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Irène Bourquin

Bassgesang

Als sie in raschem Schritt die Strasse hinaufging, zwischen zart ergrünenden Gärten, gelb, rosa und weiss blühenden Sträuchern, kam ihr von oben überraschend eine Klangwoge entgegen. Eine tiefe, dunkle Männerstimme sang in einer fremden Sprache. – Verwundert lauschend stieg sie weiter den Hang hinauf, bog nach rechts ab vor der letzten Villa auf der Seeseite, beim mächtigen Baum, in dessen Geäst vor Weihnachten 24 riesige, farbige Kugeln aufgehängt waren. – Der Gesang wurde lauter, es klang wie ein russischer Choral.

Da sah sie ihn: Hinter dem Parkgitter der Psychiatrischen Klinik, mit Blick auf den See, der sich stahlblau unter der Bise kräuselte, stand, den breiten Rücken ihr zugewandt, ein massiger, schwarzhaariger junger Mann und sang aus voller Brust. – Ein Mongole, dachte sie.

Bei der Klinik wurde gebaut; aussen am Drahtgitter, das den Zugang zur Baustelle im Park verwehrte, hing ein gelbes Schild mit rotem Signet: Schutzhelm tragen obligatorisch.

Der Gesang verstummte plötzlich. Der Sänger hatte die Passantin in seinem Rücken aus dem Augenwinkel bemerkt. «Sie haben eine schöne Stimme», sagte sie, um den Mann hinter dem Zaun zu ermutigen. – Als sie etwas weitergegangen war, fing er wieder an zu singen. Vielleicht auch ein Chinese, dachte sie, von einem der Minoritätenvölker, ein Uigure –

Jene jahrelang unschuldig in Guantánamo Einsitzenden fielen ihr ein, Gefangene, deren einziges Verbrechen es war, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Hatte nicht die Schweiz einige Uiguren aufgenommen? Was ging vor im Kopf eines Menschen, nach Jahren brutaler Haft, befreit, in Sicherheit, aber ohne Hoffnung, die Heimat, die Familie wiederzusehen?

Die Klangwoge hinter ihr wurde allmählich leiser.

© Irène Bourquin 2012