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Fritz Pleitgen

Heinrich Böll: Freiheit des Wortes

Zum zwanzigjährigen Bestehen des Heinrich-Böll-Hauses, das eine ganz besondere Bedeutung für die Arbeit von Writers-in-Exile und Writers-in-Prison hat, fand am Samstag, den 10. September 2011 eine Veranstaltung auf dem Anwesen der Familie Böll in Langenbroich statt.

Die Hauptrede hielt der ehemalige Intendant des Westdeutschen Rundfunks und heutige Vorsitzende des Lew-Kopelew-Forums, Fritz Pleitgen. Wir dokumentieren seine gerade für unseren PEN bedeutsame Rede als Gastbeitrag mit seinem Einverständnis.

 

Verehrte Gäste,

der Bitte, zum 20jährigen Bestehen des Heinrich Böll-Hauses Langenbroich zu sprechen, komme ich gerne nach. Wie wohl alle von Ihnen hier habe ich jede Menge Böll in meinen Bücherregalen. Das Meiste davon habe ich auch gelesen. Dennoch kann ich mich nicht als Böll-Spezialist bezeichnen. Ich möchte deshalb über meine Begegnungen mit Heinrich Böll sprechen und über ein Thema, das ihm und mir als Journalisten am Herzen liegt: die Freiheit des Wortes. Und damit spreche ich auch über das Wesen dieses Hauses.

An dem Tag, als die Welt auf Langenbroich schaute und sich Dutzende Journalisten in diesem Hof um Heinrich Böll und seinen überraschenden Gast drängten, war ich weit vom Schuss. Ich saß frustriert in Moskau. Eigentlich nichts Besonderes! Denn wer wie ich damals Fernsehkorrespondent in der Sowjetunion war, machte mit Frust ständig Bekanntschaft. Ohne eigenes Kamerateam hatte ich im Grunde wenig zu bestellen. An freies Arbeiten war nicht zu denken. Wir Journalisten standen fortwährend unter der fürsorglichen Beobachtung und Begleitung des KGB. Bei dieser Bemerkung ist eine Anspielung auf einen Böll’schen Romantitel nicht beabsichtigt.

Es war im Februar 1974. Wie meine Korrespondenten-Kollegen aus dem Westen hatte ich mit den spärlichen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, versucht, herauszufinden, welches Schicksal Alexander Solschenizyn drohen könnte. Ohne Erfolg! Den Kolleginnen und Kollegen ging es genauso.

Wir wussten nur, dass der Schriftsteller und Nobelpreisträger verhaftet worden war. Die Nachricht hatten wir aus seinem Umfeld erhalten, nicht aus den örtlichen Medien. Wie auch? Die sowjetischen Medien besaßen nicht, was bei uns als Selbstverständlichkeit betrachtet wird, die „Freiheit des Wortes“. Dieses kostbare Gut war ihnen schon lange genommen worden, als sofortige Folge der bolschewistischen Machtübernahme 1917. Stattdessen wurden ihnen die Segnungen der Zensur zuteil. Veröffentlicht werden durfte nur, was dem Regime genehm war.

Die Verhaftung des Schriftstellers Alexander Solschenizyn der Öffentlichkeit mitzuteilen, war der Sowjetführung nicht genehm. Warum nicht? Moskau war in jener Zeit – nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen – daran interessiert, dass Verhältnis zum Westen, insbesondere zu den USA, zu normalisieren. Da Alexander Solschenizyn in seiner kombinierten Eigenschaft als Schriftsteller und Regime-Kritiker Weltruhm erlangt hatte und vor allem in Amerika große Sympathien genoss, konnte seine Verhaftung die Westpolitik der Sowjetunion empfindlich stören.

Warum ging dann der Kreml das Risiko der Verhaftung ein? Weil Diktaturen trotz gewaltiger Militär- und Geheimdienstapparate äußerst fragile Gebilde sind! Sie mögen sich Jahre, sogar Jahrzehnte halten, aber am Ende sind sie dem offenen, kritischen Wort nicht gewachsen.

