Peter Finkelgruen
Max Herrmann-Neiße und der Exil-PEN
Ein Vortrag
Sehr geehrte Damen und Herren
„Das Land, in dem ich gern leben möchte, müßte ein friedliches sein, das jedem seiner Bewohner ein auskömmliches Dasein verbürgt und mit jeder Nation gut Freund ist. Es hat kein Militär, keine bewaffnete Macht, keine Zuchthäuser, übt keinen Arbeits- und keinen Gebärzwang aus, kennt keine Todesstrafe, gewährt unbedingte Rede- und Schreibfreiheit, stellt das Sexuelle nicht unter moralische Gesetze. Da darf jeder tun und lassen, soweit er nicht seinen Mitmenschen dadurch schädigt, da herrscht niemand und wird niemand beherrscht, gibt es keine Hast, keine Rekordjagd, keine Raffgier, keinen Puritanismus, keinen Rassen- oder Grenzpfahlwahn, keine Nivellierung zur nach rechts oder links ausgerichteten Kasernenhofherde, keine Mechanisierung, keinen Kulturabbau , da gilt die Kunst noch etwas, die Humanität, der Geist, die Persönlichkeit, das Herz, die Seele, der Mensch an sich. „
Wenn ich mit diesem Zitat aus dem Jahr 1922 beginne, dann trage ich gewiss Eulen nach Athen, oder um präziser zu sein, Max Herrmann nach Neiße.
Also muss ich mich dafür bedanken, dass ich aus Anlass dieser Tagung hier in Neiße eingeladen wurde, um vor Ihnen einen kurzen Vortrag über das PEN Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland zu halten. Das PEN Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland ist jenes PEN Zentrum, das als Exil-PEN unter anderem von Max-Herrmann – Neiße gegründet worden ist. Jenes Max Herrmann-Neiße, der Thema dieser Tagung ist.
Ich habe die Ehre und die Freude, diesem PEN Zentrum anzugehören. Einige Jahre als Mitglied des Vorstandes und jetzt als Vorsitzender des Fördervereins des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Ich werde noch kurz etwas zu der Namensänderung, den dieses von Max Herrmann Neiße mitbegründete Zentrum erfahren hat, sagen. So wie die meisten seiner Mitglieder spreche ich weiterhin vom Exil-PEN, gewissermaßen den Geburtsnamen benutzend.
Ich wurde und werde oft gefragt, wieso denn Exil-PEN? Im Verlauf meines kleinen Vortrages will ich versuchen, darauf eine Antwort zu geben. Erlauben Sie mir, als eine Antwort zu schildern, wie ich zu diesem PEN-Zentrum gekommen und dessen Mitglied geworden bin.
Im Jahre1989 war meine Frau, die Schriftstellerin Gertrud Seehaus, Gast der Villa Massimo in Rom. Das war nach dem Erscheinen ihres Romans „Gruß an Ivan B.“ – Bei Ivan B. handelt es sich übrigens um Ivan Blatny, einem Lyriker aus dem Nachbarland Tschechien, dessen Name mit dem Stichwort Exil gleich in mehrfacher Hinsicht verbunden ist.
Der Sommer 1989 war einer der Höhepunkte der Befreiung Osteuropas von dem, was Max Hermann-Neiße wohl in Voraussicht die „links ausgerichtete Kasernenhofherde“ bezeichnete. In diesem Jahr fand, auch im fernen China, der Versuch einer Bewegung hin zur Demokratie statt, die in dem tragischen Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking am 4. Juni 1989 kulminierte. Außer meiner Frau befand sich ein weiterer deutscher Autor als Ehrengast in der Villa Massimo. Auf Grund seiner beruflichen Karriere war Erwin Wickert in diesen Tagen von allen möglichen Rundfunkstationen und anderen Medien als Interviewpartner und Experte zu China gefragt. Er war in den Jahren 1976 – 1980 Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in China gewesen. Als Autor zahlreicher Bücher und Mitglied des deutschen PEN war er ebenfalls Ehrengast der Villa Massimo und hielt vor den dort Anwesenden Gästen der Villa einen Vortrag über China. In der darauf folgenden Aussprache fragte meine Frau ihn nach seinen Erfahrung im Shanghai der Vierziger Jahre. Da war er, der Mitglied der NSDAP gewesen war, Rundfunkattaché am deutschen Generalkonsulat und später dann an der deutschen Botschaft in Tokio. Zu jener Zeit nämlich waren meine Eltern, die aus Deutschland ins Exil geflohen waren, im Getto von Shanghai gewesen, wo ich geboren wurde. Nachdem meine Frau Erwin Wickert auf diese Zeit angesprochen hatte, kam es am nächsten Tag zu einer Begegnung, die am besten mit dem Begriff „latent aggressiv“ umschrieben werden könnte.
