Doğan Akhanlı
Wir brauchen einen Erinnerungsaufstand
Doğan Akhanlı, 24. April 2011, Frankfurt, Paulskirche
Eure Eminenz, Exzellenzen, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
Ich bin dankbar für die Einladung der Angehörigen der Überlebensgemeinschaften des
Genozids, die mir erlauben, bei der heutigen zentralen Gedenkfeier eine Rede zu halten. Das
ist für mich eine große Herausforderung, eine große Verantwortung und nicht zuletzt eine
hohe Ehre, an diesem Tag hier sprechen zu dürfen.
Ich bin ausgebürgerter Türke. Ich sage das deshalb, weil mir schon unterschiedlichste
Identitäten zugeschrieben wurden. Nachdem ich über Unrecht und Genozid öffentlich geredet
hatte, vermutete man, ich sei Armenier. Nachdem ich begonnen hatte, in dem ehemaligen
Kölner Gestapo-Hausgefängnis türkisch- und deutschsprachige Führungen anzubieten, und
versucht hatte, zwischen zwei Völkermorden und anderen Gewalttaten Verbindungen und
Unterschiede zu verdeutlichen, dachten viele, ich sei Jude. Man hat sogar in meinen
Gesichtszügen armenische bzw. jüdische Elemente gesehen. Dann hieß es noch, ich sei
Kurde, weil man in meinem türkischen Akzent etwas „Kurdisches“ gehört haben wollte.
Wenn ich eines Tages erfahren würde, dass ich Nachkomme einer vernichteten, vertriebenen,
ermordeten Gruppe bin, würde dies mich nicht überraschen, weil man nie seiner Identität
sicher sein kann, wenn man an einem Ort geboren wurde, an dem viele genozidale Ereignisse
und Massaker passierten, und der „weise Genozid“ durch die gesellschaftliche Lüge,
staatliche Repressionen und kulturelle Unterdrückungen und Vernichtungen fortgesetzt wird.
Meine Muter war eine gläubige Muslimin. Mein Vater war ein laizistischer Dorflehrer. Meine
Muttersprache, die mir während meiner letzten Haftzeit fast geraubt wurde, ist türkisch. Ich
bin ein türkischer Schriftsteller und deutscher Bürger.
Ich wurde in der Familie in der Schule nach türkisch-laizistisch-muslimischen Einstellungen
erzogen. Mein Geburtsort liegt an der georgischen Grenze. Dieses Gebiet gehörte bis 1918
zum russischen Territorium. Deshalb wurde dieses Gebiet mit den Nachbarstädten Ardahan
und Kars während des Völkermordes an den Armeniern und Aramäern 1915-16 verschont.
Nach Angaben des Genozidforschers Yves Ternon aus Frankreich lebten 21.000 Armenier in
dieser Provinz. Wo sind sie jetzt? Warum existiert dort kein einziger Armenier mehr? Und wann hat dort das lokale Massaker stattgefunden, wie meine Eltern und meine Dorfbewohner immer wieder berichteten?
Eine Erinnerung, die mir lebendig geblieben ist, hat mit einem Ring zu tun. Der Ring wurde
von meiner ältesten Tante im Wald gefunden. Meine Tante meinte, der Ring müsse eine
Armenierin gehören. Ich habe mich damals gefragt: Was suchte diese Armenierin in diesem
Wald, woher ist sie gekommen und wohin ist sie gegangen? Dieser Ort, wo meine Tante
lebte, nannten Dorfbewohner immer noch „Hovannes“. Armenisch. Dass mein Buch, „Die
Richter des jüngsten Gerichtes“, die Geschichte dieses Rings erzählte, ist also kein Zufall.
Mittlerweile bin ich in der Lage die lokale Geschichte meiner Geburtsprovinz etwas besser
rekonstruieren. Kein wissenschaftlicher Bericht vielleicht, aber belegbar.