Alexander Solschenizyn hatte sich trotz ständiger Bedrohungen die Freiheit des offenen Wortes genommen. Im eigenen Staat brachte ihm das Schikanen und Repressalien ein. Im Ausland wurde er mit dem Nobelpreis geehrt, was vom Sowjetregime wie eine Kampfansage aufgenommen wurde. Solschenizyns Abrechnung mit der Stalinzeit hatte keine Chance, in der Sowjetunion zu erscheinen. Aus diesem Grund schmuggelte er sein gigantisches Werk „Archipel Gulag“ in den Westen, um es dort veröffentlichen lassen.

Das war den Machthabern in Moskau zuviel. Sie ließen ihren Geheimdienst auf den Schriftsteller los. Er, ein Schriftsteller avancierte zum innenpolitischen Staatsfeind Nummer 1. Die Verhaftung von Alexander Solschenizyn wirkte brutal. Aber sie war gleichzeitig eine Verzweiflungstat, eine Kapitulation der politischen und militärischen Supermacht Sowjetunion vor der Macht des Wortes. Die Kremlführung traute sich nicht, den in ihren Augen unerträglich renitenten Bürger mit seinen Kenntnissen der Stalinschen Verbrechen und seiner Vorstellung von der Freiheit des Wortes auf Dauer hinter Schloss und Riegel zu halten. Deshalb entschloss sie sich, den Problemfall auszulagern. In den Westen! Das war eine Premiere im Umgang mit Regimekritikern.

Den West-Regierungen, vornehmlich in der alten deutschen Bundesrepublik und in den USA, war diese Art der Problemlösung Recht. Alexander Solschenizyn wäre dadurch in Sicherheit, gleichzeitig könnte die Ost/ West-Entspannung fortgesetzt werden, so das politische Kalkül Auch Alexander Solschenizyn war am Ende wohl auch nicht dagegen.

Von all dem wussten wir in Moskau nichts. Wir strichen, argwöhnisch vom KGB beobachtet, um das Gefängnis Lefortowo, von dem wir annahmen, dass Alexander Solschenizyn hier eingesperrt war. Wir suchten Kontakt zu Freunden des Schriftstellers und zu anderen Regime-Kritikern. Vergeblich! Spekulationen wucherten. Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt hatte vierzehn Tage vorher dem bedrängten Schriftsteller Asyl angeboten. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass die Sowjetführung darauf einginge.

Deshalb war unsere Verblüffung groß, als wir über die Agenturen erfuhren, dass der unliebsame Schriftsteller von der sowjetischen Fluglinie Aeroflot in den Westen befördert wurde, nach Frankfurt. Dass er zunächst von Heinrich Böll hier in Langenbroich aufgenommen wurde, fanden wir hingegen nahe liegend.

Wie kein Anderer hatte sich Heinrich Böll von Deutschland aus oder bei seinen Besuchen in Moskau für Verfolgte eingesetzt, nicht zuletzt für Alexander Solschenizyn. Sein Freund Lew Kopelew hatte ihn ständig auf dem Laufenden gehalten, wenn Menschen in Bedrängnis gerieten. Das Wort von Heinrich Böll hatte in Moskau Gewicht. Seine Romane „Der Zug war pünktlich“, „Wo warst Du, Adam?“, „Billard um halb Zehn“ und vor allem „Ansichten eines Clowns“ waren für die Intelligenzia von Moskau und Leningrad, dem heutigen Petersburg, Kultlektüre, auch wenn die Übersetzungen häufig nicht astrein waren, sondern Richtung Sozialistischer Realismus manipuliert wurden. Aber die Ehrlichkeit, die Unabhängigkeit der Gedanken und die Abwesenheit von Pathos, die den Charakter der Romane ausmachten, konnten nicht wegretuschiert werden.

Heinrich Böll war für den sowjetischen Schriftstellerverband eine Persönlichkeit, der sie größten Respekt und gleichzeitig größtes Misstrauen entgegenbrachten. Die Funktionäre buhlten um ihn, konnten aber nicht verhindern, dass Böll bei seinen Besuchen weniger Zeit für sie als für Andersdenkende aufbrachte.

