<h1>Exil–P.E.N.</h1><h2>P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland</h1>
Roland Erb

Bericht über eine Reise

nach Les Milles und Sanary-sur-mer

Im Auftrag des Vorstands des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland unternahm ich vom 26. bis 30. Januar 2011 eine Reise nach Sanary-sur-mer und Les Milles, um an den dortigen Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag, vor allem an der Enthüllung der neuen Gedenktafel für die deutschen und österreichischen Emigranten der dreißiger und vierziger Jahre in Sanary, teilzunehmen.Sanary-sur-mer war in den dreißiger Jahren und zum Teil darüber hinaus einer der bevorzugten Orte deutscher Emigranten in Frankreich.

Aus Leipzig kommend, flog ich von Berlin über Paris nach Marseille. Dort traf ich am 27. Januar mit den neun Delegierten des PEN-Zentrums Deutschland und mit Sylvestre Clancier, dem Präsidenten des Französischen PEN-Zentrums, zusammen. Wie die anderen Gäste nahm ich im folgenden an dem von der Gemeinde Sanary und dem Emigrationsforscher Manfred Flügge vorbereiteten Programm teil. Mit einem Bus der Stadt Sanary-sur-mer fuhren wir zunächst zur zwischen Aix und Marseille gelegenenGedenkstätte Les Milles. In dem großen Gebäude der ehemaligen Ziegelei waren in den vierziger Jahren für längere oder kürzere Zeit 2000-3000 Emigranten untergebracht, darunter etwa hundert Kinder, die dort zum Teil an Infektionskrankheiten starben. Die Ziegelei diente dem Vichy-Regime als Internierungs- und Durchgangslager. Die Emigranten, die nicht durch Bemühungen verschiedener Seiten freikamen oder zu fliehen vermochten, wurden über Deutschland in osteuropäische Vernichtungslager abtransportiert. Unweit des einstigen Bahnhofsgebäudes gibt es auf der Verladerampe am Bahngleis einen Gedenkstein, und in einem Güterwagen aus jenen Jahren wurde eine Fotoausstellung über das Durchgangslager Les Milles eröffnet. Im Jahr 2013, wenn die Region Marseille-Provence Europäische Kulturhauptstadt sein wird, soll die Gedenkstätte Camp des Milles insgesamt fertiggestellt sein. Zu diesem Zweck wird das riesige Ziegeleigebäude derzeit umfassend restauriert.

Wir nahmen an der Gedenkveranstaltung teil, bei der neben Hunderten von Teilnehmern ehemalige Insassen des Internierungslagers zugegen waren, des weiteren auch der Schriftsteller Jorge Semprun. Neben mehreren Reden zum gegebenen Anlaß, u. a. von Hugues Parant, dem Präfekten der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, und der Kranzniederlegung am Gedenkstein war die Verlesung der Namen der damals mitinternierten Kinder durch Schüler des Ortes Les Milles besonders eindrucksvoll. Für die deutschen Gäste und Sylvestre Clancier vom französischen PEN schloß sich eine ausführliche Besichtigung des Ziegeleigebäudes an. Danach fuhren wir mit dem Bus auf der Küstenstraße nach Sanary-sur-mer, wo wir sämtlich im Hotel Beausejour Platz fanden; die Unterbringungskosten waren von der Stadtverwaltung übernommen worden.

Am 28. Januar besichtigten wir vormittags einige der nahe dem Stadtzentrum gelegenen Häuser, in denen seinerzeit deutsche oder österreichische Emigranten wohnten, u. a. die von Thomas Mann, Franz Werfel, René Schickele, Friedrich Wolf, Franz Hessel und Lion Feuchtwanger. Nachmittags fand vor dem Office du Tourisme am Hafen die Einweihung der neuen Gedenktafel statt. Neben der stellvertretenden Bürgermeisterin Patricia Aubert sprachen Sylvestre Clancier sowie Herbert Wiesner, Sekretär des PEN-Zentrums Deutschland, und ich, wobei ich die Rede unseres Präsidenten Günter Kunert auf französisch vortrug. Die Rede Günter Kunerts, von der sich eine Reihe von Zuhörern sichtlich beeindruckt zeigte, übergab ich Madame Aubert für das Stadtarchiv. Nach der Enthüllung der neuen Gedenktafel, nunmehr mit 66 Namen deutscher und österreichischer Emigranten in Sanary-sur-mer, wurde eine von dem österreichisch-französischen Künstler Johann Pollak geschaffene Ausstellung seiner Emigrantenporträts in der Galerie des Office du Tourisme eröffnet. Danach fand im Petit Galli, dem Foyer des Stadttheaters, eine von Manfred Flügge moderierte Begegnung mit den Delegierten der drei vertretenen PEN-Zentren und zahlreichen Gästen aus Sanary und Umgebung statt, auf der zwei Stunden lang Fragen zur deutschen Emigration der dreißiger und vierziger Jahre, zum Werk der anwesenden Autoren und zu den französisch-deutschen Kulturbeziehungen beantwortet wurden.

Am 29. Januar vormittags fand in Le Nautique, einem der ehemaligen Emigrantencafés an der Hafenpromenade, eine Lesung zum Themenkreis Emigration statt, an der sechs Autoren des PEN-Zentrums Deutschland, Sylvestre Clancier und ich mit kurzen Textbeiträgen teilnahmen. Mittags wurden mit Pkw einige am Rand der Stadt und in der Umgebung gelegene Emigrantenhäuser besucht. Nachmittags gab es noch eine Signierstunde der Autoren in der Mediathek, wo es neben dem Signieren deutscher Bücher und französischer Übersetzungen zu einigen ausgiebigen Gesprächen mit Lesern aus der Region kam.

Am 30. Januar fuhr ich zusammen mit mehreren Teilnehmern der Delegation des PEN-Zentrums Deutschland zurück nach Marseille, wo wir noch einige Stätten der deutschen Emigration am Boulevard La Canebière und am Hafen besichtigten, u. a. das Hôtel du Louvre et de la Paix, in dem eine Zeitlang Franz Werfel wohnte, wo aber gleichzeitig ein Büro der GESTAPO untergebracht war. Nachmittags flog ich von Marseille nach Berlin-Tegel und fuhr dann nach Leipzig zurück.

In der Zeitung der Region Var-matin (www.var-matin.com) erschienen am 29. und 30. Januar Beiträge und Fotos zu den Auftritten der deutschen Autoren und Sylvestre Clanciers in Sanary-sur-mer.