Es gab eine historische Figur namens Deli Halit Pascha, also der verrückte Halit Pascha. Als
Kind habe ich ihn als Nationalheld wahrgenommen. Ich erinnere mich an den lokalen
Befreiungstag, der am 7. März des Jahres stattgefunden hat. Der Name des verrückten Halit
Pascha tauchte jedes Mal auf. Es wurde erzählt, wie er unser Vaterland gegen Armenier und
Russen heldenhaft verteidigt habe. Er soll ein mutiger, gerechter und sehr entschlossener
Mensch gewesen sein und zwei Pistolen getragen haben. Eine Pistole nannte er „Ehre“ und er
benutzte sie gegen die Feinde. Die andere nannte er „Ehrenlose“ und er benutzte sie gegen
Deserteure. Meine Eltern hatten aus irgendeinem Grund andere Ansichten über diesen Mann.
Sie meinten, er sei sehr brutal und so unmenschlich gewesen, weil er viele Armenier ermordet
hatte.
Historische Dokumente belegen dies. Er war der Mitglied der Sonderorganisation, “Teşkilat-ı
Mahsusa“. Während des Genozides 1915-16 hatte er mit einer bekannten Persönlichkeit,
Yakup Cemil, hinter der russischen Front viele militärische Aktionen organisiert. (Akçam
2004, und Hofmann 1989).
„Nach dem Zusammenbruch des zaristischen Russland“, schrieb der Prof. Boris Barht, „stieß
die türkische Armee im Sommer 1918 in den Kaukasus vor. Diese Truppen, unterstützt von
fanatisierten Aserbeidschanern, begannen sofort die armenische Zivilbevölkerung
abzuschlachten.“
„Der Angriff war im Deutschen Reich bekannt. Doch kam der deutsche Generalstab Mitte
August 1918 zu dem Schluss, dass es wegen der schwierigen Kriegslage keine Alternative gäbe, als die Türken gewähren zu lassen.“ Im Hintergrund der türkischen Kaukasusfeldzuges
stand die Vision, ein pan-turanisches Großreich zu schaffen und der Versuch, die Armenier
im Kaukasus auszurotten. 1918 wurden im Kaukasus 400.000 Armenier ermordet. Die
Massaker setzten sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges fort.
„1920 drangen die Armeen von Mustafa Kemal Atatürk in die kurzlebige unabhängige armenische Republik ein. Sie brannten zahlreiche armenische Dörfer und Städte nieder und ermordeten etwa 60.000
Armenier, die meisten von ihnen Flüchtlinge. Kurz vor Jerewan wurden sie von der Roten
Armee gestoppt, und dies verhinderte die fast sichere Ausrottung des armenischen Volkes.“
(Barth 2006)
Mustafa Kemal Atatürk war ein Fortsetzer des Genozids. Und die türkische
Geschichtsschreibung, die erklärt, dass die Republik durch den antiimperialistischen
Befreiungskrieg gegründet worden sei, ist ein Mythos. Eine Lüge. Es gab keinen
Befreiungskrieg gegen die Imperialisten. Es gab keinen nationalen Widerstand gegen die
Engländer, die Istanbul besetzt hatten. Es gab z.B. keinen nationalen Widerstand gegen die
Italiener, die angeblich den Süden der Türkei besetzt hatten. Belegbar ist, dass es eine
Vernichtungsabsicht gegen die Armenier gab.
Dadrian und Akcam meinen, dass die Vernichtungspläne der Jungtürken vom März 1915
stammen. Die Genozidforschung hat den Ablauf des Genozids 1915-16 dokumentiert. Wir
wissen heute davon aus deutschen, österreichischen, amerikanischen, russischen,
französischen, englischen und anderen Archiven. Allerdings ist der Schriftverkehr der Täter
untereinander in den osmanischen Archiven in der Türkei nicht zugänglich, außerdem haben
die Haupttäter, u.a. Enver, Talaat und Cemal, nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs viele
Dokumente vernichtet.
Der Genozid an den Armeniern führte zum ersten Völkermordprozess 1919 in
Konstantinopel. Das war eine Art Nürnberger Prozess vor dem Nürnberger Prozess. Und
damals gab es kein Wort, keinen Begriff, wie man dieses Verbrechen gegen die Armenier
beschreiben kann.