So kam er auch mit Alexander Solschenizyn zusammen. Damit die Freiheit des Wortes von der sowjetischen Zensur nicht vollends abgewürgt wurde, ging Heinrich Böll gerne Risiken ein. Dass er dabei geltende Gesetze des autoritären Staates verletzte, bereitete ihm keine Gewissenskonflikte. Er brachte es sogar über sich, Funktionäre, die ihm eigentlich furchtbar auf die Nerven gingen, so liebenswürdig zu behandeln, dass diese nicht umhin konnten, ihn am Ende seiner Reise zum Flughafen zu begleiten, was ihm Durchsuchungen beim Zoll ersparte.

So konnte er brisante Manuskripte, und das auch noch mit Hilfe von Funktionären, aus der Sowjetunion schmuggeln, wie die Erzählungen „Preußische Nächte“ und „Sachar-Kalitá“ von Alexander Solschenizyn. Das war 1965 und mitten im Kalten Krieg eine heiße Nummer. Aber noch heikler war, was Heinrich Böll im Februar 1972 durchzog. Alexander Solschenizyn hatte ihm für den Fall seines plötzlichen Todes oder der Verhaftung sein Testament mitgegeben.

Dieses durfte in keinem Fall dem KGB in die Hände fallen. Aber damit nicht genug. Heinrich Böll hatte sich obendrein auch noch Fotofilme in die Hose gesteckt, die längere Passagen des „Archipel Gulag“ enthielten. Wenn er damit aufgeflogen wäre, hätte das ein Riesentheater gegeben. Es ging gut, worüber sich der hoch angesehene Nobelpreisträger wie ein kleiner Junge freuen konnte. Er wusste das moralische Recht auf seiner Seite.

Nicht überall kam er durch, wie er mir erzählte. Es war wohl bei einem Besuch in der DDR, als seine Grenzverletzung schief ging. Um Schriftsteller, die große Probleme hatten, finanziell zu unterstützen, hatte sich Heinrich Böll mehr Geld eingesteckt als er gegenüber dem DDR-Zoll deklarierte. Der edle Schwindel wurde entdeckt, als er seine Taschen leeren musste, womit er nicht gerechnet hatte. Zur Rede gestellt, meinte Heinrich Böll lakonisch: „Ich bin an der Grenze groß geworden, da muss man schmuggeln.“ Sein Kölner Landsmann Konrad Adenauer hätte das nicht überzeugender sagen können.

Mit dieser Anekdote möchte ich nicht den Eindruck erwecken, als ob ich ein enger Bekannter von Heinrich Böll gewesen wäre. Wir sind vielleicht ein gutes Dutzend Mal zu Gesprächen zusammen gekommen. Das war vornehmlich während meiner Korrespondentenzeit in Moskau und Ostberlin. Meist ging es um Lew Kopelew und andere Bedrängte.

Heinrich Böll nahm sich für diese Gespräche viel Zeit. Ich weiß gar nicht, wie dieser große Schriftsteller überhaupt noch zum Schreiben kommen konnte. Es gab ja viele Menschen in Not, um die sich Heinrich Böll kümmerte; nicht nur im Ostblock, sondern auch in Ländern der westlichen Hemisphäre. Dazu nutzte er entschlossen seine Tätigkeiten für den PEN-Club Deutschlands und den internationalen PEN-Club. Was den Kampf für die Freiheit des Wortes und die Wahrung der Menschenrechte anging, war er ein höchst politischer Präsident dieser beiden Organisationen.

Das zehrte an seinen Kräften. Wenn Heinrich Böll  in autoritär regierte Länder kam, wurde er von Menschen umlagert, denen er wie die letzte Hoffnung erschien. Diese Begegnungen gingen hin bis zu seiner völligen Erschöpfung, seelisch und körperlich. Ich habe das in Moskau erlebt. Nur unter Aufbietung aller seiner Kräfte konnte er durchhalten. „Der Mann braucht dringend Erholung“, dachte ich mir, als er sich in Moskau von seinen Freunden, besser gesagt Schützlingen verabschiedete. Aber diese Erholung war ihm kaum vergönnt.

„Which side are you on“, heißt ein altes amerikanisches Gewerkschaftslied. Bei Heinrich Böll wusste man immer, auf welcher Seite er stand: auf der Seite der kleinen Leute, denen das Leben schwer gemacht wurde, auf der Seite der Verfolgten und Unterdrückten, auf der Seite des freien Wortes. Er kämpfte mit offenem Visier, wenn er sich in Protest-Briefen bei Machthabern und ihren Funktionären für drangsalierte Menschen einsetzte, die eingesperrt wurden, weil sie von ihrem natürlichen Recht auf Meinungs- und Redefreiheit Gebrauch gemacht hatten.