Zu dieser Zeit war ich mit Vorarbeiten für mein erstes, damals noch nicht geschriebenes Buch Haus Deutschland oder Die Geschichte eines ungesühnten Mordes befasst, in dem auch das Getto in Shanghai behandelt wurde. Dabei kam ich nicht umhin, mich eben auch mit diesem Mitglied des deutschen PEN, der in den Jahren, als andere im Exil waren und dort auch den Exil-PEN gegründet hatten, Mitglied der Reichsschrifttumskammer gewesen war.
Als ich mein zweites Buch, „Erlkönigs Reich oder die Geschichte einer Täuschung“ veröffentlichte, erfuhr ich, dass mich jemand für eine Mitgliedschaft im deutschen PEN- Zentrum vorschlagen wollte. Ich hätte diese Mitgliedschaft nicht annehmen können, auch wenn ich gerne Mitglied des Internationalen PEN geworden wäre, wusste ich doch, dass Erwin Wickert nicht die einzelne Ausnahmegewesen war. Es gab auch andere die sich im 3. Reich nicht gerade mit Lorbereen beckleckert haben. Sie können sich vorstellen, wie erfreut ich war, als ich einen Anruf von Fritz Beer aus London, dem damaligen Präsidenten des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, erhielt, mit der Einladung, doch Mitglied dieses Zentrums zu werden.
So viel also dazu, wieso ich Mitglied des von Max Herrmann – Neiße mit gegründeten Exil-PEN wurde und wieso es auch im letzten Jahrzehnt folgerichtig war und Sinn machte, Mitglied dieses Zentrums zu sein. Ich werde versuchen aufzuzeigen, dass es weitere Gründe für diese Mitgliedschaft auch heute gibt, aber auch, dass dieses Zentrum Veränderungen erfahren hat, die den Zeitläuften geschuldet sind, Veränderungen, die dieses Zentrum heute auch für jüngere Autoren attraktiv macht.
Auch im heutigen PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland gibt es noch Mitglieder der sozusagen ersten und zweiten Exil-Generation. von Autoren also, die selber ins Exil gegangen sind oder eben, wie ich, im Exil geboren wurden.
Ein Mitglied des heutigen Vorstandes ist Prof. Guy Stern. Als er im Alter von 15 Jahren aus Deutschland emigrierte, war der Exil-PEN damals mit Sitz in London, bereits existent. Noch bevor der in den sechziger Jahren zum Professor für deutsche Literatur berufene Guy Stern, sich als Mitglied in den Reihen des PEN Zentrums fand, fand er den Weg nach Deutschland zurück. Als einer der sogenannten Ritchie Boys, einer überwiegend aus Emigranten gebildeten Spezialeinheit des US Militärnachrichtendienstes, der bis Kriegsende Überläufer und deutsche Kriegsgefangene verhörte. Erst nach dem Krieg erfuhr er, dass seine ganze Familie im Warschauer Getto umgekommen war. Auch ihn kann ich mir nicht als Mitglied im deutschen PEN vorstellen.
Ähnliches gilt auch für unseren sozusagen Alterspräsidenten, Prof. Hans Keilson. Es war vielleicht eine partielle Versöhnung wenn er er in späteren Jahren eine Doppelmitgliedschaft auch im deutsche PEN angenommen hat. Er, der Präsident unseres Zentrums von 1985 bis 1988 war, veröffentlichte seinen ersten Roman im Jahre 1933, der ein Jahr später von den Nazis verboten wurde. In den vierziger Jahren ging der junge, 1909 geborene Hans Keilson nach der Besetzung Hollands in den niederländischen Widerstand und schrieb seine ersten Gedichte. Damals entstand auch sein nächster Roman „Der Tod des Widersachers“, der 1959 erschien. Seine größte Reputation erwarb sich der Romanautor und Lyriker wohl als Psychologe und Autor des Buches über die „Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Deskriptiv-klinische und quantifizierend-statistische follow-up Untersuchung zum Schicksal der jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden“eines der Standardwerke der Psychologie. Er, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden, hätte wohl kaum in einem anderen PEN – Zentrum als dem von Max Herrmann – Neiße mitbegründetem seinen Platz gefunden. Von ihm stammt der Satz: „ Die deutsche Literatur – das waren wir“.
Die Biographien dieser von mir als erster Exil-Generation Beschriebenen sind so unterschiedlich wie der Lauf der Verfolgung und der Geschichte es ebenfalls war.
Auch Angelika Schrobsdorff, Autorin zahlreicher weithin bekannter Bücher wie zu „ Die Herren“ und „Du bist nicht wie andere Mütter, “ zählt zu jenen Mitgliedern des PEN- Zentrums, deren Biographien direkt von der nationalsozialitischen Verfolgung bestimmt wurden. Das gilt auch noch für ihren langjährigen Aufenthalt in Israel, wo sie von 1983 bis 2006 in Jerusalem gelebt hat. Auch andere Mitglieder haben viele Jahre in Israel gelebt und geschrieben, beispielsweise der gegenwärtige Schatzmeister Daniel Cil Brecher, der in den achtziger Jahren Direktor des Leo-Baeck-Instituts in Jerusalem war. Ihn habe ich in diesen Jahren, in denen ich selber dort lebte, kennengelernt. Da sind aber auch andere zu nennen: Mark Gelber, Ulrich Sahm, und Richard Chaim Schneider etwa. Auch Peggy Parnass gehört zu dieser Gruppe der Mitglieder des auch von Max Herrmann – Neiße gegründeten Exil- PEN.