Am 15. Juli 1919 wurden Talaat, Enver, Cemal und Dr. Nazim in Abwesenheit zum Tode
verurteilt. Insgesamt wurden 17 Todesurteile bei den Kriegsgerichten ausgesprochen, von
denen drei vollstreckt wurden. Ironie der Geschichte ist, dass die Täter, die durch deutsche
Hilfe ins Ausland bzw. nach Berlin geschafft wurden, später von armenischen Attentätern
erschossen wurden. Am 6. Dezember 1921 wurde der ehemalige Großwesir Said Halim in
Rom, am 21. Juli 1922 Cemal Pascha in Tbliesse liquidiert. Im April 1922 wurden der Chef
der türkischen Sondereinheiten „Teschkilat-ı Mahsusa”, Dr. Bahaddin Şakir, und der
Polizeipräsident und „Henker von Trabzon”, Cemal Azmi, am selben Tag und zur selben
Uhrzeit auf der Uhlandstrasse in Berlin erschossen. Ihre Gräber liegen immer noch auf dem
türkischen Friedhof in Neukölln, links des Eingangs der Neuköllner Moschee. Der ehemalige
Großwesir und Innenminister Talaat Pascha, der maßgeblich für die Vernichtung der
Armenier verantwortlich gewesen war, wurde ebenfalls am 15. März 1921 von Soromon
Tehlerjan (in den Gerichtsakten: Solomon Teilirian) auf der Hardenbergstrasse in Berlin
getötet. Die Mordfälle gegen die Haupttäter des Völkermordes wird von einigen
Wissenschaftlern, u.a. Dr. Tessa Hofmann, Tätermord genannt.
Das Wort „Genozid“ tauchte erstmal 1944 in einem Buch des Juristen Raphael Lemkin auf.
Am 18. Oktober 1945 tauchte der Begriff „genocide“ zum ersten Mal in einem offiziellen
Dokument, der Anklageschrift des Nürnberger Internationalen Militärtribunals, auf. (Boris
Barth 2006 und Yves Ternon 1996.)
Wenn wir heutzutage den Begriff „Genozid“ aussprechen, zitieren wir immer wieder Raphael
Lemkin. Vor allem auf seinem Einsatz beruht die „Konvention zur Verhütung und Bestrafung
des Völkermordes“, die 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen
verabschiedet wurde.
Lemkins Interesse am Thema Völkermord entstand schon Anfang 1920. Ihn beschäftigten die
Istanbuler Prozesse 1919 und der Prozess um den Tod von Talaat Pascha am 2. und 3. Juni
1921 in Berlin-Charlottenburg.
„Der Prozeß zu Talaat Pascha 1921 in Berlin ist sehr aufschlussreich“, schrieb Lemkin. „Ein
Mann (Soghomon Tehlirian), dessen Mutter bei dem Völkermord getötet worden war, tötet
Talaat Pascha. … Also beging er ein Verbrechen. Sehen Sie, als Rechtsanwalt dachte ich,
dass ein Verbrechen nicht durch die Opfer bestraft werden sollte, sondern durch ein Gericht,
durch nationales Recht.“ (Zit. n. Harut Sassounian 2005).
Lemkin schrieb später über seine Beschäftigung mit den Kriegstribunalen in den
Konstantinopeler Prozessen während seiner Studienjahre: „Die Leiden armenischer Männer, Frauen und Kinder, die in den Euphrat geworfen oder auf dem Weg nach Der Zor massakriert wurden, haben den Weg für die Annahme der UN-Genozidkonvention vorbereitet.“ (Zit. n. Kieser 2006). Es ist unglaublich, beschämend und entsetzlich: Das Land, das den ersten großen Völkermord des 20. Jahrhunderts verursacht hat, der zur Begriffsbildung „Genozid“ führte, verleugnet bis heute seinen „Genozid“.
Seit Lemkin ist es keine Frage mehr in der Genozidforschung der Welt, ob man das
Verbrechen gegen Armenier und Aramäer Genozid nennen kann. Raphael Lemkin hat dem
Verbrechen einen Name gegeben und die Forschung hat das Verbrechen gegen Armenier und
Aramäer, neben der Vernichtung der Juden, Roma und Sinti in Europa und der Vernichtung
der Tutsi in Ruanda als „totalen”, „endgültigen“ und „absoluten“ Völkermord eingestuft.
