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Marko Martin

Golda Meirs Plattenspieler

Was für ein Leben: Ein Besuch bei dem israelischen Lyriker Tuvia Rübner

Der klimatisierte Überlandbus aus Jerusalem hält an der Kreuzung, um im grellen Sonnenlicht ein paar junge Soldaten ein- und aussteigen zu lassen, Waffe quer über dem Rücken, winzige iPod-Stöpsel in den Ohren. Links führt die Straße nach Megiddo, dem mythischen Harmageddon aus der Johannes-Apokalypse, rechts hinüber ins palästinensische Jenin, der einstigen Terror-Hochburg zu Zeiten der Zweiten Intifada. Schon zu biblischen Zeiten war die Jezreel-Ebene im Norden Israels eine umkämpfte Region, ab dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts jedoch auch ein Ort landwirtschaftlicher Kultivierung und enormen Elans: Nirgendwo sonst im Land gibt es mehr Kibbuzim und Moschavim als hier in der anscheinend allein von Staub und Wind durchzogenen Jezreel.

„Du fährst also nach Merchavia zum Dichter Rivner? Dann solltest du auch ins Kibbuz Nahalal, dort ist nämlich Meir Shalev geboren, der schreibt Romane und ist noch berühmter.“ Der krausköpfige Wehrpflichtige aus Haifa weiß offensichtlich gut Bescheid, erwähnt quasi im Zeitraffer die jemenitischen Großeltern väterlicher- und die weißrussische Familie mütterlicherseits, zeigt mir dann beim nächsten Stopp in der Stadt Afula den in der Hitze flimmernden Weg zum nahen Taxistand gleich neben dem Falaffel-Imbiß („Eine Fahrt von fünf Minuten; wenn es mehr als 20 Schekel kostet, schlägst du Alarm, nachon?“), und auch er spricht den Namen auf israelische Weise aus – Rivner.

„Was soll man machen?“, fragt später in seinem einstöckigen Bungalowhäuschen der hochgewachsene Dichter Tuvia Rübner mit dezentem k.u.k-Akzent und drückt ein winziges Hörgerät ins rechte Ohr. „Die Umlaute haben es nie bis hierher geschafft.“ Aber er hat es geschafft, ein lebendes Wunder vor dem Schreckensfresko der Neuzeit: 1924 in Preßburg, dem heutigen Bratislava, geboren, gelangte er als einziger seiner Familie mit dem letzten Flüchtlingstransport aus der Slowakei nach Palästina. Mit den Freunden aus dem zionistischen Jugendbund „Haschomer“ über Budapest ins rumänische Kostanza, wo die Jungen bereits Züge mit deutschem Militär sahen – potentielle Mörder ihrer daheimgebliebenen Familien, die ihnen drohend zuriefen: „Auf Wiedersehen in Palästina!“ Danach in einem Seelenverkäufer über das Schwarze Meer nach Istanbul und weiter durch die Südtürkei nach Beirut, in deren engen Gassen die Freunde zum ersten Mal arabische Musik hören, die sie an manche Stücke von Bela Bartók erinnert.

In seiner assoziationsreichen Autobiographie „Ein langes kurzes Leben“ schreibt Rübner über seine Ankunft im Kibbuz im Jahre 1941: „Merchavia, deutsch Gottes Weite (Psalm 118,5 in der Übersetzung Martin Bubers: `Aus der Drangsal rief ich: Oh er!/ in der Weite gab mir Antwort Oh er.`) ist die erste Siedlung im Jezreel, 1911 nach dem Plan des deutschjüdischen Soziologen Oppenheimer als Genossenschaftssiedlung gegründet. Steinhäuser in halb orientalischem, halb gotischem Stil, in einem Viereck um einen freien Platz, in dessen Mitte der Wasserturm stand – der erste Eisenbetonbau im Nahen Osten, wie man uns stolz verkündete, und von einer Mauer umgeben gegen die Angriffe arabischer Räuberbanden, denen die rechtmäßige Erwerbung des Bodens vom Grossgrundbesitzer in Jenin gleichgültig war.“