Nach der Deportation ihrer Eltern wurde Peggy Parnass 1939 zusammen mit ihrem vierjährigen Bruder mit einem Kindertransport nach Schweden gebracht. Hier fand sie bis zum Ende des Krieges bei wechselnden Pflegefamilien Zuflucht. Ihre Eltern sah Peggy Parnass nie wieder. Sie waren als „Ostjuden” in Polen ermordet worden. Nur ein Onkel überlebte den Holocaust. Er hatte sich nach London retten können, wo Peggy Parnass in den Nachkriegsjahren zunächst ein neues Zuhause fand, bevor sie über Schweden nach Hamburg zurückkehrte.
Ihr künstlerisches und publizistisches Lebenswerk ist geprägt von ihren Erfahrungen als Ausgegrenzte und Verfolgte. Sie hat in zahlreichen Filmen mitgewirkt (zuletzt 1994 in „Keiner liebt mich” von Doris Dörrie), als Übersetzerin gearbeitet und unzählige Bücher und Reportagen verfasst. Ihre Gerichtsreportagen und ihre Kritik an der nicht verarbeiteten Vergangenheit der deutschen Justiz gehören zu bleibenden Belegen ihrer schriftstellerischen Qualität. Für ihr politisches und gesellschaftliches Engagement ist sie 2008 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt worden.
Bei der bisherigen Aufzählung von Mitgliedern könnte man zu der Schlussfolgerung kommen, es handele sich bei dem PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland um ein quasi jüdisches PEN- Zentrum. Dies ist nur insofern richtig, als schon bei der Gründung des Exi- PEN die größere Anzahl der Gründer und Mitglieder Autoren waren, die zu den ersten Flüchtlingen, Vertriebenen und Verfolgten des Nationalsozialismus gehörten.
Aber es waren eben nicht nur Juden, die sich da zusammenfanden. Es waren Menschen und Literaten wie Max Herrmann – Neiße. Mich beeindruckt besonders die Tatsache, dass er Deutschland zu einem Zeitpunkt verlassen hat, als noch zahlreiche Juden den Gedanken, ihre deutsche Heimat zu verlassen, von sich weggeschoben haben. Er hat Deutschland bereits Anfang 1933 verlassen. Im Februar 1933 hat er seine Analyse in dem Gedicht Zuversicht auf den Punkt gebracht:
Mag ringsum sich Haß und Zwietracht ballen,
unduldsam Mann gegen Mann bestehn,
überall Signal zum Angriff schallen,
Fahne mörderisch an Fahne wehn,
wieder Kriegerisches sich entfalten
und geduckt im Dunkel Blutrausch lauern,
dennoch wird der Freie sich erhalten
und den Sieg des Bösen überdauern.
Was dann für ihn folgte, war das Exil. Nicht weil er Jude war, sondern weil er mit der Barbarei, die er erkannte, nichts gemein haben wollte - und weil er glaubte, dass
„ der Freie sich erhalten und den Sieg des Bösen überdauern würde…“
Dies eine Überzeugung, die wohl auch alle nachfolgenden Mitglieder dieses PEN-Zentrums auszeichnete.
Nach 1945 folgten andere Gruppen.
Unser gegenwärtiger Präsident Günter Kunert gehört zu denen, die ihre biographischen Erfahrungen sowohl mit den rechts- wie den links- ausgerichteten Kasernenhofherden gemacht haben. Günter Kunert, der als Jude vor 1945 keine höhere Schule in Deutschland besuchen durfte, studierte nach dem Krieg in der DDR. Seine literarische Karriere hat er dort begonnen. Beinahe zwangsläufig, würde ich sagen, führte sie zu der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, zu deren Erstunterzeichnern Gunter Kunert 1976 zählte, und letztlich zu seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik.
Er ist nicht der Einzige im heutigen PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, der seine biographische Erfahrung mit der linksausgerichteten Kasernenhofherde machte. Es war die historische Epoche, die im deutschen Sprachgebrauch als die Wende umschrieben wird. Die friedliche Revolution, die Vereinigung beider deutscher Staaten und die damit einhergehenden Verwerfungen haben dem Exil-Pen, dem PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, neue Mitglieder beschert. So manche und mancher von ihnen fanden den Weg zu uns, weil sie mit den Modalitäten der Wiedervereinigung und ihren Folgen nicht einverstanden waren. Dabei spielte oft die Angst mit, es würden Fehler und Fehlhaltungen wie nach der Zeit des Nationalsozialismus wiederholt werden. Der Umgang mit der Diktatur und ihren Folgen erschien und erscheint manchen bis heute wenig zufriedenstellend – insbesondere dann, wenn sie selber Opfer dieser Diktatur waren.