Deshalb ist es verkehrt, wenn wir, wie gewöhnlich, immer wieder von der „Armenischen
Frage“ reden. Nach meiner Ansicht gibt es keine „Armenische Frage“. Die sogenannte
„Armenische Frage“ des vorigen Jahrhunderts wurde durch die Vernichtung beantwortet. In
der Gegenwart bleibt nur die türkische Frage: die türkische Lüge über den Völkermord, die
türkische Diffamierung der Diaspora, die türkische Arroganz und Respektlosigkeit gegenüber
den Opfern und Nachkommen.
Wir gedenken der Opfer des Genozids heute zum 96. Mal. Nicht an irgendeinem Ort, sondern
hier in Deutschland, wo die Nazis 20 Jahre später die Welt angegriffen und während des
Weltkriegs einen weiteren „ultimativen“ Völkermord begonnen haben.
Zwei Länder und zwei Verbrechen, mit denen ich zu tun habe. Eines ist mein Herkunftsland,
das andere ist mein Fluchtland und Lebensort.
Beide Länder stehen seit Jahrhunderten in guten Beziehungen. Helmuth Graf von Moltke, der
von 1836 bis 1839 Instrukteur der osmanischen Truppen war, beteiligte er sich daran,
kurdische Aufstände niederzuschlagen. Als die Jungtürken ihr Nationalstaatsprojekt (eine
Nation, eine Sprache, ein Land) praktizierten, indem sie die christlichen Minderheiten
vernichteten und vertrieben, war Deutschland verbündet mit der Türkei. 1938, als die Nazis
am 9./10. November mit der Pogromnacht das jüdische Leben in Deutschland zu vernichten
begannen, massakrierte die türkische Armee Aleviten und Kurden in der Provinz Dersim,
deren Bewohner sich während des Völkermords mit den Deportierten solidarisiert hatten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen
Genozid nicht einfach. In den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher spielte der Völkermord an den Juden keine große Rolle. Die Urteile haben einen Umfang von 256
Seiten: Die Vernichtung der Juden wurde nur auf drei Seiten thematisiert. Juden galten nicht
als Hauptopfer des Nationalsozialismus. Von der Vernichtung der Roma und Sinti in Europa
war im Tribunal sowieso keine Rede. Es ist vielleicht ein Fakt, dass die Alliierten
Deutschland unter Druck gesetzt haben. Aber nach meiner Ansicht hat sich Deutschland nicht
durch die Nürnberger Prozesse geändert, sondern durch gesellschaftliche
Auseinendersetzungen und durch seine Aufarbeitung.
1958 hatte sich Aktion Sühnezeichen in
Berlin gegründet, als Reaktion auf die mangelnde Bereitschaft der deutschen Bevölkerung, in
den Nachkriegsjahren Verantwortung für die NS-Verbrechen zu übernehmen. Die
Anerkennung der Schuld für die nationalsozialistischen Verbrechen steht am Anfang des
Gründungsaufrufs von Aktion Sühnezeichen. Er wurde 1958 bei der Synode der
Evangelischen Kirche in Deutschland von ASF-Gründer Lothar Kreyssig verlesen:
„Wir Deutschen“, heißt es darin, „haben den Zweiten Weltkrieg begonnen und damit mehr
als andere unmessbares Leiden der Menschheit verschuldet. Deutsche haben in frevlerischem
Aufstand gegen Gott Millionen Juden umgebracht. Wer von uns Überlebenden das nicht
gewollt hat, hat nicht genug getan, es zu verhindern.“
In der Überzeugung, dass der erste Schritt zur Versöhnung von der Seite der Täter und ihrer
Nachkommen zu gehen sei, baten die Sühnezeichen-Gründer „die Völker, die von uns Gewalt
erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem
Land etwas Gutes zu tun“ – zeichenhaft, als Bitte um Vergebung und Frieden.
Seitdem bietet ASF Freiwilligendienst in 13 Ländern an. Jährlich gehen 180 Freiwillige mit
ASF nach Europa, Israel und die USA, um dort NS-Opfern und sozial benachteiligten
Menschen zu helfen. Die ASF-Freiwilligen unterstützten bereits behinderte und krebskranke
Kinder und Jugendliche, begleiteten Überlebende der Schoa oder arbeiteten in Projekten der
offenen Arbeit mit älteren Menschen.