Heinrich Böll hatte zur Genüge am eigenen Leib und eigener Seele erlebt, was Unrechtstaat bedeutet. 12 schreckliche Jahre Naziherrschaft, inklusive Krieg, über den er an seine Frau Annemarie schrieb: “Diese unsagbare Grausamkeit des Krieges ist so unerbittlich. Ich vergesse sie nicht eine Sekunde von allen Tagen. Ich weiß nun, dass der Krieg ein Verbrechen ist, ein absolutes Verbrechen, das schlimmste.“

Wer mit Gewalt sein Volk zusammenhielt, musste nicht mit seiner Botmäßigkeit rechnen. Heinrich Böll hatte seine Erfahrungen gemacht und daraus gelernt; vor allem als Frontsoldat. Wenn es um die Wahrung der Menschenrechte und die Freiheit des Wortes ging, fiel es ihm nicht schwer, in Partisanenmanier Geheimdienste zu täuschen und Manuskripte außer Landes zu schaffen. Anschließend konnte er sich herzhaft darüber freuen, wenn er die „Typen“ oder „Arschlöcher“ hereingelegt hatte. Da war er ganz der alte Landser. Ich kann nicht behaupten, dass ich als Journalist daran Anstoß nahm.

„Der Engel schwieg“ heißt einer der ersten Romane, die Heinrich Böll schrieb. Er aber wollte nicht schweigen nach diesem Krieg und nun beim Aufbau der neuen Republik, sondern er wollte sich einmischen. Dabei kam ihm zupass, dass die Mitglieder des Parlamentarischen Rates nach 265 Tagen gemeinsamen Nachdenkens und lebhaften Diskutierens in Bonn mit dem Grundgesetz ein Meisterwerk der Verfassung vorlegten.

Ein besonderes Juwel war darin der Artikel 5, dessen erster Absatz es verdient, immer wieder in Erinnerung gerufen zu werden: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

In der Bevölkerung stieß die Verkündigung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 nur auf geringes Interesse. Wir müssen dafür Verständnis aufbringen! Die Menschen hatten sich erst einmal darum zu kümmern, sich und ihre Nächsten über die Runden zu bringen. Christian Bommarius, der Berliner Autor und Publizist, stellt deshalb in seiner „Biographie des Grundgesetzes“ fest: „Es hat einige Jahre gebraucht, bis die Bundesbürger die Bedeutung der Verfassung erkannten.“

Bei Heinrich Böll war das anders. Für ihn war das Grundgesetz „der Beichtspiegel der Nation“.  Dieses hübsche Sprachbild begründete er in der ihm eigenen Art. „Versuchen wir, uns von dem dummen Klischee zu befreien, wir, Intellektuelle und Schriftsteller, wären die Moralisten oder das Gewissen der Nation. Wir sind nichts weiter als in diesem Land arbeitende und Steuern zahlende Staatsbürger, die sich möglicherweise – ich betone: möglicherweise – besser artikulieren als irgendein anderer Staatsbürger, der ebenso das Gewissen der Nation verkörpert, sei er Arbeiter, Bankdirektor, Lehrer, Abgeordneter. Der Beichtspiegel der Nation, falls Sie Ihr Gewissen prüfen möchten, ist das Grundgesetz,“ schrieb er uns allen ins Stammbuch.

Wohl wissend um die Bedeutung des im Grundgesetz verbrieften Rechts auf das freie Wort hielt er 1959 in Wuppertal eine Rede, die - abgedruckt unter dem Titel „Die Sprache als Hort der Freiheit“ – neben seiner Schrift „Einmischung erwünscht“ zu einem der meist zitierten Texte von Heinrich Böll wurde. Seine Wuppertaler Rede machte vor Grenzen nicht Halt und gelangte auch in Länder, in denen die „Freiheit des Wortes“ abgeschafft wurde und Autoren gezwungen waren und sind, „für die Schublade zu schreiben“, wie es in der Sowjetunion hieß.