Neben Günter Kunert ist auch Freya Klier, Mitglied im jetzigen Vorstand, eine Vertreterin dieser Gruppe. Kinderheim, Opposition, Fluchtversuche und Gefängnis waren Bestandteile ihrer biographischen Erfahrung mit der zweiten deutschen Diktatur.
Andere Autoren mit Erfahrungen dieses etwas anderen Exils und mit der kommunistischen Diktatur sind Reiner Kunze, Marko Martin, Utz Rachowski, Doris Liebermann und andere. Dass Freya Klier mit großem Engagement sich für das Wirken im Rahmen von Writers-in- Prison, also den Bemühungen des PEN und seiner Mitglieder zu Gunsten von verfolgten Schriftstellern in aller Welt, einsetzt, ist so folgerichtig wie symbolisch.
Eine Reihe von Mitgliedern, die in den letzten Jahrzehnten zum PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren gestoßen sind, sind tatsächlich genau das: Deutsche und deutschsprachige Autoren, die vorübergehend, längere Zeit oder auf Dauer im Ausland leben. Aber auch hier muss man unterscheiden. Es gibt noch jene, die durch ihre biographische Erfahrung mit dem Nationalsozialismus zum Beispiel nach Israel gekommen sind wie Manfred Winkler oder der Lyriker Tuvia Rübner, oder in die USA wie der schon genannte Guy Stern, wie Georges Arthur Goldschmidt ebenso wie Georg Stefan Troller nach Paris, Ralph Giordano nach Köln oder Inge Deutschkron nach Berlin. Aber auch nachfolgende Generationen deutsch-schreibender Autorinnen und Autoren hat es aus unterschiedlichsten Gründen ins Ausland verschlagen – sei es, weil sie sich aus politischen oder sonstigen Gründen im Deutschland der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht wohl gefühlt haben oder einfach aus privaten Gründen. Da sind zu nennen, Fred Viebahn in den USA, Beate Klarsfeld in Frankreich, der jüngst verstorbene Peter Paul Zahl in Jamaika, Inge von Weidenbaum in Italien, Alfredo Bauer in Argentinien, Renate Ahrens in Irland, und ich könnte weitere Namen und Kontinente aufzählen.
Dass all dies große Herausforderungen an die Logistik und die Existenzmöglichkeiten dieses historischen PEN-Zentrums stellt, das 1933 unter anderem von Max Herrmann – Neiße gegründet wurde, liegt auf der Hand, und ich werde darauf zu sprechen kommen.
Zuerst möchte ich aber noch auf eine weitere Gruppe von Mitgliedern aufmerksam machen, die die Reihen des Zentrums in den letzten Jahren verstärkt haben. Ich möchte einige aufzählen:
Therese Ruiz Rosas aus Peru lebt und schreibt in Köln.
Feridun Zaimoglu aus der Türkei lebt und schreibt in Berlin.
Auch das jüngste Mitglied Abbas Khider aus dem Irak lebt und schreibt in Berlin.
Dass es einige Mitglieder im PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland gibt, die sogenannte Doppelstaatler sind, also die Staatsangehörigkeit von mehreren Ländern besitzen, - eines davon bin ich selber –, ist gewiss nicht der Lust am Sammeln von Pässen geschuldet, sondern unterschiedlichsten individuellen Erfahrungen mit dem Exil im 20ten und 21ten Jahrhundert.
Natürlich spiegeln sich bei Autorinnen und Autoren auch andere, wie man heute sagt, globale Entwicklungen wider. Die Mobilität von Menschen, auch von schreibenden Menschen, ist heute größer, vielleicht auch zwangsläufiger, die Beschränkung auf enge nationale Grenzen auf Dauer wohl kaum durchzuhalten.
Der von Max Herrmann – Neiße mitbegründete Exil-PEN hat eine Entwicklung und Veränderung erfahren. Von einem Verband von Flüchtlingen und Emigranten, wie er selber einer gewesen ist, von denen die meisten auf Rückkehr in ihre Heimat hofften, – einer Rückkehr, die ihm selber nicht vergönnt war - hin zu einer Schriftstellervereinigung, die die politischen und kulturellen Entwicklungen der bald 8 Jahrzehnte seit seiner Gründung widerspiegelt.
Das war durchaus ein weiter Weg.
Die Geschichte des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland ist ebenso wie die Geschichte des Internationalen PEN eine Abbildung der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Umwälzungen, deren Tempo und Ausmaß schwer vorstellbar sind.