Als ich als Flüchtling mit meiner Familie in Köln gelandet bin, hatte ich darüber keine
Ahnung. Nicht nur über die Geschichte der Nazi-Vergangenheit und über die Geschichte der
Aufarbeitung in Deutschland, sondern über die Dimension der Gewalt der Jungtürken. Ich
hatte bis dahin kein einziges Buch gelesen, in dem keine Lüge stand. Ich kam nach Köln mit
eigener Gewalterfahrung. Während der Militärzeit wurden fast eine halbe Million Menschen festgenommen, fast alle misshandelt und gefoltert, davon fünfzig hingerichtet. Viele kamen
durch außergerichtliche Hinrichtungen ums Leben.
Obwohl wir, diejenigen, die Folter und Gefängnisse überlebt hatten, wussten, was wir erlebt
hatten, wurde dies offiziell mit folgenden Argumenten verleugnet: Die Türkei unterzeichnete
das Internationale Abkommen gegen Folter und das türkische Gesetz verbietet die Folter. Wir
waren aber am Leben, konnten nicht vergessen, was uns angetan wurde.
1992 wurde das Buch von Yves Ternon, „Tabu Armenien“, vom Belge-Verlag veröffentlicht,
dessen Verlegerin Ayse Nur Zarakolu mit dem Internationalen Preis für die Freiheit des
Verlegens auf der Frankfurter Buchmesse geehrt wurde. Ein Jahr später veröffentlichte Taner
Akcam, der damals in Deutschland lebte, ein Buch mit dem Titel „Türk Ulusal Kimliği ve
Ermeni Sorunu“ (Die Türkische nationale Identität und die Armenische Frage) und später
„Armenien und der Völkermord: Die Istanbuler Prozesse und die türkische
Nationalbewegung“ (Hamburger Edition, 1996). Er war einer der ersten türkischen
Akademiker, der den armenischen Genozid durch die Osmanen 1915 öffentlich ansprach.
Nach meinem Wissen entstand zum ersten Mal Mitte der 90er Jahre eine kleine Initiative in
Frankfurt, die sich später „Völkermordgegner-Verein“ nannte. Sie war Vorreiter des türkisch-
kurdischen Widerstands gegen das türkisch-kurdische Schweigen und gegen die türkische
Verleumdung.
Ich hatte damals das Gefühl, dass es zwischen unserer gegenwärtigen Gewalterfahrung und
der historischen Gewalt und dem Genozid gewisse Verbindungen aber auch Unterschiede
gibt.
Im Laufe der Zeit habe ich die historischen Wahrheiten in meinem Herkunftsland erkannt.
Aber ich habe immer noch keine Antwort gefunden, wie ich mit dieser Geschichte umgehen
soll. Um den Umgang mit Genozid zu verstehen, habe ich begonnen, mich mit der deutschen
Geschichte und seiner Aufarbeitung zu beschäftigen. Ich habe mehrere Gedenkstätten
besucht. Zum Beispiel Sachenhausen, wo auf besonderen Wunsch von zwei höheren
Beauftragten der türkischen Sicherheitskräfte im Januar/Februar 1943 eine Besichtigung auf
das Besuchprogramm gesetzt wurde (Guttstadt 2008). Rifat N. Bali meinte, die türkischen
Beauftragten wären nach Deutschland gekommen, um die sterbliche Überreste Talaat Paschas
in die Türkei zu überführen. Tatsächlich wurden am 25. Februar 1943 seine sterblichen
Überreste durch das Hitlerregime unter militärischen Ehrenbezeugungen von Berlin nach
Istanbul überführt, und dort beim Abide-i Hürriyet, dem Denkmal der jungtürkischen Revolution von 1908, als Märtyrer neben Enver Pascha beigesetzt.