Einnert das nicht ein wenig an Arthur Koestlers berühmten Kibbuz-Roman „Wie Diebe in der Nacht“? Und ist es nicht spannend zu hören, dass sogar Israels spätere erste Ministerpräsidentin Golda Meir hier gelebt hatte, „der aber das Essen aus Emailtellern und das Trinken aus Emailbechern nicht besonders gefiel, wie erzählt wird, und die deshalb nach einem Jahr der Gruppe Lebewohl sagte und mit ihr der einzige Plattenspieler, ihr kostbares, rares Eigentum.“ Und ließe sich nicht als literarische Erfolgsgeschichte feiern, wie sich ein gerade noch Davongekommener eine neue Sprache anverwandelte (nicht: eroberte), so dass er bis heute, u.a. ausgezeichnet mit dem Darmstädter Paul Celan- und dem einheimischen Israel-Preis, zuerst in hebräisch schreibt und dann die Gedichte ins Deutsche übersetzt, bei Besuchen in Europa mit den befreundeten Kollegen Dürrenmatt (dem in Bezug auf Israel so sympathisierend Hellsichtigen), Karl Jaspers oder Christoph Meckel aber stets in seiner Muttersprache diskutierte?

Der biblische Ort, das geistig-historische Umfeld, die großen Namen und kleinen Anekdoten, das Jahrhundert der Hoffnungen und Katastrophen. Mitten drin aber ein Einzelner, ein Dichter, der am Abend seines Lebens sein „Selbstbildnis“ beschreibt: „Doch zurück zum Gesicht: der Mund, leicht nach unten gebogen./ Mürrisch? Verschlossen?/ Immerhin frei vom blödsinnigen Lächeln Eines/ der fleht um den Überrest auf dem Teller.“ Der folglich eher trocken konstatiert, dass der Kibbuz Merchavia längst privatisiert ist, die Pension für die Alteingesessenen lächerlich gering und der legendäre Speisesaal vermietet für die Partys Auswärtiger. „Dennoch werden Sie von mir keine Klagelitanei hören, junger Freund. Der Bougainvillea leuchtet noch immer, schon im Frühjahr blühen die Zyklamen – an Stellen, wo wir im Sechstagekrieg ´67 noch prophylaktisch Schützengräben ausheben mußten.“ Tuvia Rübner trägt in der ventilator-umsummten Mittagshitze eine Art Kaftan arabischen Ursprungs, der bis zu den Knöcheln reicht und trotz ähnlichen Zuschnitts luftiger wirkt als eine Mönchskutte. „Vermisse ich Ideen? Ich bitte Sie! Damals gab es so etwas wie `Kollektiv-Gedanken´, und alle Kibbuz-Genossen wählten einträchtig die Mapam-Partei von Ben Gurion. Vielleicht sogar zu einträchtig… Dass ihre Nachfolgerin, Israels einst so stolze Arbeitspartei, geistig geschrumpft ist und auch weiterhin Visionskraft verliert in einer Koalition mit diesen Netanyahus und Liebermans – was soll man dazu sagen? Ich habe ein wütendes Gedicht geschrieben über den Verfall unserer Moral – von den anderen rede ich nicht, über die habe ich im Gegensatz zu den naiven Europäern sowieso keine Illusionen – die Verse wurden in der großen Tageszeitung Ha´aretz gedruckt und diskutiert, aber dennoch sollte man sich über Offensichtliches nicht zusätzlich verschleißen. Außerdem: Selbst unter dem gegenwärtigen Korruptions-Egoismus, der den Witwen und Waisen eben nicht beisteht, gibt es hier noch immer eine immense Konzentration von Ethos und Geist.“

Weshalb auch sollte Israel, sollte die menschliche Existenz perfekt sein? In einem der neueren Gedichte heißt es: „Wenn die Vollkommenheit in den Rücken fällt/ und lispelt: Sei wie ein Engel!// Was weißt du von Engeln, du Vollkommenes!/ Es gibt Engel, die Flügel verloren/ Engel durstig wie Vögel im Wüstenwind./ Was weißt du schon, Unnahbare,/ du in dir selbst Verschlossene!“