Wenden wir uns kurz England zu. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Jahre 1905 bildete sich dort eine Gruppe von Künstlern, Intellektuellen und Wissenschaftlern, die bedeutenden Einfluss auf Englands kulturelle Modernisierung hatten. In informellen Treffen begegneten sich so prominente und renommierte Geister der englischen Oberschicht wie Virginia Woolf, John Mynard Keynes, Clive Bell und andere und bestimmten die aktuelle intellektuelle Debatte Englands. Ihre Treffen fanden zumal während des ersten Weltkrieges in den Privathäusern der Mitglieder statt – allesamt im Londoner Stadtteil Bloomsbury, woher der Kreis dann auch seinen Namen bezog.
Die kulturhistorische Einrichtung der englischen Clubs stand natürlich Pate. Das galt auch für die Gründung des ersten englischen PEN-Clubs im Oktober 1921 durch Catherine Amy Dawson Scott. Die Gründung dieses als ein rein literarischer Klub gedachten, vor allem ein unpolitischen Clubs für Literaten war allerdings schon geprägt von gesellschaftlichen Emanzipationsvorstellungen, die im Nachhall des Ersten Weltkrieges in Erscheinung traten. Besonders bei Catherine Amy Dawson-Scott war die Überzeugung von der Notwendigkeit menschlicher Emanzipation stark ausgeprägt. Der Club- Charakter war noch dominierend und mag für das eine oder anderen Zentrum heute noch gelten, ist aber wohl nicht die Regel. Vor kurzem stieß ich auf einen Brief vom 26. März 1923, den Vita Sackville West an Virginia Woolfe geschrieben hat:
Liebe Mrs. Woolf,
Ich schreibe dies heute, weil ich glaube, daß Sie sagten, sie wollten am 27. nach Spanien reisen, und ich möchte, daß die Zeilen Sie erreichen, bevor Sie fahren. Das Komitee des PEN- Clubs ist sehr daran interessiert, daß Sie dem Club beitreten, und auf seinen Wunsch habe ich Ihnen den Vorschlag gemacht – wären Sie jetzt so nett, sich von Ihnen zum Mitglied machen zu lassen? Mir zuliebe, wenn schon aus keinem anderen Grund. Es kostet nur eine Guinee im Jahr, und sie würden sich doch so freuen....
Das also war die Gesellschaft und die Welt auf die Max Herrmann – Neiße und andere Gründer der Exil-PEN ein paar Jahre später stießen.
Der Satz „ No politics in the PEN Club under no circumstances!“, geprägt von der Gründerin des PEN und dessen erstem Präsidenten John Galsworthy, sollte sehr bald mit den Realitäten einer Welt zusammenstoßen, wie sie sich mit dem Aufkommen des stalinistischen Kommunismus, des Faschismus und des bestialischen Nationalsozialismus darstellte.
Aber schon vorher brachen in den Reihen des PEN Meinungsunterschiede darüber auf, wie man Mitglieder und potentielle Mitglieder bewerten sollte angesichts ihrer politischen Verbindungen oder auch ihrer proklamierten Haltung. Beispielhaft war die Kritik von belgischen Autoren an Gerhart Hauptmann wegen seiner Haltung im ersten Weltkrieg. Aber auch die Kontroverse zwischen Anatole France und Romain Roland, der geschrieben hatte, wenn man warten würde, bis alle Verbrechen gesühnt würden, wäre kein Stein von Europa mehr übrig bleiben. Er hatte sich wohl kritisch über chauvinistische Äußerungen Hauptmanns im ersten Weltkrieg geäußert, war aber der Meinung, dieses dürfte einer intellektuellen Kooperation nach dem Ende des Weltkrieges nicht im Wege stehen.
Die zwanziger Jahre waren noch geprägt vom Entstehen neuer PEN-Zentren in Frankreich, Belgien, Österreich, Deutschland und zahlreichen anderen Ländern. Alle noch beseelt vom Wunsch, nach den Erfahrung den des ersten Weltkrieges nun mit Hilfe von Kunst und Literatur, Freundschaft, Verständnis und Harmonie zwischen den Völkern zu fördern.
In der Charta des PEN drückt sich das aus in dem Verlangen nach gutem Einvernehmen und der gegenseitigen Achtung der Nationen. Die Mitglieder des PEN sind verpflichtet :
„...für die Bekämpfung von Rassen-, Klassen- und Völkerhass und für die Hochhaltung des Ideals einer in Frieden lebenden Menschheit mit äußerster Kraft zu wirken.“
Es dauerte nur wenige Jahre bis der PEN mit der grausamen Realität dessen, was das 20. Jahrhundert über die Menschheit brachte, konfrontiert wurde.
Wie Christa Dericum in ihrem Werk Aus der Geschichte des deutschen PEN schrieb:
Politik war unabweisbar. In Deutschland hieß das: Nationalsozialismus, Verletzung der Menschenrechte, Verfolgung von Juden, Kommunisten, Intellektuellen, Sinti und Roma, von Unangepaßten, Andersdenkenden, es hieß ` Gleichschaltung´ auch des PEN, Bücherverbrennung, Terror, Emigration, Ausbürgerung, Exil, Konzentrationslager.