Ich habe weitere Gedenkstätten besucht. Ravensbrück zum Beispiel, wo unter anderem zwölf
türkische Jüdinnen mit drei Kindern unter acht Jahren aus Berlin am 26. Oktober 1943
eingeliefert wurden. (Guttstadt 2008) Die Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, wo
fünfzehn Spitzenbeamte der Ministerialbürokratie und der SS über die organisatorische
Durchführung der „Endlösung“ gesprochen haben. Die Gedenkstätten Majdanek, Sobibor und
nicht zuletzt Auschwitz, aus dem ich als retraumatisierter Mensch zurückkehrte. Mir half
nicht, dass ich kein Deutscher war, dass ich nicht einmal geboren war, als die Nazis ein Teil
der Menschheit ausgelöscht hatten. Dort, in Auschwitz-Birkenau, habe ich meine bisherigen
Identitäten verloren. Ich war dort nicht mehr Türke, Linker, Flüchtling oder Folteropfer. Ich
habe mir dort mir eine Frage gestellt: Wie lebe ich weiter mit dem Wissen über Auschwitz
und über Der- Es Sor, das größte Konzentrationslager für die deportierten Armenier in der
Wüste?
Ich habe erfahren, dass während der Shoah über 3.000 türkische Bürger in Europa ums Leben
kamen. (Guttstadt 2008) Ein bekannter Überlebender ist Isaak Behar. Seine Familie war 1915
aus Istanbul nach Berlin gekommen, weil „sie sich vor den Feindseligkeiten fürchtete, denen
im Osmanischen Reich lebende Minderheiten – Griechen, Armenier und Juden – zunehmend
ausgesetzt waren“.( Behar 2002) Ich habe erfahren, dass am 4. Januar 1933 Adolf Hitler und
Franz von Papen Gespräche über eine gemeinsame Regierungsbildung in einer Kölner Villa
führten (Stadtwaldgürtel 35). Franz von Papen war im Ersten Weltkrieg von 1915 bis 1918 als
Stabschef der 4. Türkischen Armee in Palästina und ab April 1939 Botschafter in Ankara. Es
ist historisch nicht belegt, welche Rolle er spielte, als die Jungtürken die Armenier
vernichteten. Es ist aber bewiesen, dass die türkischen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg
weitgehend unter deutschem Oberbefehl standen. Zum Beispiel unter General Otto Liman von
Sanders, der bei dem „Prozess Talaat Pascha“ als Sachverständiger auftrat, (Hofmann 1980)
oder unter Fritz Bronsart von Schellendorf, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs seine
Einschätzung eines Vorgangs übermittelte, den er selbst erlebt hatte: „Der Armenier ist wie
der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit des anderen Landes, in dem
er sich niedergelassen hat, aufsaugt. Daher kommt auch der Hass, der sich in mittelalterlicher
Weise gegen sie als unerwünschtes Volk entladen hatte und zu ihrer Ermordung führte.“
(Gust 1993)
An einem Gedenktag so eine Meinung zu zitieren, tut mir weh. Das ist aber ein Beispiel, das
ich erwähnen musste, weil es mit unserer Gegenwart viel zu tun hat. Es ist die Position der türkischen Politik in Bezug auf die Genozidleugnung. Die offizielle Türkei versucht
unaufhörlich aus Opfern Täter zu machen, sie wollen gerne vom Täter zum Opfer sich
verwandeln. Trotz der ernsthaften Aufarbeitung tauchen hier in Deutschland Menschen auf -
ich meine nicht die Neonazis, Neofaschisten und Rechtsradikale -, die ähnliche Ansichten
verbreiten und dadurch versuchen, die deutsche Erinnerungslandschaft kaputt zu schlagen.
Trotz seiner Vergangenheit, trotz der Geschichtsrevisionisten hat sich Deutschland durch die
Aufarbeitung seiner Geschichte geändert, wie es sich Walter Benjamin einmal vorgestellt
hatte. Deshalb wurde Deutschland, global, eines der sichersten Länder für Einwanderer und
Minderheiten im Vergleich zu anderen europäischen Ländern.
Deshalb empört es mich, wenn die türkische Community in Deutschland die Massaker an den
Armeniern aus dem Lehrplan haben möchte, weil dies die schulischen Leistungen der
türkischstämmigen Schüler beeinflusse, und es „gefährde den inneren Frieden“ (FAZ,
7.08.2009)
Wir stützen also durch Geschichtsfälschungen „unsere“ türkischstämmigen Schüler. Was
machen wir aber mit „unseren“ deutsch-, kurdisch-, armenisch-, arabisch-, russisch-,
persisch-, polnisch-, serbisch-, italienisch-, griechisch- oder bosnischstämmigen Schülern?