Dazu gibt es Tragödien, die sich der definitorischen Einhegung sperren. Neben einem handsignierten Giacometti hängen gerahmte Familienbilder über dem Computer und den Bücherwänden in Rübners Kibbuz-Häuschen. Die Eltern mit der jüngeren Schwester, über deren Schicksal er Jahre später im Archiv von Yad Vashem eine dürre Eintragung fand: Auschwitz-Transport Nr. 46. Daneben eine Fotographie von Ada, Tuvia Rübners erster Frau, die er in Israel kennengelernt hatte. „Im Februar 1950 fuhren wir übers Wochenende zum ersten Mal nach der Geburt unserer Tochter Miriam zu Freunden nach Tel Aviv. Dort sahen wir den Hamlet-Film mit Lawrence Olivier. Am Sonntagmorgen auf dem Rückweg fuhr ein Lastwagen, sein Fahrer war betrunken, damals eine Seltenheit in Israel, in unseren Bus, genau in den Benzintank.“ Ada Rübner verbrennt sofort, ihr Mann überlebt schwer verletzt, kann jedoch nach dem Unfall keine schwere körperliche Arbeit mehr leisten. Nach ein paar Jahren wieder verheiratet, wird er Bibliothekar der Kibbuz-Bücherei und dazu Literaturlehrer an der hiesigen Schule, später – in Folge der wachsenden Bekanntheit als Lyriker – kommen Lehraufträge an der Universität Haifa dazu. Wie hält man all dies aus? „Gar nicht“, antwortet Rübner lakonisch. „Durch Schreiben, durch Verknappung, Konzentration. Vielleicht auch durch Zurückweisung der allzu bequemen Hiob-Analogie?“

Denn noch ein Bild gibt es, ein Jugendfoto seines Sohns Moran, ein wuschelköpfiger junger Gott á la Cat Stevens. Reisefreudig wie so viele Israelis, bricht er nach dem traumatisierenden ersten Libanonkrieg nach Südamerika auf – und gilt seither als verschollen in Ecuador. Wie kann Sprache, wie können Gedichte so etwas aufheben? „Die Zeit fand bei ihm Maß/ die Schönheit aus Licht und Abgrund“ heißt es in Tuvia Rübners Gedicht zum Gedenken an den Schriftsteller-Freund Ludwig Strauß, zusammen mit dem ebenfalls auf deutsch schreibenden Werner Kraft einer der wichtigsten Bezugspersonen für den Dichter. Gemeinsam las man Rilke, Hofmannsthal, Celan – und blieb in nahöstlich rauher Landschaft dennoch nicht in epigonaler Kulturbeflissenheit stecken. Und heute? „Hören Sie, da gibt es in Deutschland einen ganz vortrefflichen jungen Lyriker. Nico Bleutge heißt er, die Gedichte sind bei C.H. Beck erschienen und mehr als vielsprechend…“

Der alte Mann lächelt, streift sich den Kaftan zurecht, und dann glauben wir für einen Moment zu träumen, denn im hellen Sonnenlicht-Rechteck der Gartentür steht plötzlich sein verschollener Sohn. Das gleiche Haar, der gleiche Look… „Darf ich bekannt machen? Mein Enkel aus Island. Meine Tochter hatte nämlich dahin geheiratet, und nun ist er hierher gekommen, um Hebräisch zu lernen.“ „Shalom, manischma“, sagt also Cat Stevens, eine Gartenschere in der Hand, während wir an jene tapferen Selbstermutigungs-Verse des Dichters denken: „Ein Mann, in die Jahre gekommen – sein Aug/ sieht zugleich nach außen und innen-/ sieht in allem verborgen das Namenlose// Halt, Alter, beeile dich nicht. Klau/ den Tag, stiehl,/ diesen Frühlingstag lang wie ein Wimpernschlag!“


Tuvia Rübner: Spätes Lob der Schönheit. Gedichte. 72 S., geb., 18,-Euro (Aachen 2010, Rimbaud Verlag, der auch das Gesamtwerk Rübners betreut)