Bereits im April 1933 wurde auch der deutsche PEN gleichgeschaltet. Die deutsche Presse meldete eine neue Führung im deutschen PEN, die sich „im Gleichklang der nationalen Erhebung“ einordnete.
Die Konfrontation mit den Idealen der sich zurückhaltenden Welt der englischen Klubs der Oberklasse, deren Wurzeln und Tradition aus dem neunzehnten Jahrhundert datierten, wurde unausweichlich. Wie Christa Dericum es auf den Punkt brachte: Politik war unausweichlich. Der Kontrapunkt zur Sehnsucht von Galsworthy und Amy Dawson Scott , No politics in the PEN.
Alfred Kerr, bis dahin Präsident des deutschen PEN-Zentrums, hatte gleich zu Beginn des Jahres 1933 das Land verlassen, Heinrich Mann wurde von den Nazis von seinem Posten als Präsident der Preußischen Akademie der Künste zum Rücktritt gezwungen. Die Bücherverbrennung am 10 Mai 1933 ließ keine Fragen offen.
Zwei Tage später verließen Max Herrmann-Neiße und seine Frau Leni, Deutschland, Berlin, ihre Wohnung am Kurfürstendamm. Alle Papiere, alle Manuskripte, überhaupt alles ließen sie zurück. Sie hielten es anfangs noch für eine kurze Unterbrechung ihres bisherigen Lebens. Max Herrmann - Neiße sollte Deutschland nicht wieder sehen. Über Zürich, das, wie ich annehme wegen der dort gesprochenen deutschen Sprache, sozusagen sein Lieblingsexilgewesen wäreging das Ehepaar im September des gleichen Jahres nach London.
Drei Monate später, im Dezember 1933, finden sich die Unterschriften von Max Herrmann – Neiße, von Rudolf Olden, von Lion Feuchtwanger und Ernst Toller unter einem Schreiben an den Generalsekretär des Internationalen PEN und einem Schreiben an andere Autoren im Exil, mit der Bekanntgabe der Gründung einer „autonomen Gruppe innerhalb des PEN“. Dieses Schreiben stellt, so meine ich, die Geburtsurkunde des Exil - PEN, oder wie der Name damals offiziell lautete, „Der Deutsche PEN im Exil“, dar. Bei der elften Tagung des Internationalen PEN in Ragusa war es die fulminante Rede von Ernst Toller, die deutlich machte, dass man nicht politisch abstinent bleiben konnte, wenn er an die Delegierten aus Deutschland die Frage stellte:
„ Was haben Sie getan, als die deutschen Schriftsteller Ludwig Renn, Ossietzky, Mühsam. Duncker, Wittvogel, als zehntausend deutsche Arbeiter ins Gefängnis gesperrt wurden?“ Es war eine Frage, die auch an alle anderen gestellt war: Ob es vertretbar ist, sich nicht einzumischen, nicht Partei zu ergreifen, nicht zu handeln, wenn Unrecht geschieht. Bereits die Erteilung des Rederechts an Ernst Toller in Ragusa durch den damaligen Präsidenten des Kongresses, H.G.Wells, führte zum Auszug des nunmehr nationalsozialistisch ausgerichteten deutschen PEN aus dem Saal.
Es war folgerichtig, besonders nachdem der deutsche PEN fortfuhr, gegen die Charta zu verstoßen, dass beim nächsten Kongress, dem zwölften Internationalen PEN Kongress, der Exil - PEN Club als autonomes Mitglied-Zentrum bestätigt wurde.
Man könnte die These vertreten, denke ich, dass das Schreiben vom 28. Dezember 1933 und die Gründung des Exil – PEN, unter anderem eben durch Max Herrmann Neiße, den Beginn der Politisierung und des aktiven Engagements des Internationalen PEN darstellt. Bei dieser Entwicklung hat es zahlreiche Reibereien und Konflikte gegeben – innerhalb einzelner nationaler Zentren ebenso wie zwischen den Zentren. Dennoch gab es immer wieder grundsätzlich Übereinstimmung, besonders wenn es darum ging und geht, sich für verfolgte Schriftsteller einzusetzen. Hier muss man an einen weiteren Satz aus der Rede von Ernst Toller in Ragusa 1933 denken:
„ Wer glaubt, daß neben der Gewalt auch moralische Gesetze das Leben regieren, darf nicht schweigen.“
Was folgte, war erstmals das herbe Schicksal des Exils.
Max Herrmann-Neisse hat das in den folgenden Zeilen für mich höchst eindrucksvoll festgehalten:
Ich saß Byron gegenüber
auf der Promenadenbank
Autos jagten wild vorüber,
und mein Herz war heimwehkrank.