Als ich mit einigen Freundinnen und Freunden vor 12 Jahren in Köln zum Thema Genozid
und Gedenken an den Armeniern eine Veranstaltungsreihe organisiert habe, war Hrant Dink
am Leben. Und seine Wochenzeitung AGOS ist 4 Jahre alt gewesen.
Obwohl wir damals aus unseren eigenen Erfahrungen wussten, dass das Land, aus dem viele
von uns stammen, fähig ist, aus seinen Kindern Mörder zu machen, konnten wir uns nicht
vorstellen, dass wir Jahre später am selben Ort zum Gedenken an Hrant Dink eine dauerhafte
Veranstaltungsreihe organisieren würden.
Das konnten wir uns damals nicht vorstellen.
„Auf Tauben schießt man nicht!“ hat Hrant Dink in seiner letzten Kolumne geschrieben.
Doch wurde auf ihn geschossen.
Obwohl er selber genau wusste, dass in dem Land, in dem er geboren wurde, abertausende
Tauben schon erschossen worden waren, kann ich ihn sehr gut verstehen, warum und wieso er
dies glauben wollte. Er war Istanbuler. Istanbul war seine Heimat und er hatte recht, dort zu
leben. Am 19. Januar 2007 haben die hinterhältigen Mörder nicht nur sein Recht geraubt,
sondern auch seinen Dialogversuch und seine Versöhnungsarbeit radikal beendet.
Ich bin Hrant Dink zwei Mal begegnet. Das erste Mal in der armenischen Gemeinde in Köln
2004. Das letzte Mal bin ich ihm an einem besonderen Ort und zu einer besonderen Zeit
begegnet. 24. April 2005. Gegen 11 Uhr, Vormittag. Auf dem Platz des
Völkermordmahnmals, auf dem Jerewanerhügel in Armenien.
Ich erinnere mich ganz genau, wie er neben Taner Akcam langsam zu Fuß zu dem ewigen
Feuer in der Mitte des Mahnmals für die Genozidopfer gegangen war. Ich erinnere mich, wie
er mit Taner Akcam zusammen die Blumen zum Gedenken an die Opfer niedergelegt hat. Ich
erinnere mich, wie er versucht hat, Taner Akcam und seine türkischen Freunde zu trösten,
obwohl er selber seine Tränen nicht zurückhalten konnte. Ich kann es niemals vergessen. Ich
will es auch nicht vergessen.
Wenn die Angehörigen der Überlebenden des Völkermordes fast 100 Jahre später immer noch
weinen müssen, gibt es in dem Land, wo viele von uns geboren worden sind und in dem
Hrant Dink bis zum seinem letzten Tag gelebt hat, ein Problem, das wir nicht mehr
ignorieren, nicht mehr verschweigen dürfen.
Die Ermordung von Hrant Dink wurde mit dem Slogan „1.500.000+1”als Fortsetzung des
Genozids wahrgenommen. Mit Recht. Ich bin auch der Meinung, der Mord Hrants war ein
„Ein-Mensch-Völkermord“.
Die türkische These: „Überlassen wir unsere Geschichte den Historikern“, ist absurd. Wenn
die Geschichte tötet, dürfen wir nicht die Geschichte den Historikern überlassen.
Nach der Ermordung Hrant Dinks protestierten tausende Menschen am Abend des 19. Januar
bei spontanen Kundgebungen in Istanbul und Ankara. Hunderttausende Menschen begleiteten
den acht Kilometer langen Trauerzug mit dem Sarg Hrant Dinks. Das war eine Art des
Massenaufstandes gegen das Unrecht. Das war ein Wendepunk in der türkischen
Lügengeschichte. Die Genozidleugnung funktionierte danach nicht mehr richtig – sie hatte
sich einfach erschöpft. Der türkische Staat kann die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung
mit dem Thema „Genozid an den Armeniern“ in der Türkei und im Ausland nicht mehr
stoppen.
Die Bewegung zur Erinnerung hat schon in der Türkei begonnen. Heute finden in der Türkei
an vielen Orten in Gedenkveranstaltungen statt.