„Es ist kein Zufall, dass immer da, wo der Geist als eine Gefahr angesehen wird, als Erstes die Bücher verboten, die Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkmeldungen einer strengen Zensur ausgeliefert werden,“ konstatierte Heinrich Böll in seiner Rede und fuhr fort: „In allen Staaten, in denen Terror herrscht, ist das Wort fast noch mehr gefürchtet als bewaffneter Widerstand, und oft ist das letzte die Folge des ersten. Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein. Wir wissen, dass ein Gespräch, dass ein heimlich weitergereichtes Gedicht kostbarer sein kann als Brot, nach dem in allen Revolutionen die Aufständischen geschrieen haben.“ So Heinrich Böll 1959.

Seine Worte haben an Aktualität nicht einen Deut verloren. Die letzten Monate haben gezeigt, dass an der Unfreiheit des Wortes, die immer Ausgang allgemeinen Unrechts ist, am Ende die härtesten Diktaturen zu Grunde gehen. Ghadafis Libyen wird nicht der letzte Fall sein, auch Assads Syrien wird sich nicht halten können. Das freie Wort hat mit dem Internet einen starken Verbündeten gewonnen. Das werden andere Diktaturen noch zu spüren bekommen.

Heinrich Böll versetzte sich in die Lage von Menschen, die unter Zwang oder Druck – politisch oder wirtschaftlich – Dinge gegen ihre Überzeugung sagen oder schreiben müssen. „Es gibt schreckliche Möglichkeiten“, sagte er dazu, „den Menschen seiner Würde zu berauben: Prügel und Folter, aber als die schlimmste stelle ich mir jene vor, die sich wie eine schleichende Krankheit meines Geistes bemächtigen und mich zwingen würden, einen Satz zu sagen oder zu schreiben, der nicht vor dem Gewissen eines freien Schriftstellers bestehen könnte“.

Heinrich Böll mahnte aber auch eindringlich, mit dem Wort behutsam umzugehen. „Hinter jedem Wort steht eine Welt. Was den einen trösten mag, kann den Anderen zu Tode verletzten. Worte können Kriege vorbereiten. Nicht immer sind es Worte, die Frieden stiften. Das Wort, dem gewissenlosen Demagogen ausgeliefert, kann Todesursache für Millionen werden. Ich brauche nur ein Wort zu sagen: Jude. Worte können töten, und es ist einzig und allein eine Gewissensfrage, ob man die Sprache in Bereiche entgleiten lässt, wo sie mörderisch wird.“ Bölls Rede fand wohlwollende Aufnahme.

Nicht immer wurde ihm positive Behandlung zuteil. Dass auch bei uns die Freiheit des Wortes begrenzt ausgelegt werden kann, musste er am eigenen Leib erfahren. Schwer bewaffnete Polizisten durchsuchten sein Haus hier in Langenbroich. Gerade Nobelpreisträger geworden, wurde er hierzulande verdächtigt, Helfershelfer der RAF-Terroristen zu sein. Was war geschehen? In einem SPIEGEL-Essay „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit“ hatte sich Heinrich Böll mit dem Werdegang der RAF und höchst kritisch mit der Berichterstattung der Springer-Presse auseinandergesetzt.

Nicht nur die betroffenen Zeitungen schlugen heftig zurück, auch aus dem Bundestag wurde mit schwerem Kaliber auf den Schriftsteller geschossen, als sei er ein Komplize des Terrors. Wir sollten nicht glauben, dass so etwas heute nicht mehr möglich sei. 2005 ließ die Staatsanwaltschaft die Redaktionsräume der Zeitschrift Cicero durchsuchen. Der schwerwiegende Vorwurf: Beihilfe zum Geheimnisverrat. Das Magazin hatte in einem Artikel über einen jordanischen Terroristen vertrauliche Akten des Bundeskriminalamts ausgewertet.

Zum Glück für die Pressefreiheit gibt es das Bundesverfassungsgericht. Es verurteilte die Redaktionsdurchsuchung als verfassungswidrig.