Wenn ich das erzähle, fallen mir die armseligen Gräber von Exilanten in England, in der Schweiz, ja in Shanghai und in Australien ein. Exilanten, an deren Gräbern niemand Abschied nahm, die aber Werke hinterlassen haben, die in den Jahrzehnten seither ihren Weg in Schulbücher, Bibliotheken und Buchhandlungen gefunden haben.
Nach dem 8.Mai 1945, nach der Kapitulation der dritten Reichs, dem Ende der Herrschaft des Nationalsozialismus, sind etliche Autoren, die nach Januar 1933 in Exil gegangen, aus Deutschland vertrieben oder im letzten Moment geflohen waren, zurückgekommen. Manche, um zu bleiben, andere, um bald festzustellen dass sie sich nicht wieder heimisch fühlen konnten. Andere sind im Ausland geblieben, wieder andere konnten sich nicht mehr entscheiden – sie waren im Exil verstorben. Zu diesen gehörte auch Max Herrmann – Neiße. Es war Stefan Zweig, zum Gedächtnis Max Herrmann – Neißes etwas schrieb, was ganz wesentlich ist für dessen Einordnung:
„Von all den vielen deutschen Exilierten litt er vielleicht am schmerzhaftesten unter der Fremdheit der Sprache und der kalten Gesinnung, weil er als ´reinblütiger` Schlesier doch nicht aus Zwang den Weg ins Exil genommen….“
Max Herrmann – Neiße, das erlaube ich mir zu konstatieren, wäre trotzdem als Auszumerzender in das Raster der Nazis gefallen.
Hier kann ich nicht umhin, als mit einer Mischung von Trauer und Wut zu berichten, dass sich die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, dem Land von Max Herrmann – Neiße, Jahre lang nicht in der Lage sah, sich um die Pflege seines Grabes auf dem Friedhof Marylebone, East –Finchley, zu kümmern. Ein bürokratisch beschämender Briefwechsel belegt, dass es selbst dann Schwierigkeiten bereitete, dieser Selbstverständlichkeit nachzukommen, als sich schlesische Landsleute meldeten um die Pflege zu finanzieren.
Manche der Zurückgekehrten gehörten zu denen, die zur Neugründung des deutschen PEN entscheidend beitrugen, so wie zum Beispiel der heute kaum noch gelesene Werner Bergengruen. Er, der nach Tirol gegangen war, wurde Ansprechpartner von Wilhelm Sternfeld, dem er auf dessen Bitte hin in einem Schreiben vom 4. Oktober 1946 eine Reihe von deutschen Autoren nannte, die für eine Neugründung des deutschen PEN in Frage kommen sollten. Dazu zählte zum Beispiel Elisabeth Langgässer. Die Situation wird in dem Satz vom Bergengruen zusammengefasst, in dem er heißt:
„Von den ehemaligen deutschen Mitgliedern (des deutschen PEN) dürfte eine größere Anzahl nicht mehr am Leben sein. Andere haben sich in einer Weise kompromittiert, die ein Anknüpfen der Beziehungen für mein Gefühl unmöglich macht.“
In einem anderen Brief aus jener Zeit, ein ganzes Jahr später, im Dezember 1947, schrieb Johannes Tralow an Prof. Hermann Friedmann nach London:
„Auf der anderen Seite liegt die Sache so: In den beiden angelsächsischen Zonen kann sich die deutsche Feindschaft gegen alles Geistige und insbesondere Schöpferische auch gegen ehemalige Insassen des KZ voll austoben, wie denn überhaupt die Situation der von den Nazi Verfolgten ungemein der der ersten Christen ähnelt. Auf den Bänken des Amphitheaters sitzen interessierte Zuschauer, die es miterleben, wie die politisch Verfolgten den wieder üppig blühenden Parteigängern Hitlers zum Fraß vorgeworfen werden.“
Johannes Tralow sah die Entwicklung realistisch, allerdings nicht die Entwicklung in der damals sowjetisch besetzen Zone Deutschlands, in der, wie er meinte „der geistige Mensch jede Förderung“ erfahre. Diesen Satz schrieb er im gleichen Brief, in dem er sehr realistisch anmerkte:
Ich bin auch überzeugt, daß ich für meine Bücher in der russischen Zone kein Papier erhalten werde, dafür aber einen Genickschuß, falls die Russen jemals hierher kommen sollten.
An dieser Stelle kann ich nicht anders als daran zu erinnern, mit welcher Gehässigkeit Thomas Mann bei seiner Rückkehr begegnet wurde.
