Land seiner Herkunft und Sprache erinnert.
Hans Keilson wurde mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, darunter der Moses Mendelssohn Medaille und dem „Johann Heinrich Merck Preis" der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für wissenschaftliche Prosa. Seit vielen Jahren führten Reisen Hans Keilson regelmässig auch zu Vorträgen und Lesungen und einem zunehmend grösseren Bekanntenkreis in die Schweiz (wo er besonders auch die Möglichkeit zum Besuch der Zürcher Oper schätzte). 1909 in Freienwalde an der Oder geboren, ist Hans Keilson 101 Jahre alt am 31. Mai in Bussum in den Niederlanden gestorben.