Doch damit sind wir bei uns mit der Freiheit des Wortes nicht auf „Nummer sicher“. Als verletzliches Gut muss sie ständig bewacht und nach dem Prinzip „wehret den Anfängen“ sofort verteidigt werden, wenn ihr Gefahr droht. Heinrich Böll war in dieser Hinsicht hellwach. Der friedfertige Mann ging gleich auf die Barrikaden, als mit der Bedrohung durch die RAF bürgerliche Freiheiten eingeschränkt werden sollten. Auch heute ginge das sehr schnell. Bislang sind wir von Terroranschlägen verschont geblieben, dank der Gefahrenabwehr durch den Staat. Aber sollte sie mal nicht funktionieren und Attentatsopfer zu beklagen sein, würden mit Sicherheit Methoden der Überwachung aus den Schubladen gezogen, die zu Einschränkungen unserer Freiheiten führten, einschließlich des Wortes.

Es ist ja auch bequemer, einen Staat ohne als mit Widerspruch zu führen. Die Republik Ungarn ist da mit schlechtem Beispiel vorangegangen, ausgerechnet in ihrer Eigenschaft als Präsident der Europäischen Union. Der Protest der europäischen Institutionen – Parlament, Kommission und Ministerrat - gegen das rabiate Vorgehen Budapests gegen die Freiheit des Wortes ist verdächtig flau geblieben.

Wer weiß, ob man nicht in prekären Situationen auf das gleiche Mittel zurückgreifen möchte! Die Zivilgesellschaften mochten sich ebenfalls nicht richtig empören. Heinrich Böll wäre da sicher aus der Haut gefahren. Auch Medienpolitiker wie Berlusconi und Sarkozy, von Putin ganz zu schweigen, hätten ihr Fett reichlich abbekommen. Doch PEN Deutschland und PEN international haben heute offensichtlich ein dickeres Fell.

Nach seinen eigenen Lebenserfahrungen konnte Heinrich Böll  einfach nicht gelassen zuschauen, wenn etwas schief lief. Er hat sich eingemischt, im Inland wie im Ausland. Das war so, als der Prager Frühling niedergewalzt wurde, als die Sowjetunion gewaltsam gegen Dissidenten vorging, als in Polen die Solidarnosc-Bewegung mit dem Kriegsrecht erstickt werden sollte und in Südamerika die Einforderung von Menschenrechten brutal unterdrückt wurde. Heinrich Böll gab alles, um Proteste aufzurütteln, wenn Menschen gequält wurden oder mundtot gemacht werden sollten.

Hierzulande sah er keinen Sinn im Nato-Doppelbeschluss. Die Dialektik der Strategie „Aufrüsten, um abzurüsten“ leuchtete ihm nicht ein. Dem Protest dagegen gab er deshalb seine Stimme. Er war kein vitaler Redner, der Massen für den Augenblick in Wallung versetzen konnte. Darin ähnelte er Andrej Sacharow. Heinrich Böll las vom Blatt ab. Die aufgebrachten Menschen wurden still. Sie hörten ihm zu, weil sie spürten, dass hier ein Mann sprach, der sein Wort behutsam und verantwortungsbewusst einsetzte.

Er ließ sich nie von einer politischen Bewegung vereinnahmen. Diktatur war für ihn Diktatur und in keinem Fall hinnehmbar. Er ließ sich deshalb nicht darauf ein, zwischen Schurkenstaaten und akzeptable Regime, wenn diese auf Seiten des Westens waren, zu unterscheiden. Eine Diktatur nach außenpolitischem Nutzwert mehr oder weniger zu tolerieren, kam für ihn nicht in Frage. Grobeinteilungen in Ost- und Westblöcke behagten ihm ebenso nicht. Hüben wie drüben hatte er in unfreien Staaten frei denkende Menschen kennen gelernt, die seine Freunde wurden. Das war für ihn ausschlaggebend.

Wenn es um Menschenrechte ging, rief ihn nicht nur die große Politik auf den Plan. Er engagierte sich auch, wenn es um Beschädigungen und Verletzungen des Alltagslebens ging. Nachdem was er erlebt hatte, lösten militärische Geräte wenig Sympathien bei ihm aus. Auch nicht schnittige Düsenjäger. Ihn machte hingegen fuchsteufelswild, wenn Tiefflieger mit Höllenlärm die Bevölkerung seiner geliebten Eifel tyrannisierten. Sein Protest dagegen fiel geharnischt aus.