1947 also wurde der deutsche P.E.N. , und es ist mir wichtig zu betonen, mit Hilfe des Exil - PEN, neu gegründet. Er spaltete sich jedoch bereits 1951 in die Sektion der Bundesrepublik und die der DDR
Das also war die Situation in den ersten Nachkriegsjahren. Es liegt auf der Hand, dass etliche der Autoren es vorzogen, entweder überhaupt nicht nach Deutschland zurückzukehren oder aber im Exil-PEN zu bleiben. Dennoch entstand eine Situation, die heute etwas makaber anmutet. Sowohl der deutsche PEN in der Bundesrepublik als auch das PEN-Zentrum der DDR waren beide bestrebt, eine Auflösung des Exil PEN Zentrums herbeizuführen. Dieses ist nicht gelungen, allerdings hat der Exil-PEN seinen Namen geändert in PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, wobei wir heute in Klammern „vormals Exil-PEN „ schreiben, um Herkunft und Ursprung deutlich zu machen.
Die Zeit des PEN als ein Zusammenschluss von kultivierten Clubs, die von der Politik mehr oder weniger abgeschottet wären, ist längst vorbei. Die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, mit der wir eng verbunden sind, hat dem „Exil-PEN“ ein eigenes Forum aus Anlass unseres 60jährigen Bestehens ausgerichtet. Das war 1994. Der Titel dieses II. Else Lasker-Schüler-Forums lautete „Exil ohne Ende“. Hajo Jahn hat sich seinerzeit als Organisator der Jubiläumsveranstaltung in Wuppertal gewundert, dass nicht die Bundesrepublik Ausrichter dieser „Geburtstagsfeier jener Organisation ist, auf die Deutschland vor dem Hintergrund der NS-Diktatur stolz sein kann. Denn der Exil-PEN und seine Mitglieder haben die Ehre des guten Deutschland bewahrt.“
Die Arbeit des PEN und all seiner Zentren im Rahmen des Writers-in-Prison-Konzeptes ist wohl inzwischen auch das wichtigste Tätigkeitsfeld des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, wie überhaupt wohl des gesamten PEN. Gegründet wurde das Writer in Prison Committee 1960 – es existiert also inzwischen über fünfzig Jahre – vor dem Hintergrund der wachsenden politischen Verfolgung von Autoren weltweit.
Es ist wohl selbstverständlich, dass das vormalige Exil PEN-Zentrum des Max Herrmann –
Neiße ganz besonders aktiv ist in diesem Bereich.
Der letzte Fall, in dem das Zentrum aktiv engagiert war, war der Fall des deutsch-türkischen
Autors Dogan Akhanli, der bei einem Besuch in der Türkei – er wollte seinen todkranken
Vater besuchen, inhaftiert wurde auf der Grundlage eines konstruierten Vorwurfs, wie sie aus
Ländern mit fragwürdigen Rechtssystemen sattsam bekannt sind. Heute ist Dogan
Alkhanli frei, lebt wieder in Köln und ist Mitglied des PEN-Zentrums, das von Max
Herrmann-Neiße mit begründet wurde.
Der Wandel in der Struktur der Mitglieder dieses Zentrums wird an diesem Fall konkret veranschaulicht. Ich meine, heute ist diese Struktur ein Spiegel der historischen Entwicklung und Veränderungen – nicht nur in Deutschland, in den bald acht Jahrzehnten seit seiner Gründung.
Es gibt aber ein Phänomen, über das ich zum Abschluss noch gerne sprechen möchte. Es hat gewiss Krisen und Umbrüche in der Geschichte und der Entwicklung dieses PEN-Zentrums gegeben, wie sie sozusagen immer am Beginn neuer Phasen in der Geschichte des Zentrums standen.
Man muss bedenken, dass die Mitglieder des Zentrums über alle Kontinente verteilt sind.
Wenn ich heute die schreibmaschinengeschriebenen Briefe sehe, die auch Max Hermann – Neiße geschrieben hat, dann wird sinnbildlich diese entscheidende Veränderung sichtbar. Der Weg sozusagen von der Schreibmaschine zum Computer, der Schritt zur modernen Kommunikation. Dass die Effektivität zum Beispiel von Writers-in-Prison ohne E-Mail und Internet viel eingeschränkter wäre, ist sicherlich einsichtig, ebenso die Kommunikation und Organisation innerhalb des Zentrums, die Sitzungen des Vorstandes „on-line“ im „chat room“, die Mitgliederversammlungen und Debatten mit Hilfe dieses Mediums und schließlich die Publikation von literarischen Texten, die auf diese Art und Weise den anderen Mitgliedern zugeleitet werden. All das hat entscheidend dazu beigetragen, dass es das von Max Herrmann – Neiße mitbegründete PEN-Zentrum weiterhin gibt.
Erlauben Sie mir, zum Abschluss sechs Zeilen aus einem Gedicht von Carl Roessler in memoriam Max Herrmann Neiße zu zitieren, das in der legendären Zeitung „Aufbau“ in New York erschienen war:
Ein Bettler – Dichter starb im fremden Lande
Mühselig und beladen wie am Kreuz!
Bluthunde waren hinter ihm. Er floh der Heimat
Und lag in fremden Betten ohne Schlaf,
Ass Bettelsuppen von dem Mahl der Reichen,
Unsagbar arm war er – doch stolz und frei,
…..