Wir brauchen vor 2015 einen Erinnerungsaufstand.
Wir müssen alles tun, dass die Türkei vor 2015 den Genozid an den Armeniern und Aramäern
anerkennt. Das ist eine politische und ethische Aufgabe für diejenigen, die sich als
Angehörige der Tätergesellschaft identifizieren.
Wir brauchen vor 2015 einen Erinnerungsaufstand.
Wir brauchen vor 2015 eine türkische „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste”, damit wir mit
unseren Händen (kendi ellerimizle), mit unseren Mitteln (kendi kaynaklarımızla) für die Ehre
der Opfer und Nachkommen etwas Gutes tun (kurbanların onuru ve hayatta kalan torunları
icin); ein Dorf, eine Siedlung, eine Kirche, ein Krankenhaus oder was sie sonst
Gemeinnütziges wollen, als Versöhnungszeichen zu errichten (bir köy, bir okul, bir hastane,
bir kilise ya da kamu yararına herhangi bir gönüllü iş yapabilmemize izin vermelerini rica
ederiz).
Wir bitten die Armenier, den Dienst - wie viele sich immer dazu bereit finden möchten - nicht
als eine irgendwie beträchtliche Hilfe oder Wiedergutmachung, aber als Bitte um Vergebung
und Frieden anzunehmen und zu helfen, dass der Dienst zustande kommt. (Ermenilerden, bu çabalarımızı abartmamalarını, suçlarımızın tazmini olarak algılamamalarını rica ediyoruz. Yapmak istediğimiz sadece hizmetimizi kabul ederek barış ve bağışlanma arzumuza yardımcı olunması ricasıdır.)
Für die Gerechtigkeit und für die Ehre der Opfer des Völkermordes brauchen wir vor 2015
unbedingt einen Erinnerungsaufstand.
Danke, dass Sie mir erlaubt haben, am Gedenken für die Opfer des Völkermordes teilnehmen
zu dürfen.
Literatur:
Akçam, Taner: Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische
Nationalbewegung. Hamburg 1996.
Akçam, Taner, İnsan Hakları ve Ermeni Sorunu, İmge Kitabevi Yay., Istanbul, 1999, 2002)
Akçam, Taner, Türk Ulusal Kimliği ve Ermeni Sorunu, İIetişim Yay., Istanbul 1993)
Gust Wolfgang, Völkermord an den Armeniern. Die Tragödie des ältesten Christenvolkes der
Welt. Carl Hanser Verlag, München 1993
Guttstadt Corry: Die Türkei, die Juden und der Holocaust. Assoziation A, Berlin 2008
Heinsohn, Gunnar: Ein Moses gegen den Völkermord. William Schabbas schreibt den
Kommentar zur Anti-Genozid-Konvention der Uno. In: Die Welt, 24. April 2004.
Heinsohn, Gunnar: Lexikon der Völkermorde, Reinbek 1998.
Hofmann, Tessa (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern vor Gericht. Der Prozeß Talat
Pascha. Im Auftrag der Gesellschaft für bedrohte Völker. Mit einer Einleitung von Tessa
Hofmann Tessa, einem Vorwort von Armin T. Wegner. Göttingen 1980.
Hofmann Tessa, Armenian Review Winter 1989
Kieser, Hans-Lucas; Schaller, Dominik J.: Völkermord im historischen Raum. In: dies. (Hg.):
Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah. The Armenian Genocide and the Shoah.
Zürich 2002, S. 11-80.
Kieser, Hans-Lukas: Die armenische Tragödie. In: Weltwoche, Ausgabe 42/2006.
Lemkin, Raphael: Genocide as a Crime under International Law. In: American Journal of
International Law, Nr. 1/1947, S. 145-151.
Lemkin, Raphael: Axis Rule in Occupied Europe: Laws of Occupation, Analysis of
Government, Proposals for Redress. Washington D.C. 1944.
Ternon, Ermeni Tabusu, Belge Yayınları, Istanbul 1992
Sassounian, Harut: Lemkin Discusses Armenian Genocide In Newly-Found 1949 CBS
Interview. In: The California Courier Dec. 8, 2005.