Inzwischen hat sich das Problem durch das Ende der Ost/West-Konfrontation gänzlich erledigt. Wie sehr wäre Heinrich Böll zu gönnen gewesen, dass er, der soviel getan hat, um den Eisernen Vorhang durchlässiger zu machen, den Fall der Mauer wie sein Freund Lew Kopelew erlebt hätte. Seine Gedanken zur deutschen Einheit und auch zum vereinten Europa wären uns sicher gut bekommen. Nicht zuletzt in der gegenwärtigen Diskussion um die Eurokrise, wo Abfälligkeiten über andere Länder wieder Konjunktur haben!

Gegen diesen Hochmut, der in seiner Selbstgerechtigkeit und Selbstüberschätzung zerstörerische Ausmaße annehmen kann, war Heinrich Böll immer entschieden angegangen – mit Toleranz, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Sein Geist lebt in diesem Haus weiter. Insofern ist der Wunsch, den Carl Amery bei der Eröffnung vor 20 Jahren ausgesprochen hat, in Erfüllung gegangen.

Wie wohl sich Annemarie und Heinrich Böll hier in Langenbroich gefühlt haben, war mir selbst im damals schwer erreichbaren Moskau bekannt. An seine russischen Freunde hatte er geschrieben: „Wir haben ein kleines Haus mit sechs winzigen Stuben und acht Betten (Ausrufungszeichen), aber sehr großem Garten mit eigenem Schwimmbecken erworben. Alles hier ist sehr ‚keltisch’ – Hausbau, die Leute, die Frömmigkeit. Uns geht es sehr gut hier.“ Der Brief machte, wie alles, was Heinrich Böll nach Moskau schrieb, die Runde. Das Ausrufezeichen hinter den acht Betten löste bei allen den damals irrealen, aber sehr schönen Wunsch aus, mal selbst im Böll-Haus zu übernachten. Einige haben es denn auch geschafft. Wie man sieht: zu träumen lohnt sich. Was der Werbespruch einer japanischen Autofirma suggeriert, hält gelegentlich die Wirklichkeit. „Nichts ist unmöglich, auch nicht das Gute!“

Das mögen auch die über 150 Stipendiaten  aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Ost- und Südosteuropa gedacht haben, die in den vergangenen zwei Dekaden hier gelebt und freies Arbeiten genossen haben. Eine Vielzahl menschlicher Schicksale und beruflicher Wendungen ist hier zusammengekommen. Und weil sie das Hauptanliegen dieses Hauses sind, möchte ich auf einige stellvertretend für alle Stipendiaten eingehen.

Der lettische Philologe Uldis Berzins ist ein Spezialist für Orientalistik und Afrikanistik. Er lebte und arbeitete nach der Wende in Island und Schweden. Uldis Berzinsch hat einiges auf dem Kasten. Er übersetzt aus dem Polnischen, Russischem, Altnordischem, Türkischem, Turkmenischem, Persischem, Althebräischem und Arabischem. Damit nicht genug. Er kennt auch Iwrit, die tatarische und tschuwaschische Sprache. Heute lehrt er an der Universität Lettlands und zugleich ist er ein aktiver Politiker der Lettischen Sozialdemokratischen Partei. Ein solcher Mann kann im politischen Leben leicht viele Übersetzer brotlos machen.

Der russische Bühnenbildner David Borowski war das fantasievollste Urgestein des renommierten Taganka-Theaters in Moskau. Er folgte seinem in den 1980er Jahren ins Exil gedrängten Regisseur Jurij Ljubimow, um  mit ihm gemeinsam frei gewagte und gefragte Experimentalinszenierungen herauszubringen.

Die bosnische Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin Kaca Celan, eine Anhängerin der Wachtanga-Theaterschule, arbeitet heute erfolgreich in New York.

Die ägyptische Ärztin Nawal El Saadawi engagierte sich als Menschenrechtlerin, insbesondere für die Rechte der Frauen. Sie begann zu schreiben, wurde verhaftet, ging danach ins Exil und blieb eine politisch aktive Autorin, die sich ganz im Böll’schen Sinne einmischte. Wo mag sie heute sein, nach den jüngsten Entwicklungen in Ägypten?

Die türkische Journalistin Asli Erdogan setzt sich für die Wahrung der Menschenrechte ein. In der Türkei engagiert sie sich als Autorin und PEN-Mitglied im Komitee „Schriftsteller in Haft“.

Dorothea Rosa Herliany stammt aus Indonesien, wo sie auch wieder lebt. Sie ist Lyrikerin. Als Autorin schreibt sie für ein stärkeres Umweltbewusstsein und für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und ethnischer Herkünfte. Davon gibt es in Indonesien eine Menge.

Chenjerai Hove ist ein Schriftsteller aus Simbabwe. Er brachte den Mut auf, das Schreckensregime von Robert Mugabe zu kritisieren, wofür er verfolgt wurde. Er musste außer Landes gehen und lebt heute in Norwegen.

Der russisch schreibende und acht Sprachen beherrschende Schriftsteller und Dramaturg Andrej Kurkow aus Kiew war ebenfalls Stipendiat des Böll-Hauses hier in Langenbroich. Er wurde Mitte der 90er Jahre vom Diogenes-Verlag entdeckt. Andrej Kurkow lieferte vier spannende Romane und wurde im Westen zum viel gelesen Autor. Meist von der Kritik gelobt freut er sich auch über Komplimente wie dieses: „Andrej Kurkow hat diese gewissen Nebensätze, die so lakonisch sind, dass man von ihm sogar die Gebrauchsanweisung eines Rasenmähers lesen würde.“ (Die Welt)

Der albanische Musiker Arian Leka begab sich auf literarisches Terrain. Er ging nach Italien, kehrte nach Albanien zurück, gründete dort einen Verlag und veranstaltet in seiner Heimat Lyrik-Festivals.

Sein Landsmann Fatos Lubonja wurde 1974 zu fünf Jahren Gefängnis und 13 Jahren Arbeitslager verurteilt. In dieser Zeit hat er einen großen und wichtigen Roman auf Zigarettenpapier geschrieben und aus dem Lager geschmuggelt. Heute lebt er in Tirana und ist Redakteur einer kritischen Literaturzeitschrift.

Der chinesische Autor und Dissident Bei Ling gehört wie der inhaftierte Schriftsteller und Nobelpreisträger Liu Xiabo zu den Gründern des chinesischen PEN-Clubs. Bei Ling wurde eingesperrt. Susan Sonntag und Günter Grass setzten sich für seine Freilassung ein. Heute lebt Bei Ling in den USA und Taiwan. In seine Heimat lässt ihn das Regime nicht einreisen.

Für alle diese Menschen war das Heinrich Böll-Haus eine seelisch und geistig wichtige Zwischenstation. Gerne würde ich die Biografien aller 140 Stipendiaten vortragen. Ihre Geschichten erzählen uns viel über die Verhältnisse in dieser Welt, über Unmenschlichkeiten und Wendungen zum Guten. Leider nicht immer.

In der Dokumentation zur Einweihung des Heinrich Böll-Hauses ist der Zweck dieser beispielhaften Einrichtung knapp und klar formuliert: „Das Haus der Familie Böll in Langenbroich diente vielen Künstlern, die ihr Land aus politischen Gründen mussten, als Anlaufstelle und Unterkunft. In diesem Sinne soll es auch weiterhin zur Verfügung stehen.“  Der Text verkündet unprätentiös und eindeutig: fortgesetzt wird, was Heinrich Böll und seine Frau vorgelebt haben.

Die Stipendiaten heute kommen aus China, dem Irak und Tunesien. Ye Kai, Chang Ping, Ali Badre und Hassouna Mosbahi. Ich bin sicher, sie werden wie ihre Vorgänger und Nachfolger die schöpferische Freiheit, die von diesem Haus ausgeht, genießen und Heinrich Bölls Credo aus seiner Wuppertaler Rede „Die Sprache als Hort der Freiheit“ mitnehmen, sich als Schriftsteller und Künstler stets dem ungeschriebenen Gesetz verpflichtet zu fühlen, die Würde des Menschen im Wort zu bewachen und zu verteidigen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. 2021 zum 30jährigen Bestehen sehen wir uns wieder. Bleiben Sie gesund!